Die Macherinnen und Macher des neuen „Kulturnetzwerks Stadtmitte“ haben mit der Podiumsdiskussion am 18. Juni in der Volkshochschule zum Thema „Zwischennutzungslösungen in der der Kulturwirtschaft“ ein wichtiges Thema aufgegriffen. Allerdings – als Zuhörer habe ich die Diskussion mit äußerst gemischten Gefühlen verfolgt.

Zunächst aber das Positive: Ausgesprochen gefreut habe ich mich über Anwesenheit des neuen stellvertretenden Bürgermeisters, Herrn Dr. Baeumle-Courth, der auf diese Weise sein Interesse am Thema Kultur demonstriert hat. Gut so!

Bedauerlich ist jedoch, dass die berechtigte und pointiert vorgetragene Kritik des – wenn ich Podium und Publikum richtig wahrgenommen habe – einzigen anwesenden hauptberuflichen Künstlers, der von seiner Hände Arbeit leben muss, in der anschließenden Berichterstattung (iGL, KSTA, BLZ) kaum oder keine Erwähnung gefunden hat. Man fragt sich natürlich, warum man Zeit und Energie aufbringen soll, an solchen Diskussionen teilzunehmen, wenn die gelieferten Impulse dann doch kein Gehör finden.

Auch habe ich mich darüber gewundert, weswegen zwar die von mir geschätzte Vorsitzende des AdK, nicht aber Vertreter des Stadtkulturverbandes, des Kulturbüros oder der wichtigen Kultureinrichtungen vor Ort waren, die aus ihrer teils jahrzehntelangen Erfahrung gewiss einiges zum Thema hätten beisteuern können. Vermutlich war deren Abwesenheit der Tatsache geschuldet, dass diese Veranstaltung extrem kurzfristig anberaumt wurde, und auch ich habe nur eher zufällig via Facebook von ihr erfahren.

Daher möchte ich mir erlauben, die aus dem Publikum heraus geäußerte, dreifache Kritik hier noch einmal in knapper Form zu wiederholen und auf diese Weise in die laufende Diskussion einzustreuen:

Warum wird das Rad zum zweiten, dritten, vierten Mal erfunden?

Alles, was auf dem Podium in epischer Breite diskutiert wurde, wurde seitens des Vorstandes des Stadtverbandes Kultur bereits vor sechs oder sieben Jahren beleuchtet und analysiert. Ich frage mich, warum die Initiatoren des sich neu formierenden Kulturnetzwerks – wozu eigentlich diese Parallelveranstaltung zum Stadtverband? – nicht bei uns, den damaligen Vorstandsmitgliedern, oder bei der Geschäftsstelle im städtischen Kulturbüro (angegliedert beim Fachbereich 4, denn ein eigenes Kulturamt können oder wollen wir uns ja nicht leisten seit über zehn Jahren) vorstellig geworden sind, um die Aufzeichnungen und Protokolle von damals einzusehen und darauf aufzubauen.

Stattdessen versucht man, das Rad ein zweites, drittes, viertes Mal zu erfinden, und wundert sich, dass man nicht von der Stelle kommt, wenn man alle paar Jahre auf’s Neue bei Adam und Eva anfängt.

Wir brauchen Verlässlichkeit – keine Zwischenlösungen

Ich störe mich massiv daran, dass wieder einmal über „Zwischennutzungslösungen“ diskutiert wird und manche Künstlerinnen und Künstler hinter solchen Provisorien her zu sein scheinen wie der Teufel hinter einer armen Seele. Sicherlich kann man hin und wieder Ausstellungen in leerstehenden Geschäftsräumen organisieren, wobei man sich bewusst sein muss, dass solche Ausstellungen natürlich immer auch als reichlich ärmlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden: Letztlich kann Kunst nur in einem gewissen Rahmen erstrahlen, und diesen Rahmen findet man in aller Regel nicht im Schaufenster eines pleite gegangenen Supermarkts.

Vor allem aber braucht Kunst – gleich jedem anderen Bereich – Verlässlichkeit, und Verlässlichkeit erzeugt man nicht durch „Zwischennutzungslösungen“. Kunst und Künstler brauchen eine Heimat. Wir sind doch keine Streuner, die man heute in diese, morgen in jene Ecken scheuchen kann! Kein ernsthafter Künstler richtet ein Atelier, ein Studio, ein Theater oder sonst etwas in einem Provisorium ein, aus dem er nach drei Jahren wieder raus muss.

Will Bergisch Gladbach eine lebendige und anspruchsvolle Kulturszene haben, muss man endlich über diese Zwischennutzungslösungen hinausdenken. Zwischennutzungslösungen mögen okay sein zusätzlich zu einer kreativen Heimat und über sie hinaus – als Ersatz aber sind sie ungeeignet.

Und: Die ständige Diskussion über Provisorien und brachliegende Gebäude ist Zeugnis mangelnder Wertschätzung der künstlerischen Arbeit gegenüber: „Hier habt Ihr unseren Leerstand, aber bitte seid pünktlich wieder raus, wenn die Abrissbirne kommt oder wir einen Mieter gefunden haben.“ Nein, so möchte niemand behandelt werden!

Besser wäre es, wenn die Geschäftswelt endlich einmal Geld für professionelle Künstlergagen in die Hand nähme, anstatt unentwegt zu versuchen, uns zu Stadtfesten oder ähnlichen Events mit Sätzen wie „Denken Sie an den Werbeeffekt für Ihre Einrichtung!“ anzulocken. In anderen Städten klappt das doch auch – ein Blick beispielsweise auf den Stadtmarketing e.V. in meiner Heimatstadt Bad Godesberg wäre sehr gewinnbringend.

Bergisch Gladbach ist größer als die Innenstadt

Wieder einmal dreht sich die Diskussion ausschließlich um den Innenstadtbereich zwischen Kunstmuseum Villa Zanders und Kulturhaus Zanders. Die teils besucherstarken Einrichtungen außerhalb dieses Bereichs bleiben außen vor. Ich kann nur dringend dazu ermahnen, diese verengte Sichtweise zu ändern und vom Weg in Richtung Zentralisierung der Kulturlandschaft Abstand zu nehmen.

Die Kultureinrichtungen in den anderen Stadtteilen haben das Recht gehört und einbezogen zu werden. Die Kultureinrichtungen in den anderen Stadtteilen haben sogar das Recht auf besondere Beachtung und Förderung, denn sie haben es von Natur aus schwerer als die Einrichtungen im Innenstadtbereich. Die Kultureinrichtungen in den anderen Stadtteilen bieten wertvolle und hilfreiche Möglichkeiten, Talente und Ideen, und es wäre töricht, wenn sich diejenigen, die sich um eine Vernetzung von Kultur, Geschäftswelt und Politik bemühen, diese Potentiale einfach beiseite kehren würden.

Wenn auch kritische, vielleicht unbequeme, das Harmoniebedürfnis einzelner Protagonisten störende Stimmen bei der Gestaltung kultureller Räume für unsere Stadt gewünscht sind, machen Künstler mit professionellem Know-How und langjähriger Erfahrung sicherlich gerne mit beim erneuten Versuch einer Vernetzung. Ansonsten muss man sich nicht wundern, wenn wir unsere Zeit lieber damit verbringen, das nächste Bild, das nächste Musikstück, die nächste Inszenierung auf den Weg zu bringen, um zum Monatanfang unsere Miete bezahlen zu können.

Gerd J. Pohl

*21.10.1970. Puppenspieler, Schauspieler, Autor, Regisseur und Rezitator. Seit 2009 Intendant des Theaters im Puppenpavillon in Bergisch Gladbach (Bensberg). Rheinisch-katholisch, Nichtraucher, Kölschtrinker.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

2 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Lieber Herr Sütterlin,

    danke für Ihre konstruktive Antwort, auf deren Grundlage wir uns beizeiten sehr gerne weiter unterhalten können.

    Beste Grüße zurück!
    Ihr Gerd J. Pohl.

  2. Lieber Herr Pohl,
    Ihre Einlassung halte ich in vielen Punkten für richtig, allerdings sehen Sie die Ausstellungen in leerstehenden Ladenlokalen aus zwei Gründen nicht für vollständig.
    1. bei diesen Aktionen lernen junge Künstlerinnen und Künstler sich mit unbekannten Räumen auseinanderzusetzen. Das haben sie bis dato nur in den seltensten Fällen gelernt, insofern danke ich allen Ladenbesitzern dafür, dass sie diese Möglichkeiten der Ausbildung den Künstlerinnen und Künstlern bereitgestellt haben.
    2. Beuys betonte seinerzeit: Wenn Ihr Künstler Kunst zeigen und die Menschen erreichen wollt, geht auf die Straßen. Genau das haben die Künstler getan und Ihre Kunst in leerstehenden Ladenlokalen ausgestellt. Auch hier haben der Einzelhandel und auch die Stadt sich als Mäzen der Kunst bewiesen.
    Wesentliche Förderung erhielten diese Aktionen durch Dr. Speer (FB4 der Stadt).
    Leider gelangte diese Aktion nicht in die Köpfe der Stadtoberen. Sie sah Bergisch Gladbach m.E. ausschließlich durch die Brille der Investoren und der Autofahrer.
    Nach meiner Ansicht waren die Verwaltungsspitze(n) in Bergisch Gladbach unfähig, die Bedeutung der Kultur für die Stadtentwicklung zu erkennen – im Gegensatz zu der Stadt Neumünster, die das Konzept von Fenex übernommen hat.
    Vermutlich liegt das daran, dass den Stadtoberen bisher ein “PackAn” fehlte. Der Kulturpark ist ein solches PackAn!
    Ein zentraler (Kultur)Park in einer Stadt – das gibt es in Deutschland fast nur in Badeorten, z.B. Baden Baden oder Wiesbaden. Bergisch Gladbach hat die einmalige Chance, einen derartigen Park als Kulturpark zu schaffen.
    Das ist der Ansatz des Kulturnetzwerkes. Die Diskussionen, wer, wann etwas zur Kulturszene beigetragen hat, ist dabei derzeit völlig Wurscht!
    Ich meine, wir müssen alle dazu beitragen, dass unsere Stadtoberen lernen, Kultur zu buchstabieren und in die Maxime ihres Handelns einzubringen. Dazu sind Phantasie und Ideen gefragt und weniger das Geld.
    Wir brauchen uns nicht vor Köln zu verstecken, wir können Köln auf vielfältige Art nutzen, (z.B. gut ausgebildete Fachkräfte für unsere Wirtschaft), wir Bergisch Gladbacher haben spezifische Fähigkeiten, die Köln schon deshalb nicht haben kann, weil Köln zu groß und unbeweglich ist.
    Ich bedauere, dass unsere Stadtoberen – so scheint es – sich vor dem großen Köln ducken und meinen, man könne sowieso nichts tun.
    Und Ihre Argumente, lieber Herr Pohl, scheinen mir in die selbe Richtung zu gehen: “Wir haben ja schon alles diskutiert und nicht ist geschehen. Es geht nichts.”
    Ich meine, dass unser Blut nicht aus Bratensoße besteht, deshalb bitte ich Sie, mitzuwirken, Bergisch Gladbachs Stadtoberen neuen Mut zu neuen Ideen vor allem durch Kultur einzublasen.
    Ihr
    Lothar Sütterlin