Bei den Buchtipps im Mai ist Spannung garantiert: Eine erbarmungslose Privatdetektivin riecht Lunte, französische Literatur entführt uns ins Paris der Sechzigerjahre und ein feministischer Roman aus Korea sorgt weltweit für Aufsehen.

Louisa Luna: Tote ohne Namen.
Suhrkamp 2021, € 15,95.

Die amerikanische Autorin führt mit ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Buch eine interessante Frauenfigur ein, die momentan ihresgleichen in der weiten Krimilandschaft sucht. Der Originaltitel „The Janes“ bezieht sich auf den hauptsächlich im amerikanischen Sprachraum gebräuchlichen Begriff „Jane Doe“, der eine weibliche, namenlose Person mit ungeklärter Identität bezeichnet.

In den Außenbezirken von San Diego werden die Leichen zweier junger Frauen gefunden, eben diese beiden Jane Does. Nichts kann sie ausweisen. Das einzig Auffällige ist, das die eine Jane einen Zettel in der Hand hält mit dem Namen „Alice Vega“. Aufgrund mangelnder weiterer Anhaltspunkte wendet sich die Polizei notgedrungen an Vega, eine bekannte Privatdetektivin.

Spezialisiert auf das Auffinden vermisster Personen, fühlt diese sich nun verpflichtet, die Herkunft der beiden Janes zu entschlüsseln. Wie ein Spürhund, der Lunte gerochen hat, macht sich die für unorthodoxe Ermittlungsmethoden berüchtigte Vega nun auf den Weg, um das Rätsel der Janes zu lösen.

Vega nimmt einen früheren Partner, den älteren Ex-Cop Max Caplan, mit ins Boot und gemeinsam stochern sie in einem Sumpf aus Zwangsprostitution, Drogen- und Menschenhandel herum. Dabei geht Vega sehr klug und völlig angstfrei vor. Wenn sie angegriffen wird, schreckt sie auch vor Gewalt nicht zurück.

In einer Szene wehrt sie sich gegenüber einem Angreifer mit einem Bolzenschneider. Das hat schon Emma-Peel-Charakter. Ihr Äußeres, schwarze Kleidung und Sonnenbrille, tut ein Übriges dazu. Kurzum eine taffe Heldin mit Herz und Verstand.  

Der Autorin ist ein echter Pageturner gelungen bestehend aus einer Mischung von Hochspannung, Humor, Nervenkitzel und Action. Bis zum Schluss kann sie dieses hohe Niveau halten, nicht umsonst Dank einer cleveren Heldin, von der man unbedingt noch mehr hören möchte. Ein packender Krimi mit Serienpotential. 

(Sylvia Jongebloed)

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Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte.
Hanser 2021, € 19,00.

Wenn Sie bisher noch nichts vom französischen Literaturnobelpreisträgers gelesen haben, können Sie mit diesem Buch sehr gut starten. Aber Vorsicht, Suchtgefahr! Glücklicherweise hat der Autor im Laufe seines langen Lebens fast dreißig kurze Romane erdacht. Alle sind ausnahmslos lesenswert und viele herausragend.

Im aktuellen Buch erinnert sich der Ich-Erzähler Jean an eine bestimmte Zeit in seinem Leben während der Sechzigerjahre, die ihn bis heute nicht losgelassen hat. Zu viele ungeklärte Dinge beschäftigten ihn damals so nachhaltig, dass sie sich bis in die Gegenwart fortsetzten.

Der 20-Jährige Jean jobbt im Paris der Sechzigerjahre in einer Detektei. Er, der vollkommen unerfahrene und unsichere junge Mann, bekommt den Auftrag, nach einer spurlos verschwundenen Frau, einer gewissen Noëlle, zu suchen. So macht er sich auf die Suche, mit nicht mehr in der Hand als einer Karteikarte und dem Notizbuch dieser geheimnisvollen Frau. Jean führt uns durch das alte, touristisch noch nicht erschlossene Paris, von einem Arrondissement zum nächsten, von einem Bistro zum nächsten Platz und weiter. Am Ende bleibt seine Suche erfolglos.

Jetzt verwischen sich die Jahrzehnte allmählich bis in die Gegenwart. Das Rätsel lässt auch den älter werdenden Jean nie los und mit den Notizen von damals macht er sich immer wieder auf die Suche.  Aus der Distanz heraus fallen ihm allmählich immer mehr Puzzleteile in die Hände und erstaunliche Erkenntnisse tun sich auf. Die Sicherheit wächst zunehmend in ihm, dass er diese Frau in seiner Jugend gekannt haben muss oder täuscht ihn die Erinnerung?

So wie früher unsichtbare Tinte durch bestimmte Techniken wieder sichtbar gemacht wurde, entschlüsselt der Erzähler allmählich seine Vergangenheit und scheinbar Vergessenes. Dem Autor gelingt dabei ein unglaublicher Plot mit einem furiosen Finale, das jedem Psychothriller zur Ehre gereichen würde.

Im Stil eines Film Noir baut Modiano diese vordergründige Kriminalgeschichte auf. Mit großer sprachlicher Eleganz, französischem Esprit und einer gewissen Tristesse ist ein atmosphärisch dichter, hochspannender und literarisch komplexer Roman entstanden, der sich süffig liest und den man nicht mehr aus der Hand legen möchte.

(Sylvia Jongebloed)

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Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982.
Kiepenheuer & Witsch 2021, € 18,00. 

Der internationale Bestseller aus Korea ist jetzt endlich auch bei uns erschienen. Cho, bisher eine erfolgreiche Drehbuchautorin, hat mit ihrem feministischen Roman weltweit für Aufsehen gesorgt. In Korea führte das Buch sogar zu Massenprotesten.

Die Protagonistin Kim Jiyoung ist Anfang Dreißig, lebt in Seoul und ist Mutter eines kleinen Kindes. Sie führt das Leben vieler Frauen auf der ganzen Welt und ist gefangen in den traditionellen Anforderungen, sich um Familie und Haushalt sowie Eltern und Schwiegereltern zu kümmern. Dieser ständige Spagat zwischen den an sie gerichteten Erwartungen und ihren eigenen Wünschen bleibt irgendwann nicht ohne Wirkung. Sie wird psychisch krank.     

In Rückblenden wird das bisherige Leben der Protagonistin beschrieben, begonnen mit der schon als Kind erlebten Diskriminierung. Einer strengen Hierarchie folgend bekommen die Mädchen beim Essen das, was die männlichen Familienmitglieder übriggelassen haben.

Dieses Leben zwischen Frustration, Unterwerfung und Fremdbestimmung verfolgt sie bis ins Schulleben hinein und gipfelt im Berufsleben in perfiden Überwachungsmechanismen. Versteckte Kameras in den Damentoiletten liefern Fotos, die anschließend ins Netz gestellt werden. Wird eine Frau von Männern belästigt, so trägt sie allein dafür die Schuld. Männer machen Karriere, Frauen nicht.

Auch nach Heirat und Mutterschaft endet dieses Martyrium nicht. Im Gegenteil, die Männer üben dann noch mehr Machtmechanismen aus. Die Frau wird ausschließlich reduziert auf einen gut funktionierenden Haushalt und das Wohlergehen von Ehemann und Kindern. An diesem Punkt angelangt, schaltet die Protagonistin in ihrem Kopf einen Schalter um. Ihre Psyche rebelliert.

Die junge Autorin hat mit diesem Buch voll den Zeitgeist der späteren #MeToo-Debatte getroffen. Das hat ihr nicht nur im ostasiatischen Raum viel Aufmerksamkeit gebracht, sondern weltweit und kulturübergreifend großen Zuspruch gefunden, wozu nicht zuletzt auch eine Verfilmung beigetragen hat.

Der Roman ist in einer nüchternen, eher lakonischen Sprache und fast wie ein Bericht oder eine Dokumentation verfasst. Das verstärkt nochmal den Effekt des Inhaltes und trifft den Leser mit voller Wucht. Die Autorin sagt über ihr Buch: „Es ist fortschrittlicher und mutiger als ich“. Ein wichtiges Thema, unbedingt lesen!

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen.

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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