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Mit dem Stück „Benefiz — Jeder rettet einen Afrikaner“ zeigt das THEAS Ensemble DéJE-vu eine bissige Satire über Wohltätigskeitsveranstaltungen. Das sehenswerte Kammerspiel entlarvt die Sorgen einer satten Welt, thematisiert die Fragen und Probleme von guter und sinnvoller Hilfe. Zu sehen ist das Stück im historischen Verwaltungsgebäude von Zanders.

Der Sinn von Benefiz-Veranstaltungen liegt auf der Hand: Das Sammeln von Geld für den guten Zweck. Daran versuchen sich auch die fünf Protagonisten der Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ aus der Feder der Autorin Ingrid Lausund. Die neue Produktion des THEAS ist in diesem Monat im historischen Verwaltungsgebäude auf dem Zanders-Gelände zu sehen.

Texte der Autorin Ingrid Lausund sind in anderem Zusammenhang ziemlich prominent: Unter dem Pseudonym Mizzi Meyer hat sie bereits 30 Drehbücher für die Serie Tatortreiniger geschrieben. Daneben zahlreiche Theaterstücke wie „Benefiz“. Die Satire feierte 2009 am Schauspielhaus Salzburg Uraufführung.

Im Mittelpunkt des Stücks stehen zwei Damen und drei Herren. Man begegnet dem Quintett bei Planungen einer Benefiz-Veranstaltung. Zugunsten einer Schule in Guinea-Bissau.

Hoher Anspruch mit Konfliktpotential

Ihr Anspruch ist hoch, es soll das perfekte Event werden. Mit möglichst großer Spendensumme, multimedialen Informationen über Afrika und Guinea-Bissau. Und natürlich auch mit der Teilnahme eines Afrikaners oder einer Afrikanerin auf dem Event. Das wirkt schließlich authentisch. Oder führt man diesen Menschen damit nur vor?

Benefiz – jeder rettet einen Afrikaner
Satire von Ingrid Lausund
Eine Produktion des THEAS mit dem Ensemble DéJE-vu
Regie, Bühnenbild, Kostüm: Kristin Trosits
Ensemble (Figuren): Emma Braun (Christine), Ruben Loers (Rainer), Andreas Schröder (Eckhard), Luke Thüring (Leo), Marie Zintl (Eva)

Über diese und ähnliche Fragen geraten sich die fünf Organisator:innen gleich zu Beginn in die Haare. Denn so klar wie das Ziel ist, so unterschiedlich sind die Vorstellungen über die Benefiz-Veranstaltung, so unterschiedlich sind auch die Wünsche und Befindlichkeiten, die Einstellungen und Haltungen der Benefiz-Truppe.

Sog aus Gereiztheit

Fragen nach der knackigen Eröffnung des Events, nach Patenschaften mit afrikanischen Kindern, Solidaritäsbekundungen oder auch dem Spendenaufruf offenbaren die Charaktere der Organisatoren, die da aufeinander prallen. Es gibt die Perfekte, die Emotional-Berührte, den Chaoten, den Locker-Entspannten und den Intellektuellen.

Sie richten aus unterschiedlichen Perspektiven ihren sehr persönlichen Fokus auf das Event, gehen mit ihren jeweiligen Erwartungen ins Rennen. Die von ihren Mitstreitern bis auf Kleinste seziert, beherzt missverstanden, mit Unterstellungen aufgeladen werden, wütend vom Tisch gefegt oder beleidigt ignoriert werden. Aber es ist doch alles nur gut gemeint.

Termine und Tickets
6., 7., 13., 14., 20., 21., 27. und 28. November
Jeweils um 20.00 Uhr
Im historischen Verwaltungsgebäude der Papierfabrik Zanders (An der Gohrsmühle 25, 51465 Bergisch Gladbach)
Tickets ausschließlich online unter www.theas.de

So entwickelt sich ein immer stärker Sog aus Gereiztheit, Peinlichkeiten, genervtem Augenrollen angesichts scheinbarer Unprofessionalität. Der sich schließlich in heftigen emotionalen Ausbrüchen entlädt, und so das Unternehmen Benefiz-Event fast zum Scheitern bringt.

„Es geht um Menschen“

Auf eine Quintessenz kann sich das Quintett gerade noch einigen: „Es geht um Menschen.“ Aber die Frage nach guter und richtiger Hilfe kann die Truppe kaum beantworten. Sie scheitert am Privileg, in einer reichen Industrienation zu leben. Aus dieser Welt heraus über Hilfen für die Ärmsten zu entscheiden, führt zu gnadenlosen und nicht lösbaren Konflikten.

Ist eine minderjährige Zwangsprostituierte in Afrika unterstützenswerter als ein Kind ohne Arme? Zehn Euro für einen Cocktail oder als Monatsbeitrag für ein Patenkind – welche Ausgabe fällt leichter? Vertraue ich einer Hilfsorganisation? Tun mir 100 gespendete Euro weh oder nicht?

Da werden Fragen aufgeworfen, die den meisten bekannt sein dürften. Übliche Gedankengänge, welche das Stück gnadenlos entblößt. Und den Zuschauer mit seiner eigenen Situation konfrontiert.

Denn es ist nahezu unmöglich, auf alle Fragen eine passende Antwort zu finden. Und es ist nahezu unmöglich, als Individuum die globalen Probleme zu begreifen, geschweige denn in den Griff zu bekommen. Das sorgt für zusätzlichen Druck.

Foto: Philipp J. Bösel

Bissig, ätzend, entlarvend

Der Text entwickelt sich von Details wie der Suche nach Spendenquittungen zu den grundlegenden Fragen der globalen Community. Er ist bissig, ätzend, auf den Punkt gebracht: „Hey, 80 Millionen sterben an Unterernährung, das ist einmal Deutschland!“

Er fächert das Thema breit und gnadenlos auf, kitzelt semantische Ungenauigkeiten heraus, legt Untertöne in der Debatte frei. Richtet ein grelles Licht auf die – aus Perspektive der armen Länder – kleingeistigen Sorgen und Befindlichkeiten der Wohlhabenden: „Ich mache nicht mit weil ich die Welt retten will, sondern weil es Spaß macht!“

Und der Text lässt Probleme der Betroffenen auf eine Fragestellung zur Eventgestaltung zusammenschrumpfen: „Zeigen wir das tote Kind in der Schubkarre oder nicht? – So sieht Hunger eben aus!“

Das ist enlarvend, aber nie bloßstellend. Es macht nur immer und immer wieder deutlich: Was ist gute Hilfe – die Frage ist kaum zu beantworten. Rette ich ein Kind, stirbt dafür ein anderes. Daran reibt sich das Quintett auf.

Das offenbart aber auch: Wenn die Kommunikation über das Thema Benefiz schon so schwer ist, wie soll dann effektive Hilfe funktionieren? Da wird der Text zu einem Brennglas für die globalen Probleme im Allgemein, sei es Ernährung, Klima oder Wirtschaft.

Sparsam inszeniert

Regisseurin Kristin Trosits inszeniert das Stück sparsam. Das ist gut so, denn dies lässt viel Raum für den anspruchsvollen und dichten Text, auf den es hier kommagenau ankommt.

Das Ensemble meistert unter Trosits bravouröser Führung enorm schwierige Aufgaben: So gilt es eine Gruppe schillernder Charaktere durch immer neue Konstellationen zu führen. Und auch der enorm kontrastreiche Spannungsbogen wird fein dosiert auf die Bühne gebracht. Respekt!

„Es ist ein zeitloses Thema, das vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise natürlich an Brisanz gewinnt“, erläutert Claudia Timpner, Intendantin am THEAS. Dies sei mit einer der Gründe gewesen, das Stück auf Vorschlag von Kristin Trosits in den Spielplan aufzunehmen.

Foto: Philipp J. Bösel

Der Spielort

Das Ensemble DéJE-vu hat es sich zur Aufgabe gemacht, ungewohnte Orte in Bergisch Gladbach zu bespielen. Es war bereits mit einer Produktion in der Stadtbibliothek zu sehen. Nun also das historische Verwaltungsgebäude auf dem Zanders-Gelände.

Für die Zuschauer:innen ist es sicher ein Erlebnis, Kultur in diesen ehrwürdigen Räumen zu genießen, keine Frage. Aber für das Stück selbst ist die Kulisse weniger relevant. Die Inszenierung nutzt einen Flur und ein Kaminzimmer, ist aber nicht darauf angewiesen und gewinnt dadurch nicht an Format.

Wichtig ist aber ein anderer Aspekt der Aufführung im Zanders-Haus: Zeigt das THEAS damit doch künftige Nutzungsmöglichkeiten des Areals auf, liefert wichtige Impulse für die kreative Umwidmung dieses künftigen Stadtteils. Vor diesem Hintergrund kann die Bespielung der historischen Industriebrache kaum hoch genug gewürdigt werden.

Die Unterstützer

Das Theaterprojekt wird von der Rösrather Rembold Stiftung mit 3.000 Euro unterstützt. Nicht nur aufrgund der Relevanz des Themas, sondern auch weil das Stück die Zuschauer zu aktivem, gesellschaftlichem Engagement auffordere, erklärt Stiftungsgründer Jürgen Rembold aus Rösrath.

Weitere Unterstützer sind das Kulturbüro der Stadt Bergisch Gladbach sowie die Projektgruppe Zanders, welche die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt.

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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