Bürgermeister Lutz Urbach an seinem Schreibtisch. Die Bilder an der Wand stammen von seinen eigenen Kindern – eine Torwand will er hier nicht aufstellen

Die Familie A. aus Katterbach hat ein Problem, das viele Eltern in Bergisch Gladbach nur zu gut kennen: Sie finden einfach keinen Nachmittagsbetreuung für ihren Sohn. Er steht ganz unten auf einer Warteliste, doch der Einschulungstermin rückt näher. Von der Schule wird die Familie ans Jugendamt verwiesen. Das wiederum verweist direkt an den Bürgermeister.

Also schreiben die Eltern einen humorigen, vielleicht auch sarkastischen Brief an Stadtoberhaupt Lutz Urbach – dieser möge doch bitteschön den Sohn und dessen Freund gleich mit betreuen – „eine Torwand im Rathaus wäre toll”. Der Brief geht ins Rathaus, gleichzeitig an die Medien und Facebook.

Wir dokumentieren den (anonymisierten) Brief. Und weiter unten die Antwort von Bürgermeister Lutz Urbach. Und haben ganz unten weitere Zahlen zu den Problemen der Offenen Ganztagsschule (OGS) in Bergisch Gladbach recherchiert.

Dokumentation 1: „Wir nehmen Ihr Angebot an”

Sehr geehrter Urbach,
Lieber Bürgermeister,

in diesem Jahr wird unser Sohn Philipp eingeschult. Zusammen mit zwei Freunden aus der KiTa freuen sich unsere Jungs auf die gemeinsame Schulzeit. Wir Eltern sind alle berufstätig und auf eine Nachmittagsbetreuung angewiesen. Leider hat aber nur einer der Jungs einen OGS Platz ergattern können. Unser Philipp sowie sein Freund Robin sind leer ausgegangen und stehen auf einer langen Warteliste.

Für uns Eltern sowie für unsere Jungs eine belastende Situation, zumal uns auf Nachfrage von der Schule mitgeteilt wurde, dass es fraglich sei in der laufenden Schulzeit überhaupt noch einen Betreuungsplatz zu erhalten. Für alternative Betreuungsangebote wurde uns das Jugendamt als Ansprechpartner genannt. Leider eine Fehlinformation, denn das Jugendamt kennt nur eine einzige Tagesmutter, welche keine offenen Betreuungsplätze anbieten kann. Auch die private Suche nach wöchentlichen Betreuungsmöglichkeiten blieb bislang erfolglos.

Nach erneutem Austausch mit der Schulleitung und dem Jugendamt wurde uns zu einem Schulwechsel geraten. Nun sind Philipp und Robin auf einer anderen Grundschule angemeldet und stehen dort ebenfalls auf einer Warteliste für die Nachmittagsbetreuung.

Eine Lösung konnte uns nun aber das Jugendamt anbieten! Das Problem der unzureichenden Nachmittagsbetreuung sei bekannt, wir sollten uns an den Bürgermeister wenden. Nun, wir wären gezwungen einen Job zu kündigen, deswegen würden wir das Angebot gerne wahrnehmen.

Unsere Jungs müssten Sie bitte mittags nach Schulschluss an der Grundschule Katterbach abholen. Ich gebe Ihnen den Tipp Gummimatten für Ihre Limousine zu besorgen (Die Jungs haben meist dreckige Schuhe). Bitte achten Sie beim Mittagessen mit den Jungs darauf, dass auch das Gemüse aufgegessen wird! Die Hausaufgaben sollten erledigt sein bevor Sie sich mit den Jungs anders beschäftigen. Ansonsten sind die Jungs relativ unkompliziert. Beide sind begnadete Fußballer, eine Torwand im Rathaus wäre eine tolle Idee! Würden Sie die Jungs auch in den Ferien Betreuen?
Gerne besprechen wir diese Details aber im privaten Gepräch.

Mit freundlichen Grüßen, Familie A.

Dokumentation 2: „Im Landtag gibt es eine Kantine – mit gesundem Gemüse”

Liebe Familie A.,

herzlichen Dank für Ihre Nachricht. Als Vater von drei Kindern kann ich Ihnen versichern, dass mir Kinder sehr am Herzen liegen. Insofern ist mir auch die Mitnahme von Kindern in meinem Auto (übrigens ein Ford Fiesta und keine Limousine) sehr vertraut. Fußmatten helfen wirklich! ;-)

Das mag jetzt sehr altmodisch sein, aber in den Fragen, ob unsere Kinder auch Gemüse essen, die Hausaufgaben machen und Sport treiben, kümmern sich bei unseren drei Kindern vorrangig Mama und Papa.

Da ich aber weiß, dass viele Eltern darauf angewiesen sind oder es bevorzugen, wenn Mittagessen, Hausaufgaben und Nachmittagsbetreuung in der Offenen Ganztagsschule erledigt werden, haben wir als Stadt Bergisch Gladbach die Zahl der Plätze an den Offenen Ganztagsschulen in den vergangenen Jahren von 251 Plätzen (Schuljahr 2004/2005) auf 2.632 Plätze (Planung für das Schuljahr 2016/2017) ausgebaut.

Damit stehen für ca. zwei Drittel aller Grundschulkinder Plätze in der Offenen Ganztagsschule zur Verfügung; eine im Vergleich zu anderen Kommunen sehr hoher Wert.

Es war kaum absehbar, dass sich der Bedarf an Plätzen so entwickeln würde, wie dies in den letzten Jahren geschehen ist. Problematisch ist, dass wir an vielen Grundschulen an die Grenzen der räumlichen Kapazitäten kommen. Die Schulen sind nahezu alle in einer Zeit entstanden, da es noch (so gut wie) keine Ganztagsangebote gab. In den vergangenen zehn Jahren ist hier also schon eine Menge getan worden. Aber vor dem Hintergrund, dass investiv nun einige große Schulsanierungen anstehen (Otto-Hahn-Schulen und NCG), sind in den nächsten Jahren größere Erweiterungsbauten kaum möglich.

Es kommt hinzu, dass auch durch die Kinder aus den Familien, die auf der Flucht zu uns kommen, in die Offenen Ganztagsschulen drängen, deren Zahl ebenfalls nicht vorhersehbar war.

Und: Die Offene Ganztagsschule ist ein “offenes Angebot”, somit keine “Pflichtveranstaltung”; es besteht kein Rechtsanspruch auf einen Platz (anders als im Kindergarten). Die Entscheidung, dies zu verändern, müsste das Land treffen. Damit wäre es dann aber auch in der Pflicht, diese Aufgabe zu finanzieren (Konnexität).

Insofern sollten Sie Ihre Anfrage bezüglich der Betreuung von Philipp und Roman bitte an die Landtagsabgeordnete Helene Hammelrath richten. Im Landtag gibt es auch – anders als im Rathaus eine Kantine, bestimmt auch mit gesundem Gemüse. Und das Foyer des Landtags in Düsseldorf ist auch erheblich großzügiger als das kleine Rathaus in Bergisch Gladbach. Im Landtag lassen sich somit auch fußballerisch ganz andere Akzente setzen!

Und wenn Sie mit der Abgeordneten im Kontakt sind, so fragen Sie doch bitte gleich nach einer Aufstockung der Mittel an die Kommunen; denn die heutigen Landesmittel reichen nicht aus, um eine Betreuung in einer Qualität zu gewährleisten, wie wir sie für erforderlich halten. Deswegen fließen erhebliche städtische Mittel in diese Aufgabe (mehr dazu im “P.S.”).

Derzeit sind wir in Bergisch Gladbach – wie in vielen anderen Kommunen – an unseren Kapazitätsgrenzen angelangt.

Natürlich weiß ich, dass diese Auskünfte Ihr Problem nicht lösen. Aber ich fände es nicht in Ordnung, Ihnen falsche Hoffnungen zu machen.

Mit den besten Grüßen, Lutz Urbach

P.S.: Zu den Zahlen: Die Träger der Offenen Ganztagsschulen bekommen pro Platz eine jährliche Pauschale von 2.350 Euro von der Stadt; das sind bei 2.632 Plätzen 6.185.200 Euro. Dem stehen Landesmittel in Höhe von 1.019 Euro je Platz und Jahr und durchschnittliche Elternbeiträge in Höhe von 744 Euro je Platz und Jahr gegenüber. Aus städtischen Mitteln fließen also 587 Euro je Platz und Jahr an die Träger; somit insgesamt gut 1,5 Millionen Euro.

Soweit der Briefwechsel. Jetzt noch ein paar Zahlen mehr.

Bürgermeister Urbach hat eine Reihe von Zahlen genannt. Einige andere jedoch nicht. Daher hatten wir (schon vorab) nachgefragt und uns eine Vorlage der Verwaltung angeschaut, die am Donnerstag im Jugendhilfeausschuss auf der Tagesordnung steht (Dokumentation ganz unten).

Mit einer Versorgungsquote von 64 Prozent steht Bergisch Gladbach im Vergleich mit anderen Städten tatsächlich relativ gut dar. Dennoch stehen derzeit 212 Kinder auf den Wartelisten der Schulen. Der Fall der Familie A. ist also kein Einzelfall.

Für das kommende Schuljahr haben die Träger der OGS insgesamt einen Mehrbedarf von 128 Betreuungsplätzen angemeldet. Die Grundschule Katterbach hat laut Beschlussvorlage (s.u.) übrigens keinen größeren Bedarf gemeldet.

Die Stadtverwaltung schlägt dem Jugendhilfeausschuss allerdings vor, die Kapazitäten nicht um 128, sondern nur um 31 Plätze zu erweitern. Aus Kostengründen.

Denn die städtischen Ausgaben für die Betreuung sind bereits im laufenden Jahr deutlich höher als eigentlich geplant. Würden alle beantragten Plätze eingerichtet müsste die Stadt voraussichtlich 240.000 Euro zusätzlich aufbringen; mit dem Ausbau um nur 31 Plätze soll der Mehraufwand auf 170.000 Euro begrenzt werden.

Unter dem Strich will die Stadtverwaltung im Haushaltsjahr 2017 aus eigenen Mitteln 1,456 Millionen Euro für die Nachmittagsbetreuung ausgeben. Das wären 26.000 Euro mehr als voraussichtlich in diesem Jahr nötig werden.

Dokumentation 3: Beschlussvorlage außerunterrichtliches Angebot 2016/2017

Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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1 Kommentar

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  1. Ich denke, es würde hier helfen, wenn die Angebote flexibler gestaltet werden könnten!

    So benötigten viele Eltern nicht unbedingt die Betreuung für die ganze Woche, sondern vielleicht nur 2-3 Tage. Auf diese Weise könnten sich z.B. zwei Kinder einen Platz teilen.
    Schon wäre das Problem mit der Warteliste reduziert, wenn nicht sogar gänzlich gelöst.

    Aber das wird ja leider nicht angeboten bzw. unterstützt. Schade!

    PS: Ich hoffe, dass Herr Urbach hier auch mitließt und ggfs. reagiert.