„Den Charakter einer Frau erkennt man an ihrem Gesicht oder an ihrem Busen.“

War das sprachlich und inhaltlich richtig?

Über diesen Satz hatte Kürten so manches Mal mit seinem Freund Dieter gestritten, der es liebte, zugespitzte Formulierungen zu benutzen, vor allem, wenn er vorher getrunken hatte. Als wenn man Frauen auf Gesicht und Busen reduzieren könnte!

Heute hatte sich Kürten im Buchladen wieder von der jungen Verkäuferin mit dem frechen Gesicht beraten lassen. Das Gesicht war das genaue Gegenteil zu der beratenden Fürsorge, mit der sie ihn immer bediente.

Also was redete sein Freund Dieter da!

Dieses Mal musste Kürten anstehen, bis er drankam. Der Laden brummte im Weihnachtsgeschäft. Die Frechgesichtige empfahl ihm ein Buch, welches die Jugendjury für den Jugendbuchpreis ausgesucht hatte. Das musste genau das Richtige für seine sechzehnjährige Enkelin sein. Damit die nicht immer nur Fantasy las.

Langsam wurde es doch Zeit, dass sie auch einmal zu einer anderen Art von Literatur fand. Schließlich hatte er selber schon im Alter von vierzehn Jahren mit der Lektüre von Edgar Allan Poe angefangen. Und für die vierzehnjährige Schwester empfahl die versierte Verkäuferin einen Spiegel-Bestseller, in dem E-Mail-Missbrauch eine Rolle spielte. Also hochaktuell. Und auch das ein Schritt aus der unverbindlichen Fantasy-Welt heraus.

Nach dem Bezahlen an der Kasse musste er nach dort drüben neben der Rolltreppe. Dort würde man ihm die Bücher als Geschenk einpacken. Wegen des großen Andrangs vor den Feiertagen hatte man hier einen Extra-Tisch eingerichtet, nur zum Verpacken.

Manchmal standen dort Studentinnen, die sich mit dieser Tätigkeit etwas Geld verdienten. Heute war es eine gestandene Frau in Rock und cremefarbener Bluse, die die Bücher in Empfang nahm, welche man ihr reichte. Auch hier eine Schlange von vier oder mehr Personen, mehr oder weniger geduldig wartend.

Hinter Kürten stand die Frau mit den rotgefärbten Haaren, die ihm vorher schon aufgefallen war.

„Warum gibt es keine Abteilung für Frauenbücher?“ hatte sie mit spitzer Stimme zu dem schwarz gekleideten Verkäufer mit dem Piercing im Ohr gesagt, der zunehmend nervös auf ihre Wünsche reagierte.

„Aber ich kann Ihnen doch sagen, wo sich die Literatur befindet, die Sie suchen.“

„Sie sind vielleicht witzig. Dann muss ich Sie immer wieder neu fragen. Ich möchte mich gerne selber informieren.“

Dieses Mal antwortete der Verkäufer lieber nicht.

Kürten zeigte nun der stämmig-gestandenen Frau hinter dem Tischchen den Kassenzettel. Sie nickte, lächelte und nahm die beiden Bücher in Empfang. Ein fülliges breites Gesicht. Der locker wogende Busen zog Kürtens Aufmerksamkeit so auf sich, dass er zuerst das kleine Namensschild neben dem Ausschnitt übersah. „Matka“, kam ihm in den Sinn. Eine russische Matka. Auf jeden Fall etwas Östliches. Vielleicht auch Rumänien oder Bulgarien. Spricht wahrscheinlich gar kein Deutsch.

Dann sah er das Schildchen. Er musste sich leicht vorbeugen, um die Buchstaben lesen zu können. Sütcü.

„Ist das ein türkischer Name? Den habe ich ja noch nie gehört oder gelesen.“

Er musste gleich andeuten, dass er sich mit dem Türkischem ein wenig auskannte. Um seine Frage nicht als Anmache oder Ausländerfeindlichkeit erscheinen zu lassen.

Im Sommer hatte er wieder einmal eine Reise in die Türkei unternommen. Mittlerweile waren seine Türkisch-Kenntnisse für einen Deutschen erstaunlich weit fortgeschritten. Wegen seiner Schirmmütze und seines Namens wurde er manchmal in Hotels sogar schon für einen Türken gehalten. Wenigstens für einen Moment. Das kam daher, dass er so Sätze wie „Haben Sie ein Zimmer frei?“ oder „Eine Flasche Wasser bitte!“ oder „Die Rechnung für Zimmer vier bitte!“ geläufig und fast akzentfrei von sich geben konnte. Sein Name wurde dabei oft wie Kür-Tän ausgesprochen, beides Wörter, die es im Türkischen tatsächlich gab. Kür für Heilen und Ten für Haut. Würde er vielleicht als Hautarzt verstanden?

Und seine Ansprache funktionierte auch hier wieder. Freundlich und breit lächelnd antwortete die Frau, während sie das erste Buch in blaurotes Weihnachtspapier einschlug und die umgeschlagenen Ränder mit Tesafilm festklebte:

„Der Name bedeutet Milchmann.“

„Ach, dann heißt süt sicher Milch.“

„Genau.“

„Und heißt dann Wassermann sucü?“ fragte er eifrig.

„Ja, das stimmt. Sucu.“ Die Kleinigkeit der nun fehlenden zwei Pünktchen unterschlug sie. Ihm zuliebe.

Sie war glücklich, jemanden getroffen zu haben, der sich für sie und ihre Sprache interessierte.

Und Kürten freute sich, seine Kenntnisse anbringen zu können. Er wollte noch eins drauflegen.

„Und Bäcker ist dann sicher Ekmekcü?“

„Nein, Bäcker heißt Firinci.“

Dieses Mal hatte es nicht geklappt. Egal!

„Auf jeden Fall heißt Sütcü Milchmann?“ wiederholte er.

„Ja, Milchmann.“

Sie brachte nun auf beiden Büchern die obligate rotgoldene Schleife an.

Die Rothaarige hinter Kürten, die ihn schon mehrmals mit ihrer Tasche angestoßen hatte, meinte:

„Besser wäre Milchfrau gewesen.“

Ihr Tonfall war kalt. Entweder weil sie ungeduldig wurde, oder weil hier gegen eine Art politische Korrektheit verstoßen worden war. Oder warum auch sonst.

Frau Sütcüs freundliches Gesicht erstarrte. Und verlor ein wenig von seiner rosigen Farbe.

Kürten nahm die beiden Bücher und steckte sie in seinen Einkaufsbeutel.

Als er sich umdrehte, blickte er in das strenge Gesicht der Rothaarigen. Dann fiel ihm ihre flache Brust auf. Eigentlich war sie gar nicht vorhanden.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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2 Kommentare

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  1. Ernsthaft???

    Man müsste das hier wohl ein schmieriges Altmänner-Traktat nennen, wenn das nicht sowieso offensichtlich wäre.

    Peinlich und widerlich ist der Text also ohnehin. Aber was hat er auf in-gl.de überhaupt zu suchen? Darf hier jeder seine Ergüsse absondern, der Bergisch Gladbach als Wohnort im Personalausweis stehen hat? Egal, ob sie mit Gladbach zu tun haben oder nicht?

  2. Ähm. Das ist nicht korrekt getaggt: mit Literatur hat das gar nichts zu tun. Richtig wären die Tags: misogyn / peinlich.