Im Koran sind Männer und Frauen gleichrangig, und Nicht-Muslime werden auch nicht als Ungläubige bezeichnet. Das lernten die BesucherInnen eines Workshops in Schildgen. Dort erhielten sie auch Antworten auf die Frage, warum man so oft das Gegenteil von dem hört, was sie gerade erfahren hatten. 

Die Flüchtlingsinitiative Willkommen in Schilden hatte eingeladen zu einem Workshop zum Thema „Die glauben doch was ganz Anderes?!“ Eine Muslima, Rabeya Müller, muslimische Theologin, Religionspädagogin und Imamin der Muslimischen Gemeinde Rheinland, und ein Christ, Dr. Martin Bock, evangelischer Pfarrer und Leiter der Melanchthonakademie, waren miteinander und mit den Teilnehmern im Gespräch über grundlegende Fragen des christlich-muslimischen Zusammenlebens.

Mehr als 20 ehrenamtliche Helfer der Flüchtlingshilfe und einige neue Nachbarn waren gekommen. Rabeya Müller referierte im ersten Teil des Abends über die Geschichte des Islam in Deutschland und über die Frage, wie die Heiligen Schriften von Christen und Muslimen zusammenhängen.

Wertschätzung bis zum Zweiten Weltkrieg

Bis zum zweiten Weltkrieg gab es eine große gegenseitige Wertschätzung von Muslimen und Christen in Deutschland. Auch aus den Schriften lässt sich die gegenseitige Anerkennung der Religionen herleiten. Mohammed schätzte die Thora und das Evangelium und bezog sich darauf in seinen Offenbarungen. Maria, die Mutter Jesu, spielt eine große Rolle im Islam.

Allah ist der Schöpfer, der Mensch sein Geschöpf, wie auch im Juden- und Christentum. Er schuf aus einem Wesen Mann und Frau, und sie sind gleichrangig – von einer Unterordnung der Frau steht nichts im Koran. Es ist auch nicht darin zu finden, dass alle Nicht-Muslime Ungläubige sind, wie es traditionelle islamische Gruppen behaupten. Niemand, außer Gott, kann beurteilen, was ein Mensch glaubt, denn der Mensch ist immer das Geschöpf Gottes.

Von Seiten der Kirchen gibt es auch Aussagen zum Islam, wie Martin Bock erläutert, z.B. aus dem 2. Vatikan. Konzil: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten“.

Lernen, den Koran auszulegen

Nach dem einführenden Vortrag gab es viele Fragen von Seiten der BesucherInnen, und es entwickelte sich eine interessante Diskussion. Einige bemerkten, dass wir von vielen islamischen Verbänden in Deutschland und auch von Flüchtlingen aus moslemischen Ländern oft sehr abgrenzende Aussagen zu anderen Religionen, zur Rolle der Frau und der Stellung des islamischen Rechtes gegenüber dem Grundgesetz hören.

Rabeya Müller erklärte, dass in Deutschland der Konservativismus im Islam vorherrsche und viele Muslime den Koran zu wenig kennen würden. Viele Aussagen, von denen sie denken, sie stünden im Koran, sind durch Traditionen bedingt und wurden über viele Jahrhunderte oft unreflektiert übernommen.

So widersprechen generalisierende Aussagen im Koran nicht dem Grundgesetz, und historisierende Aussagen müssen in ihrem Kontext gesehen werden, der sich in der Regel auf ein einmaliges damaliges Ereignis bezieht und nicht auf die heutige Situation übertragbar ist.

Aber leider können viele Muslime heute den Koran nicht mehr auslegen. Deshalb versuchen einige Koranschulen den Menschen heute wieder die „Eigenauslegung“ beizubringen.

Auch biblische Aussagen verabsolutiert

Martin Bock bemerkte, dass wir im Christentum bis zur Reformation ähnliche Phänomene hatten und es auch bis heute konservative Strömungen gibt, die biblische Aussagen verabsolutieren und anderen Menschen den Glauben absprechen.

Es gibt aber auch viele positive Beispiele: islamische Gemeinden, die von Frauen geleitet werden, Eheschließungen zwischen Christen und Moslems, wobei es zwei getrennte Zeremonien gibt; allerdings kann der Pfarrer und ein Imam bei der jeweils anderen Zeremonie dabei sein.

In der Lutherkirche gibt es jedes Jahr einen gemeinsamen Gottesdienst von Christen und Muslimen, der sehr gut besucht ist. Es gibt ein großes Bedürfnis nach einer gemeinsamen Spiritualität.

Die Religionsbücher, die Rabeya Müller für den islamischen Religionsunterricht erarbeitet hat und in denen viele Vergleiche zu Christen- und Judentum zu finden sind, werden auch von konservativen Lehrern genutzt.

Am Schluss waren sich die Besucher einig, dass alle Menschen in Deutschland, Einheimische und Geflüchtete, solche Veranstaltungen erleben müssten, wo man so viel über die andere Religion erfahren kann und miteinander ins Gespräch kommt.

Die Religionen müssen von den Nationalismen befreit werden, und wir sollten immer wieder auf das Grundgesetz verweisen, das die Freiheit und Würde aller Menschen betont. Wenn man weiß, wie die Theologie einer anderen Religion aussieht, kann man viele Vorurteile darüber abbauen.

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