Auch in der Partnerstadt Herrlisch Raubach stehen die Wahlen zum Stadtrat und des Bürgermeisters unmittelbar bevor. Alle großen Wahlkampf-Veranstaltungen sind vorüber, nur noch ein letzter samstäglicher Laufsteg trennt Parteien und Kandidaten vom Urteil des Wählers. Da bleibt noch ein wenig Zeit, sich in den bewegten Traumlandschaften einiger Protagonisten vor dem Urnengang umzusehen.

Das Geheimnis dieser Traumgängerei liegt in einer besonderen Art Meditation unter einem besonderen Tisch. Ohnehin hat die Unter’m-Tisch-Recherche immer zu den Stärken Gregor Platzdawegs gehört, dem unermüdlicher Chef der allgegenwärtigen Netzpforte in-HR . Und kaum ein direkt oder indirekt politisch relevanter Tisch in Herrlisch Raubach, dessen Unterseite ihm nicht ebenso vertraut wäre wie die Dinge, die an ihm besprochen und verhandelt wurden.

Auch was nicht offen auf den Tisch kommt, sogar unter ihn fällt und gerade das findet so doch stets den Weg vor die Augen der Öffentlichkeit, der allenfalls bleibt, dieselben davor zu verschließen. Natürlich: Auch gewachsene Beziehungen, diskrete Kontakte und abkürzendes Wissen gehören zum Funktionsarsenal eines wahren Reporters.

Eine nicht näher zu offenbarende Mischung aus alledem machte es möglich, dass Gregor Platzdaweg kürzest vor der Wahl nächtlichen Zugang zum bürgermeisterlichen Büro fand und eben dort, nämlich unter dem Amtstische des städtischen Regenten, per besagter Meditation Seitenblicke werfen konnte in die fiebernden Traumwelten mancher Aspiranten auf städtische Macht wie Herrlischkeit …

Korbinian Eichen, Schwarze Partei

Korbinian Eichen, bis gerade noch Bürgermeister-Kandidat seiner Schwarzen Partei, wähnt zu schweben. Dabei sitzt er doch, sitzt in einer offenen Kutsche. Es ist eine tiefschwarze, offene Kutsche, von prächtigen Rappen gezogen, und er sitzt nicht allein in ihr. Die Kutsche, sie gleitet über den weiten, schon spätsommerabendlich weich bedunkelten Heinrich-Abendauer-Platz.

Und sie gleitet inmitten eines sanft wogenden Menschenmeeres, das den ganzen weiten Platz wohlgefällig geflutet hat. Wie ein Schiff scheint die Kutsche, und es ist, als ob eine machtvoll freundliche Strömung sie nun dem hell erleuchtet wartenden Rathaus entgegen trüge.

Korbinian Eichen gegenüber sitzt, ja sie ist es wirklich und ihr gütiges Lächeln scheint ihn zu bescheinen, ihm gegenüber sitzt Gundula Kerkel, die Eine und Einzige, die Ewige oder Alternativlose. Und neben ihm, kaum fasst er es, neben ihm ragt Brutus Rieder, Fürstpräsident der von ihm so verehrten Bayernmark, empor. Sein großes Vorbild. Und wenn dieser ihm nun immer wieder väterlich zunickt, dann glaubt Korbinian Eichen durchschimmernde Züge des legendären Märchenkönigs in dessen Antlitz zu erkennen. 

Und beide sind sie gekommen, die große Gundula Kerkel und der mächtige Brutus Rieder, um ihn heute, am Abend seines großen Sieges, zum Rathaus zu geleiten, dem Rathaus Herrlisch Raubachs, dessen hohe Türflügel sich für ihn öffnen, für ihn, den neuen Bürgermeister der Schlundemetropole, dem geistigen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zentrum des Rheinisch Herrlischen Kreises, das er von nun an regieren wird:

Er, Korbinian der Erste, Doge der Digitalität, Bringer bedeutender Baupläne, Patron prosperierender Parkplätze, Kurator kommender Kreisverkehre, in denen Herrlisch Raubach weiter und auf ewig genügsam in sich selber kreisen wird und vor allem bald schon, sehr bald, es ist so abgemacht, Ehren-Karnevalsprinz Herrlisch Raubachs auf Lebenszeit …

Er, der die Hoffnungen seiner Schwarzen Partei erfüllt und ihre Stadt, seine Stadt wider den drohenden Ampelsturm der Düsternis verteidigt hat … Ein wunderbares Gefühl! Und, wenn er ehrlich ist, durchaus nicht gewiss …

Auf dem Kutschbock sitzen Paula Putzer und Waldemar Wetten, das Gretchen und der Mephisto der Schwarzen Partei Herrlisch Raubachs, letzterer der Einzige, vor dem sich nicht nur Korbinian Eichen fürchtet, und auch um dessentwillen froh ist, die in ihn als dem obsiegenden Kandidaten gesetzten Erwartungen nicht enttäuscht zu haben, während Paula Putzer ihm den hoch wogenden Wahlkampf über stets und sonnige Stütze war … Es soll ihr nicht unverlohnt bleiben, überhaupt alle Getreuen sollen es nicht bereuen, er, Korbinian der Erste, wird sich erkennlich zeigen …

Aber plötzlich, die Kutsche scheint zu wanken, zu stürzen gar, mit einem Mal als ob ohne Spur verebbt das Meer aus Menschen, im dunkelsten Dunkel und einsamer denn einsam liegen der Heinrich Abendauer-Platz, das Rathaus, nur noch schemenhaft, beinahe drohende Silhouette ist es, und in einem schauernd eisigen Luftzug verwandeln sich auch die Gestalten …

Nicht länger Gundula Kerkel ist es, die ihm da gütig lächelnd gegenübersitzt, sondern Genoveva Labambus, Spitzenkandidatin der hiesig Grünen Partei, mit unheilvollem Medusenhaupt nun wider ihn gewandt und vom Kutschbock her, wo nicht mehr Gretchen und Mephisto traulich beieinander, stattdessen dort in ein grellrotes Gewand gehüllt, entflieht dem irren Blick Klaas Forstschnitts ein keckerndes Lachen, während der Hellroten Partei Ratsprimus mit beiden Händen wild nach vorne gestikuliert, wo anstelle der eben noch stolz trabenden Rappen das Sportcabrio Pit Schnells, mit der Gelben Partei erster Wahl dämonisch hingeduckt am Steuer, die Kutsche immer schneller in´s unheimlich sogende Dunkel zieht …

Und kaum getraut Korbinian Eichen sich, den eigenen Kopf seitwärts zu wenden, denn sicher ist er, dass dort nicht länger Brutus Rieder ihn väterlich beschirmt, sondern niemand anderer als … als sein Erzrivale um das Herrlisch Raubacher Bürgermeister-Amt, Fips Klein, der Ampelfürst jener dreifarbig getarnten Finsternis ihn ganz nah und aus dämonisch funkelnden Augen fixiert …

Fips Klein, Ampelbund

Und Fips Klein selber, er hört ein Schrillen, ein immer schrilleres Schrillen. Woher kommt nur dieses Schrillen, und was hat es damit auf sich? Außer ihm scheint es niemand zu hören, da ist keine Irritation, nur Freude, jauchzende Freude in den Gesichtern vor ihm, um ihn, während alle Ampeln Herrlisch Raubachs immer wieder, immer schneller Rot-Gelb-Grün durchblinken, um dann schließlich bei Grün zu verharren, einem Grün, das immer intensiver leuchtet, die ganze Stadt von allen Ampeln her zu erfüllen beginnt, als wäre das Grün flüssig, würde sich aus den Ampeln heraus in die ganze Stadt ergießen, unerschöpflich in sie hinein ausbreiten, und der grüne Pegel zugleich immer höher steigen …           

Auch das Schrillen ebbt nicht ab, es scheint beständig näher zu kommen, aber niemand stört sich daran, alle lachen und winken ihm zu, ihm, dem neuen Bürgermeister Herrlisch Raubachs auf leuchtend Grünen Schwingen; ihm, dem Retter, dem ampelnden Retter vor allem seiner vom Aussterben bedroht gewesen Hellroten Partei; ihm, dem von Grüner Welle in die Schwarze Bastion getragenen Befreier, Wandler und Erlöser nicht nur der Stadt, sondern besonders ihres Verkehrs und ihres Wetters, denn gut wird das Wetter sein, das mit ihm nun einzieht, er in das bürgermeisterliche Büro, das gute Wetter in und zwischen und über die Gemäuer der Stadt, deren Verkehr künftig wie magisch und in Stille fließen soll …

Aber was geschieht dort, was machen all die vielen kleinen Leute …? So viele sind es, und emsig wimmeln sie hin und her, hellrote Zipfelmützen tragen alle, und ja, sie sehen aus wie plötzlich lebendig gewordene Gartenzwerge oder wie die berühmten Heinzelmännchen …

Denn so fleißig sind sie, schleppen in kleinen hellroten Säcken unermüdlich herbei, was dann in einen großen hellroten Sack gefüllt wird, den sie je auf Leitern erklimmen, um ihre Last oben unaufhörlich in dessen Öffnung zu kippen …

Und Fips Klein erkennt einzelne der Zwerglein aus seiner Partei: Da ist Friedrich Schwebert, der Vorsitzende, der sie anführt, besonders emsig schleppt und schüttet Fraktionschef Klaas Forstschnitt, aber auch Raffael Malfen, Leiter der lokalen Partei-AG Asphalt&Beton, müht sich sehr, und es ist Zement, den sie in den großen roten Sack füllen, auf dem, jetzt erst bemerkt Fips Klein die Schrift, sein Name steht da, sein neues Amt darunter und eine Widmung: „Sei Du, oh Ampelmann, bereit und trage Deiner Partei Zement nun in die neue Zeit!“

Das Schrillen, das außer ihm niemand wahrzunehmen scheint, ist jetzt ohrenbetäubend geworden und dann sieht er es: Ein riesiges Heer Fahrräder umschließt ihn, Fahrräder mit Menschen darauf, aber auch ohne und alle, ob mit oder ohne Fahrer, lassen ohne Pause ihre Klingel ertönen, eine machtvoll klingelnde, schrillende, scheppernde Sinfonie des neuen Verkehrs, ihm allein gewidmet, entsteigt der zweirädrigen Armada gen sanft kuppelndem Spätsommer-Abendhimmel über der Stadt, die nun er regieren wird;

plötzlich fühlt Fips Klein ein schwer lastendes Gewicht auf seinem Rücken, unbemerkt, von Geisterhand scheint ihm der große rote Sack angelegt worden und vor ihm, inmitten der Fahrradflut leuchtet nun ein einzelnes Rad so hell hervor als bestünde es selber nur aus Licht, daneben warten Genoveva Labambus und Reik Innenhof, das Grüne Spitzenpaar, fordern ihn nickend aufzusteigen, das Zweiradheer nun zum Rathaus hin fahrend anzuführen

– Aber was ist das …? Vom Gepäckträger her spannen sich zwei stählerne Seile nach rückwärts hin, sie sind befestigt am Roadster Pit Schnells, der am Steuer sitzt, Marita Trick-Strunck, die Vorsitzende der Gelben Partei neben sich, und beide fletschen ihm ein Lächeln zu, während Pit Schnell ein paarmal den starken Motor aufheulen lässt … Und da ist der schwere rote Sack auf seinem Rücken, und da sind all die wartenden Räder und Menschen und selbst der sommerabenddunkle Himmel scheint sich grünen zu wollen …

Dieter Kröpf, Hellblaue Partei

In seinem ganz eigenen, allen anderen weit entlegenen, nur von Gregor Platzdaweg heimlich begangenen Traum ist dieweil Dieter Kröpf, erster Mann und Bürgermeister-Kandidat der Hellblauen Partei, ganz und gar ergriffen von dem Bild, das er, stolz gereckt, auf dem Balkon des bürgermeisterlichen Büros stehend und angemessen innerlich erschauernd vor sich sieht:

Denn im Abenddunkel dieser nun für immer unvergesslichen, dieser historischen Wahlnacht des 13.September, erstreckt sich ein flimmerndes Lichtermeer auf den menschengetränkten Weiten des Heinrich-Abendauer-Platzes …

Nein, es sind keine flammenden Fackeln, besser keine unheimlich flammenden Fackeln, es sind freundliche Kerzen dieses Mal, und es sind aufleuchtende Feuerzeuge, das ist gut, ein wärmend friedliches Bild, aber auch ein Bild der Entschlossenheit, denn tausende Kerzen und Feuerzeuge blinken ihm nun entgegen, ihm, dem neuen Bürgermeister Herrlisch Raubachs, dem großen Überraschungssieger dieser Jahrhundert- oder sogar Jahrtausendwahl, die nun mit einer Rede an seine Gefolgschaft, an die Bürger der Stadt und ja, auch an die Welt beschlossen sein soll:

„Ihr Wähler der Welt, schaut auf diese Stadt …“ So wird er rufend beginnen, wenn der nicht enden wollende Jubel, der dem Leuchten und Glimmen und Blitzen auf dem Heinrich Abendauer-Platz machtvoll tosend entsteigt, es zulässt oder er ihn mit einer kurzen Bewegung der Hand zu plötzlich weihevoller Ruhe bringt …

Dann aber ertönen Schritte, schnelle, feste, entschlossene Schritte, als ob genagelte Sohlen über steinernen Boden klackern, immer lauter, immer näher, und es erscheinen dunkel gekleidete, hochgewachsene Männer mit kantigen Gesichtern, sie verstellen den Blick auf das Lichtmeer, ihre Schritte zuerst, jetzt auch ihre Stimmen übertönen den Jubel … „Dieter Kröpf …?! Wir sind vom Komitee der Wahren Hellblauen und fordern Sie auf, mitzukommen …!“

So schnell geht alles, er versteht nicht, keine Worte kommen ihm in den Sinn außer: „Ihr Wähler der Welt …“, ratlos, fassungslos  – „Machen Sie keine Schwierigkeiten …!“ Zwei dunkle Limousinen warten auf der fast vollkommen dunklen Rückseite des Rathauses. Noch hat man ihn nicht auf die Rückbank des ersten Wagens bugsiert, da durchschneiden grell aufblendende Scheinwerfer die Dunkelheit, Reifen quietschen auf, Türen klappen … „Keine Bewegung, keiner rührt sich – Im Namen der Wirklichen Hellblauen sind Sie alle suspendiert und in Gewahrsam genommen …!“ …

Dieter Kröpf versucht, seine Fassung, seine Stimme wiederzufinden, aber wieder nur und krächzend: „Ihr Wähler …“ – „Ruhe da, Sie Verräter! Letzte Warnung …!“ Rüde wird auch er in den Laderaum eines dunklen Kleintransporters gestoßen, die Schiebetür wummert zu, kurz darauf fährt der Wagen ruckartig an … Ein paar Minuten oder länger heftige Fahr- und Lenkbewegungen, er hat Mühe, sich aufrecht zu halten …

Plötzlich stoppt der Wagen so abrupt, dass Dieter Kröpf doch noch durch den Laderaum geschleudert wird. Kurze Stille. Dann eine verzerrte Megaphonstimme von draußen: „Achtung, Achtung, hier spricht das Einsatzkommando der Eigentlichen Hellblauen, verlassen Sie die Fahrzeuge mit erhobenen Händen …“

Seine Gedanken überschlagen sich. Wer waren nochmal die ersten, die Wahren oder die Wirklichen …? Jetzt also die Eigentlichen Hellblauen … Welche davon werden wohl …? Aber er, er ist doch Bürgermeister … Er muss sich jetzt an die Männer da draußen wenden, und an die Wähler, die Wähler der Welt, sobald die Tür des Laderaums aufgeht, er muss … Warum bleibt es plötzlich so still, so unendlich still, kein Laut dringt mehr in das Dunkel des Laderaums, und das Dunkel dehnt sich aus wie die Stille, grenzenloses Dunkel, uferlose Stille …

Ingo Eisenmann, Dunkelblaue Partei

Ingo Eisenmann, so geheimnisvoll gewesener Bürgermeister-Kandidat der Dunkelblauen Partei, spürt währenddessen den Schweiß auf seiner Stirn und nicht nur dort, kalter Schweiß hält seinen Körper umschlossen … Soll er unterschreiben, oder soll er nicht …?

„Nur eine Unterschrift noch, Herr Eisenmann, dann können Sie Ihr neues Amt antreten …!“ Herrlisch Raubachs Wahlleiter Mark Lodenmesser hält ihm aufmunternd einen Stift hin. Er versucht in seinem Gesicht zu lesen. Ist das wieder eine Falle …? Wie damals, als er irgendein Papier unterschreiben sollte, das seine Aufstellung zum Bürgermeister-Kandidaten der Dunkelblauen Partei zu bestätigen hatte … Und hinterdrein wäre fast seine Aufstellung selber an irgendeiner dahinter versteckten Formalie gescheitert, schlimmer noch war ihm sogar mit Rechtsverfolgung und Strafe gedroht worden …

„Unterschreibe, unterschreibe, auf dass der Ruhm Dir bleibe und mir …“ Räusper … „und uns der Gewinn, so wahr ich John Baghira bin  …!“ hört er den dicht neben ihm stehenden Chef der Dunkelblauen Partei beschwörend flüstern. Gewiss, ihm hat er zu verdanken, überhaupt Bürgermeister-Kandidat geworden zu sein, aber John Baghira hat auch gut reden: Seine Unterschrift steht hernach nicht auf dem Papier, aus dem sich wer weiß welche Folgen dann wieder ableiten lassen …

„Herr Eisenmann, wir brauchen Ihre Unterschrift, damit Ihre Wahl zum Bürgermeister Herrlisch Raubachs jetzt gültig wird“, insistiert sanft, aber bestimmt der Wahlleiter. Ob der ihm jetzt wohl gesonnen ist, ihm, dem zu aller Überraschung gewählten neuen Bürgermeister der Stadt und damit künftig dann auch Chef Mark Lodenmessers …?

Es ist eine Sensation. Niemand hätte im Entferntesten damit gerechnet, er selber schon gar nicht, dass gerade er aus dem Wettstreit um die bürgermeisterliche Würde Herrlisch Raubachs als Sieger hervorgehen, die beiden unzweifelhaft gewesenen Favoriten Eichen und Klein auf die Plätze verweisen  würde …

John Baghira hatte sofort, als der Balken Ingo Eisenmann die anderen schließlich uneinholbar überragte, eine Liste hervorgezogen, eine Liste mit Namen von unverzüglich in die Verwaltung einzustellenden Personen … „Bingo, Ingo, das ist klasse, unser erster Weg, der führt zur Kasse …“ Aber vor allen Wegen und Sonstigem steht die Unterschrift, die nun von ihm persönlich verlangt wird … Oder stecken seine beiden unterlegenen Hauptkonkurrenten dahinter, erfahrene Profis im Politgeschäft und nicht bereit, sich so einfach geschlagen zu geben …?

Es scheint, er brauche jetzt nur die Hand auszustrecken, den Stift zu nehmen und das Papier zu unterschreiben – Dann ist er unwiderruflich Bürgermeister Herrlich Raubachs! … Oder besiegelt er damit in Wahrheit seinen diesmal unwiderruflichen Untergang …?

Mark Lodenmesser vor ihm, John Baghira neben ihm, kalter Schweiß an ihm … Ingo Eisenmann nimmt allen Mut und alle Kraft zusammen, streckt allmählich seine Hand nach dem Stift aus, dem der Wahlleiter ihm entgegenhält … Er hört John Baghira wieder dringlich flüstern: „Gleich, gleich, und ich … und wir sind reich …!“ Aber je mehr er seine Hand ausstreckt, desto ferner scheint der Stift zu rücken, obwohl Mark Lodenmesser sich nicht vom Fleck bewegt …

Er macht eine heftig ausgreifende Bewegung, um den unverändert in der Hand des Wahlleiters vor ihm verharrenden Stift endlich zu ergreifen und verliert plötzlich sein Gleichgewicht, beginnt zu stürzen, allein in einen leeren Raum zu stürzen, in dem nichts ist außer ihm und dem Luftzug um seinen stürzenden Körper, ein kalter Luftzug, den er ob des zugleich strömenden Schweißes desto stärker spürt …

Enno Pudding und Heiner Stöhr, Gemeinschaft befreiter Stimme (Silbergraue)

Geschafft! Es ist geschafft! Sicher war das nicht und ein langer, schwerer Weg. Man könnte sagen: Mit Blockflöte und Triangel gegen wagner- und brucknerhaft aufmunitionierte Großorchester, die den ganzen Wahlkampf durch- und überdröhnten. Und trotzdem – Die Gemeinschaft befreiter Stimmer bzw. die Silbergrauen sind mit kräftiger Fraktionsstärke in den Rat gestimmt worden, Enno Pudding und Heiner Stöhr an vorderster Stelle und mit stolzen Ergebnissen sogar in ihren Wahlkreisen.

Mit einem Zettel in der Hand, auf dem der Fraktionsstatus ihrer im Herrlisch Raubacher Rat nun neuen Gruppierung vermerkt ist, streben die beiden unermüdlich im Einsatz gewesenen Haupttriebwerke der Befreiten Stimmer nun und nicht ganz ohne eine gewisse Aufregung und freudige Erwartung den ihnen im Rathausgebäude zugewiesenen Büroräumen entgegen.

Der Empfang an der Pforte des Rathauses ist vom Charme weiland erlebter 

Kontrollen an einem innerdeutschen Grenzübergang durchsotten gewesen. „Gemeinschaft befreiter Stimmer …?!“ hat der Wachhabende missmutig schnarrend vom hingereichten Zettel abgelesen, als handele es sich um den Namen einer diagnostizierten Krankheit. Dann, nach einer Weile und sichtlich unwilligem Blättern in einem Verzeichnis: „Büro 23.“ An seinem Revers prangte das Abzeichen der Schwarzen Partei. Dann war ein Stempel auf den Zettel geknallt, bevor ihn der Wachhabende schweigend zurückreichte.

„Wo ist denn … Büro 23 …?“, hat Heiner Stöhr freundlich verunsichert gefragt und eine kurze, halbschräg nach oben gerichtete Kopfbewegung zur Antwort bekommen. Kaum haben dann er und der immer noch beeindruckt schweigende Enno Pudding den Treppenaufgang erreicht, als ein scharfer Nachsatz des Pförtners sie wie ein eisiger Luftzug im Nacken trifft: „Neuzugänge haben ihre Büros sieben Minuten nach Aufbringen des Bestätigungsvermerks auf ihrem Ratslegalisierungsdokument zu erreichen, ansonsten verfällt dessen Gültigkeit!“

Das Herrlisch Raubacher Rathaus ist nicht klein, aber auch nicht so groß, dass man die unbedingte Sorge haben müsste, dort verloren zu gehen oder einen nicht gerade im geheimnisumwitterten Kellerlabyrinth gelegenen Raum nicht zu finden. Dennoch werden Enno Pudding und Heiner Stöhr nun doch etwas nervös, nachdem sie Raum 23, mutmaßlich ja im zweiten Stock, dort bisher und auch im ersten nicht haben finden können. Zudem kommt es ihnen vor, als seien die Gänge hier drinnen deutlich länger als es der äußere Anschein des Gebäudes vermuten lässt.

„Komm´, lass´ uns im dritten Stock nachsehen, da muss er dann ja sein“, muntert Heiner Stöhr seinen Kollegen auf. „Vielleicht sollten wir lieber nochmal unten fragen … Oder gleich eine Verlängerung beantragen … Wir haben nur noch drei Minuten …“, entgegnet Enno Pudding besorgt. Dann sehen sie eine Gestalt auf dem Gang, überhaupt der erste Mensch, der ihnen nach dem Pförtner im Rathaus begegnet. „Hallo …“, ruft Heiner Stöhr, „Hallo … Entschuldigung, wir suchen den Raum 23 …?“ Nach kurzer Stille schauert ein halb trällerndes, halb krächzendes Gelächter in hohem Ton durch den Gang, bevor die Gestalt plötzlich verschwunden ist.

„Du hast recht, gehen wir noch einmal herunter und fragen …“ Sie kehren um und gehen den Gang zurück in Richtung Treppenhaus. Erstaunlich, wie lang dieser Gang tatsächlich ist, in der Gegenrichtung eben kam er ihnen so lang wie jetzt auf keinen Fall vor. „Hier …!“, ruft plötzlich Enno Pudding und fasst seinen Kollegen bei der Schulter. „Was …?“ – „Hier ist er doch, unser Raum … Das gibt´s doch nicht …“ Heiner Stöhr sieht ihm fragend ins Gesicht, während Enno Pudding auf eine Tür deutet. „Gerade eben, auf dem Türschild: R 23 …!“ – „Wo …?“ – „Hier, genau hier, genau diese Tür, gerade eben …“

Heiner Stöhr schaut auf die Tür: R 32. „Du hast Dich verlesen … Wir müssen uns beeilen, noch anderthalb Minuten …“ Enno Pudding schüttelt den Kopf. „Hundertprozentig R 23, gerade eben stand da R 23 …“ –  „Beeil Dich, es wird wirklich knapp …!“ Und sie verfallen beide in den Laufschritt.

Lang ist der Gang, dass er so lang ist, kann eigentlich … Und nicht mal zu sehen ist die Raumöffnung zum Treppenhaus, endlos lang erstreckt sich der Gang, bis der Blick sich im dunkel verengenden Fluchtpunkt der Perspektive verliert … Unwillkürlich rennen sie jetzt, rennen gegen das Unmögliche an, fast wieder im Wahlkampf, diesem endlos langen und schweren Wahlkampf …

Und dann ertönt machtvoll ein Gong, ein satter, tiefer Gong, gefolgt von einer quäkend wiederholenden Stimme: „Die Raumbestätigungs-Frist nach Ersteintritts-Vermerk für die Gemeinschaft der Befreiten Stimmer ist abgelaufen … Die Raumbestätigungs-Frist nach …“ Und in die sich unermüdlich wiederholende Stimme dringt jetzt aus den geschlossenen Bürotüren des endlos langen Ganges vielfach vermehrt und nur etwas dumpfer jenes schon eben gehörte, halb trällernde, halb krächzende Lachen, während Enno Pudding und Heiner Stöhr nur desto schneller zu rennen sich mühen …

Gregor Platzdaweg

„Herr Platzdaweg …?!“ Gregor Platzdaweg schreckt unversehens auf und stößt sich schmerzhaft den Kopf an der Unterseite des bürgermeisterlichen Amtstisches im Büro des noch regierenden Trutz Altwasser. Helles Licht flutet den großzügigen Raum, hell leuchtet das glänzende Parkett, es duftet nach frischem Kaffee und freundlich fragend, gar nicht irritiert ist das Gesicht des Bürgermeisters, der sich unter seinen Tisch gebeugt hat.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken, aber kommen Sie doch hervor … Möchten Sie auch einen Kaffee …?“ Gregor Platzdaweg braucht eine Weile, um ganz zu sich und auf Höhe der Situation zu kommen. Menschenskind, ist das peinlich … „Das … das … ist sehr … sehr freundlich, Herr Altwasser … Und … und … gern … Doch … sehr gern … einen Kaffee, meine ich… Wenn es keine …“

„Aber was, natürlich nicht, kommen Sie, Herr Platzdaweg – Und Vorsicht, die Tischkante …“, mahnt Trutz Altwasser aufgeräumt. Der Netzpforte in-HR Chefredakteur ist einigermaßen verwirrt. Mehr noch als über die letzten, schleiernd in den Tiefen des Unterbewusstseins verschwindenden Bildfragmente dessen, was er gerade noch vor sich sah, mehr noch über die selbstverständliche und völlig fragenlose Freundlichkeit des Bürgermeisters.

„Tja, mein guter Platzdaweg, bald wird nun wer anders in diesem Büro residieren, da freue ich mich, dass wir hier noch ´mal Gelegenheit auf einen Kaffee haben …“ Trutz Altwasser trägt selber das Kaffeegeschirr in die gemütliche Besprechnungsecke. „Noch regieren jetzt die Träume“, sagt er lachend, „aber wem sage ich das … Bis am Sonntag dann der letzte Zettel in die Urne gefallen sein wird …“

Und in den immer intensiver heranwehenden Kaffeeduft mischt sich plötzlich eine weitere, sehr vertraute Stimme … „Greeegooor … Auuufsteeeh´n, eeees ist Zeeiheeit …!“ Da klingt die Stimme seiner Frau, weitet sich in sein erwachendes Bewusstsein und mit dem Klang ihrer Stimme verweht jetzt auch das Bild des bürgermeisterlichen Büros und Trutz Altwassers …

Gregor Platzdaweg ist zuhause und nach all dem Trubel dieses Wahlkampfes zwar erschöpft, aber nicht weniger gespannt als alle übrigen Herrlisch Raubacher, was am Sonntag aus den Urnen geschüttelt werden wird … 

H-G. Ullmann

ist gebührend ratloser Bürger, gelegentlicher Zaungast am Spielfeldrand, findet interessante Gespräche ohne Scheuklappen inspirierend und bewahrt sich den Reiz (manchmal auch fassungslosen) Staunens als Mittel geistiger Ausgeglichenheit.

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