Die Corona-Pandemie hat auch die Selbsthilfe getroffen, die Gruppentreffen fielen aus. Nun laufen die Angebote, die von den Krankenkassen gefördert werden, langsam wieder an. Gleichwohl ist noch viel Luft nach oben, erklären Nicole Stein und Beatrix Rey von der Selbsthilfe-Kontaktstelle Bergisches Land.

Computer und Internet sind nicht immer das Allheilmittel. Die Erfahrung machten in den vergangenen Wochen viele Ehrenamtler der Selbsthilfe. Persönliche Treffen – das Wesensmerkmal der Selbsthilfearbeit in Gruppen – waren durch Corona nicht mehr möglich.

Eine Alternative wäre das Internet gewesen. Doch der Kontakt per Computer erreichte einfach nicht die Intensität des persönlichen Austauschs. Daher fielen viele Angebote der Selbsthilfegruppen aus.

So das erste Fazit von Nicole Stein (Paritätischer Wohlfahrtsverband) und Beatrix Rey (Evangelisches Krankenhaus Bergisch Gladbach). Die beiden Sozialarbeiterinnen koordinieren die Selbsthilfe im Bergischen Land.

Nicole Stein und Beatrix Rey vor Waben, die Selbsthilfe-Angebote im Kreis illustrieren

Vernetzung ja, Austausch eher nein

Die Selbsthilfe machte – zumindest im Bereich der Gruppenarbeit – Corona-Pause. Das war nicht immer einfach: „Speziell bei Gruppen zu psychischen Problemen war durch das Aussetzen der Treffen der Leidensdruck höher. Aber weil diese Betroffenen den Wert der persönlichen Begegnung kennen, weichten die Gruppenteilnehmer eher nicht auf digitale Möglichkeiten aus“, macht Beatrix Rey deutlich. „Social Media ist grundsätzlich zur Vernetzung in der Selbsthilfe gut, aber es bildet eben nur einen Teilbereich“, ergänzt Nicole Stein.

Gruppen suchten während der Hochphase der Pandemie daher den Austausch im kleinen Rahmen, bei Spaziergängen zu zweit, oder bei dem ein oder anderen Telefonat, mit oder ohne Bild. Andere setzten die Treffen komplett aus.

Seit Anfang Juni sind die persönlichen Treffen nun wieder erlaubt. Freilich unter Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln: „Jede Gruppe und die einzelnen Teilnehmer müssen in Eigenverantwortung zunächst für sich klären und abwägen, ob persönliche Treffen wieder gewünscht und durchführbar sind.

Die Verantwortung für die Einhaltung der Coronaschutzverordnung liegt bei demjenigen, der den Raum zur Verfügung stellt, also dem Vermieter“, heißt es dazu bei der Kontaktstelle. Daher sind vielerorts die Angebote noch nicht angelaufen.

Selbsthilfe in Bergisch Gladbach

Die Selbsthilfe-Kontaktstelle in Bergisch Gladbach wurde 1998 über eine Initiative am EVK initiiert. Eine Kooperation zwischen EVK, dem Paritätischen, dem Rheinisch-Bergischen Kreis und der AOK sorgte für den Aufbau der Kontaktstelle im Jahr 2000. Die Investition hat sich gelohnt. Die Neugründungen von Selbsthilfegruppen werden seither immer selbstverständlicher, heißt es bei der Kontaktstelle.

Diese engagiert sich neben der Unterstützung der Gruppen auch in der Gremienarbeit. So nehmen die Mitarbeiter der Kontaktstelle u.a. auch an der Kommunalen Gesundheitskonferenz oder der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Sucht teil und sind mit zahlreichen Akteuren aus dem Gesundheits- und Sozialbereich vernetzt.

Über 150 Angebote

Der Betrieb in den Selbsthilfegruppen läuft also nur langsam – so wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch – wieder an. Von den Gruppen gibt es eine ganze Menge in der Region: „Im Rheinisch-Bergischen Kreis zählen wir rund 100 Selbsthilfegruppen. Nimmt man Leverkusen hinzu, kommen wir auf 150. Zwei Drittel der Gruppen sind in Bergisch Gladbach angesiedelt“, erklärt Nicole Stein.

Kostenloser Newsletter: Selbsthilfe-Infos gibt es regelmäßig durch die Anmeldung für den kostenlosen Selbsthilfe-Newsletter Er wird vom Verband der Ersatzkassen vdek bereitgestellt.

Wie unterstützt sie mit Beatrix Rey und ihrem Team die Selbsthilfe? „Wir beraten Interessenten bei der Suche nach einer thematisch passenden Selbsthilfegruppe, betreuen bestehende Gruppen bei Fragen zur Öffentlichkeitsarbeit, zur Gestaltung der Gruppenarbeit, bei der Suche nach Räumen oder der Finanzierung der ehrenamtlichen Arbeit“, erklärt Stein.

Beatrix Rey ergänzt: „Zudem unterstützen wir bei der Gründung neuer Selbsthilfegruppen. Hier gibt es von der Organisation über die Bekanntmachung bis zu den ersten Treffen viel zu erledigen, bevor sich eine Gruppe erstmals trifft. Eine Förderung durch die Krankenkassen ist dabei möglich. Beratung hierzu bieten wir ebenfalls an.“

Hintergrund Selbsthilfe: Betroffene helfen Betroffenen: Mit Gesprächen, Fürsorge, Vertrauen, einem offenen Ohr. Aber auch Weiterbildung, Information, Unterstützung. Das ist das Prinzip von Selbsthilfe. Und es funktioniert. In der Sucht, bei chronischen oder psychischen Krankheiten, bei der Bewältigung von Trauer.

Infos unter www.selbsthilfenetz.de , www.nakos.de und www.koskon.de

Nachwuchssorgen

Dabei ist die Arbeit nicht immer einfach. Viele Gruppen sorgen sich um Nachwuchs, nicht nur auf Ebene der Gruppensprecher und Leiter. Auch wenn Gruppen mit jüngeren Teilnehmern langsam aufgebaut werden, z.B. zu den Themen Hochsensibilität oder Eltern mit ADHS-Kindern, so ist die Mobilisierung jüngerer Teilnehmer schwierig.

„Viele kennen Selbsthilfe leider immer noch nicht, oder verwechseln es mit dem Do-it-yourself-Heimwerkern“, bedauert Beatrix Rey. Nicole Stein fügt hinzu: „Viele junge Menschen betrachten es leider eher als Thema für ältere Menschen.“

Dabei sehen sich Jüngere mit Problemen konfrontiert, die klassisch in der Selbsthilfe angegangen werden könnten. „Denken Sie nur an Burn-out und Versagensängste bei Prüfungen. Wir versuchen daher mit Schulen zu kooperieren. Aber der Wert, den Selbsthilfe bietet, ist schwer zu vermitteln. Wer es dann aber erlebt hat, ist oft überzeugt“, meint Nicole Stein.

Neue Impulse

Impulse in der Gründung weiterer Gruppen erhoffen sich Nicole Stein und Beatrix Rey z.B. von dem Konzept der so genannten In-Gang-Setzern. „Diese ehrenamtlich tätigen „In-Gang-Setzer“ haben eine intensive Schulung durchlaufen. In Absprache mit der Gruppe nehmen sie eine Zeitlang unterstützend an den Gruppentreffen teil, um sich dann wieder zurückzuziehen, wenn die Gruppe alleine laufen kann“, berichtet Nicole Stein.

„Zudem könnten wir uns künftig vorstellen, Aufrufe für bestimmte Themen zu veröffentlichen, um weitere Gruppen zu möglichen Bedarfsfeldern aktiv zu initiieren. Das senkt vielleicht die Hemmschwelle möglicher Interessenten“, schildert Stein. Gleichwohl würden auch diese Gruppen die Arbeit nach dem Aufbau in Alleinregie übernehmen. So wie alle anderen Gruppen auch.

Dabei denke man auch Angebote für Migranten. Aufgrund kultureller Hürden sowie der Sprachbarrieren sei es jedoch ungemein schwieriger, hier entsprechende Angebote zu entwickeln. Gleichwohl sehe man den Bedarf, so die beiden Sozialarbeiterinnen.

Nicole Stein: “In-Gang-Setzer sind speziell ausgebildete und geschulte Ehrenamtler, die neue Gruppen dabei unterstützen, ein Angebot aufzubauen und kontinuierlich zu entwickeln”

Flexible Förderung und Infrastruktur

Durch die Förderung der Krankenkassen sei die Selbsthilfe grundsätzlich gut aufgestellt, das Fördervolumen nehme zu. Dennoch wünsche man sich eine größere Flexibilität in der Förderpraxis: „Manche Fortbildungsthemen werden nicht anerkannt, obwohl der Nutzen auf der Hand liegt.

Gleiches gilt für die Ausstattung z.B. mit PCs“, merkt Nicole Stein an. Man benötige keine flächendeckende Ausstattung, aber wo Selbsthilfegruppen besonders kommunikationsintensiv aufgestellt seien, sollte eine Förderung möglich sein.

„Dies gilt auch für die Infrastruktur. Ich würde mir – wie im Oberbergischen – ein Haus der Selbsthilfe wünschen. Hierüber könnten wir Selbsthilfegruppen entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung stellen“, erklärt Nicole Stein.

Nicht zuletzt wäre eine Förderung von sozialen Selbsthilfegruppen wünschenswert, z.B. aus den Bereichen Hochsensibilität, Arbeitslosigkeit oder Alleinerziehende. Hier wäre eine Förderung durch kommunale Mittel denkbar.

Selbsthilfe für junge Menschen
https://schon-mal-an-selbsthilfegruppen-gedacht.de/
https://www.junge-selbsthilfe-blog.de/

Zukunft der Selbsthilfe

Ist Selbsthilfe eher altbacken, oder wird sie auch in Zukunft eine tragende Rolle spielen? „Keine Frage, die Selbsthilfe wird nicht sterben“, ist Beatrix Rey überzeugt. Sie habe ihre Wurzeln in den Gilden des 18. und 19. Jahrhunderts und habe speziell nach dem 2. Weltkrieg eine Hochphase erfahren, als Elterninitiativen und Lebenshilfen vor dem Hintergrund der Euthanasie starke Impulse bei Menschen mit Behinderung setzten. Auch heute sei sie noch systemrelevant, wie nicht zuletzt eine aktuelle Petition in Bayern belegt.

Beatrix Rey: “Die Selbsthilfe wird nicht sterben”

„Selbsthilfe ersetzt keine Therapie, aber sie kann diese sinnvoll begleiten und ist eine gute Ergänzung“ macht Nicole Stein zum Abschluss deutlich. So haben auch die Krankenkassen den Wert von Selbsthilfe erkannt und setzen den Besuch von Selbsthilfegruppen z. B. vor einer Operation zur Magenverkleinerung voraus.

Kontakt und Informationen

Selbsthilfekontaktstelle Bergisches Land
Nicole Stein
Telefon:(0 22 02) 936 89 21
Mail: selbsthilfe-gl@paritaet-nrw.org
www.selbsthilfe-bergisches-land.de

Beatrix Rey
Tel: 0 22 02 / 1 22 – 3132
Mail: selbsthilfe@evk.de
www.evk.de/spezielle-versorgung/selbsthilfe

Selbsthilfegruppe finden
https://www.selbsthilfenetz.de/
https://www.selbsthilfe-bergisches-land.de/content/e653/

Infos via App
www.selbsthilfe-news.de/app/

Facebook
www.facebook.com/selbsthilfe.rhein.sieg/

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Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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