Patti-Saoirse hat eine besondere Geschichte. Und eine klare Botschaft: Alle Menschen verdienen es, mit Respekt behandelt zu werden. Eine Aussage, die sie auch zur Kandidatur um den Miss-Germany-Titel geführt hat. Wie sie es geschafft hat, sich selbst zu finden und zu lieben, welche Rolle dabei die Sozialen Medien spielen und wie sie mit Beleidigungen umgeht – darum geht es in diesem Porträt.

Patti-Saoirse ist nicht die typische Miss-Germany-Kandidatin. Oder doch? Irgendwie haben die wenigsten mitbekommen, dass sich die Miss-Wahl vor zwei Jahren grundlegend neudefiniert hat: weg vom Schönheitswettbewerb, der sich stets um den gleichen Typ Frau drehte, hin zur Plattform für „Female Empowerment“, für die (Selbst-)Stärkung der Frauen.

Und da ist die 25-jährige Bergisch Gladbacherin ganz richtig. Patti-Saoirse musste sich die meisten Zeit ihres Lebens „empowern“. Denn was ihr aus der Gesellschaft entgegengebracht wurde, war wenig aufbauend: Sie hat eine schwierige Familiengeschichte, sie ist trans* und mehrgewichtig.1

Als Miss-Germany-Kandidatin kämpft sie gegen Diskriminierung und Schubladendenken. Für die Rechte von transgeschlechtlichen Personen und für „Body Positivity“, also für realistische Schönheitsideale.

Damit andere, die wie sie aus dem strengen Raster der Normen fallen, es in Zukunft leichter haben, ihren Weg zu gehen und zu sich selbst zu finden.

Ich treffe Patti, die ihren Nachnamen lieber nicht hier lesen möchte, am See hinter der Zeltkirche in Refrath. Schnell stelle ich fest: Patti weiß sehr genau, wer sie ist, kennt ihre Stärken und Schwächen und geht ganz offen mit beiden um. Welchen Weg ist sie selbst gegangen, um an diesen Punkt zu kommen?

Patti-Saoirse im Gespräch mit Laura Geyer. Foto: Thomas Merkenich

„Ich bin ein Mädchen“

Patti wird als Junge geboren. Sie ist acht Jahre alt, als das Jugendamt sie aus ihrer Familie herausnimmt. Die Eltern hatten sie schon als Fünfjährige alleine zu Hause gelassen, hatten sie als Erstklässlerin ohne Frühstück in die Schule geschickt.

Dass das nicht normal war, versteht sie erst, als sie in eine Familienwohngruppe in Kürten kommt. Dort gibt es drei Erzieher:innen, die für Patti engere Bezugspersonen werden als ihre leiblichen Eltern. Wie üblich, wenn Kinder in eine vom Jugendamt unterstützte Einrichtung kommen, beginnt sie eine Psychotherapie. Dort wird bald eine „Geschlechtsdysphorie“ diagnostiziert, eine „Geschlechtsidentitätsstörung“.

Patti setzt beide Begriffe mit den Fingern in Gänsefüßchen: „Das ist nicht sehr menschlich formuliert. Transgeschlechtlichkeit ist keine Störung.“

Für sie war schon sehr früh klar: „Ich bin ein Mädchen.“ Trans* war ihr als Kind kein Begriff, es war einfach so. Erst durch die Diagnose des Therapeuten fängt sie an, sich damit zu befassen.

Sie beginnt, in ihrer Freizeit Mädchenkleidung zu tragen. In der Schule traut sie sich nicht: Sie ist sowieso schon Außenseiterin und wird gemobbt. Doch natürlich wird sie gesehen, sie wohnt schließlich in einem Dorf.

Wenn sie von Mitschüler:innen darauf angesprochen wird, streitet sie alles ab. Sie hat Angst, noch mehr Probleme zu bekommen. „Ich hab das als Geheimnis mit mir herumgetragen, obwohl es eigentlich keins war. Das war einfach ich.“

In der zehnten Klasse outet sie sich, und nachdem die Leute wissen, was mit ihr los ist, lassen sie sie in Ruhe. Doch der offizielle Weg zu einem Leben als Frau ist noch weit.

Das Gesetz legt viele Steine in den Weg

In Deutschland wird dieser Weg vom 40 Jahre alten Transsexuellengesetz (TSG) geregelt. Diesem liegt bis heute ein Verständnis von Transgeschlechtlichkeit als psychischer Krankheit zugrunde, obwohl dies weder dem Stand der Wissenschaft noch internationalen Standards entspricht.

Das Bundesverfassungsgericht hat immer wieder Teile des Gesetzes als verfassungswidrig eingestuft – etwa dass sich trans* Menschen für eine Personenstandsänderung einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen und sich sterilisieren lassen müssen. Versuche, das TSG abzuschaffen oder zu reformieren, sind in den letzten Jahren immer wieder gescheitert.

Um die Namens- und Personenstandsänderung beim Amtsgericht zu beantragen, muss Patti zwei ihr unbekannten Therapeuten intime Fragen beantworten, etwa zu ihren Sexvorlieben. Und das unter enormem Druck, denn von der Einschätzung dieser fremden Menschen hängt für sie viel ab. Die Gutachten und das Gerichtsverfahren kosten mehrere Tausend Euro.

Und dann heißt es warten. Zwei weitere Jahre lang trägt Patti den Pass eines Jungen, auf dessen Namen sie nicht mehr hört und dem sie auch nicht mehr ähnlich sieht. Sie bekommt einen Ergänzungsausweis für trans* Menschen, der bestätigt, dass sie die Person in dem Pass ist.

Das habe zumindest einiges erleichtert, erzählt Patti: „Ohne den Ausweis musste ich mich ständig erklären. Im Bus zum Beispiel. Da wird man vor allen Menschen um einen herum geoutet, ob man das möchte oder nicht. Das war teilweise demütigend.“

Sie beklagt, dass trans* Personen mit dem Gesetz sehr viele Steine in den Weg gelegt werden, die da nicht sein müssten. „Im Grundgesetz steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Leider gilt das so nicht für die Würde von trans* Menschen.“ 2

Ansonsten läuft es inzwischen gut für Patti: Sie absolviert eine Ausbildung zur Erzieherin, geht dort offen mit ihrer Geschichte um. Auf die Frage, ob und wie sie mit den Kindern darüber spricht, sagt sie: „Letztendlich ist alles, was mit dem Thema zu tun hat, Wertevermittlung: Jeder Mensch kann so sein, wie er möchte. Mehr zählt da nicht.“

2017 bekommt sie endlich ihren neuen Ausweis mit dem Geschlechtsmerkmal „weiblich“ und dem Namen Patti-Saoirse – Saoirse ist übrigens irisch und heißt Freiheit. 2018 und 2019 folgen die geschlechtsangleichenden Operationen. Eine große und zwei kleine.

Das Idealbild der Frau

Nach den OPs nimmt Patti zu. Das macht ihr ziemlich zu schaffen. Denn: „Trans* sein bedeutet, sich selbst zu finden. Und wenn man als trans* Person sagt, ich bin eine Frau, dann versucht man auch erst mal dem Idealbild einer Frau zu entsprechen.“

In ihrem Instagram-Feed sieht sie Frauen wie die Models Lena Gehrke und Stefanie Giesinger. Schlank, sportlich, straff. Mehrgewicht ist nicht Teil des Mainstreams. Dick ist nicht schön – so die Message.

Doch dann beginnt Patti zu suchen, was Instagram noch zu bieten hat. Und sie wird fündig: „Es gibt so viele tolle Accounts, die mehr sind als das, was die Gesellschaft sehen will.“

Bald postet sie auch auf ihrem Profil immer mehr Fotos. Selbstporträts, Blick in die Kamera, immer wieder Serien von Nahaufnahmen mit verschiedenen Gesichtsausdrücken. Eine Art Selbst-Studien? Patti sagt: „Die Bilder haben mir geholfen, mich anders wahrzunehmen, weil ich angefangen habe, mich ästhetisch zu inszenieren.“

Im Januar 2019 veröffentlicht sie zum ersten Mal ein Foto im BH. Dazu schreibt sie:

„Ich habe lange versucht, für andere schön zu sein, dabei ist mir aber irgendwann aufgefallen, dass ich mich selbst (…) nicht mehr schön gefunden habe.“

Ihr Selbst-Bewusstsein wächst, sie traut sich immer mehr: ein nackter Rücken, ein Bauch mit Dehnungsstreifen, ein Körper in Unterwäsche.

„Mittlerweile gucke ich meine Bilder an und sage: Ich bin hot! Warum darf ich das nicht zeigen?“ Patti lacht. Klar, Schönheit ist Geschmackssache. Und Mehrgewichtige sind sicher nicht jedermanns Typ. Aber: „Das nimmt mir nicht den Wert, den ich habe.“ 

Selbst-Reflektion in den Sozialen Medien

An diesen Punkt zu kommen, hat sie viel Zeit und Kraft gekostet. Sie sagt: „Man muss den Weg dahin finden, sich selbst zu lieben.“ Für Patti ist dieser Weg die Selbst-Reflektion in den Sozialen Medien. Damit ist sie aufgewachsen, dort hat sie ihre Community.

Foto: Thomas Merkenich

Noch einmal zurück in die Vergangenheit: Schon als Jugendliche fängt Patti an, Youtube-Videos zu machen. Erst mit Comedy- und Lifestyle-Inhalten. Dann postet sie irgendwann ein Outing-Video und bekommt sehr viel Resonanz. Unter anderem von Menschen, die in der gleichen Situation sind.

Zu der Zeit gibt es noch nicht so viele Inhalte zu dem Thema. Und so fängt sie an, auf ihrem Youtube-Kanal Aufklärung zu betreiben, um anderen zu helfen.

Parallel schreibt sie ihre Geschichte auf. Für sich selbst, um sie festzuhalten und zu verarbeiten. Dabei merkt sie, dass ihr Weg ein guter Leitfaden für Leute sein könnte, die in einer ähnlichen Situation sind. Also macht sie ein Buch daraus, bringt es im Selbstverlag heraus.

Weg mit den Stereotypen!

Mittlerweile ist sie von Youtube zu Instagram gewechselt, hat Videos gegen Fotos getauscht. Und ist, so wie zuvor in die Aufklärung, in den Aktivismus hineingerutscht.

Denn längst geht es nicht mehr nur um Selbst-Reflektion und Selbst-Liebe. Patti möchte mit ihren Bildern dazu beitragen, die Sehgewohnheiten zu verändern. Zu normalisieren, was eigentlich längst normal ist: „Mehrgewichtige Menschen gehören zur Gesellschaft dazu. Ich kämpfe dafür, dass es normal ist, dass sie mit einem größeren Bauch im Bikini an den Strand gehen. Warum sollen nur schlanke Frauen einen Bikini anziehen dürfen?“

Zu einem Unterwäsche-Foto schreibt sie:

„Warum wird ‚dick sein‘ in der Gesellschaft so oft direkt mit ‚hässlich‘ in Verbindung gebracht?! (…) Man sucht sich nicht unbedingt aus, ob man zunimmt oder nicht. Hinter jedem Menschen steckt eine Geschichte. Jeder Mensch hat einen Werdegang. Jeder Mensch hat Gründe, warum er so ist, wie er ist. Und es gibt keinen Grund, jemanden dafür zu verurteilen.“

Sie setzt sich dafür ein, Stereotype zu überwinden. Frauen müssen nicht alle aussehen wie Lena Gehrke. Männer sollen auch Kleider tragen können, wenn sie darauf Lust haben. Und überhaupt: Ob Mann oder Frau, dick oder dünn, trans* oder cis3 – Patti wünscht sich, dass irgendwann jeder Mensch einfach so leben kann, wie er möchte.

„Ich nehme Beleidigungen in Kauf“

Dafür bekommt sie viel Bestärkung auf ihrem Instagram-Kanal. Aber auch viel Hass. Kommentare von Trollen löscht sie. Manche Dinge lässt sie aber auch stehen: „Man muss unterscheiden, ob etwas Hate ist oder eher eine Art Nachfrage, weil es die Leute nicht besser wissen. Das lösche ich nicht, weil es Teil der Aufklärung ist. Es ist ja nicht jede:r in dieser Bubble und hat Ahnung davon. Da muss man ein bisschen Verständnis haben.“

Patti ist mittlerweile so mit sich im Reinen, dass nur wenig sie aus der Fassung bringen kann. Ein wunder Punkt war lange, wenn jemand in ihrer Nähe flüsterte. Vor allem in einem vollen Schulbus. Das weckte Erinnerungen an die Zeit, als sie gemobbt wurde. Inzwischen hat sie sich daran gewöhnt, weil sie jeden Morgen mit einem Bus voller Schüler:innen zur Arbeit fahren muss.

Foto: Thomas Merkenich

Kürzlich brachte sie aber noch etwas anderes aus der Fassung: Nachdem der Kölner Stadt-Anzeiger über ihre Kandidatur bei Miss Germany berichtet hatte, brach sich eine richtige Hate-Welle auf den Social-Media-Plattformen der Zeitung Bahn. Patti sagt: „Ich bin eigentlich sehr stark darin, so was zu lesen, aber bei der Menge an Hasskommentaren dachte ich irgendwann, ok, jetzt reicht’s.“

Auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht sie später Screenshots von einigen der Kommentare und schreibt dazu:

„Ich bin Kandidatin bei Miss Germany. Ich bin dabei um für die Rechte von trans* Personen einzustehen und dafür zu kämpfen, dass trans* Personen in der Gesellschaft respektiert und nicht diskriminiert werden! Ich stehe auch für Bodypositivity. Ich fühle mich wohl in meinem Körper und möchte nach außen tragen, dass es das ist, worauf es ankommt. (…)

Diese ganze Hatewelle war sehr hart für mich, ich habe sehr damit kämpfen müssen, weil ich so etwas noch nie erlebt habe! Ich hatte jetzt viel Zeit zu reflektieren, habe mich mit den Kommentare auseinander gesetzt und dadurch ist mir noch bewusster geworden, warum ich Teil von Miss Germany bin. (…)

Ich bin mir meiner Message bewusst und möchte dafür eingestehen! Dafür nehme ich weiterhin Beleidigungen, Morddrohungen und transfeindliche/fettfeindliche Kommentare in Kauf! Es zeigt, dass wir mehr kämpfen müssen! Wir müssen mehr gegen Diskriminierung kämpfen! Wir sind alle gleichwertig.“

Patti hat den Hass, der ihr entgegengebracht wurde, kurzerhand in neue Energie verwandelt. Die Kommentare, die sie erniedrigen sollten, haben sie stattdessen noch ein Stückchen wachsen lassen.

Das ist vielleicht genau das, was sie dahin gebracht hat, wo sie heute ist. Die Ablehnung der Eltern, das Mobbing in der Schule, die Demütigungen durch das Gesetz, die Selbstzweifel und die Hate-Kommentare – das alles hat Patti angenommen und zu etwas Positivem gemacht. Genau deshalb ist sie auch mit sich und ihrer Geschichte im Reinen: „Ich wäre nicht die Persönlichkeit, die ich jetzt bin, wenn ich nicht meinen Weg gegangen wäre.“

Meine letzte Frage an Patti ist, ob sie heute die Person ist, die sie sein möchte. Sie lächelt und antwortet mit der ihr typischen Offenheit: „Ich bin nicht an dem Punkt, dass ich sage, ich bin absolut perfekt. Man entwickelt sich immer weiter, einen Schritt nach vorne, und wenn‘s auch mal einen Schritt zurück geht, das ist absolut kein Problem. Aber aktuell kann ich sagen, ich bin happy mit mir. Ich bin die Person, die ich jetzt gerade sein möchte.“

Bis zum 5.11. kann man online für Patti-Saoirse voten, damit sie es in die nächste Runde von Miss Germany schafft. Hier kann man ihr jeden Tag bis zu fünf „Empowerment-Points“ geben.

1 Wir nutzen in diesem Beitrag die Begrifflichkeiten, mit denen sich unsere Protagonistin selbst bezeichnet. Trans* ist ein Sammelbegriff, der – nach dem Vorbild von Suchmaschinen und Programmiersprachen – das Sternchen als Platzhalter für verschiedene mögliche Endungen nutzt. Er bleibt damit offen für die Vielfalt nicht der Norm entsprechender Geschlechtsidentitäten (siehe zum Beispiel LSBTIQ-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung).

2 Seit Ende 2018 gilt in Deutschland das Geänderte Personenstandsgesetz, mit dem die Änderung des Geschlechtseintrags und des Vornamens deutlich einfacher ist. Mehr Informationen gibt es zum Beispiel beim Bundesverband Trans.

3 Cis bezeichnet Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde (von lateinisch cis – „diesseits“).

Laura Geyer

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

2 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Warum nur sucht man immer eine solche Bestätigung. Es macht es ihr nicht einfacher. Warum? Lebt man nicht einfach das Leben welches man gerade neu entdeckt hat. Verstehe ich nicht, werde ich auch nicht mehr verstehen.
    Viel Glück bei dem Model jedrisse was eh kaum einem Menschen interessiert.
    Ich guck dann lieber einer Pflanze beim wachsen zu. Ist interessanter

  2. Eine sehr tolle Junge Frau mit einer Starken Message !
    Besonders toll ist, dass sie nicht klein beigibt und das glaubt was die anderen
    so munkeln oder der Gesetzgeber.
    Gott hat jeden Menschen wunderbar geschaffen. ( Psalm 139 Vers 14+15)
    Also Ich würde sie zwar nicht zum Miss Germany wählen. Aber nur weil ich sowiso nichts von Wettbewerben halte. Weder Singen noch Fußball….
    Fände es aber toll wenn sie gewinnt