Ein erster Entwurf für die Paffrather Straße. Was daraus wurde lesen Sie unten

97 Bauprojekte hat der Gestaltungsbeirat seit seiner Gründung vor vier Jahren beraten und in vielen Fällen für eine Verbesserung der Pläne gesorgt. Jetzt gibt es einen prominenten Wechsel in der Geschäftsstelle – und damit ist Zeit für eine erste Bilanz.

Der Gestaltungsbeirat ist mit fünf Mitgliedern, besetzt, mit Architekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner, die sonst nichts mit Bergisch Gladbach zu tun hat. Er schaut sich die Pläne von großen oder für das Stadtbild besonders wichtige Bauprojekte an – und versucht im Gespräch mit Bauherren und Architekten ein Optimum herauszuholen. Oder auch nur, Schlimmes zu verhindern.

Grundsätzlich kann und will der Gestaltungsbeirat auch bei öffentlichen Projekten mitwirken. Allerdings, das stellt der Vorsitzende Matthias Fritzen, gleich klar: „Wir sind keine zweite Jury”. Was heißt, dass der Beirat bei den  ganz großen, umstrittenen städtischen Projekte wie Schlossstraße oder Stadthaus raus ist. Weil deren Gestaltung im Rahmen eines Wettbewerbs entschieden worden ist.

Lennart Höring, Dorothea Corts, Klaus Waldschmidt, Barbara Reiff-Sagroda, Elisabeth Sprenger, Matthias Fritzen

Wie arbeitet der Gestaltungsbeirat?
In der Regel tagt das Gremium fünfmal pro Jahr. Die Beratungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Als politische Vertreter nehmen der Vorsitzende des Stadtentwicklungs- und Planungsausschusses Lennart Höring und sein Stellvertreter Klaus Waldschmidt an den Sitzungen teil. Das sei sehr sinnvoll, erläutert Waldschmidt: weil so die Entscheidungen nachvollziehbar werden und die Lokalpolitiker gegenüber den Bürgern informierter argumentieren können.

Im Rahmen jeder Sitzung werden Ortsbesichtigungen bei zwei der ausgewählten Projekte durchgeführt. Während der Sitzungen werden mit Architektinnen und Architekten sowie Bauherrinnen und Bauherren vor allem Fragen der Gestaltung im städtebaulichen Kontext diskutiert.

Die Beiratsmitglieder geben zu jedem vorgestellten Projekt eine Empfehlung ab, diese geht an die Projektbeteiligten. Ziel ist es, dass der eingereichte Entwurf nach den Vorschlägen des Gremiums optimiert wird. Die jeweilige Überarbeitung der Planung bzw. die Entwicklung sinnvoller Alternativen wird dann erneut vorgelegt und beraten.

Der Stadtentwicklungs- und Planungsausschuss erhält die vom Beirat formulierten Empfehlungen in nicht öffentlicher Sitzung und kann dazu ebenfalls beraten. Auch die Bauaufsicht erhält die Empfehlungen, die zwar keinen bindenden Charakter besitzen, jedoch als Entscheidungshilfe in die Bearbeitung der Bauanträge einbezogen werden.

Die Behandlung im Beirat ersetzt nicht die bauordnungs- und planungsrechtliche Prüfung der Bauanträge und sollte nach Möglichkeit den Bearbeitungszeitraum nicht verlängern

Der Beirat hat keine rechtlichen Entscheidungsbefugnisse im baurechtlichen Verfahren; in allen Planungsangelegenheiten verbleibt die umfassende Entscheidungskompetenz bei den Mitgliedern des Rates der Stadt Bergisch Gladbach.

Wie sinnvoll das ist, das sieht jeder, der mit offenen Augen durch Bergisch Gladbachs Wohngebiete geht:  „Am häufigsten haben wir mit zu starker Ausnutzung der Grundstücke sowie einer nicht angepassten Architektur zu tun“, beschreibt Matthias Fritzen, der Vorsitzende des Beirats, das Hauptproblem. „Wir sehen die Gleichförmigkeit der Neubauten durchaus kritisch“, sagt der Architekt.

Wer sitzt im Gestaltungsbeirat?
Die Mitglieder dieses Fachgremiums dürfen ihren Wohn- und Geschäftssitz nicht in Bergisch Gladbach haben.

Mitglieder des Gestaltungsbeirates sind:

  • Dipl.-Ing. Matthias Fritzen, Architekt (Vorsitzender), Ahlen / Münster
  • Dipl.-Ing. Michael Arns, Architekt, Freudenberg
  • Dipl.-Ing. Bernadette Heiermann, Architektin, Köln
  • Dipl.-Ing. Regina Stottrop, Stadtplanerin, Köln
  • Dipl.-Ing. Friedhelm Terfrüchte, Landschaftsarchitekt, Essen

Die Stadtverwaltung hat 2014 eine Geschäftsstelle eingerichtet; die Leitung übernahm Dipl Ing. Architektin Dorothea Corts, zuvor langjährige Kollegin bei der Bauaufsicht. Nach ihrem altersbedingten Ausscheiden hat im August 2019 Dipl. Ing. Architektin Barbara Reiff-Sagroda die Leitung der Geschäftsstelle übernommen.

Nach außen sieht es aus, als habe der Beirat die Kontroverse „pro Satteldach, contra Staffelgeschoss” verloren. Doch sieht die Öffentlichkeit in der Regel nicht, was der Beirat verhindert hat. Diese seltene Gelegenheit gibt es jetzt, weil die Verwaltung in der Sitzung ds Stadtentwicklungs- und Planungsausschusses am Mittwoch eine Bilanz zieht – und über ein paar konkrete Fälle berichtet.

Zum Beispiel: Das Kickehäuschen

Ein früher Entwurf für Gebäude rund um das historische Kickehäuschen (grau)

Zum Beispiel über den Umbau des Ausflugslokals Kickehäuschen in Refrath zu einer Wohnanlagen. Auch hier hatte der Investor zunächst einen Entwurf vorgelegt, der die maximale Ausnutzung des Grundstücks rund um das historische Gebäude mit einer Eckbebauung vorsah – mit einer Reihe brutaler Klötze. Die Begründung: nur so zahle sich das Investment aus.

Hinweis der Redaktion: Die Dokumentation des Gestaltungsbeirats finden Sie im Ratsinfosystem

So soll nun gebaut werden

Auch hier erreichte der Gestaltungsbeirat in mehreren Gesprächsrunden eine deutliche Reduzierung. Es werden jetzt drei einzelne Häuser rund um das alte Restaurant gebaut, die immer noch ziemlich viel Wohnfläche bieten – und immerhin Giebeldächer haben.

Zum Beispiel: Laurentiusstraße

Wobei sich der Gestaltungsbeirat nicht immer für eine Reduzierung einsetzt: beim Neubau an der Laurentiusstraße, gegenüber der Kirche, hatte er darauf gedrungen, das grundsätzlich als „Solitär” für gut befundene Wohnhaus aufzustocken – weil sonst wertvoller Raum in der Innenstadt verschenkt würde. Und das Gebäude architektonisch nicht richtig zur Wirkung gekommen wären.

Auch hier folgten Bauherr und Architekt den Vorschlägen und legten einen neuen Entwurf vor.

Zum Beispiel: Paffrather Straße

Das Haus soll abgerissen, das Grundstück und die Freifläche recht überbaut werden

An der Paffrather Straße 19 will ein Investor ein historisches, vom Denkmalschutz immerhin als erhaltenswert eingestuftes Haus an der Treppenanlage hinunter zur Grünen Ladenstraße abreißen und durch einen Neubau ersetzen, der die aktuelle Freifläche überbaut.

Der erste Entwurf

Auch hier hat der erste Entwurf den Beirat erschreckt: kantig, mit einem riesigen Erker und einer Reihe von Garagen im Erdgeschoss. Der Beirat appellierte an den Bauherrn, die Struktur der Straße aufzugreifen, mit Läden statt Garagen, und einem weniger massiven Baustil.

Der aktuelle Entwurf

Der Bauherr nahm die Vorschläge auf, in mehreren Schritten wurde die Fassade verändert. U.a. wurde das Erdgeschoss aufgewertet, der riesige Erker zurückgenommen, ein Glaseinschnitt mittig über den Durchgang zur Treppenanlage eingefügt und das Satteldach über die ganze Gebäudebreite gezogen.

Zum Beispiel: RBS-Siedlung Handstraße

Auch die ersten Pläne der Rheinisch-Bergischen Siedlungsgesellschaft (RBS) für die neue Wohnsiedlung an der Handstraße stieß beim Beirat auf wenig Begeisterung. Die Front zur Handstraße sollte von Parkpaletten dominiert werden, mit schlechten Auswirkungen auf das Stadtbild. Der Landschaftsarchitekt im Beirat plädierte für eine klare Gestaltung der Innenflächen.

Das Ergebnis: eine klassische Blockrandbebauung für 309 Bewohner – mit einem zentralen, grünen, Baum-bestandenen Innenhof.

Zum Beispiel: Richard-Zanders-Straße 15

Manche Projekte gehen beim Gestaltungsrat auch ohne Beanstandungen glatt durch. Zum Beispiel der Plan des Architekten Thomas Duda für eine neue Bebauung an der Kreuzung der Richard-Zanders-Straße mit der Cederwaldstraße, wo früher die Subway-Filiale war, gegenüber von Kaufhalle und Tanzzentrum.

In dieser sehr inhomogenen Lage nehme der Entwurf die Linie der Nachbarhäuser auf und schaffe einen ganz neuen Innenraum. Daher bedankt sich der Beirat für die „gute Architektur an dieser eher unwirtlichen Ecke”. Nur die Zahl der oberirdischen Stellplätze wird kritisiert.

Voraussetzungen für Erfolg

Absolut wichtig ist, dass der Beirat mit den Bauherren und Architekten vertrauensvoll und auf Augenhöhe kommuniziert, betont Corts. Nur dann sei eine Kooperation und eine Verbesserung der Pläne möglich. Denn in der Regel hat die Stadtverwaltung bei diesen Bauprojekten kein Eingriffsrecht und ist auf ein freiwilliges Entgegenkommen der Investoren angewiesen.

Hinzu kommt, dass die Beiratsmitglieder selbst Architekten sind, und das Machbare immer im Auge haben.

Im Prinzip, ergänzt CDU-Ratsmitglied Lennart Höring, bekommen die Bauherren eine zusätzliche, hoch-kompetente und noch dazu kostenlose Bauberatung. Häufig bedinge die Anpassung der Pläne, dass nicht ganz so viel Wohnraum wie angestrebt entsteht. Aber im Gegenzug werden die Gebäude hochwertiger, was höhere Miete bzw. Verkaufspreise verspricht.

In 70 bis 80 der 100 Fälle, mit denen sich der Beirat befasst, seien positive Veränderungen erreicht worden.

Bessere Architektur ist möglich

Daraus ergibt sich, dass die aktuell beim Neubau von Wohnhäusern vorherrschende kubische Hausform mit einem Staffelgeschoss, aus ökonomischen Gründen zwangsläufig ist. Eine der Umgebung angemessenere, bessere Architektur sei in den meisten Fällen auch unter wirtschaftlichen Aspekten möglich, sagt Fritzen. Bauherren und Architekten müssten nur mehr Aufwand in die Entwürfe stecken.

Die Stadtverwaltung hat bei der sogenannten Innenverdichtung nur wenige Eingriffsmöglichkeiten, sagt Corts. Um so wichtiger sei es, über den Gestaltungsbeirat bei besonders wichtigen, die Stadt prägende Projekte, zu zeigen, was möglich ist.

Weitere Beiträge zum Thema:

„Wir brauchen einen lückenlosen Bebauungsplan”

Refrath sorgt sich um das Kickehäuschen

Refrath: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. Es liegt in der Natur der Sache, wer viel macht, macht Fehler.

    Nun könnte man sich auf die wirklich schönen und gelungenen Beispiele konzentrieren, z. B. auf das ehemalige Weißenberger Hotel an der Schlossstraße in Bensberg. Der gesamte Umbau des Gebäudes ist nicht nur aufwendig gemacht, sondern auch noch mit viel Liebe zum Detail in der Ausführung. Herzlichen Dank dafür und Glückwunsch an den Bauherrn und die Ausführenden.

    Das die Fehler aber scheinbar überwiegend da passieren, wo eines der bedeutendsten europäischen Barockschlösser steht, ein Burgfried mit Böhm‘schem Rathaus, dem Fachwerk Ensemble und Türmchen Haus am Burggraben, das ist in der vor vielen Jahren kommunal neugeordneten Stadt schon mehr als merkwürdig. Mal sind es Einzelinteressen, die sich durchsetzen, mal ist es das Dogma eines „Siegerentwurfs“, gestaltungsbeiratsunabhängig.

    Eine Meisterleistung germanischer Architekturkunst ist zu bewundern in Bensberg, geradezu hergerichtet für die beste Lage in der Stadt, neben einem der bedeutendsten Barockschlösser Europas und das mit externer Fachkompetenz aufgefrischt, über alle Zweifel erhaben. Wer sollte sich über diese Gestaltung noch beklagen können, wir haben unser Bestes gegeben.

    Weder die Bebauung des Marktes noch die geplante Veränderung der Schlossstraße können als gelungen bezeichnet werden, man denke nur an das Treppenmonster vor Riegel 2. Der architektonische Verbau, der mit dem Progymnasium begonnen hat geht weiter.

    Offensichtlich ist das Beste eben nicht gut genug.

    Sich damit auseinander setzen zu müssen, das funktionale Fragen als Geschmacksfragen bewertet werden, das zeugt nicht von Durchdringung der Anforderungen. Jeder Einwand wird eloquent wegmoderiert und es wird schlicht weiter gemacht, eine Meisterleistung….

    Schäbbisch Gläbbisch? Das passt zu Bensberg, schade.

  2. Da wundert es nicht, dass Gladbach immer hässlicher wird. Das Motto scheint zu sein: Hauptsache alles 08/15-Standardklötze, bloß keine Vielfalt und keine Experimente. Ja, bessere Architektur *wäre* in der Tat möglich – mit einem Beirat, der seine Aufgabe ernstnimmt.