Die Zaynab-Moschee in Damaskus, die Heimat von Adel. Foto: Odilia/Wikimedia

Adel aus Damaskus kennen Sie schon ein wenig, er hatte beim ersten Interview dieser Reihe mit Ahlam aus Palästina übersetzt. Wir haben die ganze Zeit zu dritt miteinander geredet, und Adel hatte auf Arabisch ausgeholfen, wenn Ahlam etwas nicht verstand oder nicht so gut auf Englisch ausdrücken konnte.

Adel hat in Damaskus als Rechtsanwalt gearbeitet. Sein Haus wurde im Bürgerkrieg von Bomben zerstört. So kamen wir im Gespräch schnell auf seine Odyssee nach Deutschland.

„Für eine Einreise in Deutschland hätte ich kein Visum erhalten. Nach Karthoum im Sudan kann man als Syrer ohne Visum fliegen“, begann Adel. Dann nahm er eine Zigarette aus der Schachtel, um sich eine anzustecken. Er steckte sie aber gleich zurück mit einem Hinweis auf das Baby im Raum, lachte und meinte: „Ach, die kann ich nachher draußen rauchen.“

Die libysche Wüste. Foto: Victor Kornijenko/Wikimedia

Sechs Tage lang fuhren sie dann mit dem Auto vom Sudan aus durch die Wüste bis nach Zuware bei Tripolis in Libyen. Aus Adels Augen leuchtete ein Stück Abenteuerlust, als er von diesem Abschnitt seiner Flucht erzählte, anders als bei der folgenden Etappe. Ein Sudaner aus Khartoum führte ihn und zwanzig weitere Personen.

Adel zahlte insgesamt mehr als 6000 Dollar, für die ganze Flucht. Die zahlte er nicht im Voraus, sondern nach und nach auf den einzelnen Abschnitten seiner Odyssee.

14 Stunden auf dem Mittelmeer

Die nächste Etappe bestand in der Überquerung des Mittelmeers von Libyen nach Sizilien. „Die Fahrt auf diesem Boot, zusamen mit 400 weiteren Flüchtlingen, war sehr gefährlich. Das Boot war schlecht und aus Holz. Auf hoher See sank es fast, weil Wasser eindrang.“

Nach vierzehn Stunden wurden sie von einem italienischen Kontrollschiff gerettet. Adel weiß nicht, wo genau, vielleicht 100 km von Libyen entfernt.

Rettung von Flüchtlingen aus Seenot. Foto: IDF/Wikimedia

Das italienische Schiff brachte sie dann in etwa 18 Stunden nach Catania. Dort wurden sie in ein Lager gebracht, wo Adel sich einige Tage aufhielt. Sie wurden nach Nationalitäten getrennt. Er fuhr nach Rom und von dort nach Mailand. Von Mailand fuhr er weiter in einem Auto nach Deutschland.

„Vielleicht über Österreich. Das weiß ich nicht genau, weil es Nacht war.“

München – Dortmund – Duisburg – Bergisch Gladbach

Wahrscheinlich kam er dann in München an. Von dort ging es mit der Bahn nach Dortmund. Bis dahin hatte es keine Polizeikontrolle gegeben. Die fand nun in Dortmund statt, wo er zuerst zu einem Lager nach Duisburg geschickt wurde, dann nach Bergisch Gladbach.

Hier wird das Gespräch von Ahlam unterbrochen, die diese vielen Stationen, die sie in Deutschland durchlaufen müssen, halb amüsiert, halb genervt, kommentiert.

Die ganze „Reise“ Adels, von Damaskus bis Bergisch Gladbach, hatte nun insgesamt ungefähr einen Monat in Anspruch genommen.

Adel wollte nach Deutschland, weil er viele Freunde hatte, die in Köln oder auch anderswo studierten. Sie hatten ihm gesagt, dass er hier studieren könne. Ein Bruder lebte mittlerweile in Schweden. Dort wollte er aber nicht hin.
„Hier ist es wärmer“, lachte er.

Obwohl er den Winter mehr mag als zu große Hitze. Nur nicht das neblig-düstere Wetter, welches an diesem Tag des Interviews herrschte.

Haus und Büro von Bomben zerstört

Der dreißigjährige Syrer arbeitete seit vier Jahren in Damaskus als Rechtsanwalt. Er liebte seine Arbeit. Aber jetzt ist die ganze Stadt zerstört. Sein Haus und sein Büro von Bomben zerstört. Sie verloren alles.

Seine Eltern blieben in Syrien, aber wo sie leben, ist auch keine sichere Zone. Jede Woche gibt es Straßensperren und Ausgangssperren.

Nach Bombenanschlägen zerstörte Häuser in Syrien. Foto: Wikimedia

Es gab Kämpfe zwischen der Armee und den Revolutionstruppen, und als die Revolutionäre in unsere Gegend kamen, bombardierte Assad das ganze Gebiet, mit Tausenden von Raketen. Manche Verwandte und Freunde ließen ihr Leben, nicht nur an diesen Tagen, wo ihr Haus getroffen wurde, sondern während der ganzen Zeit. Am Tag nach diesem Bombenangriff durften sie ihr Haus nicht verlassen.

Auf die Frage, wie man international und auch von der deutschen Politik aus gegen den IS vorgehen müsse, meint Adel, zuerst müsse Assad weg. Das sei der erste nötige Schritt. Bei Bombardierungen durch ausländische Mächte bestehe immer die Gefahr, dass auch die Zivilbevölkerung getroffen werde.

Adel hat einen Bruder und eine Schwester in Syrien. Der Bruder studiert Journalismus. Der Bruder in Schweden studiert Sprachen.

Damaskus war groß, Berlin ist klein

Adel bezeichnet Damaskus als die älteste Hauptstadt der Welt. Es gebe viele alte Baudenkmäler zu bewundern. Außerhalb gibt es große industrielle Ansiedlungen. Man spricht von sieben Millionen Einwohnern. Bei etwa 25 Millionen Bevölkerung in ganz Syrien. Die meisten Arbeitsplätze finden sich in Damaskus und in Aleppo.

Ahlam, die unserem Gespräch zuhört, ist etwas erstaunt, dass Berlin nicht einmal vier Millionen Einwohner hat.
„Wenn Frau Merkel allen Syrern erlaubt zu kommen, dann wird Berlin auch bald sieben Millionen Einwohner haben“, lacht sie.

Adel hatte gerne in Syrien gelebt, bis zum Bürgerkrieg. Aber heute findet er es dort nicht mehr lebenswert. Selbst wenn man in einer sicheren Zone lebt, trifft man allenthalben auf Militärkontrollen auf den Straßen von Damaskus. Man muss mit Razzien rechnen, und vor allem Männer zwischen 18 und 40 sind gefährdet.

Ein Kontrollposten in Damaskus. Foto: Elizabeth Arrott/Wikimedia

Assad war für ihn nie eine gute Führungspersönlichkeit. Er übernahm die Macht von seinem Vater, und eigentlich ist er ein Diktator. Freie politische Meinungsäußerungen waren unter Assad nie erlaubt.

Religion spielt für Adel keine sehr große Rolle. Er betet nicht. Auch in Syrien besuchte er nicht oft die Moschee.

Für das Interview wollen leider beide kein Foto, was ich verstehen kann. „It’s better without foto“, meint Adel.

Ich kann ja froh sein und bin ihnen dankbar, dass sie so offen über ihr Schicksal berichteten. Ihre Bereitschaft, ihr Humor und ihre Wendigkeit bei Sprach- und Verständnisschwierigkeiten während des Interviews werden meine Erinnerung lange begleiten, ebenso Ahlams Gastfreundschaft und die Babylaute des niedlichen kleinen Mustafa.

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Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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1 Kommentar

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  1. Ohne Grund verläßt sicher niemand seine Heimat. Vor allem junge Menschen haben
    ohne eine einigermaßen gute Schulbildung schlechte Chancen in vielen Ländern, auch
    in Deutschland, für ihre Zukunft. Wie soll Deutschland dieses Problem auch noch
    mit den meist jungen Flüchtlingen bewältigen. Zusätzlich wird, wo es geht, automatisiert.
    Einfache Arbeitsplätze fallen weg.
    Das Flüchtlingsproblem wird sich noch ganz von alleine zuspitzen und eine gute und
    schnelle Lösung ist von unseren Politikern und dem Beamtenapparat nicht zu erwarten.
    Darunter haben dann wieder die Anständigen und Integrierbaren zu leiden.