Corona hat die Bedeutung eines Körperteils entscheident gewandelt: Stand der Ellbogen für rigides Durchsetzen, so ersetzt er jetzt den freundlichen Handschlag. Die Abkehr von der Ellbogengesellschaft: Ein schönes Bild für die Anstrengungen, die wir alle zur Überwindung der Corona-Pandemie unternehmen.

Der Ellenbogen besaß bis vor ein paar Wochen alles andere als ein nobles Ansehen. Wer für seine Karriere die Ellenbogen in Stellung bringt und sie – sinnbildlich – ziemlich skrupellos einsetzt, gilt als ein Mensch, der zum Erreichen seiner Ziele andere in die Pfanne haut.

Donald Trump, wie er bei uns rüberkommt, ist für mich der Prototyp eines solch unsympathischen Zeitgenossen. Sogar vor laufenden Kameras setzt er seine Arme samt der Ellenbogen ein, um sich rasch durch die menschlichen Hindernisse in die erste Reihe zu schieben. Als wolle er mit diesem körperlichen Gehabe uns allen sagen: „Schaut her, ich bin es und mach das so, weil nur ganz vorne der mir gebührende Platz ist.“

Mieses Image

Das schlechte Vorbild hat seine Nachahmer: So wird aus der Ellenbogenmentalität die Ellenbogengesellschaft. Schnell haftet jenem die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe an, wer der kritische Reflexion über das eigene Tun verlustig wurde: Dem Autoraser, dem Drängler, dem Hinterhältigen, dem notorischen Lügner, dem Raffer, dem Intriganten. Diese Typen und andere haben dem eigentlich nützlichen Körperteil, unserem Ellenbogen, das miese Image verpasst. Doch alles hat seine Zeit!

Denn durch die Corona-Pandemie ändert sich vieles. Plötzlich ist die Ellenbogenbeuge die willkommene Diskret-Zone, in der hineingehustet oder die unvermeidbare Niesattacke aufgefangen wird. Vorbei der erzieherische Befehl an den Sprössling. „Wenn du hustest, halt‘ gefälligst die Hand vor deinen Mund!“

Begrüßungsritual mit Kreativpotenzial

Dieser Spruch ist inzwischen absolut out: Folglich hat der Ellenbogen jetzt die Chance, dem traditionellen Handschlag den Rang abzulaufen. Endlich! Es war doch immer schon ekelig, die verschwitzte Flosse des Gegenübers nur zum Guten-Tag-Wünschen in der eigenen verschwitzten Flosse zu spüren. Die Handfläche als Hort von Viren und Bakterien und damit als Wegbereiterin für den baldigen Dünnpfiff – igitt, nein danke! Das sollte nie wieder kommen.

Deshalb befindet sich der gegenseitige Ellenbogen-Gruß-Kick auf dem Siegeszug. Zumal er ein Begrüßungsritual mit Kreativpotenzial ist. Denn die Berührung der Ellenbogenspitzen als freundliches „Hallo“ lässt sich – je nach Alter und dem aktuellen Zustand, ob ich „Rücken“ habe oder nicht – sogar per vorherigem Drehsprung durchführen.

Auch der sanfte Touch der Ellenbogenspitzen mit leichter Innendrehung scheint beliebt, weil unweigerlich ein gleichzeitig einsetzendes Lächeln während des Grußes dem Gegenüber signalisiert: „Ich finde dich nett und mag dich.“ Zweifellos: Der Ellenbogen erfährt einen rasanten Imagewandel ins Positive!

Da auch sonst uns die anhaltende Corona-Krise – natürlich unter dem Gebot der Abstandswahrung – näher zusammenrücken lässt, bekommt die Ellenbogenmentalität ihren kraftvollen Dämpfer. Dieser Charakterzug befindet sich sozusagen in einem steilen Sinkflug. Ob das auch von den US-Bürgern so gespürt wird? Schön wäre es.

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1 Kommentar

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  1. Ich bin genauso fehlbar auf vielen Feldern, wie andere Menschen auch. Zu den oben genannten Typen zähle ich – so ist mein eigenes mit allen meinen Möglichkeiten reflektiertes Bild – nicht. Zu diesem Corona-Pandemie-Moralverständnis kann ich jedoch kein Verständnis aufbauen. Es überträgt ja geradezu die Schuld auf den einzelnen Bürger, weil er es vorher nicht so gemacht hat. Alle Versäumnis der letzten Jahre liegen im Nicht-zuhören oder Verdrängen des wissenschaftlichen und statistischen Konsenses. Die daraus resultierenden Nicht-Umsetzung von wissenschaftlichen Empfehlungen zur Änderung z.B. unseres verschwenderischen Lebensstils, der Naturzerstörung oder auch geldabhängiger medizinischer Forschung, bekommen wir langsam aber heftig mit dem Klima (aber das merkt man ja nicht so) und nun ein wenig konkreter mit Corona zu spüren. Beim Klima mit gravierenden Folgen in naher Zukunft passiert nichts und bei Corona mit vergleichsweise „geringen“ Folgen reißen wir unvorbereitet die Welt aus den Fugen. Wir lassen uns von den Todestickern im Internet blenden. Es entsteht ein falsches Bild in unserem Kopf. Fragen Sie mal die meisten Menschen, nach Ihrem Wissen wieviele Menschen pro Jahr woran (teilweise bereits verhinderbar) sterben. Und jetzt sollen die Bürger mit Ihrem moralischen 1A Verhalten wie die Lemminge wiedermal für die Versäumnisse herhalten. Ich empfehle mal einen Blick auf worldometers.info für eine anfängliche statistische Bild- und Moralverständnis Korrektur. Und verstehen sie mich nicht falsch, ich kritisiere nicht das hier dargestellte solidarische Handeln der einzelnen Menschen. Der einzelne Mensch kann bedingt durch seinem Gehirnaufbau nicht anders. „What you see is all there is?“ ist eine geltende neurowissenschaftliche Erkenntnis über die Jetzt-Begrenzung unseres Gehirns im Alltagsverhalten. Aber ich verweigere mich darin, diese Pandemieverhaltensweisen als gute Moral zur Lösung der Zukunft anzuerkennen. Das wissenschaftliche System unterliegt dieser Begrenzung kaum und das politische System sollte sich in dieser komplexen Welt endlich auch über diese Begrenzung hinweg aufstellen und mit dem „Großhirn“ arbeiten. Bleibt zu hoffen, dass sich nach der Krise wirklich etwas ändert und nicht zum Alltag zurückgekehrt wird. Die aktuelle Politik bringt tatsächlich Öffnungen für die Wirtschaft „First“ (ganz im trumpschen Handlungsmuster) und im Vordergrund wird vom moralisch richtigem Handeln für die Bevölkerung geredet. Wir sollten unser Können und Wissen nutzen um endlich wirkliche Änderungen des Systems zu erwirken. Der Mensch, der Bürger sollte bei jeder politischen Entscheidung zunächst im Zentrum stehen. „Was ist das Beste für den Menschen?“ sollte als eine Art Überfrage vor jeder Entscheidung stehen, nicht die Frage „Wer macht es am Günstigsten?“