Eddi Stoffel, Markus Kerckhoff, Julia Kämmerling, Paul und Anton Grünewald, Aja Südkamp, Marlene Hoffmann und Marcus Fehler.

Kontakte mit Menschen und verschiedensten Schicksalen, das sind Erfahrungen, die die Bundesfreiwilligendienstler der Gladbacher Tafel nicht missen möchten. Und die Tafel möchte nicht mehr auf ihre „Bufdis“ verzichten. Drei junge Freiwillige und fünf Ehrenamtler erzählen, was sie voneinander haben – und werben um neue Bufdis.

Noch heute erinnert sich Paul Grünewald daran, wie er das erste Mal bei der Bergisch Gladbacher Tafel arbeitete. Es war ein Samstag, einer der zwei Ausgabetage in der Kalkstraße 43. „Als ich gesehen habe, wie viel Brot hier reinkommt, dachte ich: Wow!“

Acht bis neun Tonnen Lebensmittel erhält die Tafel jede Woche von den Gladbacher Geschäften. Für Grünewald inzwischen nichts Überraschendes mehr. Seit bald einem Jahr engagiert sich der 18-Jährige als Bundesfreiwilligendienstler beim Tafel-Verein. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Anton und drei weiteren „Bufdis“.

Beim Termin in der Kalkstraße erzählen die Grünewald-Brüder und Kollegin Julia Kämmerling von ihren Erfahrungen und werben für den Bundesfreiwilligendienst bei der Tafel. „Ich kann das nur empfehlen“, sagt Anton Grünewald. „Die Arbeit macht Spaß, man lernt viele Menschen und unterschiedliche Schicksale kennen. Das sind ganz wertvolle Erfahrungen.“

Schwere Kisten und frische Ideen

Die fünf Bufdis arbeiten durchschnittlich 25 Stunden pro Woche, einmal an drei, einmal an vier Tagen. Ihre Aufgaben sind vielfältig: von der Abholung bei den Supermärkten über die Sortierung der Waren bis hin zur Essensausgabe – dienstags und samstags in der Kalkstraße, donnerstags in Bensberg.

Für die Ehrenamtler sind die jungen Leute ein Segen. Viele von ihnen sind dabei, seit der Verein 2006 gegründet wurde. Und  sie sind mit der Tafel zwölf Jahre älter geworden.

So wie Marlene Hoffmann und Aja Südkamp. „Uns fehlt der Zugang zu jungen Leuten“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Markus Kerckhoff, „und dann gibt es auch noch ganz praktische Argumente: Was wir machen, ist zum Teil richtig körperliche Arbeit.“

Viele frisch Pensionierte interessierten sich für den Tafel-Verein, erzählt Kerckhoff, aber sobald sie es einmal probiert hätten, kämen viele von ihnen nicht wieder. Die acht, neun Tonnen Lebensmittel pro Woche müssten schließlich vom Geschäft ins Auto und vom Auto in die Ausgabestelle getragen, sortiert, zum Teil weggeschmissen werden.

Hinzu komme die Kontinuität. Viele Ehrenamtler wollten sich – zu Recht, so Kerckhoff – nicht zeitlich festlegen. Mit den Bufdis sei jeden Morgen um 8.30 Uhr jemand da, um die die Tür aufzuschließen.

Und zu guter Letzt seien die jungen Leute auch eine Bereicherung, weil sie freier an die Dinge herangingen. „Wenn man zehn Jahre lang dasselbe macht, hat man irgendwann einen Tunnelblick. Die Bufdis sehen die Dinge ganz anders“, sagt Kerckhoff.

Anton Grünewald erzählt, dass er angeregt hat, die Lebensmittel-Spenden direkt im Laden auszusortieren und nicht erst in den Tafelräumen. „Wir haben spezielle Regeln, schwarzen Blumenkohl zum Beispiel schmeißen wir weg. Also sollten wir ihn gar nicht erst mitnehmen.“

Eddi Stoffel, seit acht Jahren ehrenamtlich bei der Tafel, ergänzt: Der Verein habe rund 130 ehrenamtliche Mitarbeiter, die in unterschiedlichen Gruppen zusammenarbeiten. Da bleibe die Kommunikation schon mal auf der Strecke. Die Bufdis, die in allen Gruppen mitwirken, füllen diese Lücke.

Aber auch Julia Kämmerling, Paul und Anton Grünewald profitieren von ihrer Arbeit. Bei den Touren zum Beispiel. Jeden Tag fährt mindestens einer von ihnen mit, Essen abholen, und wenn gerade kein Fahrer da ist, übernehmen sie selbst das Steuer. Paul Grünewald: „So können wir das Autofahren üben und gleichzeitig was Sinnvolles tun.“

Außerdem hat er festgestellt, dass ihn das Jahr bei der Tafel offener gegenüber anderen Menschen gemacht hat. Wenn er zum Beispiel heute beobachtet, dass ein Flüchtling Verständigungsprobleme hat, geht er hin und versucht zu helfen.

Politische Bildung: Seminare und Austausch

Bei begleitenden Seminaren lernen die Bufdis außerdem Kollegen aus ganz Deutschland kennen, besuchen andere Tafeln, etwa in Hamburg oder Berlin, und erfahren, wie unterschiedlich sie funktionieren. Manche geben Kleidung aus, servieren Kaffee und Kuchen oder packen die Lebensmittelkisten für ihre Kunden schon im Vorfeld.

Dafür ist die Gladbacher Tafel zu groß, sagt Eddi Stoffel. Rund 350 Haushalte versorgt der hiesige Verein, insgesamt 950 bis 1000 Menschen, Woche für Woche.

Als die Essener Tafel ankündigte, keine Ausländer mehr aufzunehmen, waren die Bufdis waren gerade auf einem Seminar. Natürlich wurde der Fall zum Thema. Die meisten konnten nicht nachvollziehen, warum alle gegen die Tafel schimpften, sagt Anton Grünewald. Er persönlich fand, dass der Staat hätte einspringen müssen.

Markus Kerckhoff nickt. „Das ist das eigentliche Problem“, sagt er, „die Tafeln übernehmen staatliche Aufgaben – auf ehrenamtlicher Basis.“

Im Sommer und Herbst sind neue Stellen zu besetzen

Um weiterhin Menschen helfen zu können, braucht die Gladbacher Tafel Unterstützung. Für das kommende Jahr sind noch mehrere Bufdi-Stellen zu besetzen: Zwei ab 1. August oder 1. September 2018, eine ab dem Frühjahr 2019.

Bewerbung mit einer kurzen E-Mail an bfd@bergisch-gladbacher-tafel.de, Ansprechpartner ist Markus Kerckhoff.

Und wie geht es für die aktuellen Bufdis weiter? Julia Kämmerling macht eine Ausbildung als Bankkauffrau. Paul Grünewald hat schon einen Platz für ein Duales Studium der Wirtschaftsinformatik, sein Bruder Anton möchte das Gleiche machen, ist aber noch im Bewerbungsprozess.

Wenn sie irgendwie Zeit finden, möchten alle drei gerne weiter bei der Tafel helfen. Marlene Hoffmann schmunzelt und sagt: „Samstags können wir hier immer Leute brauchen!“

Bufdi bei der Tafel: Zahlen und Fakten

  • Zielgruppe: Jede und Jeder nach Erfüllung der Schulpflicht – ohne Altersgrenze nach oben
  • Dauer: in der Regel 12 Monate, mindestens jedoch 6 Monate; eine Verlängerung ist möglich
  • Arbeitszeit: 25 Stunden pro Woche; alternative Modelle sind möglich (etwa für Flüchtlinge, die noch Sprachkurse absolvieren, ab 10 Stunden pro Woche)
  • Entgelt: je nach Alter und Familienstand, ca. 170 Euro pro Monat vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben plus 40 Euro vom Tafel-Verein
  • Pädagogische Begleitung: insgesamt 25 Tage Seminar zur politischen Bildung
  • Weitere Infos gibt es auf der Webseite der Bergisch Gladbacher Tafel e.V.

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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