Haben Sie den Blindenstock bemerkt? Er ermöglicht Menschen mit Sehbehinderung, sich frei zu bewegen - erfordert aber Rücksicht.

Haben Sie den Blindenstock bemerkt? Er ermöglicht Menschen mit Sehbehinderung, sich frei zu bewegen – erfordert aber Rücksicht.

Auf der Skipiste oder in der Kletterwand kommt unsere Autorin gut klar, aber im Alltag gerät sie mitunter in Konflikte mit Menschen, die ihr helfen wollen. Denn sie ist blind. Wie man sich verhalten sollte, damit die Hilfe wirklich hilft, erläutert Daniela Ali zum Start einer Serie aus dem Alltag eines Menschen mit Behinderung.

Ich gehe ins Kino und schaue mir Filme an, genauso wie ich Fernsehen gucke. Ich gehe wandern und fahre Ski. Besonders gerne klettere ich am Seil, Bücher lese ich auch. Jetzt fragen Sie sicher: „Ja und, was ist daran anders?“ Ich bin blind.

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Das unterscheidet mich zu den meisten Bürgern meiner Stadt Bergisch Gladbach. Dennoch mache ich viele Dinge, die auch Menschen gern tun, die nicht blind sind. Darin sind wir uns also gleich. Und trotzdem gibt es oft gewaltige Unterschiede in der Art und Weise, wie Menschen mit Sehbeeinträchtigung diese Sachen tun.

Diese Unterschiede führen leider auch zu Begegnungen, die nicht so schön und bisweilen auch gefährlich sind. Fast immer liegt der Grund dafür in der Unkenntnis, warum ein Mensch mit einer Sehbeeinträchtigung wann wie reagiert oder wann er welche Hilfe braucht.  

Sicher haben Sie auch schon einmal gehört oder vielleicht sogar selbst erlebt, dass sie einem Menschen mit Handicap helfen wollten und dieser die Hilfe barsch zurückgewiesen hat. Ich selbst habe auch schon einige Male Menschen sagen hören „Behinderten helfe ich nicht mehr“. Ich glaube nicht, dass das die schönste Lösung ist. Um das zu erklären möchte ich Ihnen ein konkretes Beispiel geben:

DBSV-Broschüre „Nicht so – sondern so“

Ich stehe an einer Bushaltestelle und höre den Bus kommen. Wenn die Umgebungsgeräusche nicht zu laut sind, kann ich das besondere Motorengeräusch der Linienbusse erkennen. Ich freue mich aber auch über jeden Passenten, der mir mitteilt „da kommt der Bus“.

Die Tür geht auf und ich gehe auf dieses Geräusch zu. Dabei halte ich meine rechte Hand, mit der ich meinen Blindentaststock halte, in einer bestimmten Position, so dass ich den Bus und auch die Tritthöhe mit Hilfe des Stockes erkennen kann. Die linke Hand geht zur Seite um den Türrahmen zu erkennen, damit ich nicht dagegen laufe. Genau jetzt kommt ein gutmeinender Helfer und greift mir, ohne einen Ton zu sagen, in die Stockhand und zieht sie in eine für ihn gute Richtung.

Das, meine lieben Leserinnen und Leser, geht gar nicht! Das ist in etwa so, als würde ich als Beifahrer dem Fahrer eines Wagens während der Fahrt einfach ins Steuer greifen und es rumziehen. Eine absolut gefährliche Situation.

Schon allein das Anfassen eines Menschen, ohne ihn zu fragen ob dieser das möchte, geht nicht. Hinzu kommt, dass ich den „Helfer” ja gar nicht sehen kann. Wir alle haben davon gehört, das Trickdiebe mit „Antänzeln“ ihre Opfer anrempeln, damit ein Zweiter das Opfer bestehlen kann. Auch ich bin schon beklaut worden.

Viele Hilfeleistende, die nicht fragen, fangen auch gleich an, mich vor sich herzuschieben oder haken meinen Arm fest unter.

Ich bin blind – nicht gehbehindert. Als blinder Mensch geht man eine halbe Schrittlänge hinter dem Menschen, der einen führt. So spüre ich, wie die Begleitperson geht und habe selbst die nötige Reaktionszeit – weil ich ein wenig hinter ihm gehe – um mich auf mögliche Bodenveränderungen, wie Stufen, einzustellen.

Der Blinde fasst den Sehenden am Elbogen und lässt sich so führen – nicht andersherum. Natürlich gibt es immer wieder ausnahmen von der Regel. Vielleicht weil jemandem gerade schwindelig ist oder, oder, oder.

Möchten Sie jemandem Hilfe anbieten – und das ist immer nett -, dann tun Sie das mit Worten kund. Sprechen Sie den Menschen an. Zum Beispiel „Guten Tag. Darf ich ihnen behilflich sein? Wenn ja wie?“

Wird Hilfe gewünscht, wird man Ihnen das gerne mitteilen und auch sagen, in welcher Form sie gebraucht wird. Und seien Sie bitte nicht enttäuscht oder böse, wenn ein Mensch mit Handicap Ihre Hilfe ablehnt.

Wir müssen in unserem Alltag so oft um Hilfe bitten, dass wir glücklich sind, wenn wir etwas allein tun können. Denn das stärkt das Selbstwertgefühl – und das brauchen wir alle. Egal ob mit oder ohne Handicap.

Heutzutage ist Inklusion in aller Munde. Aber bei genauerer Betrachtung gibt es solche Bestrebungen nicht erst, seitdem man das Wort Inklusion salonfähig gemacht hat. Ich selbst bin seit über 30 Jahren in der Selbsthilfe/Behindertenvertretung unterwegs. Seitdem arbeiten wir und auch andere engagierte Menschen daran, dass es ein gutes Miteinander gibt.

Sollten Sie neugierig geworden sein, dann kann ich Ihnen das kleine Info-Heft „Nicht so, sondern so“ des DBSV (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband) empfehlen. Das gibt es hier kostenlos zum Download.

Es gibt noch so vieles andere im Leben von Menschen mit Sehbeeinträchtigung, das für Sehende so ganz und gar unbekannt ist. Von meinen Freunden weiß ich, dass sie es spannend finden, etwas darüber zu erfahren. Und je mehr Sie wissen, wie sich Behinderte orientieren und welche Hilfe sie brauchen, desto selbstverständlicher ist der Umgang miteinander.

Und seien sie versichert: Nicht immer hilft nur der Sehende dem Blinden. Hin und wieder ist es auch umgekehrt. Darum werde ich hier in der nächsten Zeit zu weiteren Themen schreiben. Vielleicht lesen Sie wieder rein. Würde mich freuen! Bis dahin.

Daniela Ali

Ich bin in Bergisch Gladbach geboren und lebe bis heute in der Stadt. In der Grundschulzeit bekam ich eine chronische Augenentzündung. Sie verläuft progressiv und so verhielt es sich auch mit meinem Sehvermögen. Seit über 20 Jahren bin ich juristisch blind. Der Blindenlangstock ist nach einer weiteren...

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