Ausbildung bestanden! Die jungen Menschen können sich bei Lifegate in verschiedenen Werkstätten qualifizieren. 

Burghard Schunkert leitet die Einrichtung „Lifegate“ in Beit Jala. Bei einem Vortrag in Bergisch Gladbach berichtete er davon, wie dort behinderte Kinder betreut und ausgebildet werden, wie sich das Projekt finanziert und wie es in der Gesellschaft Brücken baut.

Burghard Schunkert im Heilsbrunnen

Gleich zu Beginn seines Vortrags rückte Burghard Schunkert etwas zurecht: „Im Gegensatz zu den vielen Medienberichten über Menschen im Nahen Osten, die sich Schlimmes antun, möchte ich Ihnen heute eine Einrichtung vorstellen, in der Menschen gut miteinander auskommen, sich und dem Land helfen.“

In Bergisch Gladbachs Partnerstadt Beit Jala bei Bethlehem arbeitet die Einrichtung „LIFEGATE“, über die Schunkert auf Einladung der Stadt zusammen mit dem Städtepartnerschaftsverein  Bergisch Gladbach-Beit Jala und mit dem Freundeskreis Ganey Tikva in der Evangelischen Kirche zum Heilsbrunnen berichtete.

Lifegate heißt übersetzt „Tor zum Leben“: „Weil sich das Tor öffnet und die Menschen so aufnimmt, wie sie sind“, beschreibt Schunkert das Leitmotiv der Hilfsorganisation. 1987 aus einer Wohngruppe für behinderte Männer hervorgegangen, betreuen dort heute 75 palästinensische und deutsche Mitarbeiter 250 teils schwerstbehinderte Jungen und Mädchen.

Muslim oder Christ, das ist nicht die Frage. „Wichtig ist für uns, für jede Art von Behinderung die passende Förderung anzubieten“, erklärt der charismatische Leiter. Ein Kindergarten und eine Schule, dazu individuelle medizinische und therapeutische Betreuung sowie persönliche Zuwendung, das erfahren die jungen Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben bei Lifegate.

Ehemaliger Schüler leitet eine Schuhmacherwerkstatt

In Ausbildungswerkstätten etwa für Holz-, Metall- und Lederbearbeitung, für Orthopädiemechanik und textile Fertigung qualifizieren sie sich, um später hoffentlich einen Arbeitsplatz in ihrem Heimatort zu finden. „So kommt es, dass die einzige Schuhmacherwerkstatt in Beit Jala von einem ehemaligen Lifegate-Schüler betrieben wird“, freut sich Schunkert.

In einem Land ohne Sozialversicherung, in dem Behinderung als Last und Makel gilt, strahlt Lifegate als Oase der Menschlichkeit. Doch die Oase soll in die palästinensische Gesellschaft hineinwirken und mithelfen, patriarchalische Strukturen zu ändern.

Dazu gehört auch die Elternarbeit in der Einrichtung und in den Familien vor Ort: „Wir wollen keine Insel sein“, begründet Schunkert sein Selbstverständnis, „sondern Veränderungen in den Familien anstoßen.“

Lifegate ist zu einem kleinen Konzern gewachsen

Die Betriebskosten der Einrichtung liegen bei rund einer Million Euro jährlich. Die hausinterne Serviceabteilung trägt zur Deckung bei: Die Wäscherei arbeitet für Hotels und Gästehäuser der Umgebung, eine Werkstatt versorgt bedürftige Menschen mit Rollstühlen und orthopädischen Hilfsmitteln, die Lernküche verköstigt Besuchergruppen und betreibt Catering.

Ein Platz in Lifegate kostet rund 350 Euro monatlich. Die Eltern sollten 40 Euro beisteuern. Familien, die das nicht aufbringen können, dürfen mit Olivenöl bezahlen oder in der Werkstatt helfen. Geschenk- und Gebrauchsartikel wie Stickwaren, Olivenholzfiguren und Keramik werden über den Lifegate-Shop in Deutschland verkauft.

Schunkert stammt aus Gießen und studierte Soziale Arbeit und Evangelische Theologie. In jungen Jahren reiste er als CVJM-Sekretär mit Jugendgruppen durch Israel und lernte dabei auch die arabische Seite kennen. Die hoffnungslose Situation der Behinderten im Westjordanland ließ Schunkert nicht mehr los – Schritt für Schritt baute er das Hilfswerk in Beit Jala auf. Seine Frau Ute arbeitet als Physiotherapeutin ebenfalls mit.

Inzwischen ist Lifegate zu einem kleinen Konzern herangewachsen: Ein Gästehaus mit blühendem Garten in Bethlehem erweitert das Projekt, Kooperationen mit Reiseveranstaltern sollen Lifegate am Tourismus in der Region teilhaben lassen.

Israelische Ärzte halten kostenlose Sprechstunden

Die Einrichtung lebt vom unbändigen Engagement ihrer Mitarbeiter, von freiwilligen Helfern und Spendern aus aller Welt. Es ist ein Ort des Friedens, der selbst zu einer „Brücke des Friedens“ wird, erzählt der 63-jährige Schunkert. Israelische Ärzte halten regelmäßig kostenlose Sprechstunden in Lifegate ab, das Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem ist für die Behandlung von Kindern mit komplizierten Behinderungen die erste Adresse. Lifegate revanchiert sich mit der Lieferung aufgearbeiteter Rollstühle für ein Seniorenheim mit Holocaust-Überlebenden in Haifa.

Jedes Jahr stehen Ferienfreizeiten am See Genezareth und Sportveranstaltungen gemeinsam mit Behindertengruppen aus Israel auf dem Plan. „Bei uns spielt nicht Palästina gegen Israel. Es treten nur gemischte Teams an“, beschreibt Schunkert die gemeinsamen Rollstuhl-Basketballturniere. In Bergisch Gladbach kennt man das schon: 2014 trafen sich hier palästinensische, israelische und deutsche Jugendliche zu einem entsprechenden Wettstreit.

Lifegate spricht für sich: als humanitäre Provokation, als revolutionäres Potenzial gelebten Christentums, dessen Botschaft vom äußersten Rand in die Mitte der Gesellschaft vordringt. Von da aus klingt Schunkerts Idee nur folgerichtig: Friedensverhandlungen im Nahen Osten künftig besser behinderten Menschen anzuvertrauen.

Kontakt zu Lifegate in Beit Jala, zum deutschen Büro in Würzburg, zum Werkstattverkauf und zur Spendenmöglichkeit: Webseite

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