Foto: Linksfahrer Tom

Die Radfahrer beanspruchten die ganze Fahrbahn für sich – auch in der Baustelle.

Rund 40 Radfahrer sind am Freitagabend einem anonymen Aufruf der „Critical Mass”-Bewegung gefolgt und haben sich vom S-Bahnhof aus zu einer Radtour durch die Stadt aufgemacht, um auf ihre Rechte im Straßenverkehr aufmerksam zu machen.

Im ruhigen Abendverkehr verlief die Aktion weitgehend konfliktfrei, nur in Refrath und auf dem Rückweg nach Gladbach kam es zu einem Rückstau und Hupkonzerten ungeduldiger Autofahrer. Eine Polizeistreife versuchte erfolglos, die Radfahrer dazu zu bringen, hintereinander zu fahren.

Foto: Markus Bollen

Zur Aktion nach Bergisch Gladbach kamen auch einige erfahrene Critical-Mass-Aktivisten aus Solingen und Wuppertal mit dem Rad über die Balkantrasse. Sie verteilten Flyer mit Hinweisen und Terminen in der ganzen Region.

Foto: Markus Bollen

Unter den Teilnehmern waren aber auch Vertreter der Bergisch Gladbacher Radfahrer-Szene und einige Ratsmitglieder, vor allem von den Grünen. ADFC-Vorsitzender Bernd Werheit war häufig an der Spitze des Trupps zu sehen.

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Mit den 40 Teilnehmern bewegte sich die Auftakttour bereits im oberen Mittelfeld der Critical-Mass-Aktionen, nur in Großstädten wie Köln fahren regelmäßig 200 bis 300 Radfahrer mit (Übersicht).

Wie bei diesem Aktionen üblich beriefen sich die Radfahrer auf eine Regelung der Straßenverkehrsordnung und beanspruchten den Straßenraum für sich, indem sie nebeneinander auf der Straße fuhren. (Mehr zum Hintergrund). Die Polizei hatte im Vorfeld angekündigt, nur bei massiven Behinderungen einzugreifen. Davon wusste eine Streife in Refrath offenbar nichts, die per Lautsprecher aufforderte, hintereinander zu fahren – und dann mit einigen Aktivisten diskutieren musste.

Foto: Markus Bollen

Dass Radwege konsequent ignoriert wurden, stieß auch bei einigen Teilnehmern auf Widerspruch: „Wenn man (wie zwischen Gronau und Refrath) einen sehr guten Radweg hat, gerät das Pulkfahren auf der Straße in meinen Augen zu einer unnötigen Machtdemonstration. Ich will ja nicht die Autofahrer behindern, sondern ein gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer sein,” sagte ein Mitfahrer.

Foto: Markus Bollen

Der Pulk hält an roten Ampeln, fährt bei Grün aber ganz durch, auch wenn die Ampel inzwischen wieder auf rot gesprungen ist. Der kreuzende Verkehr muss laut §27 StVO warten, da es sich um einen geschlossenen Verband handelt.

„Critical Mass-Fahrten” sind nach Definition der Aktivisten weder eine Demonstration noch eine Veranstaltung ist, sondern eine „zufällige und unorganisierte gemeinsame Fahrt durch Innenstädte, um auf den Radverkehr als Form des Individualverkehrs aufmerksam zu machen”.

Foto: Markus Bollen

Tatsächlich sind diese Ausfahrten sehr wohl organisiert, nur der Verlauf der Fahrt selbst ist ohne Plan; jeder kann mitfahren und theoretisch sich auch an die Spitze setzen und die Route bestimmen. Die Aktivisten beharren dennoch auf den „spontanen” Charakter, weil sie jede Haftung vermeiden wollen.

Foto: Markus Bollen

Die Teilnehmer werteten den Abend als Erfolg und Auftakt zu einer regelmäßigen „zufälligen und unorganisierten” Ausfahrt in Bergisch Gladbach – immer am 2. Freitag im Monat. Der nächste Termin ist der 13.5., 19 Uhr.

Auf Facebook und auf der Critical-Mass-Webseite gibt es weitere Informationen zu Bergisch Gladbach, allgemeine Infos finden sich auf CriticalMass.de und ItStartetWithaFight.de; in NRW ist die Bewegung über die Mailadresse cm.nrw@web.de zu erreichen.

Foto: Linksfahrer Tom

Ein CM-Aktivist hat unter dem Pseudonym „Linksfahrer Tom” folgenden Bericht geliefert:

Bei der 1.CM in Bergisch Gladbach kamen fast 40 gutgelaunte Radfahrer an der S-Bahn Station zusammen, die sich gemeinschaftlich auf einen Rundkurs durch die Stadt begaben. Neben bunt geschmückten Rädern mit Luftballons und Fähnchen wurde auch ein Radfahrer mit Kinderanhänger gesichtet.
 
Die meisten Autofahrer reagierten ausgesprochen gelassen auf die Kurze Unterbrechung im Straßenverkehr, während der Tross Radfahrer an Ihnen vorbei zog. Lediglich ein Sportwagenfahrer verhielt sich auf der Straße nach Refrath in Höhe des Golf-Clubs auffällig ungeduldig. Aber auch wildes Hupen, Gestikulieren und Schimpfen konnte die Radfahrer nicht vertreiben. Die durchgezogene Mittellinie wurde von Autofahrer als “Leitlinie” genutzt, um auch den Gegenverkehr seine Anwesenheit einengend zu verdeutlichen. Vermutlich fährt er auf diesem Teilstück Landstraße seine 495 PS sonst immer aus.
 
Auf der Rückfahrt von Refrath nach Bergisch-Gladbach wurde eine Polizei-Streife auf den Radfahrer-Verbund aufmerksam und fühle sich aufgefordert diese durch Blaulicht von hinten abzusichern. Nach kurzer Zeit kam dann die Lautsprecher-Durchsage: “Bitte fahren Sie hintereinander, Sie blockieren die ganze Straße”.
 
Von dieser Durchsage sehr belustigt – da man ja lediglich den §27 der StVO einhielt – ließen sich einige Radfahrer zurück fallen, um die Streifenwagen-Besatzung aufzuklären. Diese gaben jedoch nur bekannt, daß den Radfahrern ein Bußgeld drohe, wenn sie sich einer polizeilichen Anordnung widersetzten, zudem würde der Stau ja schon bis Refrath zurück reichen. Nun ja, wären diese Autofahrer mit dem Rad mitgefahren, hätte sich die Schlange um mindestens 400 Meter verkürzt…
 
Aufgrund der Uneinsichtigkeit der Ordnungshüter, daß sich hier Radfahrer nur an Regeln hielten und dem Unverständnis der Radfahrer, daß 2 Polizeibeamte hier spontan die StVO uminterpretierten ignorierte man sich auf der Weiterfahrt und die Radfahrer setzten unbeirrt – natürlich nebeneinander fahrend – die Rundfahrt fort.
 
Nach fast 1,5 stündiger Fahrt kehrten die Radfahrer zum Ausgangspunkt zurück, um nach kurzem Fachsimpeln wieder den Weg nach Hause anzutreten. Auch die angereisten Wuppertaler “CM-Touristen” traten dann ihre 3-stündige Heimfahrt auf dem Rad an.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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5 Kommentare

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  1. Die Yuppies mit ihren SUVs werden empört sein. Manche hatten wohl Benzinschaum vor dem Mund.
    Ich bin nächstes mal bei den critical mass Radlern mit dabei.
    Schluss mit dem Egotrend jedergegenjeden.
    An die empörten Autowutbürger: Fußgänger und Radfahrer sind (leider) im wahrsten Sinne des Wortes die verletzlichsten.
    Ralph Thiel, Arzt für Allgemeinmedizin

  2. Herr Radfahrerhasser!

    Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen. Jeden Tag erlebe ich auf meinen Weg von und zur meiner Dienststelle Hunderte von Verkehrsverstößen motorisierter Verkehrsteilnehmer. Verstöße gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen kommen am häufigsten vor und sind auch die Unfallursache Nummer eins. Ebenso sehe ich reichlich Rotlichtverstöße, Verstoß gegen Vorfahrtsregeln oder durch Smartphones abgelenkte Autofahrer. Durch unachtsame Abbieger ist schon so mancher Radler zu Tode kekommen..

    Wenn Radler gnadenlos von der Straße gehupt und abgedrängt werden, ist es doch klar, dass viele auf Fußgängerzonen oder Bürgersteige ausweichen. Letztere waren häufig bis vor wenigen Jahren auch noch als verpflichtende Radwege gekennzeichnet.
    Herr Radfahrerhasser, klar sie haben einen Führerschein, viele Radler aber auch. Sie haben sie aber nicht die Weisheit für alle Zeit gepachtet. Es ist von keinem Verkehrsteilnehmer zu viel verlangt, wenn er sich über die aktuelle Straßenverkehrsordnung auf dem Laufenden hält.

    Herr Radlerhasser, wenn sie vor einem Überweg wartepflichtig sind, weil ein Radler sein Gefährt schiebt, kostet das Ihnen ganz bestimmt mehr ihrer kostbaren Zeit, als wenn er Radeln würde. Käme das nicht auch Ihnen zu Gute?

    Ich möchte hier nicht den Krieg Autofahrer gegen Radler befeuern, denn weit über 99 % der motorisierten Verkehrsteilnehmer verhalten sich Radlern gegenüber fair und partnerschaftlich. Auch unter den Radlern gibt es Rowdies, aber nicht mehr als unter anderen Verkehrsteilnehmern. Wir haben doch im Straßenverkehr alle das gemeinsame Interesse möglichst zügig und unfallfrei unser Fahrtziel zu erreichen.

    Herr Radlerhasser, Verkehrsteilnehmer mit Ihrer Einstellung braucht die Menschheit nicht, haben aber das einzige Gute an sich, dass Aktionen wie die „Critical mass“ regen Zulauf erhalten.

    Der Alltagsradler

  3. Die Radfahrer benehmen sich ja doch schon immer als wenn sie allein auf der Straße sind.
    Bürgersteige und Fußgängerzonen sind kein Hinderungsgrund zum rumpöbeln. Fußgängerüberwege werden grundsätzlich mit dem Rad überquert. Und solche ignoranten Verkehrspenner wollen Autofahrern (die einen Führerschein machen mussten) sagen wie es wo im Straßenverkehr läuft, bzw. wie es nicht läuft wenn Radler wieder einmal mehr alles behindern.
    Dank unseres super Bürgermeisters kann man sich als Autofahrer wegen der geschätzt 100 Baustellen nur im Schritttempo durch Bergisch Gladbach bewegen. Es gibt nicht eine Baustelle die innerhalb der vorgegebenen Zeit fertig wird. Ich habe das Gefühl Herr Urbach war zum Praktikum beim ehemaligen Bürgermeister in Berlin und hat sich dort statt Flughafen bauen auch nur auf dessen ständigen Partys um getan.
    Weiter so, immer gegeneinander!!!
    P.S. Wenn der Verkehr funktionieren soll, gehören Fußgänger und Radfahrer unter die Erde.

  4. Vieleicht beruhigt es das Gewissen des Fahrers, welcher zwischen Gladbach und Refrath lieber auf dem „guten“ Radweg gefahren wäre, dass ein Trupp von 40 Radfahrern dort auch Fußgänger und entgegenkommende Radfahrer „behindert“ hätte.

    Gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wissen das.

  5. Leider erst heute entdeckt. Wunderbare Idee – das nächste mal bin ich hoffentlich dabei. :)