Gisela Eich-Brands, Pauly Lydia Czeranski, Wolfgang Buyna, Sigrid Fischer

Vier Künstler des Atelierhaus A24 schöpften aus einem Thema, das in der Politik und in den (sozialen) Medien kontrovers diskutiert wird. Die Ausstellung „Würde“ ist eine poetische Verdichtung verschiedener Sichtweisen und künstlerischer Impuls zugleich.

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Text: Antje Schlenker-Kortum, Fotos: Helga Niekammer

Was würde ohne „Würde”? Wie kaum ein anderer Begriff spaltet die Würde zwischen denen, die seine Bedeutung relativieren und denen, die sie verfechten. Noch bis zum 21. November läuft die Ausstellung „Würde“ im Atelierhaus A24 im Technologiepark. Wolfgang Buyna, Gisela Eich-Brands, Pauly Lydia Czeranski und Sigrid Fischer haben sich schöpferisch damit auseinandergesetzt, recherchiert, kommuniziert und Werke geschaffen, die vorgefertigte Ansichten und Wertvorstellungen hinterfragen.

Wert, Ansehen, Ehre, Ehrerbietung, Verehrung, dafür stand „wirde“, ein mittelhochdeutsches Wort. Es deutete lange auf einen Rang oder Vorrang in einer Werthierarchie. Das Wertesystem, insbesondere in moralischen Belangen, bestimmte bis zur Aufklärung vor allem die Kirche.

Die Würde wurde auf ein Amt und im Zuge einer Würdigung auf den Würdenträger übertragen. Heute wird der angenommene Transfer von Würde und eben auch Macht auf Ämter und Personen zunehmend angezweifelt.

Zur Vernissage begrüßte Karsten Panzer traditionell die Ausstellungsgäste

Im „Narrenschiff” von Sigrid Fischer

In der Rauminstallation von Sigrid Fischer, sehen wir Görings Uniformsmütze, einen „Gesslerhut“, das geflügelte Wort, dass synonym für die öffentliche Erzwingung untertänigen Verhaltens gebraucht wird und einen gefalteten Zeitungshut, welcher mit nur einem weiteren Schritt zu dem kleinen fragilen Faltboot im Fahrwasser ihres „Narrenschiffs“ werden könnte.

Sigrid Fischer hat eine spannende Installation aus historischen und zeitgenössischen Bezügen geschaffen. In künstlerisch verdichtender Manier gibt sie uns eben keine einfachen Antworten; ihre Bilder werden, ganz wie ein abstraktes Memory, erst im Kopf des Betrachters zusammengesetzt. Wie schon „Das Narrenschiff“ von Hieronymus Boschs ist ihre Installation ähnlich vielfältig wie ein Wimmelbild, das die Themen der Renaissance und ihre Forderung nach sittlicher Erneuerung aufleben lässt.

In ihrer Rauminstallation „Würdelos” gibt Sigrid Fischer (Foto Mitte) dem Titel eine beklemmende Mehrdeutigkeit zwischen einer Völlerei- und Almosenkultur.

Aber Sigrid Fischer wird noch konkreter, noch persönlicher. Den gegenüberliegenden Raum gestaltet sie zu einem poetischen Spiegelkabinett mit handgerissenen menschlichen Silhouetten, weiß und unbeschrieben. Davor, eine handvoll Almosen, umgeben von kreischenden Bildern der Völlerei.

Wie deprimierend klingt da der erste Satz der Charta der Menschenrechte:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Beginnend mit der Aufklärung wurde der Begriff der Würde auf die Menschenwürde ausgeweitet und betont damit eine besondere Bestimmung jedweder menschlichen Existenz. Später wurde er erweitert auf eine Würde der Natur und aller Lebewesen.

In ihrer Installation „Würdenträger auf dem Narrenschiff” verwebt Sigrid Fischer historische und zeitgenössische Bezüge

Pauly Lydia Czeranski zeigt Verfechter der Menschenwürde

Damit betreten wir die malerische Welt von Pauly Lydia Czeranski. Menschlichkeit und der Ausdruck eines würdevollen Umgangs sind sowohl Inhalt als auch Anspruch ihrer künstlerischen Arbeit. Sie verwies auf Gerald Hüther, einen ambitionierten Neurobiologen.

In einem seiner Youtube-Beiträge sagt er sinngemäß, dass die äußere Orientierung an Werten mit den religiösen Instanzen weg fiel, im Zuge der Aufklärung. So wurde das Selbstbild, die eigene Individualität und Identität zunehmend wichtig.

Pauly Lydia Czeranski mit der Autorin Antje Schlenker-Kortum

Deswegen blieb auch die Würde übergeordnet. Sie markiert eine Art Haltung, ein Verhalten, zugunsten eines konfliktfreien Lebens. Sie bestimmt ein Bild von mir wie ich sein möchte, damit ich trotzdem mit anderen in einen menschlichen Austausch kommen kann.

Eigens für „Würde“ schuf Pauly eine Bilderserie, die an den Bluescreen der Film- und Werbeindustrie erinnert. Pauly benutzt diese Freistellung jedoch für ein erzeugtes Gefühl der Leere, des „Ausgeliefert- und In-sich-zurückgezogen-seins”.

„gepeinigt” freigestellt und In-sich-zurückgezogen-sein zugleich, daneben “Das Birett” umgeben von Würdenträgern von Pauly Lydia Czeranski.

Diese Menschen könnten tatsächlich überall und zu allen Zeiten “sein”; im Hospital, im Heim, im Exil oder schlicht in der Einsamkeit. Nur ihre verzerrte Haltung verrät ihr tatsächliches “Befinden”; sie sind an einem Ort, tief in der eigenen Psyche. Die Malereien erzählen eine jeweils individuelle Geschichte von Melancholie und Tragik, quer durch alle Generationen und Zeiten.

Wir sehen KZ Häftlinge , spielende Kinder, deprimierte Mädchen, anklagende Frauen, vom Leben geformte aber auch verbiesterte Leute. Aber wir sehen keine würdelosen Opfer. Pauly malt diese Menschen kontrastreich und farbenfroh, als Verfechter ihrer eigenen Menschenwürde.

Pauly Lydia Czeranskis „Würdenträger” tänzelt zwischen Erhabenheit und Überheblichkeit.

Gisela Eich-Brands malt einen uralten, höllischen Zustand

Auch Gisela Eich-Brands porträtiert vom Leben gezeichnete Menschen weltweit. Auch sie legt die Lesbarkeit ihrer Geschichten in unsere Hände, jedoch in einer interaktiven Installation.

„Würde?“ nennt sie ein Gemälde von Flüchtlingen in einer Massenunterbringung, gemalt nach Vorlage eines Zeitungsfotos. Aber Eich-Brands reproduziert das Dokumentationsfoto nicht, um es zu ästhetisieren. Im Gegenteil, ihre Menschen sind gesichts- und namenlos, ein ganz hart reduziertes, auf beklemmende Weise plakativ wirkendes Bild.

Gisela Eich-Brands fragt in ihrer Malerei einer Flüchtlingsunterkunft bewusst nach unserer Ansicht zu “Würde?”. Links daneben eine Art Karikatur von Wolfgang Buyna in “Der Blick dahinter”

Sie hat ein Bild mit Meme-Charakter ausgewählt. Derartige Bilder von Flucht haben sich schnell über das Internet verbreitet. Wie die Vorlage zeigt auch ihre Malerei die pragmatische, platzsparende Ordnung von vielen Menschen auf minimalem Raum, eine Tristesse, in unseren Augen vielleicht schon Würdelosigkeit.

Dennoch ist es nicht die pragmatische Unterbringung, die erschüttern soll, denn gleich daneben hängt ein Bild, das viel grausamer ist. In dieser Leserichtung deutet es darauf hin, dass die Flucht nicht vorbei ist.

Gisela Eich Brands malt einen Ort der weder privat noch öffentlich ist, sie malt einen uralten, höllischen Zustand, ein individuelles Dasein im Nirgendwo und auf dem beschwerlichen Weg ins Ungewisse.

Die interaktive Installation „Portraits von Menschen verschiedener Herkunft” lädt ein zum Austausch über Menschenbilder

Wolfgang Buyna erinnert an kulturell verbindende Werte

In dieser gefühlten Ohnmacht ist das benachbarte Objekt eines Gebetstisches auf tragische Weise naheliegend. Wolfgang Buyna erinnert uns an unsere historischen Wurzeln, an kulturell verbindende Werte, auf die unsere Gesellschaft fußt.

Er arbeitet mit Kalligrafie und mit Zitaten aus Friedrich Schillers „Die Künstler“. Wie in Buynas Malerei gilt auch in der Kalligrafie die Perfektion und ästhetische Ausgewogenheit, sowie der Ausdruck von Emotionen als höchste Kunst. Seine Handschrift zwingt uns ihr zu folgen, sie hält uns auf Abstand und Nähe, und sie bringt uns dazu die Blickrichtung zu wechseln.

Das kalligrafische Bild „Würde” von Wolfgang Buyna erhebt Schillers Worte zu mehr als nur zur Kunst.

Aber es gibt noch einen zweiten, konzeptionellen Aspekt. Denken wir an Schriftkunst, an das Ansehen, dass sie und ihre Schöpfer ehemals in unserer Kultur genossen. Denken wir an die Bedeutung, die die Schriftkunst in der chinesischen und japanischen Schriftkultur und im Islam innehat.

Mit seiner Malerei „Würde“ erhebt Buyna Schillers Worte nicht nur zu einem künstlerischen, also kulturell erhabenen Wert, mit der kalligrafischen Abschrift gibt er ihnen eine ähnlich sakrale Bedeutung, wie die heiliger Texte. Wie Schiller spricht Buyna uns als Schöpfer unserer Welt an.

„Die Würde des Menschen ist in Eure Hand gegeben, Bewahret sie. Sie sinkt mit Euch, Mit Euch wird sie sie heben.” Friedrich Schiller, Die Künstler

Kunst, die Impulse für künstlerische und journalistische Freiheit setzt

Die künstlerische und auch die journalistische Freiheit ist längst nicht mehr selbstverständlich. Und auch die Würde des Menschen verliert zusehends ihre absolute Unantastbarkeit. Beispielhaft zeigt diese Ausstellung zur Würde, dass auch die Kunst wirkungsvolle Impulse gegen diesen Trend setzen kann.

„Würde” – 11. bis 21.11.2018
Wolfgang Buyna, Gisela Eich-Brands, Pauly Lydia Czeranski, Sigrid Fischer
Geöffnet: Samstag/Sonntag/Mittwoch von 15 bis 18 Uhr
Galerie Atelierhaus A24 im Technologiepark Bergisch Gladbach (TBG)
Friedrich-Ebert-Str. 75, Bergisch Gladbach-Moitzfeld

Diese vier Künstler spannen einen lehrreichen Bogen von historischen bis aktuellen Würdenträgern, von alten und neuen Begriffen zur Menschenwürde. In dieser Ausstellung werden wir daran erinnert und zugleich geübt, uns ein umfassenderes Bild zu machen. Sie verführt zu interessanten Gesprächen mit fremden Gleichgesinnten.

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4 Kommentare

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  1. Ein sehr guter, Appetit machender Artikel, ebenso die Fotos. Und anregend, sich selbst intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.
    Klaus Hansen

  2. ..eine inhaltlich profunde und ästhetisch anspruchsvolle Ausstellung der 4 A24-Künstler.
    auch bedingt durch die “schöpferische Nähe” der Künstler in einem Atelierhaus iwe dem A24… …
    Danke Helga Niekammer für die Dokumentation

  3. Ein toller und sehr treffender Artikel zu einer wirklich sehenswerten, facettenreichen und spannenden Ausstellung! Gratulation an Wolfgang Buyna, Lydia Ceranski, Gisela Eich-Brands, Sigrid Fischer zur Ausstellung und an Antje Schlenker-Kotrum und Helga Niekammer zum bebilderten Artikel!

    Herzliche Grüße, Beatrix Rey

  4. Ganz wunderbar und so kreativ umgesetzt. Sehr interessant. Gratulation an die Künstlerinnen und den Künstler.
    Herzliche Grüße
    Susanne Bonn