Eine Gewalterfahrung, Ängste und Depressionen führten unsere Autorin in die Alkoholsucht. In unserer Serie zum alltäglichen Miteinander von Menschen mit und ohne Handicap beschreibt Angela Mascharz, wie sie aus der Sucht herausfand (mit einer ausführlicher Liste von Anlaufstellen in Bergisch Gladbach).

Es ist gar nicht so einfach, mein Leben in Bergisch Gladbach als Suchtkranke zu beschreiben. Ja, ich habe ein Handicap, auch wenn man es mir auf den ersten Blick nicht anmerkt. Ich bin nicht auf den Mund gefallen, bin gut organisiert und habe Humor.

Aber es gibt auch sehr schlechte Zeiten, da ziehe ich mich in mein Schneckenhaus zurück und werde stumm, ja fast apathisch. Meist gibt es neben der Alkoholerkrankung auch noch andere Diagnosen. Bei mir sind es Ängste, Persönlichkeitsstörungen und Depressionen.

Das macht es nicht gerade einfacher. Vor allem, weil es in unserer Gesellschaft noch immer Vorurteile gegenüber psychisch Kranken gibt. Für die meisten ist es nur sehr schwer vorstellbar und sie können oder wollen sich nicht in diese Lage hineinversetzen.

Gerade mit dem Alkohol ist das so eine Sache: Unsere Gesellschaft trinkt einfach viel und gerne. Aber es ist auch heute noch ein Tabu-Thema, wenn man den Alkohol nicht mehr im Griff hat. Und doch passiert es – jeden Tag: in der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit.

Ich frage Sie: „Möchten Sie mit so einem Menschen z.B. eine schöne Wanderung machen?“ Schade, wenn nicht, Sie könnten einen wertvollen Menschen verpassen. Das frage ich mich auch, wenn ich in in einer der vielen Eisdielen in der Hauptstraße sitze: „Was würden die Leute wohl denken, wenn die wüssten…?“

Den inneren Vulkan zur Ruhe bringen

Vor Jahren bin ich einem schweren Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen und habe immer häufiger meine Ängste, Gefühle und Gedanken durch den Alkohol betäuben wollen.

Ich war früher Ernährungsmedizinische Beraterin, hatte eine Eigentumswohnung und viele materielle Dinge. Aber ich war nicht glücklich. Ich habe nie aus Genuss getrunken. Sondern, um mal aus meinem Hamsterrad auszusteigen und den inneren Vulkan zur Ruhe zu bringen.

Der Alkohol war mein Weg, um zur Ruhe zu kommen und zu vergessen. Irgendwann habe ich dann jeden Tag „hartes Zeug“ getrunken, weil ich anders nicht mehr konnte.

Und mir war klar, dass ich nur abstinent werden kann, wenn ich einigermaßen glücklich bin und es schaffe, mein Leben auch ohne das „Abschießen“ auszuhalten.

Weichenstellen für das Leben „danach“

Mit diesem Gedanken, aber auch einem Plan, bin ich nach Bergisch Gladbach gekommen. Es war August 2010, ein heißer Sommer, die Natur war am Verdursten, alles war braun.

Während eines langen Aufenthalts in den LVR-Kliniken Bonn wurde ich mal so richtig unter die Lupe genommen. Mir hat es sehr geholfen zu erfahren, dass ich noch unter anderen psychischen Erkrankungen wie Ängsten, Persönlichkeitsstörungen und Depressionen litt und der Alkohol in meinem Fall wahrscheinlich meine Lösung war, um damit klar zu kommen.

Insgesamt war ich vier Monate in der Klinik. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich hier wahrscheinlich die wichtigsten Weichen für mein Leben „danach“ gestellt habe.

Während dieser Zeit habe ich mir bereits ein erstes Netzwerk aufgebaut. Ich habe feste Termine mit der Kette (Psychosoziales Zentrum), der Suchtberatungsstelle der Caritas und der Psychosomatischen Klinik am Schlodderdicherweg gemacht. Denn niemand muss den Weg aus einer Krankheit alleine gehen.

Es sind erste Anlaufstellen, und auch langfristig sind es diese Einrichtungen, die einem Unterstützung geben können – mit Gesprächen, Austausch und Ansprechpartnern.

Ein Sicherheitsnetz aus Anlaufstellen

Ich hatte schon von Anfang an in Bergisch Gladbach für mich wichtige Kontakte geknüpft. Also nicht nur fachliche, kompetente Hilfe, sondern auch das Gespräch mit ähnlich Betroffenen – das hat Mut gemacht! Dieses Netzwerk hat mir die Sicherheit und den Schutz gegeben, nie mehr so tief zu fallen – ähnlich wie das Sicherheitsnetz bei den Luftakrobaten.

Zusätzlich habe ich mich bei der Wohnungssuche freiwillig für das Ambulante Betreute Wohnen (BEWO) entschieden. Das hat nichts mit Bevormundung zu tun. Es bietet Betroffenen die Hilfe an, die sie benötigen. Bei mir ist es mein hypersensibles Seelchen, bei anderen vielleicht die Hilfe bei der Haushaltsführung, Finanzen oder Ämtergänge.

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Ich war und bin immer noch erstaunt, wie viele Hilfsangebote es in Bergisch Gladbach gibt. Auch bei der Arbeitssuche habe ich Unterstützung gefunden. Die Institutionen „Mensch & Arbeit, Förderinitiative RheinBerg“ oder der GL-Service sind auf Arbeitswünsche, aber auch auf mein Leistungsvermögen, eingegangen mit viel Zeit und Emphatie. Zeit, die die Mitarbeiter der Arbeitsämter nicht haben.

Hinweis der Redaktion: Informationen zu den Anlauf- und Beratungsstellen haben finden Sie unten

Mein Netzwerk hat mir auch eine Struktur gegeben. Sowohl die Caritas als auch die Kette bieten viele Freizeitaktivitäten an. Durch die Teilnahme habe ich mir selber weniger Möglichkeiten gegeben, mich in mein Schneckenhaus zurück zukriechen und in meine alten Mustern zu verfallen.

Thai Chi Kurse, Theater AG, aber auch der Trialog (Gesprächskreis für Psychiatrie Erfahrene, Angehörige, Fachkräfte) der Kette waren für mich sehr wichtig. Das Netzwerk Gesundheit-Sport-Erlebnis der Caritas bietet für Betroffene eine große Palette an sportlichen Aktivitäten, Wanderungen, Yoga-Kursen und Reisen an.

Eine wichtige Unterstützung ist für mich auch der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe. Beim Paritätischen Wohlfahrtsverbandes gibt es eine Kontaktstelle der Selbsthilfegruppen im Bergischen Land, hier wird man bei der Suche nach der passenden Selbsthilfegruppe unterstützt.

Ende Juni  (für mich leider zu spät …) wurde das Büro der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB)in der Hauptstraße 299 eröffnet. Was ist DAS? Die EUTB unterstützt und hilft bei allen Fragen rund um die Teilhabe am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben. Das Angebot richtet sich vor allen an Menschen mit Behinderungen (körperlich, psychisch oder geistig) aber auch an die Menschen die von einer Behinderung/Handycap bedroht sind, sowie deren Angehörige. Die Beratung ist kostenlos und unabhängig von Trägern bzw. Institutionen.

Mein Leben ohne Alkohol

Heute lege ich auch nicht mehr so viel Wert auf das Materielle, denn für mich bedeutet ein glückliches Leben vor allem ein Leben mit Freude – und ohne Alkohol.

Mittlerweile arbeite ich vier Tage die Woche als Bei-Köchin in einem Integrationsbetrieb der Kette (DKI). Hier habe ich die Möglichkeit, aktiv am Arbeitsleben teilzunehmen. Ich gehe mit meiner Krankheit offen um und bekomme hierfür oft Wertschätzung entgegengebracht.

Meine größte Angst ist die vor einem Rückfall. Aber ich habe gelernt mit meiner Sucht umzugehen und mir ein Leben aufzubauen, mit dem ich im Großen und Ganzen zufrieden bin und in dem ich wieder genießen und Spaß haben kann. Auch durch meine Ehrenämter erhalte ich sehr viel Wertschätzung. Ich berate z.B. andere Betroffene (Peer Counseling: Beratung auf Augenhöhe, bei der Kette) und leite eine Selbsthilfegruppe. Es ist die richtige Mischung, die für mich die Hilfe ausmacht.

Dadurch habe ich für mich einen Weg gefunden, wie ich glücklich sein kann. Ich habe mich verändert, bin dankbar für jeden Tag und kann die kleinen Dinge des Lebens viel mehr genießen.

Ich habe meinen Weg aus der Sucht gefunden. Es macht mich glücklich und stolz, wenn ich anderen Betroffenen ein Stück weit helfen und sie auf ihrem Weg begleiten kann. Das alles lässt mich ziemlich optimistisch sein, dass ich keinen Rückfall mehr haben werde.

Denn ich weiß: Es gibt keine pauschale Lösung. Aber es gibt viele Hilfen, aus denen der individuelle Weg entsteht, der einen jeden Tag ein Stück stärker und glücklicher macht. Ich bin mir sehr sicher, daß die Leute die mir Begegnen nicht damit rechnen einer „Säuferein“ und psychisch Kranken („Verrückten“) begegnet zu sein.

Anlaufstellen in und um Bergisch Gladbach

Erste Hilfe:

  • LVR-Kliniken Bonn: Behandlung, Betreuung und Versorgung psychisch und neurologisch kranker Menschen
  • Die Kette (Sozialpsychiatrischer Dienst): Beratung und Betreuung für psychisch kranke Menschen und deren Angehörige
  • Suchtberatungsstelle der Caritas: Informationen über die Wirkung und Folgen von Suchtmittelkonsum, den Suchtverlauf, die Behandlungsmöglichkeiten und Selbsthilfegruppen. Entwicklung individuellen Lösungswege. Wenn nötig Vermittlung in eine qualifizierte Entzugsbehandlung.
  • Psychosomatische Klinik Bergisch Land: Psychiatrische Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen. Stationäre Akutbehandlung, medizinische Rehabilitation (Entwöhnungsbehandlung), Institutsambulanz mit Behandlungs-, Betreuungs- und Beratungsangeboten für Betroffene und deren Angehörige, aufsuchendes Betreutes Wohnen  und Wohnheim

Arbeitssuche:

  • GL-Service: Niederschwellige so genannte „Arbeitsgelegenheiten“, bei denen unter intensiver Anleitung zusätzliche gemeinnützige Aufgaben für die Kommune sowie für soziale und kariative Einrichtungen erledigt werden. Erfahrungsmöglichkeiten im sozialen, hauswirtschaftlichen oder hausmeisterlichen Bereich, um sich zu erproben und diese Berufsbereiche kennenzulernen. Teilnehmer an Arbeitsgelegenheiten erhalten zusätzlich zu ihrer Regelleistung eine Mehraufwandspauschale. Die Möglichkeit der sozialpädagogischen Betreuung, Beratung und Hilfe steht allen Teilnehmenden kostenfrei zur Verfügung und ist fester Bestandteil der Maßnahme.
  • Mensch & Arbeit, Förderinitiative RheinBerg: Vermittlung von Langzeitarbeitslosen in so genannte Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung. Die Mitarbeiter von Mensch & Arbeit sind die Ansprechpartner für das JobCenter, für die Teilnehmer an den Arbeitsgelegenheiten und für die beteiligten Einrichtungen, die die Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Sie sind zugleich verantwortlich für die passgenaue Vermittlung in eine geeignete Arbeit, die psycho-soziale Begleitung und die Qualifikation.

Alltag und Freizeit:

  • Trialog: Gesprächskreis um Erlebtes in und mit der Psychiatrie, für Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Fachkräfte
  • Netzwerk Gesundheit-Sport-Erlebnis: Erlebnis, sportliche Aktivitäten und ein gesundes und bewusstes Leben für abstinent orientierte Menschen aus dem Suchtbereich
  • Freizeit in Gesellschaft: Erholung, Sport und Kultur inklusiv im Rheinisch-Bergischen Kreis

Hilfe und Selbsthilfe:

Weitere Beiträge dieser Serie:

Anders sehen, einander verstehen: Smarte Helfer

Anders sehen + verstehen: Der Klingel sei Dank

Anders sehen, einander verstehen: Mit Wort + Stock

Anders sehen – einander verstehen

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2 Kommentare

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  1. Eine starke und liebenswerte Persönlichkeit, und ich bin froh, dass ich sie kennenlernen durfte, was ohne unsere unterschiedlichen, und doch ähnlichen Erkrankungen nie passiert wäre.
    Ich finde es toll, dass immer mehr psychisch erkrankte Menschen den Weg in die Öffentlichkeit gehen, um offen über ihre Erkrankung zu reden. Ich hoffe, dass das Thema psychische Erkrankung irgendwann kein Tabu mehr ist. Denn jeden kann es treffen und niemand ist es selber schuld!
    Danke Angela, für deinen Beitrag!