Gladbachs Innenstadt zwischen Markt und Odenthaler Straße. Foto: BergischSchön

Lothar Speer und Lothar Sütterlin können sich noch gut an Zeiten erinnern, als in Gladbachs Innenstadt der Bär los war. „Ich habe Drafi Deutscher im Bock live” gesehen, berichtet Speer. „Ich wohnte damals in Köln-Mülheim – und am Wochenende haben wir in Gladbachs Kneipen gefeiert”, erzählt Sütterlin. Damals, das waren die 50er und 60er, Bergisch Gladbachs goldenen Jahre.

Doch jetzt herrsche in der Innenstadt der Kommerz. Trotz einiger kultureller Hochburgen sei nichts mehr los, die City abends tot. Und selbst das Wenige, was es noch gebe, drohe zu verkümmern. Höchste Zeit also, etwas zu tun und die Bürger der Stadt zu mobilisieren.

Daher hat Sütterlin, früher Atomphysiker und jetzt Künstler mit Wohnsitz Refrath, gemeinsam mit dem Designer/Fotografen Klaus Hansen den Entwurf für einen offenen Brief verfasst – und fand im Historiker Speer, lange Fachbereichsleiter Jugend und Kultur der Stadt, jetzt Vorsitzender des Stadtverbandes Kultur, einen Mitstreiter.

Vorstand des Stadtverbands Kultur: M. Fischer, M. Christ, V. Heinecke, L. Speer, P. Weymans

Gemeinsamer Appell von mehr als 6000 Kulturschaffenden

Sie erarbeiteten einen Appell, der nun von allen großen Kulturverbänden der Stadt getragen wird. Neben dem Stadtverband Kultur, dem Stadtverband musikausübender Vereine, dem Arbeitskreis der Künstler (AdK), dem Arbeitskreis Baukultur und dem Galerie+Schloss e.V. sind Sütterlin sowie Hansen (Erst-)Unterzeichner – und vertreten insgesamt mehr als 6000 Mitgliedern

Dokumentation: Der Offene Brief im Wortlaut

„Wir wollen das Bewusstsein dafür schärfen, das Kultur DER Identifikationsfaktor für unsere Stadt ist”, erläutert Sütterlin im Gespräch mit dem Bürgerportal. Das Projekt, die Innenstadt zwischen Markt und Kulturhaus Zanders als schützenswerten „Kulturpark” zu definieren, sei nur ein Ausgangspunkt gewesen, ergänzt Speer. Man müsse dafür sorgen, dass sich die Bürger mit Bergisch Gladbach als Gesamtstadt und mit Gladbach als kulturelle Mitte wieder stärker identifizieren.

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Gleich zu Beginn zitiert der Offene Brief den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker:

„Kultur ist kein Luxus, den wir uns entweder leisten oder nach Belieben auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert.”

Die neue Initiative wolle „ein Bewusstsein schaffen, dass Gladbach mehr hat als Geschäfte, sonst geht uns der kulturelle Kitt unserer Gesellschaft verloren”, betont Sütterlin. Und zwar im doppelten Sinne: innerhalb der Gesellschaft selbst – und zwischen Bergisch Gladbachs Stadtteilen.

40 Jahre nach dem Zusammenschluss mit Bensberg zu einer Großstadt erlebten „viele diese Stadt nicht als Heimat, 40 Jahre später fehlt es immer noch an dem Gefühl, „Bergisch Gladbacher“ zu sein”, heißt es in dem Brief.

Karneval und Chöre gehen bei Vernetzung voran

Der Karneval und auch die Musikszene mit ihren Chören schaffe es zwar allmählich, die verschiedenen Zentren der Stadt zu vernetzen, aber das sei erst ein Anfang, ergänzt Manfred Rath, Vorsitzender des Stadtverbandes Musik.

Vorab, im Zuge der Haushaltsberatungen im vergangenen Jahr, hatten Speer und Sütterlin den Brief bereits an die Ratsfraktionen geschickt. Vorsorglich, um möglichen weiteren Kürzungen im Kulturetat entgegen zu wirken.

Dabei ist den Initiatoren klar, dass von der Stadt im Nothaushalt keine Gelder zu erwarten sind. Statt dessen komme es auf die richtige Steuerung an; darauf, die richtigen Entscheidungen zu treffen und die falschen zu unterlassen, was erst einmal nichts kostet, sagt Sütterlin.

Villa Zanders und Bergischer Löwe: immer wieder im Fokus von Sparplänen. /Bergisch Schön

Trennung von Kommerz und Kultur

Vor allem aber sind die Ratsherren und die Verwaltung sind gar nicht die Adressaten des Appells, sondern die Bürger der Stadt. Sie sollen sich wieder stärker bewusst machen, was die Kultur für Bergisch Gladbach hat, über welche Schätze die Stadt verfügt – und sie nutzen.

Der Brief formuliert nur wenige konkrete Anliegen. So soll aus dem Stadt- und Kulturfest wieder ein echtes Kulturfest entstehen, womöglich durch eine Trennung von Kommerz und Kultur, durch eine eigene Kulturfestwoche oder ähnliches. Und der Kulturticker der Stadtverwaltung soll noch effektiver auf das hinweisen, was in der Stadt alles läuft.

Konzert beim Stadt- und Kulturfest auf dem Konrad-Adenauer-Platz

Darüber hinaus wollen die Initiatoren jetzt erste einmal die Resonanz abwarten. „Wir haben einen Stein ins Wasser geworfen. Mal sehen, was er für Wellen wirft”, sagt Sütterlin. Und auf dieser Basis dann, so Speer, können man einen konkreten Aktionsplan aufbauen.

Lesen Sie mehr:
Dokumentation: Der Offene Brief im Wortlaut
Alle Orte und Akteure: Kulturportal BGL
Alle Beiträge zu den Themen Schauspiel, Kunst, LiteraturMusik, Film
Alle Beiträge zum Bergischen Löwen, Theas, Puppenpavillon
Alle Beiträge zum „Kulturnetzwerk Stadtmitte”

Ideen und Wünsche gibt es durchaus, lässt Vera Heinecke, Speers Stellvertreterin im Stadtverband anklingen. Sie wünscht sich zum Beispiel ein echtes kulturelles Zentrum zum Austausch und zur Begegnung. Oder, dass das Bürgerhaus Bergischer Löwen seine Türen auch tagsüber öffnet. Oder analog zu den Bergischen Bautagen die „Bergischen Kulturtage”.

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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