Im März sorgte das Sinfonieorchester Bergisch Gladbach mit der Oper „Don Giovanni“ im Bergischen Löwen für musikalische Höhepunkte. Jetzt gab das Ensemble sein Debüt in der Düsseldorfer Tonhalle. Ein Bericht aus dem Inneren des Sinfonieorchesters Bergisch Gladbach.

Das Programm „Beethoven für alle“ mit dem Solisten Daniel Austrich wurde vor ausverkauftem Haus zu einem weiteren Erfolg im Jubiläumsjahr des Orchesters, das vor 50 Jahren gegründet wurde.

Unser Autor Oliver Buslau, seit 2013 Orchestermitglied, berichtet über die Hintergründe der Probenarbeit, über die Faszination an der klassischen Musik, und er beantwortet die Frage: Was ist eigentlich ein Sinfonieorchester? Fotos: Thomas Merkenich

Düsseldorf, 12. Mai 2018, kurz vor zwanzig Uhr. In der Tonhalle, dem großen Konzertsaal direkt am Rhein, stehen wir: etwa 50 Musikerinnen und Musiker in langen Schlangen am hinteren Bühneneingang. In den Händen die Instrumente: Geigen, Celli, Bratschen, Flöten, Klarinetten.

Was uns bevorsteht, ist das bedeutendste Auswärtsspiel des Sinfonieorchesters Bergisch Gladbach in seiner Geschichte. Ein Auftritt in einem der größten Konzertsäle des Rheinlands. Auf einem Podium, auf dem sich sonst die bedeutendsten Musikerinnen und Musiker der Welt die Ehre geben.

Hinweis der Redaktion: Die Fotos von Thomas Merkenich geben einen ersten Eindruck vom Konzert, eine ausführliche Foto-Reportage folgt.

Mit Salyutov vom Kammer- zum Sinfonieorchester

Das Ereignis ist auch eine Geburtstagsfeier: Unser Orchester, 1968 aus einer Gruppe von privat musizierenden Amateuren entstanden, wird 50 Jahre alt. Nach seiner Gründung firmierte es jahrzehntelang als „Kammerorchester Bergisch Gladbach“. Unter Leitung des jetzigen Dirigenten Roman Salyutov, der das Repertoire bei seinem Amtsantritt 2013 auf die große Sinfonik von Beethoven bis Brahms lenkte, wandelte es sich zum Sinfonieorchester.

Wir haben hier in der Tonhalle schon eine so genannte Einspielprobe hinter uns – ein kurzer Testlauf einiger Stellen aus dem Konzertprogramm. Es besteht unter dem Titel „Beethoven für alle“ aus dem einzigen Violinkonzert (mit dem Solisten Daniel Austrich) und der siebenten Sinfonie des Klassikers.

Die Tonhalle hatte einiges zu bieten: Akustik und Komfort

In Düsseldorf ist vieles anders als in unseren gewohnten Konzert- und Probensälen. Abgesehen vom weiträumigen Backstagebereich mit viel Platz hat uns schon beim ersten Ton auf der Bühne die Akustik begeistert: Der kuppelförmige runde Raum der Tonhalle mit seiner nachtblauen Glasdecke, dem hellen Holz der Bühne und den blauen Stuhlbezügen lässt den Klang, an dem wir so lange in detaillierter Probenarbeit gefeilt haben, geradezu aufatmen.

Weitere schöne Details: luxuriös große Notenpulte, dazu Stühle, an denen man die Neigung und Höhe der Lehnen verstellen kann. Der geplagte Rücken des Streichers freut sich.

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Lampenfieber vor der roten Ampel

Die Aufregung unter den Schlangestehenden wächst. Die letzten Minuten vor dem Auftritt sind immer die schlimmsten. Manche schweigen in sich gekehrt. Andere reißen Witze. Jeder versucht der Nervosität wenig Raum zu geben.

Dabei geht der Blick immer wieder auf die Ampel. So eine gibt es neben jeder der beiden Türen zur Bühne. Jetzt leuchtet sie noch rot. Wenn sie grün wird, sollen wir die Tür öffnen und über eine kurze Treppe zügig aufs Podium gehen. So ergibt sich der für das Publikum schöne Effekt, dass die Musiker von allen Zugängen gleichzeitig herauskommen, um an den Pulten Platz zu nehmen.

Die Halle ist ausverkauft – mit 1800 Zuhörern

Überhaupt – das Publikum. Unter der Ampel hängt ein Monitor, der das Innere des Saales zeigt. Die Halle füllt sich. Kein Wunder: Wir sind ausverkauft. Das wussten wir. Aber jetzt zu sehen, wie immer mehr zu ihren Plätzen strömen, ist schon was anderes. Wir werden vor etwa 1800 Menschen spielen! Ich bin erst fünf Jahre dabei, aber ich glaube, das ist ein Rekord.

Wofür sind so viele Geigen gut?

„Warum gibt es in einem Orchester eigentlich so viele Geigen? Reicht da nicht eine? Oder nur ein Cello?“
Solche und ähnliche Fragen höre ich oft von Menschen, die sich eher wenig für Sinfoniekonzerte interessieren und Klassik eher aus der Konserve hören. Oder als Hintergrundmusik beim Italiener.

„Warum steht am Anfang, bevor der Dirigent kommt, immer einer von den Geigern auf? Und was ist das für ein Getöse, das die anderen dann anstimmen?“

„Gibt es in Eurem Orchester Hierarchien? Sind einige besser als andere? Und habt ihr da nicht manchmal Kämpfe auszufechten? Das ist doch in jedem Verein so. Warum nicht auch bei euch?“
Das sind weitere Fragen, die mir begegnen.

Ein gut sortierter Organismus

Ein Sinfonieorchester ist ein Organismus, ein Musikinstrument für sich. Dessen Kern besteht aus der Streichergruppe, die sich wie im Halbkreis vor dem Dirigenten ausbreitet.

Die Sitzordnung erinnert an einen halben Kuchen, der wiederum in vier Teile geteilt ist: die Pulte der erste und zweiten Violinen (auch Geigen genannt), der Violen (auch Bratschen genannt) und der Violoncelli mit den Kontrabässen.

Dahinter, oft etwas erhöht, haben in horizontalen Reihen die Holz- und Blechbläser ihre Plätze, dazu das Schlagzeug.

Der Streicherkern kann seinen Klang nur entfalten, wenn in jeder Stimme mehrere Musikerinnen oder Musiker das gleiche spielen. Eine Sologeige klingt komplett anders als mehrere Geigen, die alle dasselbe anstimmen. Die Streicher, jeweils mit einem sehr großen Tonumfang ausgestattet, bilden also so etwas wie einen Chor.

Bläser, gegen die der Streicherapparat auch ein Gegengewicht bilden muss, sind in der Regel einfach besetzt. Die Gründe liegen in der Balance der Stimmen. Je mehr Bläser, desto mehr Streicher sind nötig.

Hierarchien gibt es durchaus. Zum Beispiel bei den Streichern, bei denen die besten immer vorne am ersten der hintereinander aufgestellten Pulte spielen. Dort sitzt jeweils der Stimmführer oder die Stimmführerin und übernimmt in den Proben und im Konzert Verantwortung für die ganze Gruppe hinter ihm oder ihr.

Das A und die Rolle der Konzertmeisterin 

Der Stimmführer der ersten Geiger am vordersten Pult zum Publikum hin (also gleich links neben dem Dirigenten) ist gleichzeitig der so genannte „Konzertmeister“. Wir haben eine Konzertmeisterin: Birgit Heydel. Sie sorgt dafür, dass das Orchester die Vorstellungen des Dirigenten auch umsetzen kann, gibt (vor allem den Streichern) Tipps zum Üben schwieriger Stellen, leitet manchmal Proben (wenn der Dirigent verhindert ist) und macht vor einer Probe oder Aufführung das Orchester spielbereit.

Das bedeutet: Sie ist dafür verantwortlich, dass gut eingestimmt wird. Sitzen alle auf der Bühne oder im Probenraum, steht sie auf, lässt sich von der Oboe den Ton A geben, stimmt ihre Geige und gibt das A dann an die einzelnen Streichergruppen weiter, woraufhin dann jeder sein Instrument für sich stimmt. Erst dann kommt der Dirigent, der sofort beginnen kann.

Vor den Noten sind alle gleich

Diese Regeln sind in jedem Orchester gleich – bei den Berliner oder Wiener Philharmonikern wie bei uns Laien. Auch sonst ist alles wie bei den Profis. Wenn wir ein klassisches Werk spielen, dann setzen wir dieselben Noten um wie die weltberühmten Klangkörper.

Wir bekommen keinen Amateurbonus, spielen keine „Laienversion“ oder so etwas. Im Gegenteil: Das Publikum hat von CDs, vom Radio oder Livekonzerten den Klang der berühmten Kollegen im Ohr. Diesem Vergleich müssen wir standhalten.

Musiker aus allen Berufen

Das Sinfonieorchester Bergisch Gladbach besteht aus Menschen unterschiedlichster Berufe – vom Lehrer bis zur Rechtsanwältin, von der Laborantin bis zum Journalisten, vom Pensionär bis zum Schüler. Einige sind Profis oder Ex-Profis. Manche haben ihr Instrument studiert, dann aber aus diesem oder jenem Grund doch nicht den Musikerberuf ergriffen, andere hatten oder haben neben der Schule „nur“ Instrumentalunterricht. Das Alter erstreckt sich von 15 bis 65.

Und um es ganz deutlich zu sagen: Unser Orchester sucht Verstärkung! Vor allem Bratschen, Violinen und Kontrabässe. Wer sich als Hornist oder Trompeter einen großen sinfonischen Part zutraut, ist ebenfalls willkommen. Man muss kein Probespiel absolvieren. Kurz Kontakt aufzunehmen reicht (siehe Website am Ende des Artikels).

Auch Solisten und Solistinnen, die gerne mit uns auftreten würden, melden sich immer wieder bei uns. Wir sind schon mit Klarinetten-, Klavier- und Violinkonzerten aufgetreten. Roman Salyutov, der ja auch als Pianist auftritt und viel herumkommt, nutzt für die Solistenfindung seine internationalen Kontakte.

Mit dem Geiger Daniel Austrich, der in Berlin lebt und der neben seinen Auftritten an der Kölner Musikhochschule unterrichtet, ist er einst im heutigen St. Petersburg zur Schule gegangen.

Keine Elektronik, aber klare Führung

Die erwähnte Hierarchie ist ebenso nötig wie ein Grundmaß an Disziplin, auch wenn durch sie die klassische Musik ein wenig den Touch des Undemokratischen bekommt. Die Hierarchie muss es geben – schon allein deshalb, weil außer dem Dirigenten niemand von uns den Gesamtsound des Orchesters hört.

In der klassischen Musik gibt es keine Monitorlautsprecher, es gibt im Prinzip überhaupt keine Elektronik. Keine Mikros, keine Verstärkung, keine technischen Manipulationen. Wenn man in einem Klassik-Konzert Mikrofone sieht, dann liegt das daran, dass das Konzert aufgezeichnet oder übertragen wird.

Außerdem kann man die Aufgabe, durch die gewaltigen und beziehungsreichen Konstruktionen einer klassischen Partitur einen eigenen Weg zu finden, nur mit pädagogisch wie künstlerisch klarer Führung meistern.

Proben werden zu Zeitreisen

In den Proben, die wir jeden Mittwoch Abend im Schulzentrum im Kleefeld, je nach Gelegenheit auch in anderen Schulen oder im Kreishaus in Bergisch Gladbach absolvieren, arbeiten wir uns tief in die Details der Werke hinein.

Für uns Klassikfans ist das wie eine Reise, auf der man ja auch manche Schönheiten nur bemerkt, wenn man von ihnen weiß. Anderes entdeckt man nebenbei am Wegesrand, insofern man genau hinschaut. Ein Musikwerk, in dem man mitgespielt hat, wird man für den Rest seines Lebens mit anderen Ohren hören.

Diese Reise ist auch eine Art Zeitreise. Ich denke beim Proben gerne hin und wieder daran, wie die Musik, die wir da spielen, zu Beethovens Zeit ihren Weg auf das Konzertpodium gefunden hat. Wie bei uns heute saßen damals begeisterte Laien neben Profis. Hoforchester gab es nicht mehr.

Beethoven musste sich aus Mitgliedern der Wiener Theaterorchester und Amateuren für seine Aufführungen immer Ensembles zusammenstellen. Und die spielten dann diese damals ultramodernen Werke nach bestürzend wenigen Proben.

Das Violinkonzert, uraufgeführt am 23.12.1806, war erst am Tag zuvor fertig geworden und erlebte seine Premiere praktisch ohne „Test“.

Wir dagegen hatten unzählige Orchesterproben, vier mit dem Solisten, der das bekannte Werk natürlich lange im Repertoire hat. Für das Konzert, in dem die siebente Sinfonie am 8. Dezember 1813 erklang, engagierte Beethoven sogar Komponistenkollegen, unter anderem seinen Lehrer Antonio Salieri (ja, der aus dem Film „Amadeus“!).

Das Werk ist ein von den Napoleonkriegen inspiriertes, oft an Schlachtengetümmel erinnerndes, mitreißendes Tongemälde. Der langsame Satz, heute berühmt wegen des Einsatzes bei etlichen Filmen (Beispiel: „The King’s Speech“), wurde schon 1813 zum „Hit“. Das vor Begeisterung tobende Publikum verlangte die sofortige Wiederholung.

Nach langer Arbeit winkt das Sahnehäubchen

Gerade weil sich unsere Proben so lange hinziehen, es so lange dauert, bis ein Werk fertig geformt ist (falls man das überhaupt je erreicht), ergibt sich (für mich) ein seltsamer Effekt: Das Konzert ist gefühlt nicht mehr Teil des Ganzen. Es ist etwas eigenes, sozusagen das Sahnehäubchen nach einer langen Zeit der Freude an der Arbeit mit der Musik. Aber Sahnehäubchen sollte man nicht unterschätzen.

Grün

Die Uhr rückt vor. Die Anspannung wächst.
Noch eine Minute.
„Grün“, sagt jemand vorne an der Tür.

Es kommt Bewegung in die Schlange. Und während ich mit der Bratsche in der Hand die Stufen zum Podium erklimme, brandet im Saal der Begrüßungsapplaus auf.

Es geht los.

Einen lebendigen Einblick in das Konzert bietet dieser Ausschnitt:

Roman Salyutov hat das Konzert zu einem Appell an die Bergisch Gladbacher Politik und Verwaltung genutzt, neben Karneval und Fußball endlich auch die Kultur der Stadt ernst zu nehmen. Facebook

Informationen zum Sinfonieorchester gibt es auf der Website. Die nächsten Konzerte des Sinfonieorchesters Bergisch Gladbach finden Sie hier

Hinweis der Redaktion: Oliver Buslau kann nicht nur die Arbeitsweise eines Sinfonieorchesters erklären, sondern weiß auch, wer eigentlich Elise war. Und welches Rätsel die „Kleine Nachtmusik“ birgt.  Die Antworten liefert er im Buch „111 Werke der klassischen Musik, die man Kennen muss” im (Emons Verlag). Mehr Infos dazuauf Amazon. Aber das Buch ist zum gleichen Preis auch beim Buchhändler vor Ort erhältlich. 

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Oliver Buslau

spielt seit 2013 im Sinfonieorchester Bergisch Gladbach Bratsche. Der studierte Musikwissenschaftler arbeitete bei der Schallplattenfirma EMI Classics, und ist unter anderem Autor von zehn Bergischen Kriminalromanen. 2017 veröffentlichte er das Sachbuch „111 Werke der klassischen Musik, die man kennen...

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