Khalil, Ahmet, Amar, Hussein, Husam

Freundlicherweise waren die fünf Syrer zu einem Foto bereit. Vier von ihnen wohnen in dem Flüchtlingsheim in der Jakobstraße. Es war nicht ganz leicht, den Eingang zu finden, durch ein schmales Törchen hindurch auf das höherliegende Gebäude zu, dann zur ersten Etage, wo sich eine Tür in eine Wohnung öffnete, mit etlichen Zimmertüren.

Sie warteten schon in dem Zimmer mit dem Sofa und dem niedrigen Tisch auf mich. Im hinteren Teil des Zimmers standen zwei Stockbetten wie in einer Jugendherberge oder im Kinderzimmer einer kinderreichen Familie. Sie begrüßten mich freundlich, beinahe fröhlich:

Ahmet und Hussein

Der schon etwa ältere Khalid, von dem die anderen gesagt hatten, dass er im Norden von Syrien viel Land mit Olivenbäumen besitze, der immer freundlich lächelnde Ahmet, den Hussein auf der Flucht kennengelernt hatte, der etwas schmerbäuchige …., der sich als Fliesenleger vorstellte und gleichzeitig lachend seine Kochkünste anpries, dann Hussein selber, mit dem ich das Interview an diesem Tag durchführen wollte, und rechts neben ihm Husam, der extra aus Moitzfeld gekommen war, um beim Übersetzen zu helfen.

Husam hatte in Syrien einen Laden, in dem er Zubehör für Solaranlagen verkaufte. Außerdem arbeitete er als Schauspieler in einer Fernsehserie.

Hussein ist 31. Ich hatte ihn auf einer Bank in der Rhein-Berg-Galerie kennengelernt, als er neben einer jungen Ärztin aus Aserbaidschan und ihrer Mutter saß. Es war nicht zu verkennen, dass sich die beiden jungen Leute gut verstanden. Sie unterhielten sich auf Türkisch. „Mein Großvater wurde in der Türkei geboren“, erklärte mir Hussein damals.

Heute schien er mir ernster als sonst. Er schien mir auch weniger Englisch als zuvor zu sprechen. Vielleicht war er aufgeregt wegen des Interviews. Auf dem Tisch lagen mein Diktaphon und die Zettel, auf denen ich mir ab und an ein paar Notizen machte. Während des Interviews war ein reges Kommen und Gehen, die anderen Bewohner der Wohnung gingen ein und aus. Zuerst übersetzte hauptsächlich der Grafik-Designer aus Damaskus, den ich schon vor einer Woche kennengelernt hatte, später Husam aus dem Flüchtlingsheim in Moitzfeld.

Ein „Eisenmann” aus Aleppo

Hussein hatte zuerst in Aleppo als „Ironman“ gearbeitet. Da war er sozusagen selbstständig. Er konnte seine Arbeitszeiten selber bestimmen. Als „Eisenmann“ wurde er zu allen möglichen Arbeiten gerufen, die mit Eisen zu tun hatten. Eisen miteinander verbinden, oder Eisen mit Kunststoff. War er Schweißer? Oder Schlosser? Ich bekam es nicht richtig heraus.

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In diesem Beruf war er tätig, seitdem er mit 12 Jahren die Schule verließ. Er verdiente damals besser als in seinem späteren Beruf. Mit 25 wechselte er nämlich in eine Schuhfabrik, in der er 10 Stunden am Tag arbeitete. Seine Zukunft erschien ihm dort vielleicht sicherer. Außerdem hatten sich die Preise für Eisen zu seinen Ungunsten geändert. „Hatte er vielleicht mit Schrott gehandelt?“ fragte ich mich.

Nachdem die Häuser seiner Verwandtschaft in Aleppo zerstört waren, es waren wohl drei, zog ein Teil seiner Verwandtschaft in die Türkei, ein anderer Teil aufs Land. Seine Eltern blieben in Syrien.

Der erhoffte sichere Hafen: Deutschland

In der Türkei war es nicht so, dass sie dort nicht arbeiten konnten, wie man hier in Deutschland oft hört. Es handelte sich zwar um Schwarzarbeit, aber diese wurde von den türkischen Behörden geduldet.

Dann begann Hussein seine Odyssee nach Deutschland. Ein anderes Land wäre für ihn nicht in Frage gekommen, weil dort die Chancen, aufgenommen zu werden, gering oder gleich null waren. Seine Geschwister blieben in der Türkei, weil sie alle Familie mit Kindern hatten. Für die wäre die Flucht zu schwierig und gefährlich gewesen.

Kurze Überfahrt, dramatisches Ende

„Zusammen mit 43 anderen Personen, darunter auch Kinder, machte ich mich in einem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland auf den Weg. Die Fahrt dauerte nicht ganz zwei Stunden, genau eine Stunde und fünfzig Minuten.“

An dieser Stelle griff Husam, der Übersetzer, ein und zeigte mir auf seinem Smartphone ein Video, auf dem griechische Polizisten auf ein Flüchtlngsboot mit einer Art Lanze einstachen. Später fand ich das Video zu Hause im Internet. Es handelte sich um einen Vorfall, der in der Presse viel Aufsehen erregte. Gefilmt wurden die Szenen von türkischen Fischern. Griechische Stellen bestritten die Echtheit des Videos.
„Und so etwas hat Hussein auch erlebt“, meinte Husam.

Bahnhof in Mazedonien

Hussein berichtete weiter: „Wir kamen vor der Insel Samos an. Griechische Polizisten stachen mit spitzen Stangen auf das Boot ein, so dass es sank. Wir konnten uns nur schwimmend retten. Es konnten sich aber alle retten, auch die Kinder, die dabei waren. Vom Strand aus liefen wir 10 Stunden bis zur Hauptstadt der Insel. Dort blieben wir eine Woche, während der wir auch ein Papier von den griechischen Behörden erhielten. Dieses Papier erlaubte uns, uns in Griechenland zu bewegen.“

Mazedonien, Serbien, Ungarn

Mit dem Schiff ging es dann nach Athen. Auch dort blieben sie eine Woche. Dann fuhren sie mit dem Bus nach Saloniki. In vier Stunden gelangten sie von dort nach Mazedonien. Hussein hatte mittlerweile seinen sonst immer lächelnd gelösten Gesichtsausdruck verloren. Er wurde immer ernster und antwortete oft nur wortkarg auf meine Fragen, die ihm Husam übersetzte.

Hussein in Serbien

„Dort blieben wir drei Tage, bekamen wieder eine Bescheinigung, übernachteten auf der Straße. Als wir von dort nach Serbien wollten, schickte uns die Polizei zurück. Wir versuchten, durch einen Wald die Grenze zu überqueren. Gottseidank trafen wir ein paar nette Serben, die uns halfen. Vier Tage blieben wir bei denen.“

Hussein zeigte mir auf seinem Smartphone ein Foto von den Kindern dieser Familie. Er wollte aber nicht, dass das veröffentlich wird.

„Die Polizei brachte uns anschließend in ein Camp und gab uns ein Papier, mit dem wir versuchten, nach Ungarn zu gelangen.“

Es folgten Übernachtungen auf abgeernteten Kornfeldern oder im Wald. Viele Menschen waren unterwegs.

Die Polizei schickte sie zuerst zurück nach Serbien, sie schossen sogar hinter ihnen her. Wieder versuchten sie den illegalen Grenzübertritt. Die Polizei schnappte sie, brachte sie zur Wache, dann in ein Gefängnis in der Nähe von Rumänien. Etliche Tage mussten sie hier ohne Essen und Trinken verbringen.

Hussein wurde mit den 55 anderen Leuten von der Polizei gefangengehalten und beschimpft. Die 55 waren meinst Syrer, aber auch einige Iraker. Hier wollte man Fingerabdrucke von ihnen nehmen, was wohl heißen sollte, dass sie dann als Immigranten in Ungarn bleiben sollten. Das wollten sie aber nicht. Sie wollten ja nach Deutschland. Hussein meinte, mit den Fingerabdrücken würde die ungarische Regierung dann Geld von der UN fordern.

Flüchtlinge in Mazedonien

Burghausen, München, Dortmund, Willich, Bergisch Gladbach

„Ich konnte dann mit dem Zug nach Budapest fahren. Dort fanden wir einen Schlepper, vielleicht einen Albaner, der uns für 400 Euro pro Person mit dem Auto nach Deutschland fahren wollte. In der Nähe der Grenze von Österreich nach Deutschland gelangten wir zu einer großen Raffinierie. Dort wurden wir abgesetzt. Nach vier Stunden Fußmarsch erreichten wir den Bahnhof von Burghausen.“

Hussein zeigt mir die Fahrkarten von Burghausen nach Mühldorf, von dort nach München. Von dort fuhr er nach Dortmund, um sich registrieren zu lassen.

In Dortmund musste er seinen syrischen Pass bei der Behörde abgeben. Er erhielt eine Bescheinigung, auf der auch seine Passnummer steht. Hussein zeigte sie mir. Von Dortmund musste er nach Willich, von Willich nach Bergisch Gladbach, wo er jetzt in der Jakobstraße wohnt.

Seinen nächsten Termin bei der Ausländerbehörde hat er Anfang Januar. Merkwürdigerweise hatte er dort eine „Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender“ bekommen, auf der vermerkt war, dass seine „Personalien und“ seine „Staatsangehörigkeit nicht nachgewiesen“ seien „und auf eigenen Angaben beruhen!“. Waren seine Daten einschließlich Pass oder Pass-Nr. von Dortmund nicht weitergegeben worden? Oder hatte er es versäumt, sich nach der Polizei in Dortmund bei der Erstaufnahmestelle zu melden?

Beschwerliches Asylverfahren

Wenn ich Hussein auf die junge Ärztin aus Aserbaidschan anspreche, erscheint in seinem Gesicht immer eine Mischung aus Verlegenheit und Glück, so dass sich meine Meinung verfestigt, dass er sich in die junge Flüchtlingsfrau aus einem ganz anderen Land verliebt hat. Nun wartet er voller Bangen auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Seine vier Brüder und seine Schwester sind weiter mit ihren Familien in der Türkei.

Die anderen Syrer, die während des Interviews anwesend waren, betonten noch einmal, dass die bürokratische lange Dauer des Antragswesens sie ungeduldig mache. Sie verstehen die unterschiedlich lange Dauer der Bearbeitung ihrer Anträge nicht. Sie kommt ihnen willkürlich vor: „Wir wollen kein Geld. Wir wollen nur sobald wie möglich arbeiten. Und Syrer sind es gewohnt, viel und hart zu arbeiten. Schreiben Sie das bitte auch in Ihrem Bericht! Wir wollen auch möglichst schnell Deutsch lernen.“

Sie waren sehr dankbar für die beiden Exemplare einer deutschen Kurzgrammatik, die ich ihnen mitgebracht hatte. Sie lernten in der Volkshochschule Deutsch und zusätzlich in der Benedikt-Schule. Und alle möchten mehr Kontakt zu Deutschen. „Damit wir das ganz normale Deutsch kennenlernen.“

Mit Khalil bin ich zum nächsten Interview verabredet.

In Khalils Zimmer

Hinweis der Redaktion: Alle Männer auf den Fotos aus der Unterkunft sind mit der Veröffentlichung der Fotos ausdrücklich einverstanden. Die Fotos von der Flucht stammen von Hussein.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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