Bergisch Gladbach ist nicht Essen: Die Armut trifft hier auf eine gut funktionierende Tafel. Verteilungskämpfe gibt es nicht, das Angebot ist mehr als ausreichend. Dennoch hat die Tafel auch hier ein großes Problem.

Die Debatte über den Aufnahmestopp für Flüchtlinge in Essen hat der Tafel-Bewegung viel Aufmerksamkeit verschafft. Auch in Bergisch Gladbach – und darüber ist Markus Kerckhoff, Vize-Vorsitzender des lokalen Tafel e.V., gar nicht unglücklich: „Die Diskussion über Merkels Kritik an den Essener Kollegen zeigt doch, wie groß die Tafelbewegung in Deutschland geworden ist.” 

Auch in Bergisch Gladbach ist der Anteil der Ausländer an den Kunden der Tafel seit 2015 kräftig gewachsen, berichtet Kerckhoff. Auf zehn Deutsche kämen in den Ausgabestellen in der Kalkstraße und in der Reginharstraße derzeit 13 Nicht-Deutsche.

Für eine Einschränkung des Angebots oder einen Aufnahmestopp sieht er dennoch keinen Grund. Für den Schritt der Kollegen in Essen, die Ausgabe neuer Ausweise an Ausländer zeitweise auszusetzen, hat er zwar Verständnis. Eine solche Notbremse sei in Bergisch Gladbach aber nicht nötig.

Im Gegenteil, die Verantwortlichen der Tafel würden lieber mehr aufs Gas treten. Denn die Nachfrage der Bedürftigen nach dem reichlich vorhandenen Angebot ist ziemlich schwach.

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In der Kalkstraße 43 in der Innenstadt und in der Reginharstraße 12 in Bensberg läuft alles gut organisiert, störungs- und konfliktfrei. Die neuen Kunden, die Flüchtlinge, verursachen keine offensichtlichen Probleme. „Wir haben in zehn Jahren einmal die Polizei gerufen, weil sich zwei deutsche Frauen nicht einigen konnten, wer zuerst dran ist. Das war’s,“ sagt Kerckhoff. 

Dazu trägt ein ausgeklügeltes System bei. Alle Kunden sind in Gruppen eingeteilt, denen von Woche zu Woche wechselnde Schichten zugeteilt werden. Ein computergesteuertes Warensystem sorgt dafür, dass auch der letzte Kunde eine gute Auswahl bekommt und dennoch wenig weggeschmissen wird. Gedrängel, Geschubse oder feindliche Stimmung kommen daher nicht auf, bestätigen Kunden.

„Wir sind als Kaufleute angetreten”

Im Gegensatz zu vielen anderen Tafeln ist der Bergisch Gladbacher Verein von Geschäftsleuten gegründet worden, von Kerckhoff, Marcus Fehler, Britta Schmitz und Olaf Schmiedt. Die vier bilden bis heute den Vorstand. „Wir sind als Kaufleute angetreten und legen großen Wert auf stabile, klare Prozesse – die auch ohne uns weiter funktionieren“, erläutert der Apotheker Kerckhoff. 

Marcus Fehler, Markus Kerckhoff, Britta Schmitz und Olaf Schmiedt mit (Ex-Landrat) Tebroke (2.v.r.)

Die Arbeit wird von 123 ehrenamtlichen Mitarbeitern geleistet, die im Schnitt 16,6 Stunden im Monat einbringen; 14 von ihnen sind auch Kunden der Tafel. Seit einiger Zeit beschäftigt die Tafel vier junge Leute im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes, was die Strukturen weiter gefestigt hat. (Demnächst werden neuen „Bufdis“ gesucht.)

Sie wollen bei der Tafel mitarbeiten? (Bitte anklicken)
Die Tafel bietet für Interessenten an einer Mitarbeit eine Führung durch die Tafel, Informationen zur Tafelarbeit und die Beantwortung von Fragen an. Die Veranstaltungen dauern ca. zwei Stunden und finden in der Kalkstr. 43 statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich: Die nächsten Termine:

Mittwoch, 10 Uhr: 4. April, 2. Mai, 6. Juni
Mittwoch, 18.30 Uhr: 28. März, 25. April, 30. Mai, 27. Juni 

Das Angebot, das von den 45 Geschäften und einem Unternehmen der Region, aber auch über den Bundesverband der Tafeln zur Verfügung gestellt wird, ist reichhaltig. Mit den zwei Euro, die die Kunden pro Einkauf zahlen, den Beiträgen der im Moment 123 Mitglieder und den Spenden komme man gut aus, könne auch die notwendigen Fahrzeuge anschaffen.

Gedanken machen sich Kerckhoff und seine Vorstandskollegen also nicht über das Angebot. Wohl aber über die Nachfrage. Denn die ist, trotz der Armut, die auch im wohlhabenden Bergisch Gladbach um sich greift, relativ schwach ausgeprägt: „Erreichen wir alle? Erreichen wir diejenigen, die es wirklich brauchen?”

Zwar besitzen 4865 Haushalte (mit insgesamt 9787 Personen) derzeit einen gültigen Ausweis der Bergisch Gladbacher Tafel. Pro Woche kommen aber nur 369 Haushalte (mit 1.014 Personen) in die beiden Ausgabestellen. 

Das heißt gleichzeitig, dass Woche für Woche rund 4500 Familien (mit 8700 Personen, davon 40 Prozent Kinder)  auf einen Tafel-„Einkauf” verzichten, für den sie berechtigt wären. Und der ihnen jede Woche bis zu drei Kisten mit Lebensmittel verschaffen könnte. Im Wert von bis zu 50 Euro, für eine Gebühr von zwei Euro. 

Dazu kommen noch viele Haushalte, die theoretisch für einen Tafel-Ausweis in Frage kommen, ihn aber nicht beantragt haben. 

Hintergrund: So werden Sie Kunde der Tafel
Wer als Kunde der Tafel Lebensmittel erhalten möchte, muss sich einen Kundenausweis ausstellen lassen, seinen Personalausweis oder Reisepass zur Lebensmittelabgabe mitbringen und pro Abgabe und Haushalt zwei Euro zahlen.

Für einen Kundenausweis sind diese folgenden Voraussetzungen zu erfüllen:
  • Wer Hartz IV Empfänger ist, bringt seinen Leistungsbescheid (SGB II, SGB XII, AsylbLG) sowie seinen Personalausweis oder Reisepass mit 
  • Wer kein Hartz IV Empfänger ist, aber die Einkommensgrenzen (bei einer Person € 1.000,00, bei zwei Personen € 1.300,00, bei drei Personen € 1.600,00, bei vier Personen € 1.900,00, bei fünf Personen € 2.200,00 bei sechs Personen € 2.500,00, für jede weitere Person € 300,00 mehr) nicht überschreitet, bringt einen Einkommensbeleg (aktuelle Gehaltsbescheinigung, letzter Rentenbescheid oder ähnliches) und seinen Personalausweis oder Reisepass mit.
Kundenausweise gibt es in der 
  • Kalkstraße 43: dienstags von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr sowie samstags von 14 Uhr bis 16 Uhr
  • Reginharstraße 12: donnerstags von 14.45 Uhr bis 15.30 Uhr

Warum das gute Angebot der Tafel nicht stärker angenommen wird, kann Kerckhoff nur zum Teil erklären. An den Flüchtlingen liege es nicht. Sondern an den gesellschaftlichen Trends, die seit 20 Jahren den Solidargedanken, dörfliche und familiäre Strukturen schwächten.

Das führe zu zwei konkreten Punkten, die es der Tafel schwer machten, ihre potenziellen Kunden zu erreichen. 

Erstens sind nach Kerckhoffs Beobachtung viele Menschen nicht mehr in der Lage, Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen und sich so weit zu organisieren, dass sie Angebote wie das der Tafel abrufen können. Die Ausgabezeiten werden vorgegeben, darauf muss man sich einstellen.  

Zum anderen gebe es in einer wohlhabenden Stadt wie Bergisch Gladbach eine höhere Hemmschwelle, als zum Beispiel im Ruhrgebiet. „Eine deutsche Oma schämt sich bei uns, Lebensmittel von der Tafel anzunehmen”, sagt Kerckhoff. Lieber spare sie am Notwendigsten, als sich in den Räumen der Tafel sehen zu lassen. Armut wirkt wie ein Stigma.

Unter diesen beiden Effekten, so Kerckhoff, litten vor allem „Kinder, die sich nicht wehren können – und Ältere, die sich nicht mehr ändern können.”

Daher seien Mittagstisch-Projekt wie es sie unter anderem in der Nikolaus-Kirche in Bensberg, in der Gnadenkirche und in St. Laurentius gibt, sehr sinnvoll. Auch die Tafel wolle in Zukunft über die eigenen Strukturen hinaus wirken und sich mit den Kirchengemeinden und Wohlfahrtseinrichtungen zusammentun, um der Armut von Familien und der Altersarmut entgegen zu wirken.

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. Der Bericht über die Bergisch Gladbacher finde ich ausgezeichnet. Ich ärgere mich über die Berichterstattung der Medien über die Tafel in Essen. Der Skandal in Deutschland ist, das viele Lebensmittel von Herstellern, Händlern und Geschäften in die Mülltonne wandern. Die Tafeln wären nicht möglich, wenn Lebensmittel ausgegeben würden. An wen sollen diese noch brauchbaren Lebensmittel gegeben werden, wenn nicht an Bedürftige. Die Lebensmittel werden zusätzlich an Bedürftige ausgegeben, damit diese einen gewissen geldlichen Puffer angelegen können. Aus den Ausführungen ist ersichtlich, das viele Bedürftige die Tafel nicht beanspruchen. Viele Rentner und Geringverdiener, die weniger als die Hartz IV Sätze bekommen, kommen mit weit weniger Rente zurecht und scheuen den Gang zu Behörden und sozialen Einrichtungen.

  2. Aus aktuellem Anlass möchten auch wir als „Mobile Nachbarn in Schildgen“ gerne noch einmal darauf hinweisen, dass wir mit unserem Engagement nicht nur Flüchtlinge, sondern alle bedürftigen Menschen unterstützen. Das haben wir in den zurückliegenden zwei Jahren seit unserer Gründung so gehandhabt und das wird sich auch nicht ändern. Im Gegenteil: Auch wir würden gerne noch mehr Menschen erreichen. Im Übrigen gilt das an allen drei Standorten des Verbundes. Also auch in Paffrath und Lückerath.

    Aber was genau versteht man unter Bedürftigkeit? Wer seinen MobilPass des VRS oder eben seinen Kundenausweis der Tafel Deutschland e.V. vorlegen kann, kann unseren „Service“ in Anspruch nehmen. Ansonsten gelten die Bedingung zum Erhalt des MobilPass (Link unten) mit anderem geeignetem Nachweis (Leistungsbezug, etc.).

    https://www.vrsinfo.de/tickets/mobilpass-tickets.html