Die Reisegruppe. Fotos: Eva Richter

Kontakte auffrischen und künftige Begegnungen anbahnen, das war das Ziel der Bürgerreise in die englischen Partnerstädte Luton und Runnymede – mit Erfolg. Die Reisegruppe erhielt tiefe Einblicke in das aufgewühlte Land und traf gleich mehrere Verabredungen für das nächste Jahr.

Unterwegs in den englischen Partnerstädten von Bergisch Gladbach: Von der Industriestadt Luton im Norden Londons vorbei an Schloss Windsor ins ländliche Runnymede, wo vor gut 800 Jahren die berühmte Magna Carta besiegelt wurde – das ist England pur mit seiner Vielfalt, lebendigen Geschichte und den gesprächsoffenen Menschen, die uns Reisenden tiefe Einblicke ins Innerste ihres derzeit so aufgewühlten Landes ermöglichten.

Die Leitung der Bürgerreise in den Herbstferien hatten Angela Behrend und Norbert Brochhagen vom Arbeitskreis „Partnerschaft mit Runnymede und Luton“.

Von der Gartenstadt Welwyn zur Waldsiedlung Gronau

Bereits auf der Busfahrt vom Flughafen Stansted nach Luton erlebte unsere neunköpfige Besuchergruppe beim Abstecher in die Gartenstadt Welwyn ein Déjà-vu. Dieses Vorzeigeprojekt der britischen Gartenstadtbewegung Ende der 19. Jahrhunderts hatte sich seinerzeit bis nach Bergisch Gladbach herumgesprochen. Dort griff es Papierfabrikant Richard Zanders in der Waldsiedlung Gronau mit familienfreundlichen Wohnhäusern, Gärten und Grünanlagen auf.

Zwar war da von Städtepartnerschaft noch keine Rede, doch für Bergisch Gladbach hat sich der Blick auf die britische Insel schon damals gelohnt.

Luton: Neues Leben in alter Hutfabrik

War Großbritannien seinerzeit Vorbild für den Rest der Welt, so hadert es heute mit dem Niedergang seiner industriellen Zentren. Auch unsere Partnerkommune Luton ist davon betroffen. Einst hatte die Hutindustrie Wohlstand und Fortschritt gebracht – den modehungrigen Schönen und Reichen in der nahen Empire-Hauptstadt sei’s gedankt.

Jetzt führte uns Heimatforscherin Elise Naish durch die Innenstadt mit ihren viktorianischen Fabrikgebäuden, in denen Büros, Pubs und Shops untergebracht sind oder manchmal auch nur trauriger Leerstand herrscht.

Nur die fünfstöckige „Hat Factory“ macht aus der Not eine Tugend: Das historische Gebäude wurde kürzlich als Kunst- und Bürgerzentrum wiedereröffnet – mit Galerie, Theaterstudio, Konzertbühne und Konferenzräumen. Es steht für das Ringen der Bürger um eine bessere Zukunft, „soll wie ein Magnet kreative Köpfe in unsere Stadt ziehen“, erklärte Elise. Eine ganze Menge sind schon da – Forscher und Studierende im gegenüberliegenden Betonbau der Bedfordshire-University.

Karneval fördert Städtepartnerschaft

Wie sehr der Karneval eine Brücke nach Bergisch Gladbach schlägt, erlebten wir im UK Centre for Carnival Arts, gleichsam das Hauptquartier der traditionsreichen Karnevalszene in Luton. Bereits im Frühjahr hatte eine englische Delegation mit Jecken an der Strunde gefeiert, jetzt lernten wir, was den Karneval in Luton ausmacht: „Ganz viele Fußgruppen, in der die zugewanderten Bewohner ihr Brauchtum ausleben, karibische Rhythmen und schriller Kostümschmuck“, sagt Annmarie Williams, künstlerische Leiterin des Hauses.

Und natürlich wirft der nächste Karneval schon einen Tusch voraus: Bürgermeister Parshotam Sohi hat sich zum Rosenmontagszug 2020 in Bergisch Gladbach angesagt, derweil eine Abordnung hiesiger Ex-Prinzen ihre Teilnahme an Lutons Straßenkarneval im Mai plant.

Runnymede: Wo Englands Ritter Geschichte schrieben

Der zweite Schwerpunkt unserer Reise war die Partnerstadt Runnymede. Wunderbar der weitläufige Skulpturenpfad: Mitten auf einer sattgrünen Wiese stehen zwölf Bronzestühle um einen imaginären Tisch – die Installation „Die Juroren“ zum 800. Jubiläum der Magna Carta. Genau hier zwangen Englands Ritter im Jahr 1215 ihren König Johann Ohneland, sich dem verbindlich aufgeschriebenen Recht zu beugen.

Eine eigentümlich anmutende Szenerie, zumal im Hintergrund eine Herde zotteliger Rinder grast. Dazu hoch aktuell: Immer wieder berufen sich die Kontrahenten im Brexit-Streit auf die Magna Carta, um die Freiheit von Bürger und Nation zu beschwören.

Die Musik spielt auf dem Runnymede-Platz in Bensberg

Die Royal Holloway Universität in Runnymede

Auf dem Programm stand auch der Besuch der Royal Holloway University in Egham, einem Stadtteil von Runnymede. Der mächtige Ziegelbau mit Dutzenden Türmen und Türmchen erinnert stark an ein Märchenschloss, der prachtvoll ausstaffierte Lesesaal verströmt die Aura universeller Gelehrsamkeit. Schon Königin Victoria setzte sich für Emanzipation ein, indem sie die exklusive Bildungsstätte zunächst ausschließlich jungen Frauen widmete, ehe sich ab 1965 auch Männer bewerben durften.

Gleich im Anschluss an unsere Besichtigung des Campus gab es dann gute Nachrichten für Bergisch Gladbach: Das Royal Holloway’s Symphony Orchestra wird bei der Einweihung des Runnymede-Platzes am Bensberger Schloss im Juni 2020 aufspielen!

Wiedersehen mit der Egham Band

Sechs Tage England – da lässt sich viel erleben. Zum Beispiel auch eine Themsefahrt, die Besichtigung von Schloss Windsor und ein Spaziergang durch Eton mit seinem Elite-College, wo immer wieder der Name des einstigen Schülers Boris Johnson fällt.

Unvergesslich bleibt die Abendeinladung der Egham Brass Band in ihr Vereinsheim. Erst kürzlich konnte Bürgermeister Lutz Urbach das Blasorchester beim Stadtfest an der Strunde begrüßen. Bei Bier, Chips und Pork-Pie tauschten wir uns mit unseren Gastgebern aus und waren uns schnell einig, dass Begegnungen über nationale Grenzen derzeit wichtiger denn je sind.

Was die Musiker zum Anlass für neue Taten nehmen wollen: Auch sie planen, bei der Einweihung des Runnymede-Platzes im kommenden Jahr dabei zu sein.

Informationen über die Städtepartnerschaften von Bergisch Gladbach gibt es hier.

Neue Beziehung(en)

Neue Begegnungen nach Beziehungsflaute: Luton, 50 Kilometer nördlich von London gelegen, knüpfte 1956 als erste Kommune eine Partnerschaft mit Bergisch Gladbach; 1965 folgten Bensberg und Egham, das später ein Stadtteil von Runnymede wurde. Im Zeichen dieser Doppelpartnerschaft bestand jahrzehntelang ein reger Austausch über den Kanal hinweg, mit Schüler- und Bürgerreisen, Konzerten und Künstlertreffen.

Nach einer bergisch-britischen Beziehungsflaute möchte der 2014 gegründete Arbeitskreis „Partnerschaft mit Runnymede und Luton“ wieder an alte Glanzzeiten anknüpfen. Seine beiden Vorsitzenden haben mit der aktuellen Bürgerreise bewährte Kontakte aufgefrischt und künftige Begegnungen angebahnt: Norbert Brochhagen, Englischlehrer am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium, und Angela Behrend, gebürtige Engländerin, Coach für internationale Führungskräfte und seit 40 Jahren in Bergisch Gladbach lebend.

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