Ulrich Schultz-Venrath baute  die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik vor 20 Jahren aus dem Nichts auf. Jetzt beendet er seine Tätigkeit als Chefarzt. Erster Plan für den Ruhestand: ein neues Buch.

Nach 20 Jahren beendet Professor Dr. med. Ulrich Schultz-Venrath seine Tätigkeit als Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach. Doch von „Ruhestand“ ist bei dem neugierigen und tatendurstigen Psychosomatiker und Psychotherapeuten nichts zu spüren. Er bleibt seinem Fachgebiet treu und sein nächstes Buch steht kurz vor der Veröffentlichung.

Seine Bilanz über seine Zeit am EVK fällt positiv aus: „Ich bin stolz auf mein hochqualifiziertes und motiviertes Team und ich bin der Geschäftsführung dankbar, dass sie mich weitgehend so hat wirken lassen, wie sie es getan hat.“ Die Feierstunde zur Verabschiedung findet am Mittwoch, den 23. Januar, statt.

Aufbau der Klinik aus dem Nichts

Als Prof. Ulrich Schultz-Venrath 1999 ans EVK kam und die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik wirklich aus dem Nichts aufbauen sollte, konnte er viele seiner architektonischen Ideen und klinischen Konzepte umsetzen. Schritt für Schritt wurde zunächst aus einer Psychotherapiestation neben der Kardiologie und der Tagesklinik durch den Umbau eines Pflegewohnheims die heutige Klinik und Tagesklinik.

Für die Patienten mit den gravierendsten Störungsbildern wurden die schönsten Räume eingerichtet. So fängt die Station P3 für akut psychisch Kranke, die geschützt untergebracht werden müssen, das Sonnenlicht von allen Seiten ein. Das habe er „von der Intensivstation des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke abgeguckt“, so Prof. Schultz-Venrath, der auch bei allen übrigen Stationen auf eine gelungene Wohlfühlatmosphäre großen Wert legte.

In konzeptioneller Hinsicht verfolgte er das Ziel, Patientengruppen störungsspezifischen Stationen zuzuordnen, „damit sich die behandelnden Teams bei relativ homogenen Krankheitsbildern hinsichtlich Diagnostik und Therapie sicherer fühlen“, so der scheidende Chefarzt. Die so erreichte Homogenität, die immer noch mit einer großen Vielfalt innerhalb dieser Patientengruppen einhergehe, helfe dabei, den Einsatz von Zeit und Personal ökonomischer zu nutzen.

Das Behandlungskonzept umfasst neben mentalisierungsbasierten Gruppentherapien und psychodynamischen Psychotherapien Kunst-, Körper-, Musik-, Reit- und Sozialtherapie in unterschiedlicher Dosierung auf den verschiedenen Stationen.

„Mentalization-based treatment“ als Methode etabliert

„Mir war es immer wichtig, ein möglichst hohes psychotherapeutisches Niveau zu realisieren und wissenschaftlich bestens belegte psychotherapeutische Methoden und Verfahren einzusetzen“, so Prof. Schultz-Venrath.

Einen wichtigen Baustein bildete hierbei das „Mentalization-based treatment“, kurz MBT, in Einzel- und Gruppentherapien, das für Patienten mit Persönlichkeitsstörungen an einer Tagesklinik in London entwickelt wurde, sich inzwischen aber auch für andere psychische und psychosomatische Störungen sehr bewährt hat.

Erstmals kam Prof. Schultz-Venrath mit dieser Methode in Kontakt, nachdem er für seine Habilitationsschrift zur ersten Psychoanalytischen Klinik Sanatorium Schloss Tegel 1994 den DPV-Nachwuchspreis zuerkannt bekam, und dadurch zur Research Summer School von Peter Fonagy in London eingeladen wurde.

Gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe um die Londoner Psychotherapeuten Peter Fonagy und Anthony Bateman entwickelte Prof. Schultz-Venrath in Deutschland das Konzept weiter und machte es hierzulande populär. Hierzu trug wesentlich sein Grundlagenwerk „Lehrbuch Mentalisieren“ bei, das vor der vierten Auflage steht.

Unter „Mentalisieren“ versteht man die Fähigkeit, psychische Zustände von sich und anderen Menschen gleichzeitig und gleichwertig wahrzunehmen und zu interpretieren, also nicht nur ein Bewusstsein für die eigenen Wünsche, Ziele, Träume, Ängste und Hoffnungen zu haben, sondern ebenso zu erfassen, was andere Menschen fühlen und denken. Das Fundament für die Fähigkeit zu mentalisieren wird in frühester Kindheit gelegt.

Am EVK wird diese Therapie, die psychodynamische und verhaltenstherapeutische Element integriert, bevorzugt in der Tagesklinik und auf den Psychotherapiestationen P1, P1D und P2 bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, aber auch entaktualisierten Psychosen und bei Patienten mit Depressionen, Angst- und Somatisierungsstörungen erfolgreich angewandt.

Überzeugter Vertreter der Gruppenpsychotherapie

Um die Behandlungsqualität psychisch und psychosomatisch Kranker nicht nur am EVK, sondern darüber hinaus zu verbessern, verfolgt Prof. Schultz-Venrath auch versorgungspolitische Ziele. So sieht er in der Gründung eines Gruppenpsychotherapeutischen Instituts, das vor allem die Ärzte und Psychologen in Kliniken weiterbildet und möglichst mit der Universität Witten/Herdecke verbunden bleibt, einen großen Bedarf.

Er ist überzeugter Vertreter dieser Therapieform, weil sie nachweislich gegenüber anderen Therapiemethoden die höchste Effektstärke hat, langfristig wirksam ist und gleichzeitig kostengünstig ist. So beschloss der Deutsche Ärztetag in Erfurt im vorigen Jahr in einer Musterweiterbildungsordnung, dass sich alle Assistenzärzte in den sogenannten P-Fächern (Psychosomatik, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie) in Gruppenpsychotherapie weiterbilden müssen.

„Anfangs werden häufig Ängste gegenüber dem Vorschlag einer Gruppenpsychotherapie geäußert, am Ende stellt man als Therapeut erstaunt fest, dass kaum einer der Patienten mehr die Gruppe verlassen mag“, so Prof. Schultz-Venrath. Gruppenpsychotherapien könnten darüber hinaus sowohl der Vereinzelung als auch den aktuellen gesellschaftlichen Spaltungstendenzen entgegenwirken.

Dennoch werden bisher nur 1,7 Prozent aller im Richtlinienverfahren beantragten Psychotherapien als Gruppenpsychotherapie ambulant durchgeführt, kritisiert Prof. Schultz-Venrath, wobei dieser Anteil durch eine inzwischen bessere Bezahlung vermutlich etwas gestiegen ist.

Er kennt die Gründe: „Zum einen müssten mehr Psychotherapeuten für eine gruppenanalytische Ausbildung gewonnen werden. Zum anderen wollen niedergelassene Therapeuten nicht neun oder zehn Anträge für jeden einzelnen Patienten schreiben, um die Finanzierung gewährleistet zu bekommen.“ Diese müssten sie aber anfertigen, denn für jeden einzelnen Patienten pro Gruppe ist ein solches Schriftstück einzureichen.

Prof. Schultz-Venrath fordert aus diesem Grund, die Gutachterpflicht für Gruppenpsychotherapien abzuschaffen, damit diese ohne Antragsverfahren beginnen können. „Dies würde die Wartezeiten für Patienten erheblich verkürzen und gleichzeitig die häufigen Brüche zwischen stationärer und ambulanter Behandlung vermeiden helfen.“

Mehr psychosomatisch-psychotherapeutische Untersuchungen

Als überzeugter Vertreter seines Faches plädiert Prof. Schultz-Venrath dafür, dass Patienten sowohl in Krankenhäusern als auch in Arztpraxen viel häufiger als bislang nicht nur auf ihre körperlichen Beschwerden hin untersucht, sondern auch in psychosomatisch-psychotherapeutischer Hinsicht diagnostiziert werden.

„In vielen, vermeintlich rein somatischen Fällen könnte hier sehr geholfen werden“, so Prof. Schultz-Venrath, der auf eine aktuelle Veröffentlichung der Universitätsklinik Heidelberg verweist, wonach im Grunde genommen in jeder Hausarztpraxis ebenfalls ein Psychosomatiker oder psychologischer Psychotherapeut tätig sein sollte.

Viel vor für die Rente

Für die Zeit nach dem EVK ist der Termin- und Projektkalender von Prof. Schultz-Venrath gut gefüllt. Er habe etliche Anfragen von Kliniken aus ganz Deutschland, die das MBT-Verfahren bei sich einführen möchten und um entsprechende Unterstützung gebeten haben. Prof. Schultz-Venrath ist Herausgeber der Reihe „Mentalisieren in Klinik und Praxis“ des Klett-Cotta-Verlags und auch als Autor tätig. 2019 wird sein Buch über „Mentalisieren bei Somatisierungsstörungen“ erscheinen.

Außerdem hat sich Prof. Schultz-Venrath vorgenommen, endlich den einen oder anderen Titel selbst zu lesen, den ihm seine Frau, eine anerkannte Vielleserin, dringend empfohlen hat. Und es gilt, gemeinsam mit ihr, Konzerte zu genießen, Museen zu besuchen und Europa zu entdecken. Für den Sommer ist eine Reise zum Peloponnes geplant. Daneben möchte Prof. Schultz-Venrath mehr Zeit mit seinen (bislang) drei Enkeln verbringen.

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