Die sogenannte „Innenverdichtung” schreitet in vielen Stadtteilen voran. Unser Gastautor schildert einen konkreten Fall in Schildgen sowie die Machtlosigkeit der Bauaufsicht gegen die Megapolis der Investoren – und stellt konkrete Forderungen auf. 

Nun bin ich selbst auch betroffen. Mit meiner Familie wohne ich seit gut zehn Jahren in Schildgen. Schon seit geraumer Zeit stelle ich mit Entsetzen fest, dass Stadtteile wie Schildgen immer mehr ihren Charakter vom Leben im Grünen verlieren.

Weil anstelle von alten Häusern massive Wohnblöcke (vorzugsweise im Bauhausstil) von Investoren gebaut werden, die nach Maximum an Gewinn streben. Das geschieht allem Anschein nach ohne Rücksicht auf Natur und Tierwelt. Und natürlich auch ohne Rücksicht auf die bestehende Nachbarschaft und auf das bestehende Ortsbild. Gleichzeitig werden große Flächen versiegelt, die Dorfidentität geht verloren.

Hinweis der Redaktion: Unser Gastautor wohnt in Schildgen und denkt darüber nach, einen Offenen Brief an die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung zu schreiben. Hier schildert er einen konkreten Fall von „Innenverdichtung” – und führt seine Kritik aus.

Die Genehmigung für so ein Bauvorhaben ist nun auch auf dem Grundstück neben uns erteilt worden. Ein kleines Vorkriegshaus wird abgerissen und auf dem knapp 850 qm großen Grundstück entsteht ein Neun-Parteien-Klotz mit Tiefgarage, der die direkt angrenzenden Häuser um 1,50 Meter überragt. Beim Verkauf aller Wohnungen beträgt das Umsatzvolumen dieses Projekts ca. 2,5 Millionen Euro.

Das Grundstück wird bis auf den letzten Zentimeter ausgeschöpft und komplett versiegelt. Der Garten wird verschwinden.

Die Stadtverwaltung hat dieses Projekt genehmigt, weil sie es ungehindert kann. „Das Bauvorhaben entspricht den gültigen baurechtlichen Regelungen“, heißt es von offizieller Seite.

Die zuständige Genehmigungsbehörde behauptet offenbar, dass die Genehmigung unter Einbezug/Rücksprache mit den Nachbarn erfolgt sei. Tatsächlich wurde keiner der betroffenen Nachbarn in irgendeiner Form einbezogen, vielmehr lag lediglich der Informations-Brief mit der erteilten Baugenehmigung im Postkasten. Mit dem Vermerk: „Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass keine inhaltlichen Fragen zur Baugenehmigung beantwortet werden. Gegen diesen Bescheid kann innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe Klage erhoben werden.“

Doch auf welcher Grundlage würde eine Klage fußen? Baurechtlich besteht nämlich keine Chance auf Einspruch, weil Paragraf 34 des Baugesetzbuchs greift, der lautet: „Nach Art und Maß der baulichen Nutzung muss sich ein neues Bauwerk in die Eigenart der näheren Umgebung anpassen“.

Tatsache ist: Einen flächendeckenden Bebauungsplan gibt es nicht. Bedeutet: Auch wenn sich zig Bauprojekte dieser Dimension nicht in die Umgebung einpassen, werden sie gebaut. Nur auf Basis welcher Kriterien? Dank des wachsweichen Paragrafen 34 und ohne Bebauungsplan sind der Regellosigkeit Tür und Tor geöffnet.

Das skurrile meiner Meinung nach ist, dass sich Elisabeth Sprenger, Leiterin des Fachbereichs Grundstücksnutzung der Stadt, hinstellt und sagt: „Die wenigsten Bauvorhaben werden genehmigt wie beantragt.“ (Quelle: Bergische Landeszeitung vom 4.9.18 – Neue Wohnblöcke statt Altbauten).

Man könnte meinen, Frau Sprenger sei auch noch stolz darauf. Leider scheint sie die Taktik der Investoren dabei außer Acht zu lassen. Die gehen nämlich offensichtlich so vor: Zitat des am Bauvorhaben meines Nachbargrundstücks beteiligten Architekten: „Wenn Sie wüssten, welchen Bauantrag ich eigentlich gestellt habe, dann können Sie froh sein, dass das genehmigte Gebäude doch eher bescheiden ausfällt“.

Die Strategie dahinter: Mega XXL einreichen und XXL bekommen. Ziel erreicht. Die durchschnittliche Familie, die ein Einfamilienhaus oder eine Doppelhaushälfte sucht, kommt ob dieses Gebarens kaum noch zum Zuge.

Zum Schluss führe ich einen weiteren Gedanken aus, der mich ebenfalls wütend macht. Trotz der massiven Innenverdichtung gibt es kein nachhaltiges Mobilitätskonzept. Auf meinem täglichen Arbeitsweg mit dem Fahrrad nach Köln fahre ich über Schlaglochpisten vorbei an langen Blechlawinen.

Weiche von den wenigen Radwegen auf die Straße aus, weil die Radwege in so einem schlechten Zustand sind, dass es nicht zum Aushalten ist. Dabei komme ich, ob des Straßenzustands und des Stauaufkommens, allerdings vom Regen in die Traufe.

„Ob die Verkehrswege dem Zuwachs entsprechend ausgelegt seien, könne so pauschal nicht gesagt werden,“ meint Elisabeth Sprenger (Quelle: siehe oben). Dem kann ich nur entgegnen: „Nein, Frau Sprenger, die Verkehrswege entsprechen mit Sicherheit nicht dem Zuwachs“!

Ich persönlich finde, dass die Bebauungsstrategie der Stadt in Zeiten des Klimawandels höchste Brisanz hat (Stichwort auch: Flächennutzungsplan), schlicht unverschämt ist und dass man Öffentlichkeit schaffen muss, um ein Gegengewicht zu haben. So wie es die zahlreichen Bürgerinitiativen im Zusammenhang mit dem Flächennutzungsplan Gott sei Dank tun.

Ich fordere einen lückenlosen Bebauungsplan, der der XXL Bebauung mit klaren Vorgaben Einhalt gebietet. Ich fordere außerdem ein ökologisch nachhaltiges Bauen mit Umsicht, so dass innerörtliche Freiräume erhalten bleiben. Damit einhergehend fordere ich ein massives Umdenken der Bebauungsstrategie innerhalb der Stadtverwaltung verbunden mit der kurzfristigen Umsetzung eines nachhaltigen Verkehrskonzepts.

Weitere Beiträge zum Thema:

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So soll das Wohnquartier Gronau aussehen

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Guido Berghoff

wohnt seit rund zehn Jahren mit seiner Familie in Schildgen.

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3 Kommentare

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  1. Guido Berghoff,
    dein Beitrag ist gelungen und trägt hoffentlich dazu bei, dass vielen Menschen bewusst wird wie allein durch Bebauungspläne usw, die Entwicklung ihrer Stadt/Heimat massiv verändern kann. Gute Baukultur ist nicht nur Heimatgefühl, sie ist eine starke wirtschaftliche Kraft.
    Nicht zufällig hat das Land NRW ein Ministerium für Heimat, Kommunales Bau und Gleichstellung erstmalig eingerichtet.

    Maria Berghoff
    Vorstandsmitglied Frauenrat NRW

  2. Ja, Herr Berghoff, Sie haben recht. Die Baugenehmigungs-Praxis Bergisch Gladbachs scheint sehr stark darauf ausgelegt zu sein, Investoren, Architekten, Immobilien-Verwertern und Bauunternehmern ein gemachtes Bett zu bereiten, indem gnadenlos jeder qm Wiese und Wald zu fast uneingeschränktem Bebauungsland wird. Es mag ja sein, dass in manchem Papier gegen die unsäglich großen Ausweisungen von Wohnungsbauland im 1. FNP-E. auch von Innenstadtverdichtung die Rede ist statt verantwortungslos in die Natur einzugreifen. Damit hat man der Verwaltung leider ein Stück Freizügigkeit an die Hand gegeben, die sie maßlos ausnutzt. Nun aber überall in der Stadt aus Einfamilienhaus-Grundstücken solche für 2 – 5 Mehrfamilienhäuser zu stricken, unterstreicht die fehlende Verantwortung für die Umgebung, die dort wohnenden Menschen, die Umwelt und die ohnehin chaotischen Verkehrsverhältnisse.

  3. Ein sehr schöner Beitrag Herr Berghoff. Dank!

    Ja der § 34 Baugesetzbuch ist leider in den aller meisten Fällen ein Möglichmacher, der der Bauverwaltung aufgrund der Rechtsprechung wenig Spielraum lässt. Diese bittere Pille musste ich in den Jahren meiner Tätigkeit im Stadtentwicklungs- und Planungsausschuss schon öfter schlucken.

    Und was architektonisch gerade als modern gilt, trifft heute wie früher ganz sicher nicht jeden Geschmack. Geschmäcker sind nun mal verschieden und moderne Bebauung neben Bestandsbebauung ist daher oftmals optisch nicht in Einklang zu bringen.

    Grundsätzlich ist eine Verdichtung im Innenbereich aus meiner Sicht deutlich sinnvoller, als eine Bebauung im Außenbereich. Es sei beispielhaft das Stichwort kurze Wege angeführt.

    Der Erhalt von Freiflächen und Frischluftschneisen im Innenbereich darf bei der Innenverdichtung aber genauso wenig aus den Augen verloren werden, wie bei der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans.

    Der neue Flächennutzungsplan könnte den Erhalt von Freiflächen und bedeutenden regionalen sowie überregionalen Frischluftschneisen regeln, wenn dies mehrheitlich gewollt wäre.

    Ein Bebauungsplan XXL ist aber auch keine Lösung.

    Ein solcher würde ja nicht nur regeln, wie in einem Bereich eine Neubebauung oder Nachverdichtung ausfallen darf, sondern auch, wie sich der Bestand (Stichwort: Anbau, Dachausbau, Garage, Stellplatz, Carport usw.) verändern darf. Und dies macht einen Bebauungsplan XXL juristisch leider leicht angreifbar und somit zu keinem probaten Mittel.

    Abschließend das Thema Verkehr bzw. Infrastruktur.

    Meine Fraktion spricht sich im Rahmen der Neuaufstellung des Flächennutzungsplanes vehement dafür aus, dass man sich in Bergisch Gladbach zunächst überlegt, welchen Zuwachs wollen wir, welchen Zuwachs können wir verkraften und wie können wir diesen bewältigen.

    Leider geht der Flächennutzungsplanentwurf auf diese Fragen nicht wirklich ein. Diese Fragen sollen erst bei der Aufstellung von Bebauungsplänen geregelt werden.

    Verstopfte Straßen, fehlende Kita- und OGS-Plätze, Sanierungsstau bei den Schulen, der Zustand vieler Straßen, der Zustand von Fuß- und Radwegen usw. zeigt schon heute, dass die vorhandene Infrastruktur nicht unendlich belastbar ist und Grenzen hat die oft schon überschritten sind.

    Die sich an alle richtende Frage, wie diese Probleme gelöst und die Problemlösungen finanziert werden sollen wird aber weitestgehend in die Zukunft geschoben.

    Dirk Steinbüchel
    Planungspolitischer Sprecher Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen