Völlig unbehelligt vom Verkehr tagt die Zukunftswerkstatt im Garten der Gnadenkirche

Bergisch Gladbachs Verkehrssituation ist eine Katastrophe, die nächsten Jahre bringen mit technologischen und demographischen Umwälzungen jede Menge neue Herausforderungen für die Stadtplaner. Auf diesen gemeinsamen Nenner können sich die rund 60 Teilnehmer der Zukunftswerkstatt der SPD rasch einigen. Und auch darauf, dass jetzt definiert werden muss, welche Bedürfnisse in Sachen Mobilität die Bürger haben. Um dann zu überlegen, wie diese Bedürfnisse am besten befriedigt werden können.

Eine Mammutaufgabe – aber eine Basis dafür wurde bei dem Treffen am Montag in fast dreistündiger Arbeit gelegt.

Mehr Radverkehr, mehr ÖPNV, weniger Autos

Wir dokumentieren die Debatte und die Ergebnisse im folgenden ausführlich. Soviel vorab: Nach einhelliger Meinung der Bürger, Lokalpolitiker und Experten muss Bergisch Gladbach den Öffentlichen Nahverkehr und den Radverkehr aufwerten, sich auf völlig neue Bedingungen im Autoverkehr einstellen, Lösungen für alte Menschen finden und nicht zuletzt die Bedürfnisse der Wirtschaft im Auge behalten.

Und jetzt der Reihe nach. Die Zukunftswerkstatt ist eine Erfindung von Michael Schubek, der mit dem Thema Bürgerbeteiligung als SPD-Kandidat Bürgermeister werden wollte. Damit ist er gescheitert, aber als eine Art Coach innerhalb der SPD will er im Rahmen der Zukunftswerkstatt für mehr Bürgerbeteiligung in den wichtigen Fragen sorgen. Und zwar überparteilich, am liebsten will er die Veranstaltungsreihe aus der SPD herauslösen und breiter aufstellen, kündigte Schubek am Ende des Abends an.

Michael Schubek, Gerd Seltmann, Julitta Münch, Theo Jansen

Der Bahndamm ist kein Thema (mehr)

Aber schon jetzt funktioniert die Überparteilichkeit ungewohnt gut. Bei der Veranstaltung am Montag im Innenhof und Garten der Gnadenkirche diskutierten Politiker fast aller Parteien mit Experten und einigen „normalen“ Bürgern nahezu ideologiefrei und sachlich auf hohem Niveau. Aus den Reihen der Stadtverwaltung war niemand anwesend. Moderiert wurde der Abend von Schubeck und Julitta Münch, die für einen produktiven Ablauf sorgte.

Und ob man es glaubt oder nicht: das Stichwort „Bahndamm“ viel nur zwei oder dreimal. Und auch da nur als Trasse für den Radverkehr.

Was in 30 Jahren funktionieren soll muss jetzt geplant werden

Denn das machten die Gastexperten Gerd Seltmann (Stadtentwicklung, GSE) und Theo Jansen (Mobilitätsmanager VRS) sofort klar: Verkehr ist ein Zukunftsthema, mit den Ideen der Vergangenheit sollte man sich nicht herumschlagen. Eine Straße, die in keinem Bedarfsplan stehe, werde es auch in 15 Jahren nicht geben. Was aber in 30 Jahren benötigt werde und funktionieren soll müsse schon jetzt Konsequenzen haben.

Und zwar unter Berücksichtigung globaler Trends: das Auto in seiner bekannten Form verschwindet, die Gesellschaft wird immer älter, die Wirtschaft noch mehr von Dienstleistungen geprägt sein.

Das Label „Schlafstadt“ passt nicht

Zum Vergrößern Anklicken

Zunächst galt es in einer ersten Arbeitsgruppen-Runde die Frage zu klären, welche Art von Stadt die Bürger eigentlich wünschten. Die in den Raum geworfene Frage „Schlafstadt oder lebendige Stadt“ war dann allerdings gar keine.

Alle Teilnehmer sind sich zwar bewusst, dass viele Bewohner Bergisch Gladbachs hier nur wohnen und nicht arbeiten. Sie legen aber dennoch alle großen Wert auf eine lebendige Stadt mit einer starken Wirtschaft und einem vielfältigen Konsum- und Freizeitangebot.

Offen diskutiert wurde in den Arbeitsgruppen dagegen die Frage, wie sich die Stadt und ihre Wirtschaft entwickle –  und was sich darauf für Konsquenzen ergeben. Zum Beispiel aus der Tatsache, dass zwar derzeit 22.000 Bergisch Gladbacher täglich nach Köln pendeln, aber weniger als die Hälfte der Bevölkerung überhaupt erwerbstätig ist. Und dass der Anteil der klassischen Produktion in den nächsten Jahrzehnten dramatisch schrumpft.

In Kombination mit äußeren Faktoren wie dem Klimawandel und dem technologischen Fortschritt werde das sehr schnell zu einem Bedeutungsverlust des Individualverkehrs im eigenen Auto führen – und zu einem steigenden Bedarf an Infrastruktur für alternative Mobilitätslösungen: vom zu Fuß gehen über das Carsharing bis hin zum Radfahren und dem öffentlichen Nahverkehr.

Lesen Sie mehr:
Verkehrspolitische Herausforderungen für GL, Schlade, 7.7.2013
Impulse für mehr Radverkehr, Schlade 30.9.2013 
Bergisch Gladbach wird Mitglied im Netzwerk „Verkehrssicheres NRW", 19.12.2013
Bergisch Gladbach wird Modellkommune beim Mobilitätsmanagement, pdf
Wirklich zukünftsfähige Mobilitätslösungen, Holger M., 14.3.2013
Lärmaktionsplan mit Karten der Belastungen an den Straßen, Stadt GL
Stadtentwicklungskonzept (ISEK), Stadt GL
Alle Beiräge zum Thema Verkehr
Website der Zukunftswerkstatt

Sehr schnell (und auch in der zweiten Arbeitsgruppenrunde) führte das zu einer sehr negativen Bestandsaufnahme: Bergisch Gladbach fehlt ein 2. S-Bahngleis, ein Schnellbussystem, ein funktionierendes Radwegenetz, Fahrardständer, ausreichende Möglichkeiten des Car-Sharings, und, und, und …

Vor allem fehlt auch eine intelligente Vernetzung der Verkehrsmittel: wer von Rommerscheid zur Arbeit nach Porz will, kann das per Bahn, Bus und Bahn zwar lösen, theoretisch. Praktikabel ist das aber nicht.

Öffentlicher Verkehr ist teuer, privater erst Recht

Hier muss also investiert werden. Gehirnschmalz, aber auch Geld für die Infrastruktur. Denn auch der ÖPNV ist für die Betreiber ein gewaltiges Zuschussgeschäft für die Stadt – zum Beispiel die Unterhaltung der Linie 1 bis Bensberg. Eine wiederholt geforderte Wiederaufnahme einer Straßenbahn- oder auch nur Schnellbuslinie von Thielenbruch zum S-Bahn würde viel Geld kosten.

Umgekehrt aber noch weiter große Summe in Straßen zu stecken wäre rausgeschmissenes Geld, sagt Mobilitätsmanager Jansen. Und viele Kosten, die der Autoverkehr verursacht, werde in den Haushalten gar nicht ausgewiesen, viele gesamtgesellschaftliche Kosten würden unter den Tisch gekehrt.

Und eine weitere Gruppe wird diskutiert: die Senioren und Behinderten. Da der Altersschnitt steigt müsse die Stadt Rollator-tauglich gemacht werden.

Allheilmittel Fahrrad?

Breiten Raum nimmt das Fahrrad, das von sehr vielen Teilnehmern der Zukunftswerkstatt als (Teil-)Lösung gesehen wird. Auch nach Köln zur Arbeit könne man bequem (und mit mehr Genuss) per Rad fahren. Daher müsse das Fahrrad in den Mobilitätsketten eine viel größere Rolle spielen, was über Forderungen nach Radwegen hinausgeht: derzeit kann man im Berufsverkehr sein Rad weder in Bus noch S-Bahn mitnehmen und auch nur an wenigen stellen sicher abstellen.

Die flächendeckende Einführung von Leihfahrrädern und auch bequemenen Carsharing-Angeboten sei längst überfällig.

Lesen Sie mehr:
Warum nicht mit dem Rad nach Köln, ein Erfahrungsbericht
Alle Beiträge zum Thema Radverkehr

Unter dem Strich laufen viele Vorschläge und Forderungen auf eine Umkehrung der aktuellen Verhältnisse hinaus: weniger Autos, mehr Raum für eigentlich alle anderen Verkehrslösungen. Und wenn man mehr Raum für Fußgänger, Radfahrer, Busse usw. benötige, werde das zwangsläufig zu einer Reduzierung des Tempos der Autos führen – die zum Einkaufen, für Behinderte und zum Teil auch für Pendler natürlich auch in Zukunft gebraucht werden.

Wie wird die Industrie beliefert?

Intensiv diskutiert, aber nicht gelöst, wird die Frage der Belieferung der bestehenden Industriebetriebe. Eine stärkerer Nutzung der Schienen ist angesichts der Wirtschaftsstruktur unrealistisch, die Anbindung mit unterirdischen Tunneln Zukunftsmusik.

Am Ende der Veranstaltung stand die Erkenntnis, dass es unter den Teilnehmern bei keinem Thema einen echten Streit gab, sondern breiter Konsens herrscht. Offen blieb jedoch die Frage, inwieweit der Teilnehmerkreis für Bergisch Gladbachs Bevölkerung repräsentativ ist.

Denken und arbeiten Sie mit
Nutzen Sie das Kommentarfeld unter diesem Beitrag
Formulieren Sie Ihre Thesen in einem eigenen Beitrag, hier anmelden (oder per Mail an info@in-gl.de)
Debatte zum Thema in der offenen Facebook-Gruppe „Politik in BGL"
Offenen Material- und Themensammlung zum Thema, Direktlink, s.a. ganz unten

Zum vergrößern anklicken.

Daher soll nun versucht werden, die Ergebnisse der Veranstaltung breit bekannt zu machen und das Thema in Nachfolgeveranstaltungen weiter voran zu treiben. Und zwar nicht parallel oder gar gegen die Stadtverwaltung und den Stadtrat, sondern gemeinsam. Denn mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK), dem Verkehrsentwicklungsplan und dem Flächennutzungsplan stehen auch dort Vorarbeiten und Entscheidungen an, die auf den Verkehr und die Stadt selbst großen Einfluss haben werden.

Wie und in welchem Rahmen dieser Prozess begleitet werden soll, ist noch nicht klar. Schubek appellierte an alle Parteien, sich einzubringen – und auch einen Teil der Organisations- und Finanzlast zu übernehmen.

Die nächste Zukunftswerkstatt wird sich mit einem ganz anderen Thema beschäftigen: mit der Kultur.

—————————–
Auf dem folgenden virtuellen Notizblock sammeln wir Material, Hinweise und Forderungen zum Thema. Sie können direkt hier rein schreiben. Hier kommen Sie zum Notizblock.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

3 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Der Grundgedanke des Herrn Schubek mag ehrenwert sein.
    Nur leider kann ich nichts positiv oder zukunftsweisendes im Beitrag bzw. der Werkstatt Entdecken, Herr Marx.

    Wenn man den Bericht liest drängt sich einem nämlich umgehend die Frage auf warum man angeblich einhellig gegen eine „Schlafstadt“ ist. Der Maßnahmenkatalog jedoch genau dieses Schlafstadtimage auf ewig zu Zementieren sucht?!
    Vermutlich kein Absicht. Man hat es wohl schon so fest verinnerlicht das es einem nicht mal mehr selbst auffällt. Mag überraschend sein, jedoch.
    Die Zukunft einer Gesellschaft sind nicht seine Alten.
    Die Zukunft einer Gesellschaft liegt bei der Jugend!
    Wo also in dem Beitrag ist die Rede von den Jungen besserverdienenden Kleinfamilien die die Großstadt verlassen möchten und für die man attraktiver werden muss?
    Wenn es der Stadt und seinen Einwohnern wirklich ernst ist mit dem ablegen des überalterten und Schlafstadt Images. Und man gestärkt in die Zukunft gehen will. Funktioniert das nicht über einen ÖPNV der immer mehr bezuschusst wird aus einer Kasse die bereits leer und geplündert ist.
    Es braucht bezahlbareren Wohnraum, Arbeitsplätze, einen stabilen Dienstleistungssektor, ein breit aufgestellten Einzelhandel. Dem allem steht aber in unserer Stadt ein Gewerbesteuerhebesatz von 460% im Weg.

    Den Bürginnen und Bürgern muss klar sein das Bergisch Gladbach entweder Attraktiver für Produktion, Handel, Handwerk und Gewerbe werden muss oder aber die Abgaben jedes einzelnen Einwohners und die Probleme der Stadt werden in den nächsten Jahren exorbitant steigen.
    Solang also die Zukunftswerkstatt der SPD nur ein Etikettenschwindel ist um den Status Quo Bergisch Gladbachs als Schlafstadt zu festigen. Solang ist sie unattraktiv und sollte nicht auch noch, wie von Herrn Schubek gefordert, von anderen Parteien finanziell unterstützt werden. Und das nur um sich von zwei „Experten“ den Individualverkehr Tod sagen zu lassen.
    Dass in Deutschland zur Zeit 750Tsd. Menschen in der Automobilbrange arbeiten und die deutsche Automobilindustrie 370Milliarden umsätzt sei hier nur am Rand erwähnt, verdeutlicht jedoch wie düster und falsch die obigen Experten die Zukunft sehen.
    Richtig ist das sich das Automobile verhalten von Jungen Großstädtern ändert. Nicht jedoch das des Rests der Bevölkerung.
    Wer es nicht glaubt kann ja mal versuchen einem rüstigen 70jährigen den Führerschein grundlos abzunehmen.
    Individuelle und unabhängige Fortbewegung war, ist und wird auch zukünftige ein hohes und für die Menschen erstrebenswertes Gut sein. Die Automobilindustrie wird den Herausforderungen der Zukunft mit innovativen Konzepten, elektr. Antrieb, Car-Sharing, selbstkommunizierende Fahrzeuge etc. etc. begegnen. Vorausgesetzt man gibt der Brange eine Chance und redet nicht alles in bester Deutscher Tradition ewig schlecht und kaputt.
    Wenn die obigen vermeintlichen Experten gern zu Fuß gehen, wohl an, nix dagegen. Nur nicht hingehen, falsche Zahlen zum Thema kostendeckende Infrastruktur des Individualverkehrs annehmen und dafür die vermeintliche Begründung liefern warum eine unrentable, bezuschusste, zweite S-Bahnlinie vermeintlich besser wär und Straßenbau rausgeschmissenes Geld ist.
    Die Nachfrage sollte in einer intakten Marktwirtschaft das Angebot regeln! Oder haben wir jetzt dank dem Zentralkomitee der CSPD endgültig den Sozialismus im Land?
    Der Individualverkehr hat ein jährliches Steueraufkommen von 50Milliarden €!!
    Er deckt also seine Kosten sehr wohl selbst. Ausbau und Erhalt der Infrastruktur wurden und wird vom Steuerzahler beglichen. Lediglich das Geld wird von SPD und CDU auf Bundesebene zweckentfremdet. Und dagegen hilft bekanntlich auch kein noch so gutes ÖNV-Programm einer Kommune.
    Beim Thema Ausbau des Radwegenetzes, stärkere, intelligente Verknüpfung der ÖNVM und Aufnahme des Fahrrads in die Mobilitätskette herrscht auch so bereits Parteiübergreifend Konsens im Rathaus, soweit ich informiert bin.
    Also alles nix neues oder gar Zukunftsweisendes.
    Mit liberalen Grüßen….

  2. Na geht doch. Michael Schubek, ein Quereinsteiger zeigt allen Parteien, auch seiner eigenen, dass mehr Bürgerbeteiligung mehr als ein Wahlkampf-Thema ist. Wenn alle, Besser. Gemeinsam. ernst nehmen, dann kann man auch gemeinsame Lösungen finden.