Das Coronavirus fordert auch in unserer Partnerkommune seinen Tribut. Zwar sind die Auswirkungen im Alltag von Beit Jala und Bergisch Gladbach nicht vergleichbar. Aber einiges, was uns hier plagt, findet sich auch dort.

Der Austausch per Skype, Telefon und Mail zwischen unserem Vereinsvorstand und Mitarbeitern der dortigen Stadtverwaltung gibt ein Bild von der Situation in Beit Jala – mit einigen auch hier an der Strunde vertrauten Facetten.

Region Bethlehem – Epizentrum der Pandemie

Schon in der ersten Märzwoche hatte sich die Region Bethlehem als Epizentrum der Pandemie in Palästina herauskristallisiert. Die Autonomiebehörde verfügte sofort strikte Bewegungseinschränkungen; in Beit Jala, wo die Infektion zuerst auftrat, wurden fast alle Zugangsstraßen abgeriegelt.

Notstandskomitee hilft

„Die Stadt Beit Jala hat ein Notstands-Komitee gebildet, dem Organisationen der Zivilgesellschaft und der politischen Parteien angehören, darunter auch die Pfadfindergruppen“, berichtet ein leitender Mitarbeiter der Verwaltung.

Das Komitee organisiert die Grundversorgung der Bevölkerung, vor allem mit Medikamenten, Sanitätsprodukten, Lebensmitteln, Gas und Strom. Die Stromversorgung ist eine besondere Herausforderung: Sie funktioniert nach dem Prepaidsystem, d. h. die Bürger müssen bei Bedarf ihre Zugangskarten neu aufladen.

„Frauen vom Notkomitee“: Junge Frauen vom Notkomitee mit einem blumigen Dank an Polizisten im Dauereinsatz
„Pfadfinder“: Von Anfang an packten die Pfadfinder bei der Versorgung bedürftiger Bürger mit Lebensmitteln und Hilfsdiensten an

E-Learning in Talitha Kumi

Da die Schulen geschlossen sind, schickt das Unterrichtministerium der Autonomiebehörde täglich Aufgabenstoff an alle Jahrgänge. Das ist für viele Schülerinnen und Schüler nicht einfach, da es kein System der Begleitung und Rückfragen gibt. Die deutsche Schule Talitha Kumi wendet bereits Methoden des E-Learning an, eine Möglichkeit, die längst nicht alle Schulen im Land haben.

Abrahams Herberge in Not

Für den öffentlichen Bereich hat Präsident Mahmud Abbas die Fortzahlung der Gehälter angekündigt, die Banken haben die Bedienung von Darlehen für die nächsten vier Monate ausgesetzt. Für Angestellte im privaten Gewerbe, etwa im Tourismus, für Taxi-Betriebe, Kirchen und private, meist kirchliche Schulen, ist die Fortzahlung von Gehältern ein Riesenproblem.

Überall in der Region Bethlehem mit ihren jährlich 1.5 Millionen Touristen brechen die Einkünfte weg. Auch in der Abrahams Herberge, dem Domizil unserer Begegnungsreisen: Jetzt schon fehlen die so wichtigen Einnahmen aus dem Ostergeschäft.

Eingeschränkungen sind nicht neu

Innerhalb der Westbank herrscht große Solidarität mit besonders betroffenen Menschen in der Bethlehem-Region. Bedürftige werden mit Nahrungsmitteln versorgt, private Unternehmen beteiligen sich mit großzügigen Spenden.

„Die Bevölkerung beachtet weitgehend die Anordnungen. Sie ist mit Ausnahmesituationen vertraut und kann damit umgehen – unter israelischer Besatzung ist der Alltag ständig eingeschränkt“, ist aus der Stadtverwaltung zu hören. So sind Hamsterkäufe in Beit Jala kein Thema.

Fake News in der Krise

Anfangs kursierten in den sozialen Medien Gerüchte, welche die Menschen verunsichern sollten und für das Gesundheitssystem zusätzliche Belastungen bedeuteten. Mit der Ausrufung des Notstandes verfügt die palästinensische Polizei über wirkungsvolle Mittel, insbesondere im Bereich der Datenüberprüfung, die zu drastischen Bestrafungen der Urheber geführt haben. Seitdem sind solche Probleme spürbar zurückgegangen.

Arbeitspendler besonders betroffen

Die Menschen in Beit Jala – und nicht nur dort – treiben noch andere Sorgen um. Viele tausend Palästinenser verdienen ihren Lohn als Arbeitspendler in Israel. Jetzt, da die Checkpoints geschlossen sind, stehen sie vor der Wahl, entweder auf wichtige Einkünfte zu verzichten oder von ihren Familien für Monate getrennt zu leben.

Auch aus Jordanien, wo viel palästinensische Verwandtschaft lebt, kommen beunruhigende Nachrichten. Medien berichten von der „härtesten Ausgangssperre der Welt“: Wer außerhalb seiner Wohnung erwischt wird, muss mit Gefängnis von bis zu einem Jahr rechnen.

„Hauptstraße“: Eine autofreie Zone? Nein, die Hauptstraße von Beit jala in Coronazeiten

Vorbildliches Krisenmanagement

In Beit Jala und den palästinensischen Gebieten jedenfalls sehen sich die Verantwortlichen in ihrem Umgang mit der Krise bestärkt. Bislang kam es zu insgesamt 91 Infektionen und einem Todesfall (Stand: 27. 3.).

Die WHO hat die frühen und umfassenden Schutzmaßnahmen ausdrücklich gewürdigt, teilte Dr. Khouloud Daibes, palästinensische Botschafterin in Berlin mit.

„Angel Hotel, Hauptstraße“: Im Angel Hotel wurden Anfang März die ersten Corona-Infektionen Palästinas bekannt. Absperrungen regulieren den Zugang

Am Telefon: Die Präsidenten Rivlin und Abbas

Was Generationen von Politikern nicht schafften, hat das Corona-Virus angestoßen: Israels Staatspräsident Reuven Rivlin und Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas tauschten sich kürzlich telefonisch über Kooperationsmaßnahmen zur Eindämmung der Krise aus, berichteten die Times of Israel (19. 3.) und weitere Medien.

„Die Zusammenarbeit zwischen uns ist entscheidend, um die Gesundheit sowohl der Israelis als auch der Palästinenser zu gewährleisten”, sagte Rivlin demnach. Und schob einen Satz von geradezu visionärer Dimension nach: „Unsere Fähigkeit, in Krisenzeiten zusammenzuarbeiten, zeugt auch von unserer Fähigkeit, in Zukunft zum Wohle von uns allen zusammenzuarbeiten.”

„Wir fühlen uns an Ihrer Seite“

In Beit Jala scheint bei vielen Menschen trotz Ungewissheit und Not auch eine Spur Zuversicht durch: Wo weltweit dasselbe Virus wütet, verlieren Grenzen an Bedeutung. Das belegt der rege Kontakt der vergangenen Wochen zwischen Bürgern von Beit Jala und unserem Vereinsvorstand.

Gut kam auch das Schreiben vom Vorsitzenden Heinz-D. Haun an die Freunde in der Partnerstadt an. Darin heißt es: „Wir fühlen uns an Ihrer Seite und wünschen Ihnen allen ein sicheres und geborgenes Ende der Krise.“

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