Professionell arbeitende Künstler des AdK Arbeitskreis der Künstler Bergisch Gladbach arbeiten mit Schülern des Leistungskurses des Albert-Magnus Gymnasiums (AMG) an gemeinsamen Kunstwerken. Nun sind in der VHS die beeindruckenden Ergebnisse zu sehen. Ein höchst avantgardistisches Projekt – nicht nur in der Kunst. Wir waren zur Vernissage und haben mit den Machern geredet.

Text: Antje Schlenker-Kortum, Fotos: Helga Niekammer

Begonnen hatte das Projekt im Frühjahr 2019, auf Initiative der ADK Künstlerin Christine Burlon und der Kunstlehrerin Uta Müller. Einzige Vorgabe für die Künstler und für die Schüler war das Blattformat von 70 x 50 cm. Technik, Material und Farbigkeit waren völlig frei wählbar. Aber es gab eine kreative Begrenzung: einmal ein unvollendetes Werk zu beginnen und beim zweiten Werk etwas Angefangenes zu vollenden.

Die Verteilung – welcher Schüler, welcher Künstler, welches Werk bekommt – erfolgte per Zufall. Jeder Teilnehmer traf also auf ein unbekanntes Gegenüber und dessen halbfertiges Werk. Das klingt einfach, ist aber eine Herausforderung – gerade für Künstler.

Das Programm wurde musikalisch untermalt von der Jazz-and-Worldmusic-AG des AMG, Leitung Rolf Faymonville. In seiner Ansprache betonte der Schulleiter Faymonville “die mutige und offene Zusammenarbeit zweier Menschen an einem Bild. [So kann] mehr entstehen als “nur” ein Bild.”

Grundsätzliche, existentielle und gesellschaftlich-aktuelle Fragen

Wie kommt man auf die unkonventionelle Idee, Profis mit jungen, vermeintlich unerfahrenen Schülern zusammen zu bringen? – fragen wir die Initiatorin Christine Burlon: „Mein Anspruch an dieses Projekt war es gleichberechtigt zu arbeiten.

Das ist gar nicht so einfach, denn die Künstler haben natürlich einen Vorsprung – sie sind erfahrener. Sie arbeiten schon ihr ganzes Leben an ihren Themen und sie haben Materialerfahrung. Sie kennen den Weg. Andererseits – das hier ist ein Leistungskurs, die Schüler sind gut!” Das erste Hemmnis bei einem solch experimentellen Projekt sei der geläufige Kunstbegriff – nach dem Motto: Kunst kommt von können.

„Aber, wenn man das alles weglässt, dann ist es ein ganz fruchtbares Zusammenarbeiten.” Burlon ist freischaffende Designerin und Künstlerin, und ja, bei ihr zähle der Wert von Kommunikation mehr als die starre Darstellung von handwerklicher Professionalität.

Künstler und auch Schirmherrin Roswitha Bethe waren von dieser Idee fasziniert. Und Burlon, Konzepterin und teilnehmende Künstlerin, erzählt, – sichtlich hingerissen – wie sich der experimentelle Prozess entfaltete: „Schon vor dem ersten Schritt war der Schüler immer im Hinterkopf. Man hat da Freiräume gelassen, sich Möglichkeiten ausgemalt… Und dann machen sie etwas völlig anderes. Toll!”

Es wurden Briefe zwischen Künstlern und Schülern geschrieben. Es wurden Fragen gestellt. Das alles findet man im Katalog dokumentiert.

Kunstlehrerin Müller, das Ehepaar Bethe und die Künstlerinnen Christine Burlon und Sabine Neuhaus. Roswitha Bethe (mittig) begleitete als Schirmherrin den Unterricht und auch sie hat sich aktiv auf die Gespräche eingelassen.

Was kann ich in dem mir zugeteilten Bild von meinem Gegenüber erfahren? Und was kann ich von mir erfahren?” Schirmherrin Roswitha Bethe – Auszug aus in ihrem Grußwort im Katalog.

Wollen die alten Hasen den jungen Hühnern etwas beibringen?

“Die unterschiedlichen zwischen jungen Hühnern und alten Hasen und haben durchaus eine Rolle gespielt,” sagt Burlon. Deswegen entschied man sich auch für diesen Titel. “Da liegen Generationen dazwischen – einige Künstler könnten die Großeltern sein.”

Auch die Erinnerung an den eigenen Unterricht floss hinein: Burlon gesteht “Wenn ich damals eine solche Möglichkeit gehabt hätte –  ich hätte keine Umwege gemacht – ich wäre direkt in de Kunst gegangen.” Nicht ohne Grund habe Sie diese Partnerschaft gewählt:  “Müller geht mit der richtigen Ernsthaftigkeit dran. Der Leistungskurs hat sogar Sichtweisen trainiert und verschiedene Antworten auf halbfertige Werke skizziert.”

Dabei sei das so schwierig: “Was sind 50 Prozent eines Kunstwerks?” Auch das Drübergehen, über die Vorgabe des Vorgängers, sei total individuell praktiziert worden.

Manuele Klein lehrt Kunst und sie ist eben auch Künstlerin. Sie kommentiert augenzwinkernd belehrend die Darstellung von Jerrit Huberys nackten Vorgaben (rechts). Dabei ließ sie sich  offensichtlich inspirieren von der verspielten Collage von Lilli Knobloch (links). Die junge Künstlerin vollendete Kleins typische schwarz-weiß angelegte Strukturen mit kleinen Papierschmetterlingen (erstes Bild links).

Geht es um Professionalität und/oder um Vorbilder?

Müller schätzt hingegen gerade den professionellen Input, den die Schüler von den Künstlern bekommen haben: „Die Schüler des Leistungskurses wollen ja vielleicht einen ähnlichen Lebensweg einschlagen. Dabei geht es auch um Vorbilder und um die Förderung von Motivation“.

Die Kunstlehrerin Müller betont: “Die Schüler bekommen eine Note, die in die Abiturnote einfließt. Das war sicher auch Druck – aber auch gut, um ernsthaft im Unterricht daran zu arbeiten.”  Man habe sich den individuellen Themen mit vielen Vorskizzen und auch theoretisch angenähert.

Übergeordnet zählte das Neuerschaffen aus dem Alten: das Gegebene, dass schon da war mit dem Neuen verbinden – mit dem, was man hinzugibt. “Es geht um beides nebeneinander und eben nicht darum, dass der eine dem anderen etwas überstülpt.”

Jana Rienhardt (links) schwebte von Beginn an eine Sanduhr vor.  Auch sie kannte die Künstlerin, die ihr Bild vollenden würde, nicht. Der Zufall wählte Elisabeth Schwamborn als Vollenderin, eine eigentlich abstrakt malende ADK Künstlerin und bekannt für ihre gesellschaftskritischen Themen. Sie inszenierte Rienhardts Sanduhr vor einer theatralischen Bühne.

Zufall oder bewusste Fügung?

Müller arbeitete aus pädagogischen Gründen mit dem Zufall: „Die Übergabe der angefangenen Werke der Künstler Schüler und umgekehrt erfolgte per Zufall und dann wurde getauscht. Der Zufall – wer was bekommt – verhinderte Vorlieben auf beiden Seiten. Ich wollte auf keinen Fall, dass etwas übrigbleibt”.

Einige Künstler kamen in den Unterricht. Es folgten Gespräche und auch Verwerfungen. Und Diskussionen darüber: Wann ist das Werk fertig? Auch Müller ging es nicht um das Endergebnis, sondern um den Prozess.” Ich bin begeistert, wie aktiv, wie ausdauernd, die Schüler mitgearbeitet haben.”

Burlon hat ähnliche Erfahrungen mit ihren Kollegen gemacht. „Die Künstler haben eine andere Spielart von sich entdeckt. Allein durch die Vorgabe des anderen, muss man sich nicht so treu bleiben. Man kann etwas probieren. Außerdem haben die beiden Generationen ganz ähnliche Themen – wie beispielsweise Klimawandel – das sieht man an den Bildern.“

Ein eigentlich provokativ arbeitender Detlev Weigand, der im Fluxus zu Hause ist, wird plötzlich surreal zart untermalt von mystischen, wunderbar ausgearbeiteten Figuren von Emilie Jahn (erste von links).

„Jeder hätte das machen können. Aber auf die Idee kommt man nicht einfach so.” Dr. Ursula Clemens Schierbaum, Auszug aus ihrem Grußwort im Katalog

Wie beliebig ist das?

Die einzelnen Arbeiten zeugen von ernsthaften aber auch verspielten Aufeinandertreffen von Jung und Alt und von unterschiedlichsten Herangehensweisen. Man spürt auf beiden Seiten – widersprüchlich-poetische Verdichtungen, mutige Übertreibungen – Statements, persönliche Kämpfe und Experimente. Und man erkennt auch Gemeinsamkeiten.

Auch das ist eine Qualität der Ausstellung: auf großen Übersichten und auch im Katalog werden Arbeitsprozesse aufgezeigt. So kann jeder für sich und ganz nach Belieben nachvollziehen: wie hätte ich reagiert? Das macht jede Arbeit für sich tiefgründig und erkenntnisreich.

Hanna Sous zeichnete eine zart-düstere Industrielandschaft. Der Zufall fiel auf Gisela Schwarz, ADK Vorsitzende und Fotografin. Sie  reagiert mit einer künstlerischen Übertreibung. Derart massiv, dass das Bild gewichtig wurde. Es musste als Objekt unter Glas ausgestellt werden.

Wir haben Ihnen nur wenige Beispiele zusammengestellt – schon weil die vielfältigen Materialien und die feinen Texturen kaum adäquat abzulichten sind. Holen Sie sich den limitierten Katalog und begeben Sie sich auf eine Spurensuche vor Ort.

Ort:
Volkshochschule (VHS)
Buchmühle, 51465 Bergisch Gladbach

Dauer der Ausstellung:
von Donnerstag, 7. November, bis 13. Dezember 2019,

Öffnungszeiten:
montags bis freitags
8 bis 21 Uhr

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2 Kommentare

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  1. Gestern habe ich mir die spannende Ausstellung angesehen.
    Ein tolles Projekt mit einem beeindruckenden Ergebnis !!

    Von dem sehr schön gestalteten Katalog bin ich auch ganz begeistert !!

  2. Ich konnte die Ausstellung leider erst einen Tag später sehen. Beeindruckt hat mich das spannende Miteinander der Künstler und die vor Kreativität sprühenden Arbeiten. Abgerundet wurde das Ganze dann noch durch Frau Schlenker-Kortums Bericht und Helga Niekammers Fotografien.