„Frauen fahren Frauen” lautet das Motto von LadyCab, aber Dagmar Füllgraf nimmt auch Männer mit. Über die Geschichten, die sie in ihrem Job erlebt, könnte sie ein Buch schreiben, sagt die 1,83-Meter-Frau. Dabei hat die Unternehmerin selbst eine spannende Geschichte. Ein Porträt.

Dagmar Füllgraf ist nicht einfach da, sie ist präsent. Ihre Stimme ist laut, ihr kehliges Lachen ansteckend. Als sie mir die Tür öffnet, fällt mein Blick zuerst nach unten, wo Hündchen Paco aufgeregt um meine Füße tobt, dann nach oben: Füllgraf ist 1,83 Meter groß.

Die 56-Jährige führt ihr Mietwagen-Unternehmen LadyCab von zu Hause aus. Das hat bei Füllgraf Tradition: Als sie mit Anfang 20 Mutter wurde, gründete die gelernte Speditionskauffrau einen heimischen Bügelservice. „Ich wollte für meine Kinder ansprechbar sein“, sagt Füllgraf.

Familie steht für sie im Mittelpunkt. In der Küche, selbst im Büro hängen überall Fotos und große Collagen der Kinder und Enkelkinder. Jeden Tag telefoniert sie mit den zwei Töchtern und dem Sohn. Am Wochenende ist immer mindestens einer von ihnen zu Besuch.

Kontakt zu Menschen, das war es auch, was ihr in ihrem Ausbildungsberuf gefehlt hat. Eigentlich hätte sie gerne etwas Sozialpädagogisches gemacht, aber mit den Kindern ging das nicht. Füllgraf lacht und sagt: „Da war nicht dran zu denken, mich selbst zu verwirklichen.“ Sie sieht nicht so aus, als ob ihr das leidtäte.

Vom Bügelservice rutschte sie erst einmal durch Zufall in die Taxi-Zentrale Bergisch Gladbach. Bald leitete sie das Geschäft.

Doch nach vier Jahren hatte sie die Nase voll. Die ungepflegten Fahrzeuge störten sie, die zum Teil unfreundlichen Fahrer. Manche hätten sich von ihr als Frau nichts sagen lassen, erzählt sie. Immer wieder hörte sie von Kundinnen, dass sie sich unwohl fühlten mit den männlichen Fahrern, Angst hätten.

Als sie eines nachts beinahe in der Zentrale überfallen wurde, reichte es ihr. Und sie hatte eine Idee: ein Mietwagen-Service von Frauen für Frauen. Ihr Mann runzelte die Stirn, als sie ihm davon erzählte. Der Schwiegersohn war hingegen gleich überzeugt. In London gäbe es so etwas längst, sagte er. Damit war LadyCab geboren.

Hauptaugenmerk war von Anfang an die Qualität des Service: Pünktlichkeit, Freundlichkeit und pikobello gepflegte Fahrzeuge. „Das sollte eigentlich normal sein, ist es aber nicht“, sagt Füllgraf und seufzt.

Die Nachfrage stieg schnell. Zu Schnell. Füllgraf hatte ein Auto gekauft und fuhr alleine, so viel sie konnte. Bald erweiterte sie den Fuhrpark, erst um ein, dann um ein weiteres Auto.

Heute hat sie zwei Fahrerinnen und macht immer noch viele Fahrten selbst. Manchmal die erste um 5 Uhr morgens und die letzte um 23 Uhr abends. Sie fährt Geschäftsfrauen zum Flughafen, ältere Menschen zum Friseur, Krebspatienten zur Bestrahlung. Zu 90 Prozent Frauen, aber auch Männer dürfen mitfahren.

Und dann hat sie noch ein paar spezielle Kunden. Die scheint sie besonders zu mögen, obwohl sie ihr oft das Auto schmutzig machen. Es ist eine Handvoll Kinder, die ihr Unternehmen seit sechs Jahren jeden Tag von der Schule abholt, zur Heilpädagogischen Tagesgruppe fährt und abends wieder nach Hause.

Ihre Hände fahren in großen Bögen durch die Luft, als sie beschreibt, wie sie die Kinder an den unterschiedlichsten Stellen einsammeln muss. Dann lacht sie ihr kehliges Lachen und sieht glücklich aus.

Überhaupt sei sie immer wieder mit interessanten Leuten unterwegs. Einmal hat sie den Schlagersänger Peter Orloff gefahren. „Als ich das meinem Sohn erzählt habe, meinte der nur: Wer ist das denn?“ Jetzt lacht sie lauthals.

Manchmal wird es auch richtig emotional. Zum Beispiel, wenn sie Aufträge für das Frauenhaus macht. Sie erzählt von einer Südamerikanerin, die mit ihrem Kind vor dem gewalttätigen Ehemann fliehen wollte und Füllgraf bat, sie zum Flughafen zu fahren.

Dort setzte sie die junge Frau nicht einfach ab: Sie begleitete sie zum Schalter, half ihr, Tickets für die 400 Euro zu bekommen, die sie mit Ach und Krach zusammengekratzt hatte. Als sie danach 50 Euro für Übergepäck bezahlen sollte, griff Füllgraf ohne zu zögern ins eigene Portemonnaie.

Das ist mehr als Service-Qualität. Das ist Präsenz. Und ein bisschen Sozialpädagogik.

Füllgraf musste erst lernen, sich auch mal von der Arbeit zu befreien. Freie Tage kennt sie nicht, seit einer Weile nimmt sie aber regelmäßig mit ihrem Mann kleine Auszeiten von drei, vier Tagen, und zweimal im Jahr versuchen sie zu verreisen.

Den Anstoß dazu gab eine Erkrankung ihres Mannes. „Das Leben kann so schnell zu Ende sein“, sagt Füllgraf.

Er, der am Anfang die Stirn gerunzelt hatte, macht heute die ganze Buchhaltung für LadyCab, nimmt Fahrten an, kümmert sich um die Steuer und um die Angestellten. Füllgraf seufzt. „Wir verstehen uns blind. Ich möchte keinen Tag ohne ihn arbeiten.“

Wie es mit dem Unternehmen weitergeht, lässt sie auf sich zukommen. Vielleicht ein viertes Auto, dazu eine weitere Fahrerin. Aber Pläne macht sie nicht: „Ich habe immer schon für den Moment gelebt.“ Denn Dagmar Füllgraf ist nicht einfach da, sie ist präsent.

Hier finden Sie Dagmar Füllgraf: Website Ladycab

Weitere Beiträge aus dieser Serie:

Menschen in GL: Der Empfindsame

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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2 Kommentare

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  1. Ich bin ein männlicher Fahrgast und werde von Beiden gefahren, bin äußerst zufrieden, es werden nette Gespräche geführt und es gibt immer was zu lachen. Pünktlichkeit und Sauberkeit ist bei diesem Unternehmen selbstverständlich.