Platzbedarf für einen Anschluss -- Wohin mit der Straße?

Den Platzbedarf für einen Anschluss erkennt man links. Und wohin mit der Straße?

Alle Jahre entdecken alte wie neue Initiativen und/oder Parteien den wunderbaren, alle Probleme lösenden Autobahnzubringer über den Bahndamm und einen weiteren Autobahnanschluss. So wie in jedem Jahr selbst nüchterne Besucher im Loch Ness das legendäre Ungeheuer gesehen haben wollen. Und dann war’s doch wieder nix.

Hintergrund:
Gemeinsame Petition für die Bahndammtrasse
Alle Beiträge zum Thema Bahndamm finden Sie hier
Debatte in der Facebook-Gruppe „Politik in BGL”

Es gibt sieben Gründe, warum die Initiativen sich von ihrer Lebenslüge „über den Bahndamm zum Autobahnanschluss“ trennen sollten:

1. Problem: Zeitdauer

Selbst wenn noch in dieser Legislaturperiode der Autobahnzubringer in den Landesbedarfsplan mit Priorität aufgenommen werden würde – es würde bis zum Abschluss der Planungen mindestens fünf Jahre dauern, wahrscheinlich länger. Bleiben wir bei fünf Jahren, also bis 2021. Bis dahin passiert nichts. Verkehr wie gehabt wahrscheinlich sogar wachsend.

2. Problem: Einsprüche der Bürgerinnen und Bürger

Wenn die betroffenen Bürger, Unternehmen und Institutionen entlang des Bahndamms und zwischen der auszubauenden Kölner Straße und der Brüderstraße neben der Autobahn die tatsächliche Bedeutung und Auswirkungen der immer schön vage formulierten wachsenden Verkehrsbelastung und des Platzbedarfs erkennen, dürften die dann zu erwartenden Einsprüche bis zu ihrer gerichtlichen Klärung weitere fünf Jahre in Anspruch nehmen. Also bis 2026. Keine Änderung der jetzigen Situation.

Es wird Zeit, die Auswirkungen der Planung ganzheitlich in allen Facetten darzustellen, zum Beispiel den tatsächlichen Flächenbedarf für die geplante Straße und den Autobahnanschluss, maßstabsgerecht in ein Luftfoto oder eine Karte einzuzeichnen. Angst vor den Protesten?

3. Problem: Bauzeit

Sollten dennoch bis 2026 alle Bedenken niedergekämpft sein, die direkt Betroffenen umgesiedelt, die Bundesanstalt für Straßenwesen und die Bundesautobahnpolizei woanders (wo?) eine neue Bleibe gefunden haben, dann kommt die Bauphase.

Bei guter Bauplanung und gutem Ablauf (aber wer glaubt denn heute noch an so was?) und ohne, dass interessante Ablagerungen aus frühen Zanderstagen am Bahndamm gefunden werden, vergehen sicher weitere fünf Jahre bis zur Fertigstellung. Schon sind wir bei 2031. Wenn alles ‚gut’ geht. Bis dahin hat sich an der Verkehrssituation nichts geändert.

4. Problem: Unzeitgemäße Lösung

Das wichtigste Argument: Wir können die Aufgaben der Zukunft nicht mit den Methoden der Vergangenheit lösen. Wachsenden Verkehr und die Folgen durch noch mehr Straßen (oder Autobahnzubringer) lösen zu wollen, ist eine ziemlich abgestandene Lösung. Die meisten Bürgerinnen und Bürger haben erkannt, dass die fortschreitende Versiegelung der Landschaft kein Problem löst. Emissionen (Lärm und Abgase) werden nur verlagert, Landschaft verbraucht.

Neue Straßen ziehen Verkehr an, das lehrt die Erfahrung. Einem Stau wird so nicht vorgebeugt. Unseren Kindern und Enkelkindern sind wir es schuldig, ihnen eine bessere Umwelt, nicht eine schlechtere zu hinterlassen. Sie werden es uns danken. Und wer Bergisch Gladbach für seine schützens- und liebenswerte Heimat hält, sollte auch als Politiker und Unternehmer für neue Gedanken offen sein.

5. Problem: Neues Denken fördern

Der neue Gedanke für die Köpfe der unverdrossenen Nessie-Anhänger: Der Verkehr muss sich ändern. Statt weiter selbstgemachten, wachsenden Schwerlast- und Lieferverkehr zu fördern, könnte ein Frachthof an der Autobahn mit Anlieferung der meisten Produktionsgüter aus den und in die Gewerbegebiete in kleineren Einheiten (Paletten) über ein – eingehaustes – Transportsystem wie in Autofabriken – für eine kreative, zukunftweisende Abhilfe sorgen. Unterstützt eventuell durch kleinere Lieferfahrzeuge. Fantasie ist gefragt.

Wie auch für einen Autobahnanschluss müsste allerdings ein kleiner Teil des Königsforstes geopfert werden. Zum Wohle aller. Das Bahndammgelände müsste nicht verbreitert, keine Landschaft, kein Grundstück überbaut werden. Die Emissionen würden stark zurückgehen. Dem könnten wahrscheinlich auch Umweltschützer zustimmen.

Gleichzeitig müssen endlich bessere Angebote für Radfahrer (Radwege!) und für Benutzer der S-Bahn (2. Gleis!) geschaffen werden, um Anreize zum Verzicht auf Fahrten mit dem Auto zu schaffen.

6. Problem: Offensein für innovative Lösungen

Verteil-Systeme dieser Art sind in großem Maßstab über viele Jahre erprobt und bewährt, denn Autohersteller können sich keine technischen Ausfälle leisten.

In der Uni Bochum und in der Schweiz sind – unterirdische –Modelle zur Verminderung des Last- und Güterverkehrs zur technischen Reife entwickelt worden. Angenommen, unsere Stadt würde eine solche innovative Methode etwas abgeändert (eingehaust auf dem Bahndamm) einführen wollen, könnte es vielleicht sogar Fördermittel von der EU geben. Und Gladbach wäre in aller Munde als intelligenter Vorreiter.

7. Problem: Visionen zulassen

Ich wünsche mir, dass die Befürworter alter Lösungsmodelle in der Jetztzeit, wenn nicht sogar in der Zukunft ankommen. Und dass sie erproben, Visionen zuzulassen. Denn wir können in dieser Frage nur von der Zukunft her die Gegenwart denken.

Bedenkenträger, die jetzt mit dem Hinweis kommen, Helmut Schmidt selbst habe gesagt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, dokumentieren, dass sie nicht auf der Höhe der Zeit argumentieren. Denn Helmut Schmidt hat sein Zitat aus den 80er-Jahren 2010 im Gespräch mit dem Chefredakteur der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, relativiert: „Eine patzige Antwort auf eine dumme Frage.“

Nachtrag

Soll hier für Investoren die Möglichkeit geschaffen werden, privates Geld zu investieren, um mit überholten Konzepten Geld zu verdienen? Zum Beispiel über eine Maut?

Investoren handeln nicht aus Altruismus. Und sie sind kaum daran interessiert – getrieben aus purer Verantwortung fürs Ganze, eine neue Straße behutsam, umweltschonend und nachhaltig zu bauen. Kaum gut für Anwohner, Unternehmen im Gewerbegebiet an der Kölner Straße, kaum gut für die BASt und die Autobahnpolizei.

Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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7 Kommentare

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  1. Trau keiner Statistik die du nicht selber gefälschst hast.
    Was bei den bisherigen Schätzungen zu den Baukosten zugrundegelegt wurde basiert auf schönrechnen und guter Lobbyarbeit.
    Wenn der Bau dann ausufert droht ein zweites Flughafen Berlin oder Stuttgart 21 aber keiner wills vorher gewusst haben.

    Wurden bisher die Thyssen/RWE Gaspiplines die parallel zum Bahndamm verlaufen betrachtet? Zumindest tauchen sie in keinem Gutachten auf.
    Auch die Kontamination des Bahndamms mit den Abfällen der ehemaligen Firmen am Industrieweg hat keiner der nicht selber da wohnt auf dem Schirm.

    Unabhängig vom Bau, ein losgelöstes Stück Autobahn auf die Kölnerstrasse ohne Anschluss an die A4 macht keinen Sinn. Aber bei der Idiotie unserer Entscheider wird es genauso kommen und keinem was bringen. Ausser ganz viel Unmut bei den betroffenen Anwohnern und Umsiedlern.

    Danke an den Threadersteller um diesen ganzen Wahnsinn Publik zu machen.

    Viele Grüße,
    ein betroffener Anwohner

  2. Auch ich möchte mich, wenn auch verspätet, für den Beitrag Herrn Hansens bedanken. Kommt hier jede Mitteilung zur Veröffentlichung? Wenn ja, kneift hier die Bahndammlobby mangels Argumenten? Ist sie nicht mit ihren abstrusen Meinungsumfragen gekommen? Hat sie nicht den Zusammenbruch Bergisch Gladbachs an die Wand gemalt, wenn der Bahndamm nicht viersdpurig für Autos wird?

    Was ich in Ihrem artikel, Herr hansen, vermisse ist die Erwähnung der klaren Aussagen des Bunderverkehrsministeriums, dass es auf 4 km A4 (zwischen Ausfahrt Moitzfeld und Ausfahrt Refrath) keinesfalls eine 4. Auf/Abfahrt geben wird. Leitet man „nur“ bis zur Brüderstraße, muss ein teil dieser Straße verlegt werden, wenn die A4 6-spurig wird oder man nimmt sich das Naturschutzgebiet südlich der A4 vor.

    Hinzufügen möchte ich noch, dass der Kölner Stadtanzeiger sich sehr der Bahndammlobby verpflichtet fühlt. Bestimmt 13 meiner Leserbriefe gegen den Bahndamm wurden in den letzten 12 Monaten nicht veröffentlicht. Auch meine schriftliche Beschwerde darüber bei der Redaktion Rhein/Berg blieb unbeantwortet. Man kann nur hoffen, dass sich im Zuge des Entstehens des neuen F-Plans viel mehr Bürger sachkundig machen und gegen die uns alle beschädigenden Vorhaben der Stadt – auch gegen sehr große neue Gewerbegebiete und riesige Flächen für Wohnungsbau – protestieren.

    Rolf Havermann

  3. Zum Thema Autobahnzubringer veröffentlichte der KStA in letzter Zeit einige Beiträge
    10. Februar 2016 Gisbert Franken: Kölner Stau beginnt in Gladbach
    Mathias Niewels: Debatte so lange wie der Stau
    16. Februar 2016 Leserbrief von Liane Schneider, Sprecherin von elf Bürgerinitiativen
    Bergisch Gladbach: Erst einmal auf die Fakten achten
    18. Februar 2016 Leserbrief von Lothar Eschbach, Bergisch Gladbach: Industrie gehört
    nicht ins Zentrum.

    In diesem Kontext ist der obige Artikel von Klaus Hansen eine ernüchternde Wohltat.

    Ich habe in den Diskussionen noch keine Analyse darüber gesehen, was eigentlich über den Bahndamm transportiert werden soll und mit welcher Häufigkeit das geschehen soll.
    Ohne entsprechende Daten ist es schwierig, sich ein Bild zu machen, wovon eigentlich geredet wird. Aber vielleicht können wir ja für die Zukunft daraus lernen – auch bezüglich des Vorgehens.

  4. Fließender Verkehr verleitet leider viele Autofahrer zum hemmungslosem Rasen, gerade auch in Wohngebieten, wo viele Kinder wohnen.
    Ich stelle unser Auto mit Absicht auf die Fahrbahn, um den Verkehrsfluss zu bremsen. Die allerwenigstens halten sich an die 30Km/h, die vorgeschrieben sind. Die meisten rasen mit 50Km/h und mehr bei uns den Berg hinunter.

  5. Visionen brauch diese Stadt wahrhaftig und vor allem endlich mal Mut etwas zu ändern.

    Einer meiner Träumereien wäre ja, die Fahrbahnen wieder ihre ursprüngliche Daseinsberechtigungen zurück zu führen. Man sollte diese recht sicher und ohne großartige Hindernisse befahren können.
    Dort wo kein Platz für einen Radfahrstreifen sowie zwei ausreichend breite Fahrstreifen für den motorisierten Verkehr vorhanden ist, gehört absolutes Halteverbot ohne wenn und aber.
    Hier ist der Privatmann gefragt. Was spricht dagegen Freiraum abseits der Straße auch gegebenenfalls als Parkfläche anzubieten und Stellplätze zu vermieten? Ein totsicheres Einkommen bei der Fülle an KFZ die täglich 90% des Tages wichtigen Verkehrsraum blockieren.
    Nur dort wo ausreichend breite Verkehrsflächen für ein „sicheres“ Miteinander von allen 3 Gattungen an Verkehrsteilnehmern vorherrscht, da kann die Stadt gerne kostenlose Parkmöglichkeiten anbieten. Alles andere ist TABU und sollte dem fließendem Verkehr Bedingungs und Alternativlos zugesprochen werden. Es wäre ein Geschäftsmodell für den einen, und Platz für den fließenden Verkehr für den anderen, sowie, eine etwas lebensfreudig werdende Stadt, da wieder etwas Platz und mehr Sicherheit entsteht.

    Die KFZ/ Benzin Steuer berechtigt nicht dazu, jeden Millimeter in einer Stadt als kostenlose Parkmöglichkeit anzusehen und nutzen zu können/wollen.
    Ab und an reicht schon mal ein bisschen aufräumen, um gefühlt etwas schneller voran zu kommen. Eine relativ einfache und für die Stadt kostengünstige Variante um Freiraum auf der Straße zu schaffen.
    Neubauten müssten Grundsätzlich verpflichtet werden unterirdische Parkmöglichkeiten mit zu bauen. Damit es sich auf Jahre auch lohnt, vielleicht größer als der evtl. eigentliche Platzbedarf im eigenen Hause. So hätten auch Nachbarn etwas davon, wo keine Parkflächen/ Garagen existieren.

    Und nun viel Spaß beim Steinigen. Mike Gürgens

  6. Stellen wir uns einmal den unwahrscheinlichen Fall vor, dass das Kreuz Heumar dicht ist und zig PKWs und LKWs weiter Richtung Norden auf die A 1 wollen und oh Wunder es gäbe so eine schöne schnelle Verbindung in die Gladbacher Innenstadt.
    Wer würde da nicht auf die Idee kommen, mal eben von der A 4 abzubiegen und schwups durch Bergisch Gladbach nach Burscheid abzukürzen?

    Wie werden wir uns da freuen!!!
    Vielen Dank liebe Autobahnzubringer-Freunde!

  7. Vielen Dank, Herr Hansen, für Ihren Artikel. Vielen Dank auch für Ihre Forderung nach Visionen. Visionen, von vielen verachtet als Spinnerei, sind in manchen Politikbereichen dringend notwendig, in Außen- und Entwicklungspolitik, aber auch in der Verkehrspolitik.

    Wo finden sich hier schon langfristige Gedanken und Lösungsvorschläge angesichts der täglich länger werdenden Staumeldungen, die uns die Absurdität unserer Verkehrssituation ständig vor Augen führen? Antworten aus Politik und Verwaltung fehlen, sie führen uns nichts als das Schweigen im Walde oder vornehme Zurückhaltung vor, auch in Bergisch Gladbach, auch hier im Bürgerportal, wo Bürger immer mal wieder visionäre Vorschläge machen, visionär im besten Sinne des Wortes.

    Und Ihr Artikel, Herr Hansen, zeigt auch, dass visionäre Gedanken gleichzeitig durchaus konkret und gegliedert sein können. Weiter so!
    Engelbert Manfred Müller