Als ich ihn in dem Cafe frage, was er trinken möchte, ziert er sich zuerst etwas.

„Vielleicht einen Kaffee?“
„O.K. Einen Espresso“, meint er dann zögernd.

Nimmt er den Espresso, weil der das Billigste ist, was man hier zu sich nehmen kann?

Dann erzählt mir Fahed von den Problemen mit seiner Frau, die schwer herzkrank ist und auf einen Termin in der deutschen Botschaft in Beirut wartet. Er fragt mich, ob ich nicht an die Botschaft schreiben könne, um den Termin, den sie dort im September hat, vorzuverlegen.

„Herzinnenhautentzündung“ ist die deutsche Übersetzung der Diagnose, die der syrische Arzt gestellt hat. Die Krankheit endet tödlich, wenn sie nicht behandelt wird. Ein paar Tage später wende ich mich per E-Mail an die Botschaft, der alle nötigen Unterlagen über Faheds Frau schon vorliegen. Eine Antwort habe ich noch nicht.

Auf seinem Handy zeigt mir der Syrer nun ein Foto von seiner hübschen jungen Frau. Sie hockt mit ihrem Jungen in einem Park, der sich in der Nähe ihrer Wohnung befindet. Das Foto wurde vor ein paar Jahren aufgenommen, als der Krieg noch nicht begonnen hatte.

Zwischendurch habe ich einmal wieder den Namen meines Interviewpartners vergessen. Er buchstabiert ihn mir und erklärt dazu lächelnd, dass der Name Jaguar bedeutet. „Ein sanfter Jaguar“ geht es mir durch den Sinn, wenn ich mir seinen Kopf mit dem Doppelkinnansatz, den intensiv schauenden Augen und der fleischigen Unterlippe anschaue.

„Er sagt, er liebe mich nicht“, erklärt Fahed wie so nebenbei.
„Wer? Dein Sohn?“
„Ja, mein Sohn.“
„Und warum?“
„Weil ich nicht da bin.“

Durch diese dürren Worte hindurch erscheint mir ein wenig die Tragik des „sanften Jaguars“.

Fahed hat in Aleppo als Buchhalter in der Firma seines Bruders gearbeitet. Sein Bruder Husam besitzt mit mehreren Partnern zusammen eine Firma, die Solaranlagen-Zubehör verkauft und – Tapeten, wie ich nun zu meiner Überraschung höre. Daher stammt der Kontakt zu einer Tapeten-Firma in Herkenrath, die sich auch schon einmal in Faheds Namen an die Botschaft in Beirut gewandt hat.

Nun ist in Husams Firma alles von bewaffneten Banden gestohlen worden. Die Angestellten sind in alle Winde zerstreut.

„Bewaffnete Banden? Meinst du die Isis?“ frage ich.
„Nein“, antwortet Fahed. „Die Daesch – so wird der Islamische Staat bei uns genannt – gibt es in Aleppo nicht. Aber in vielen anderen Landesteilen. Vor allem Beispiel in Erbil, wo ein anderer Bruder von uns sich aufhält.“

Als mir Fahed erzählt, dass er in Griechenland von der Mafia mit Pistolen bedroht worden sei, merke ich, dass die Berichte von der Flucht längere Zeit in Anspruch nehmen werden. Wir verabreden uns für eine Woche später in seiner Unterkunft in Moitzfeld.

Pünktlich um 18 Uhr erwartet mich Fahed eine Woche später neben der Kirche in Moitzfeld. Ich bin erstaunt, dass er mich dann nicht zu einer Flüchtlingsunterkunft, sondern zu einem kleinen Appartement im Tiefparterre eines Wohnhauses führt. In dem nett eingerichteten Zimmer empfangen uns sein Bruder Husam und ein dritter Flüchtling, der noch nicht lange in Deutschland ist, und an der Unterhaltung nicht teilnimmt.

Bei einer Tasse Tee fährt Fahed dann mit seinem Fluchtbericht fort, häufig von seinem älteren Bruder unterbrochen:

„Im Januar 2015 begab ich mich zusammen mit meinem Bruder auf die Flucht nach Deutschland. Zuerst fuhren wir 15 Stunden lang mit dem Bus nach Beirut. Normalerweise dauert die Fahrt 4 Stunden. Die libanesische Polizei empfing uns unfreundlich. Es gab lange Wartezeiten, bis wir einreisen durften. Manchmal lassen sie einen einreisen, manchmal nicht. Die Fahrkarten hatte ein Freund für uns im Internet gekauft. Sie kosteten nun 250 Dollar, in normalen Zeiten 150 Dollar. Als Gepäck trug jeder von uns lediglich einen kleinen Koffer mit sich.“

Von Beirut flogen sie anschließend nach Adana in der Türkei. Von dort fuhren sie mit dem Bus nach Mersin. Schon in Aleppo hatten sie erfahren, dass sie sich dort an Leute wenden konnten, die ihnen zu ihrer Weiterflucht verhelfen konnten. „Mafia“ nannten sowohl Fahed als auch sein Bruder Husam die Fluchthelfer oder Schlepper. Das Wort Fluchthelfer kannten sie nicht, auch nicht im Englischen.

„Das sind gefährliche Leute. Von denen kann man auch Drogen und Waffen kaufen. Sie können auch leicht jemanden umbringen. Sie zahlen Geld an das Hotel, in dem wir wohnten, damit deren Inhaber sich nicht an die Polizei wenden. Aber sie bestechen auch selber die Polizei.“
„Woher wisst ihr das?“
„Wir hörten davon. Das sind keine normalen Menschen.“
„Wie sahen sie aus?“
„Ungemütlich. Wenn sie sich über dich ärgern, musst du Angst haben, dass sie dich umbringen. Und sie konkurrieren miteinander. So erhielten wir von verschiedenen von ihnen unterschiedliche Angebote. Bevor wir in die Türkei kamen, gab es die Möglichkeit, auf einem großen Schiff nach Italien zu fahren. Das hatten wir eigentlich vor. Aber das war nun nicht mehr möglich, weil die türkische Regierung das nicht mehr erlaubte. Wir konnten nun nur auf kleinen Booten die Überfahrt nach Griechenland und Italien machen. So erklärten sie es uns, so dass wir unsere Pläne ändern mussten. 5000 Dollar sollte jeder von uns für die Fahrt zahlen.“

Das sollte wohl der Preis für das große Schiff nach Italien sein, überlegte ich später.

Von Mersin fuhren sie sodann mit dem Bus nach Izmir. Diese Fahrt kostete nicht viel. Sie fuhren wie normale Touristen. In Mersin hatten sie vier Monate verbracht. In Izmir warteten sie eine Woche, bis es weiterging bis zur Küste. Den dortigen Kontaktmann trafen sie in einer Kavehane, einem türkischen Cafe.

„Im Internet lasen wir, dass eine griechische Insel vor der türkischen Küste mit deutschem Militär besetzt ist. Dorthin sollten wir nicht fahren. Für das Boot, welches wir dann benutzten, mussten wir 1000 Dollar zahlen. Die kleine Insel, die wir ansteuerten, hieß Farmakos.

Bevor wir in der Nähe von Izmir abfuhren, mussten wir drei Nächte in einem Wald in Küstennähe verbringen, ohne Essen und ohne Trinken. Auf dem kleinen Boot, welches wir dann bestiegen, waren 40 Menschen. Männer, Frauen und Kinder. Das Schlauchboot war nur 5 m lang. Vorher hatte man uns ein 7m langes Boot versprochen. Mitten auf dem Meer drang Wasser in das Boot ein. Da erblickte uns die griechische Wasserpolizei. Zuerst wollten sie uns nicht helfen. Aber als sie das eingedrungene Wasser sahen, entschieden sie sich, uns zu helfen. Aber sie waren nicht freundlich. Zu mir sagten sie: ‚Malaka! Du Arschloch! Warum kommst du nach Griechenland?’ und schlugen mich.“

„Und sie wollten den Motor unseres Bootes“, ergänzte sein Bruder. „Sie waren sehr verärgert, dass unser Boot sank, weil sie unbedingt den Motor wollten. Sie wollten ihn wohl verkaufen, denn er war neu.“

Sie blieben ein paar Stunden. Dann wurden sie zu einer anderen Insel gefahren. Dort konnten sie immerhin ihre vollkommen durchnässte Kleidung wechseln. Fahed nannte diese Insel Linos. Aber zu Hause fand ich heraus, dass es sich wahrscheinlich eher um Leros gehandelt haben musste.

Im Polizeigefängnis waren sie dort mit 15 Leuten in einem Raum untergebracht. Dann wurden sie nach ihren Personalien befragt. Sie hatten ja noch ihre syrischen Pässe. Nach zwei Tagen wurden sie aus dem Gefängnis entlassen und erhielten ein polizeiliches Dokument. Dann fuhren sie mit einem normalen Touristenschiff für 50 Euro  nach Athen. Dort hielten sie sich 20 Tage auf. In ihrem Hotel zahlten sie 15 Euro pro Nacht. Hier erhielten sie wieder vielerlei Angebote von den Leuten, die sie Mafia nannten, Angebote für die Weiterreise mit dem Schiff oder mit dem Auto oder mit dem Flugzeug. Sie trafen die Schlepper in Cafes oder im Hotel.

„Waren das Griechen?“
„Nein, es waren Türken, Albaner, Bulgaren, Afghanen, keine Griechen. Wieder unangenehme Typen. Sie können so einfach jemanden umbringen, wie andere eine Tasse Tee trinken. “
„Und hattet ihr auch Angst vor ihnen?“
„Nein, sie wollten ja unser Geld.“

Sie wurden in einem Taxi zu einem großen Park gefahren. Dort warteten sie mit anderen Leuten zusammen vom Morgen bis zum Mittag. Alle halbe Stunde kam ein Taxi mit 4 bis 6 Personen. In schneller Fahrt tauchte plötzlich ein Lastwagen auf. Die Schlepper stießen sie in den LKW, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass keine Polizei in der Nähe war.

„Mit 55 Personen hockten wir in dem dunklen Laderaum. Ob wir uns die Knochen brachen, das kümmerte die Schlepper nicht.“

In sechs Stunden wurden sie von ihnen in einem geschlossenen LKW zur Westküste Griechenlands gebracht. Sie erreichten die Küste, als es schon dunkel war. Dort warteten sie zwei weitere Stunden, um sicher zu sein, dass keine Polizei in der Nähe war. Es war dort sehr einsam. Kein Mensch zu sehen.

„Sie hatten uns Schwimmwesten versprochen. Aber sie brachten uns keine. Sie hatten auch versprochen, Essen mitzubringen. Auch das taten sie nicht. Sie hatten uns ein großes Boot versprochen. Als ich dann sah, wie klein das Boot war, wollte ich nicht einsteigen. Da zogen sie ihre Pistolen und sagten: ‚Wenn du nicht einsteigst, dann erschießen wir dich. Du kannst jetzt nicht mehr zurück nach Athen.’ Die Bootsführer waren drei Albaner, der LKW-Fahrer war Kurde, aus dem Irak oder aus der Türkei. Wir waren zusammen 35 Personen. Sie hatten von 20 Personen gesprochen. 35 Personen in diesem winzigen Boot! Aber eine Umkehr war nicht möglich.“

„Handelte es sich wieder um ein Schlauchboot?“ fragte ich.

„Das Boot war zum Teil aus Gummi, zum Teil aus Fiberglas, der Boden aus Fiberglas“, antwortete Fahed.

Die Fahrt mit LKW und Boot kostete sie 3300 Euro pro Person. Das Geld hatten sie in einem Büro in Athen bezahlt. Al Rashid hieß es. Es war eigentlich ein kleiner Laden. Ein Freund hatte in einem Büro mit dem Namen Zukar bezahlt. Das war eine Wechselstube. Der Besitzer war schon einmal von der Polizei abgeholt, aber nach zwei Wochen freigelassen worden, so dass er seine Geschäfte normal weiterbetreiben konnte. So erzählte es ihnen ihr Freund, der dann aber einen anderen Weg nahm.

„Die Fahrt mit dem Boot dauerte ungefähr sechs Stunden. Es war ein Schnellboot mit 2 Motoren. 200 bis 400 km in der Stunde fuhr es. Und sie mussten so schnell fahren, weil die Wellen sehr hoch waren. Über 2 m hoch. Auch die Bootsführer waren wieder bewaffnet. Um auf die Polizei schießen zu können, falls die auftauchte. Damit sie nicht festgenommen wurden.“

Sie erreichten ein kleines Dorf in Italien. Von dort liefen sie sechs Stunden bis zur Stadt Lecce. Dort wurden sie von der Polizei festgenommen, die sie zur Polizeiwache brachte und Fingerabdrücke von ihnen nehmen wollte.

„Aber wir wollten das nicht. Wir wollten ja nach Deutschland. Da holten sie eine Person von der UN. Die sagte:
‚Aber ihr müsst euch Fingerabdrücke abnehmen lassen.’
Wir erwiderten:
‚Wir wollen nicht in Italien einwandern. Wir wollen nach Deutschland.’
Italien erhält Geld von der UN für jeden registrierten Flüchtling.“

Das kam mir nun alles sehr merkwürdig vor. Vielleicht meinten sie ja statt UN die EU. Sie äußerten dann den Verdacht, dass das alles Betrug sei. Dass die angebliche UN-Person nur fingiert sei und mit der Polizei unter einer Decke steckte. Das würden die nur machen, weil sie von der UN Geld dafür bekämen. Dieses Geld bekäme dann die italienische Regierung von der UN. Ungefähr 3000 Euro. Das hatten sie von anderen Leuten so gehört. Vor allem von Flüchtingen, die ihren Weg über Ungarn nahmen.

„’Wenn ihr euch keinen Fingerabdruck abnehmen lassen wollt, bekommt ihr kein Essen und ihr kommt ins Gefängnis’, sagten die Polizisten. Und die Frau von der UN. Sie war Tunesierin. Und es kümmerte sie nicht, als wir sagten, wir würden später ihren Namen nennen. Sie hieß Tunkam. Sie trug keine Uniform. Wir hatten Angst, wir würden in Deutschland zurückgewiesen, wenn wir hier Fingerabdrücke hinterließen. Uns blieb aber nichts anderes übrig.“

„Aber war das ein großes Problem, dass ihr euch Fingerabdrücke nehmen lassen musstet?“
„Aber ja. Ein großes Problem. Wir liefen ja Gefahr, dass wir in Deutschland nicht aufgenommen wurden. Und dann wären wir in ein anderes Land zurückgeschickt worden. Und hätten unsere Familie nicht nachkommen lassen dürfen. Und später in Bitterfeld sagte man uns auch, dass es lange dauern würde bis zu der Entscheidung, ob wir in Deutschland bleiben dürften oder zurück nach Italien müssten.“

Sie blieben nur ein paar Stunden in Lecce, gingen zum Bahnhof, zahlten 100 Euro und stiegen in den Zug nach Mailand. Dort wohnten sie eine Woche in einem Heim vom Roten Kreuz, wo sie essen und schlafen konnten. Von Mailand wurden sie in einem Auto für 600 Euro nach Ulm gefahren. Mafia wieder. Dieses Mal ein Deutscher oder Ukrainer. Von Ulm nahmen sie einen Zug nach Berlin, wo sechs Cousins von Fahed wohnen. Mittlerweile war es Anfang Mai. Die Berliner Polizei registrierte sie und schickte sie nach Halberstadt. Dort wohnten sie zwei Wochen in einem großen Lager, in dem sie sich gar nicht wohl fühlten. Sie bekamen wenig zu essen und mussten das Essen bezahlen. Das Wachpersonal war unfreundlich. Wahrscheinlich bestand es aus Albanern.

Es wurde nun entschieden, dass sie nach Bitterfeld mussten. Fahed blieb dort vier Monate, sein Bruder Husam drei Monate.

„Ich hatte aber auch in Bitterfeld unangenehme Erlebnisse“, erzählte Fahed. Er wurde mit dem Tode bedroht. Von Magida-Leuten, wie er sagte.
„Ich war zu Fuß unterwegs zur Stadt. Da stoppte plötzlich ein Auto neben mir, und ein junger Mann mit blondem Haar schaute aus dem Fenster und rief mir zu: ‚Du schwuler Hund! Ich bring dich um!’ Dabei machte er eine Handbewung, als wollte er mir die Kehle durchschneiden.“
„Woher wusstest du denn, dass das Magida-Leute waren?“
„Aus den Nachrichten. Und Bekannte erzählten es. Sie zerstörten auch Fensterscheiben in unserem Heim. Diese Leute lieben Hitler. Deutsche von der Caritas erzählten das auch. Sie sagten: ‚Seid vorsichtig! Lauft nicht alleine in der Nacht herum!’

„Träumt ihr manchmal in der Nacht von den unangenehmen Erlebnissen eurer Flucht?“

Sie antworteten beide nicht direkt auf meine Frage. Dann meinte Fahed:

„Ich denke an das Geld, was ich brauche, um meine Kinder nachkommen zu lassen. Das wird mich insgesamt sicher 2000 Euro kosten. Und wo soll ich die hernehmen, wo ich doch noch nicht arbeiten darf? Im Jobcenter wurde mir gesagt, ich müsse zuerst Deutsch lernen.“

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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