Stammtisch Kultur Suetterlin Rockenberg 600

Lothar Sütterlin (r.) argumentiert für eine stärkere Identifikation mit Bergisch Gladbach; Fachbereichsleiter Dettlef Rockenberg notiert Stichpunkte. Fotos: Werner Schmitz-Dietsch

6000 Kulturschaffende sind in den einschlägigen Verbänden Bergisch Gladbachs organisiert, es gibt ein hochkarätiges Kunstmuseum, mehrere Theaterbühnen, eine aktive Musikschule, eine breite freie Kulturszene und sehr viele Aktivitäten in den Schulen. Und dennoch fehlt etwas. Nur was?

Das Gefühl, dass Bergisch Gladbach in den vergangenen Jahrzehnten an kultureller Substanz verloren hat und in Gefahr steht, nun noch mehr zu verlieren, hatte die Kulturverbände veranlasst, einen Offenen Brief zu verfassen und zu warnen:

„Ohne den gesellschaftlichen ‚Kitt’ Kultur würde Bergisch Gladbach zu einem großen Wohn- und Schlafplatz mit Gewerbe- und Industriegebieten, überlasteten Straßen und relativ guter Nahversorgung werden.”

Was das konkret bedeutet, wurde jetzt am Politischen Stammtisch des Bürgerportals diskutiert. Aber schon die Besetzung der Runde deutete ein Problem an: Die Künstler, die Kulturverbände, die Verwaltung, die Lokalpolitik und die Medien hatten Vertreter geschickt. Die Bürgerschaft ebenfalls, und zwar genau einen „normalen Bürger”; Einzelhandel, Gastronomie oder Gewerbe waren nicht vertreten.

Der Offene Brief im Wortlaut, Hintergrund

Lothar Sütterlin, früher Atomphysiker, heute Künstler und einer der Initiatoren des Offenen Briefs, beschwor noch einmal die goldenen 60er Jahre Bergisch Gladbachs herauf, als die Kölner am Wochenende zum Feiern an die Strunde kamen. Diese Attraktivität, aber auch das Selbstbewusstsein der Stadt, sei „irgendwann nach Stilllegung der Linie G irgendwo verrieselt”.

Lothar Speer

Lothar Speer

Lothar Speer, Vorsitzender des Stadtverbands Kultur und bis zu seinem Ruhestand in der Verwaltung (unter anderem) für die Kultur verantwortlich, sieht einen weiteren Bruch in den 90er Jahren, als mit der Verwaltungsreform die Kultur an den Rand der Aufmerksamkeit rutschte, der eigene Kulturausschuss im Stadtrat und auch das eigenständige Kulturamt verloren gibt.

Aktuell gehe es aber gar nicht darum, drohende Sparrunden zu Lasten der Kultureinrichtungen abzuwenden. Sondern man wolle und müsse die Bürger dazu bewegen, über die Rolle der Kultur in der Stadt nachzudenken und sich einzubringen.

Detleff Rockenberg

Detleff Rockenberg

Dettlef Rockenberg ist Kölner, wohnt in Refrath und „als Bürger” zum Stammtisch gekommen. Doch er ist auch Fachbereichsleiter in der Stadtverwaltung, als Nachfolger Speers verantwortlich für Bildung, Kultur, Schule und Sport. Auch er beobachtet ein sehr breites Angebot, aber auch eine sehr starke Nachfrage: „Die Kulturveranstaltungen, die ich sehe, sind überwiegend voll.” Aber auch er räumt ein, dass „die Kultur” eben nur ein sehr kleiner Bestandteil seines Aufgabenbereichs sei, dass das großspurig so genannte „Kulturbüro” eben nur von einer einzige Person besetzt sei.

Ingrid Koshofer, lange Zeit für die FDP im Stadtrat und Organisatorin vielfacher Musik- und Kunstveranstaltungen, bestätigt: Bergisch Gladbach sei hochkulturell, nahezu an jedem Tag der Woche stünden verschiedene Veranstaltungen zur Auswahl – nur das Bewusstsein für die „Kulturstadt Bergisch Gladbach” fehle, zu schnell stelle man sich in den Schatten der Metropole Kölns. Dabei sei Bergisch Gladbachs Kulturszene „eine Perle – aber wir müssen sie immer wieder putzen”.

Olaf K. Marx

Olaf K. Marx

Olaf K. Marx war Werbestratege der SPD im Bürgermeisterwahlkampf und nimmt sich die stumpfen Stellen dieser Perle vor: Die Stadt habe mit der Villa Zanders ein hochkarätiges Kunstmuseum – aber auf den Hinweisschildern der Stadt tauche nur eine „RheinBerg Galerie” auf, der Newsletter und die Website der Villa seien einfach nur hässlich. „Es fehlt unseren Kultureinrichtungen vielfach die Bereitschaft, sich richtig zu verkaufen – da werden viele Hausaufgaben nicht gemacht,” kritisiert Marx.

Heinrich Mehring, Fotograf, führt das fort und moniert, dass viele Kultureinrichtungen (mit Ausnahme der Stadtbibliothek) häufig geschlossen seien und nicht wirklich einladend wirkten.

Werner Schmitz-Dietsch, Verleger des Stadtmagazins Franzz, weist auf einen anderen Schwachpunkt hin: im Gegensatz zu anderen, kleineren Städten im Umkreis wie zum Beispiel Wermelskirchen fehle eine Klammer, die die Kultur und ihre natürlichen Verbündeten, die Gastronomie, zusammenhalte. Das Ausgehverhalten der Menschen habe sich verändert, sie planten sehr viel spontaner und wollten nach dem Theater oder Konzert noch in die Kneipe gehen.

Petra Weymanns

Petra Weymans

Einen Ansatz dazu, darauf macht Ingrid Koshofer aufmerksam, versuche der Verein „Wir für GL” mit seiner Kneipennacht – denn vor allem den jungen Leuten fehle in Bergisch Gladbach etwas, ihnen falle die Identifikation besonders schwer. Mehr Lebendigkeit würde da gut tun.

Petra Weymans, die das Kulturbüro der Stadt und gleichzeitig auch die Geschäftsstelle des Stadtverband Kultur führt und den Kulturticker der Stadt herausgibt, betont das sehr breite Angebot der Schulen, der Museen und der Jugendzentren für Kinder und jüngere Jugendliche. Doch die jungen Erwachsenen orientierten sich sehr stark nach Köln.

Bernd Hinz

Uwe Hintz

Damit wird es Zeit, den Vertreter der „normalen Bürger”,  Uwe Hintz, zu fragen, was ihm in Bergisch Gladbach  fehle. Eigentlich nicht viel. Er lobt die hochklassigen Musik- und Sprechkunst-Veranstaltungen in der Villa Zanders und ist mit dem Angebot hoch zufrieden.

Was ihm als Zugereisten jedoch immer wieder auffalle: Viele Bürger, aber eben auch die Verwaltung und die Lokalpolitik schienen die eigene Stadt gar nicht richtig zu mögen. Ein Beispiel? Die triste neue Fußgängerzone.

Renate Arnold

Renate Arnold

Renate Arnold von der Goethe-Gesellschaft greift den Punkt auf. Kultur bedeute doch auch, dass sich die Menschen in ihrer Stadt wohl fühlten. Genau darum sei der Wochenmarkt auf dem Konrad-Adenauer-Platz ein kulturelles Highlight der Stadt. Der Versuch der Marktbeschicker, den Besuchern durch die sogenannte „Fischbarriere” ein neues Flanierverhalten aufzuzwingen, belege, wie wenig das Verwaltung und auch Geschäftswelt bewusst sei.

Ein Kritikpunkt, den Fachbereichsleiter Rockenberg nicht ganz stehen lassen will. In Verwaltung und Politik gebe es ein großes Bewusstsein für die Kultur. Auch dafür, dass man trotz Nothaushalt die kulturellen Einrichtungen nicht völlig beschneiden dürfe. Immerhin sei es gelungen, das Personal der Villa Zanders und der VHS um zwei halbe Stellen aufzustocken. Dass für die freie Kulturszene kein Geld übrig bleibe, tue ihm in der  Seele weh.

Lothar Sütterlin

Lothar Sütterlin

Tatsächlich, das betonen die Initiatoren Sütterlin und Speer noch einmal, gehe es bei ihrer Initiative nicht um Geld. Sondern um Unterstützung, um ideelle Förderung – und um Augenmaß bei der Stadtplan: „Bitte sorgen Sie dafür, dass der Kulturpark in der Stadtmitte nicht dem Stadtsäckel geopfert wird.” Kulturpark, damit meinen die Initiatoren den Innenstadtbereich mit Gnadenkirche, Stadtbibliothek, Bergischen Löwen, VHS, Villa Zanders und Rosengarten.

Ein Ansinnen, für das Peter Baeumle-Courth, Stadtrat für die Grünen, zwei Ratschläge hat. Erstens sollten die Kulturschaffenden dafür sorgen, dass diese Forderungen im Rahmen der Bürgerbeteiligungen zum neuen Flächennutzungsplan auf den Tisch gelegt werden.

Und zweitens solle man sich überlegen, ob man das alte Projekt „Stadtkulturgarten” in genau diesem Innenstadtbereich nicht einfach Bergisch Gladbachs „Central Park” nennt: „Das wird uns Hähme und Spott einbringen – aber vielleicht auch die Bereitschaft, mal über alte Ideen neu nachzudenken. Frechheit siegt!”

Gladbachs Innenstadt zwischen Markt und Odenthaler Straße. Foto: BergischSchön

Gladbachs Innenstadt zwischen Markt und Odenthaler Straße. Foto: BergischSchön

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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1 Kommentar

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  1. Das klingt allgemein immer alles prima, aber wenn man ins Detail, oder an einer Umsetzung von Ideen denkt, stößt man auf Granit.
    Beispiel: „Stadtkulturgarten“
    Ich bin Sprecherin der örtlichen Gruppe von Amnesty International. Seit Jahren möchten wir einen Park der Menschenrechte in der Stadt etablieren. Die Idee stößt überall auf offene Ohren. Nur wenn es um die Umsetzung geht, kommen wir nicht weiter – es darf nichts kosten (für die Stadt), Regionale 2010 ist abgeschlossen, das Hochwasserkonzept…..es gibt viele Stolpersteine, aber Menschenrechtsarbeit ist immer mühsam und doch wichtig!