Shoichi Sakurai, Colleen Sakurai, Helga Mols und David Grasekamp haben in der Ausstellung „4 by 4″ ein Experiment versucht. Sie wollen die Vielfalt von Sichtweisen darstellen: an Hand von vier Werken mit jeweils vier Varianten. Darunter Collagen und Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen, Objekte und Concept Art. Wir  haben mit den beiden Künstlerpaaren geredet.

Text: Antje Schlenker-Kortum, Fotos: Helga Niekammer

Die Versuchsanordnung

David führt durch die Räume und erklärt, dass jeder der vier Künstler einen Raum im Kulturhaus Zanders zugeteilt bekam. Jeder sollte sich für ein „Signaturwerk“, also für ein Kunstwerk entscheiden, dass stellvertretend für die eigene künstlerische Arbeit und Intention steht.

Zugleich habe jeder „auf das jeweilige Signaturwerk der Künstlerkollegen reagiert und eine Arbeit geschaffen, die sich darauf bezieht”

Das Reizvollste daran war diese Ungewissheit über den Ausgang, sagt Helga Mols, die Initiatorin der  Idee. Und auch Colleen Sakurai bestätigt:

„Alle spürten, es wird entweder richtig gut. Oder es geht schief.”

„4 by 4″ wird am Samstag, 5. Oktober, um 18 Uhr im Kulturhaus Zanders eröffnet.

David. “Who’s Afraid of, Red, Yellow and Blue“, 2017

Davids Werk

Der Künstler entschied sich für die Wiederaufführung einer Arbeit, die er 2017 für seine Einzelausstellung eigens für diesen Raum fertigte. Der Maler und Konzeptkünstler wollte die Kassettenwände nicht mit einer Leinwand verdecken. Er wollte sie hervorheben, mittels Transparenz.

In der Ausstellung damals ging es um eine Welt ohne Bilder. David übte Kritik an der Selbstverständlichkeit, mit der wir Bilder in Sicherheit wägen, während zugleich Tendenzen der künstlerischen Zensur wiederaufleben würden.

Die Installation „Who is afraid of Red, yellow, and blue” verweist auf ein Werk von Barnett Newman, einen abstrakten Expressionisten. „Es ist das meist angegriffenste Werk der Kunstgeschichte,” sagt David und meint damit die Zerstörung dieses Werks durch Besucher, die sich davon provoziert gefühlt haben.

Jedoch, nur aufgebrachter Titel und die Größendimensionen der Acrylplatten erinnern an das gemalte Vorbild von Newman.

„Ich habe Newmans Idee weitergetrieben, die Farben weggelassen und nur  den Raum stehenlassen”.

“X”, 2019 ist Colleen Sakurais tiefschwarze Reaktion auf Davids Werk „Who’s Afraid of, Red, Yellow and Blue“. Helga Mols und Shoichi Sakurai beantworten Davids Frage jeweils mit sehr farbigen Werken und unter ähnlichen Titel: „Not afraid!”

Helga Mols Werk

Die Serie „Strange Loops” beschäftige sich mit wiederholenden Prozessen, wie beispielsweise das Schichten von Farbe. Sie wolle damit keine Gleichmäßigkeit erzeugen, betont Mols.  Sie mache zufallsgesteuerte Spuren aus der Bewegung heraus, jedoch ohne, dass sie etwas darstellen wollen. Vergleichbar sei das mit Elementen der Meditation. (Mehr Infos auf Ihrer Webseite.)

„Es geht nicht darum irgendetwas zu steuern. Farbe macht, was sie macht. Als Maler muss ich darauf reagieren”.

Mols “Loops” inspirierten Shoichi Sakurai zu einem ornamentalen Muster, wie man es aus der Anordnung von Zen Gärten kennt. In Japan arbeite er oft mit “schönem Trash”, mit Weggeworfenem. Als er nach Deutschland kam, habe er lange nach einem adäquaten Material gesucht.

Schließlich streute und fixierte Shoichi Sandmuster auf die beschädigte Abdeckhaube von einer Klimaanlage. Aus der Deformation ließ er wellenförmige Muster zu Energien wachsen.

 Helga Mols “Strange Loops” und das Zen-Garden-ähnliche Objekt von Shoichi Sakurai „KIMYO-NA-ENKAKU” – 2019

Colleen Sakurais Werk

Die in Japan lebende Künstlerin machte in der Auseinandersetzung mit den Strange Loops von Mols  sprichwörtlich prägende Erfahrungen. Sie zwang ihre Wellpappe in einen Loop, also in die gedrehte Form. Doch sie mußte feststellen, das das Material sich wehrt und eine Art Erinnerungsvermögen an seine Urform hat.

„So, better make it not to loopy!” lacht sie. Genannt hat sie das Experiment “Cinderella”. Schließlich sei Wellpappe das bescheidenste und hartarbeitendste Material der Welt. Es mache einfach seinen Job.

„Ich will gar nicht das man gleich sagt, das ist Wellpappe. Ich denke gar nicht drüber nach, dass das Wellpappe ist – es ist ein schönes Material und ich will, dass das anerkannt wird. Ich bin ein wenig wie eine Märchenfee, die den Cinderella-Moment erschafft.”

“Bei diesem Werk dachte ich an den Flügel eines Raben. Zugleich dachte ich, wenn er fliegt, dann blickt er auf eine Landschaft…” Colleen Sakurais Signaturwerk “Ravens Flight 2019” ist, wie fast alle ihre Werke, gemacht aus Wellpappe, einem japanischen Wegwerfprodukt.

Shoichi Sakurais Werk

Shoichi Sakurais Signaturwerk ist ein Textilobjekt und eigentlich „nur” eine typisch japanische Technik, alte Stoffe wiederzuverwerten: Boro. Früher war es unter der armen Bevölkerung üblich, seine eigenen Sachen zu fertigen und mit teuren Baumwollstoffen möglichst sparsam zu sein. Reparatur war einfach eine Notwendigkeit.

Heute werden alte Techniken durch Maschinen ersetzt und Traditionen drohen auszusterben. Vielleicht wurde Boro auch deswegen zu einer gefragten Kunstform. Shoichi habe ein Nutzobjekt hergestellt –  aus Fetzen getragener Uniformen, die zwischen 50 und 150 Jahren alt seien.

Sein Material seien historische Sammlerstücke, er habe sie eigens aus Japan mitgebracht. Für ihn ist dieses Patchwork eine objektgewordene Poesie aus Kulturen, Erinnerungen und Traditionen.

Das ganze Konzept der Fäden und Nähte steht für die Verbindungen der Menschen untereinander und zu allem – auch wenn man sie nicht sehen kann.

Shoichi Sakurai:「継ぎ接ぎ」 PIECES UNITED – 2019

Wer tiefer einsteigen möchte, kann die Künstlerführungen besuchen, jeweils sonntags 15 Uhr.

Weitere Termine und Öffnungszeiten:

  • Samstag: 12. Oktober, 15 Uhr: Waerable Sculptures  – Schmuckpräsentation
  • Samstag: 19. Oktober, 19 Uhr: “Soundescapes: Reflections on Art” mit Pianist Thorsten Schäfer
  • Donnerstag: 31. Oktober, 19 Uhr: Künstlergespräch, Moderation: Ulrike Oeter

Die Künstler sind anwesend:

Di, Mi, Sa, So: 14 bis 18 Uhr
Do: 17 bis 21 Uhr

Finissage: 10. November 11 Uhr, Grußwort Charlotte Loesch M.A.

Kulturhaus Zanders, Hauptstraße 267-269

Dauer der Ausstellung: 5.10. – 10.11.2019

Kontakt: 0163 2708795
weitere Termine auf Anfrage

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3 Kommentare

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  1. Ich empfehle, sich in einen der Räume zu setzen und die Ausstellung sprechen zu lassen. Sie tut es – ganz bestimmt! Man muss sich allerdings darauf einlassen und Zeit mitbringen: Man gleitet in einen Zustand auf der Grenze zwischen Meditation und Analyse des Sichtbaren und dann entfaltet sich das Unsichtbare der Ausstellung: Die Künstler aus Venezuela, Kalifornien, Japan und Deutschland können sich durch die Kunst verstehen, und sie offenbaren, dass Kunst eine Sprache sein kann, die Brücken der Verständigung baut. Alleine dieses Erlebnis ist es wert, die Ausstellung zu besuchen.

  2. Eine faszinierende Ausstellung durch Gegensätze und Gleichklang.
    Absolut sehenswert!!