Grandiose literarische Wiederentdeckung aus den Fünfzigerjahren, ein polnischer sozialkritischer Krimi der Extraklasse und ein humorvoll-tiefsinniger Roman über verpasste Gelegenheiten.

Alba de Céspedes: Das verbotene Notizbuch.
Insel Verlag 2021, € 24,00.

Die italienische Autorin, während des Zweiten Weltkriegs als Widerständlerin zweimal inhaftiert, war später Radio- und Fernsehjournalistin. Außerdem schrieb sie Prosa und Lyrik. Ihre Romane, jetzt neu entdeckt, wurden alle Bestseller.

Rom, Anfang der Fünfzigerjahre: Wie jeden Sonntag holt Valeria im Tabakladen nebenan Zigaretten für ihren Mann Michele. Dabei fällt ihr ein Stapel schwarzer Notizbücher auf, wovon sie eines aus einem Impuls heraus kauft. Sie beginnt zu schreiben und setzt so eine Kettenreaktion in Gang.

Als Ehefrau und Mutter von zwei Kindern lebt sie in bescheidenen und beengten Verhältnissen. Sie füllt die Familienkasse durch einen kleinen Bürojob auf. Schon lange fühlt sie sich von ihrem nahen Umfeld nicht mehr wahrgenommen. Seit Jahren hat sie ihren Namen nicht mehr gehört. Alle nennen sie nur Mamma.

Je mehr sie sich ihren Frust von der Seele schreibt, um so größer wird ihre Desillusionierung. Sie fühlt sich als Mensch ohne Persönlichkeit, deren Bedürfnisse zugunsten derer der anderen immer zurückstehen. Es findet sozusagen eine Rebellion nach innen statt, nach außen bleibt sie scheinbar die alte Person. Dann beginnt sie eine zarte und zurückhaltende, der damaligen Zeit sehr angepasste Affäre mit ihrem Chef.

Valeria ist erst 43 Jahre alt und fühlt sich bereits als alte Frau. Erst durch das Schreiben beginnt sie wieder, sich selbst zu fühlen und ihre Bedürfnisse zu spüren. Sie gerät in einen massiven inneren Konflikt. Für eine offene Rebellion fehlt ihr der Mut. Dem Ausleben einer neuen Beziehung stehen die Konventionen der Zeit und nicht zuletzt der vorherrschende Katholizismus im Weg. Gefangen in einem Korsett von Verpflichtungen und geplagt von Selbstzweifeln muss sie sich entscheiden, wie ihr Leben weitergehen soll.

Es ist ein Geschenk, dass diese zu Unrecht in Vergessenheit geratene Autorin wieder neu aufgelegt worden ist. Um so mehr, als dieses erstmals 1952 erschienene Buch aktueller denn je ist. In Tagebuchform aus der Sicht der Protagonistin geschrieben, beschreibt Céspedes ein Frauenleben in einer von Männern dominierten Welt. In einer lakonischen und eindringlichen Sprache macht sie das Unsichtbare sichtbar und legt den Finger auf die Wunde.

Literatur vom Feinsten, die dem Vergleich mit Virginia Woolf oder Simone de Beauvoir standhalten kann. Grandios!

(Sylvia Jongebloed)

Das Buch in unserem Onlineshop.

Kaja Malanowska: Nebeltage.
Goldmann Verlag 2021, € 12,00.

Die namhafte polnische Autorin hat mit „Nebeltage“ ihren ersten Kriminalroman geschrieben, der stark von sozialkritischen Themen geprägt ist. Von der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk wurde dieses Buch wärmstens empfohlen. 

Warschau im Winter: Die junge Zofia wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden, mit zwei Hammerschlägen gezielt und perfide von hinten umgebracht. Da das Opfer nicht ganz unvermögend war, geht die Polizei zunächst von einem Raubmord aus. In den Fokus geraten dadurch die illegal in Polen lebende tschetschenische Putzfrau sowie der Ex-Freund und der ehemalige Verlobte der Toten.

Doch bald verschieben sich die Ermittlungen in andere Richtungen, Gewalt gegen Frauen, Fremdenhass, Rechtsextremismus. Korruption, selbst auf höchster Ebene, tut sich auf und erschwert die Untersuchungen. Ein schlecht ausgestatteter Polizeiapparat behindert das weitere Vorgehen zusätzlich und ein internes Leck füttert die Boulevardpresse mit sensiblen Daten.

Mit diesen Hindernissen müssen sich die beiden Protagonisten herumschlagen. Auf der einen Seite ist der erfahrene Ermittler Marcin, Kriminalist der alten Schule. Er steht dem weiblichen Geschlecht sehr skeptisch gegenüber, sowohl seiner eigenen Ehefrau als auch seiner neuen ehrgeizigen Kollegin Ada. Diese wurde gerade von Breslau nach Warschau versetzt und versucht nun, sich in der von Männern dominierten Polizeiwelt zu behaupten.

Marcin macht im Laufe der Ermittlungen eine große Wandlung durch. Hindert ihn sein von Vorurteilen getrübter Blick oft daran, das Offensichtliche zu sehen, wird er durch die Zusammenarbeit mit seiner jungen Kollegin immer offener für die wirklichen Motive, die hinter diesem Mordfall stehen. Abgründe tun sich auf. Bis sich der Nebel endlich lichtet, müssen sich die beiden Ermittler durch Filz und korrupte Machenschaften wühlen. 

Mit „Nebeltage“ist endlich wieder ein sozialkritischer Kriminalroman erschienen, der auch äußerst heiße gesellschaftspolitische Themen anpackt, ganz in der Tradition von Sjöwall Wahlöö. Atmosphärisch dicht erzählt mit immer wieder überraschenden neuen Wendungen, kann der Roman seinen Spannungsbogen bis zum unerwarteten Ende halten.

An dem zweiten Roman mit diesem interessanten Ermittlerteam arbeitet die Autorin bereits. Aber erstmal tauchen wir ab in den Warschauer Nebel und genießen diesen Krimi der Extraklasse! 

(Sylvia Jongebloed)

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Sybille Hein: Eure Leben, lebt sie alle. 
dtv 2022, € 20,00.

Die mehrfach ausgezeichnete Kinderbuchautorin, Illustratorin und Kabarettistin präsentiert uns jetzt ihren ersten Roman für Erwachsene.

Anfang der Neunzigerjahre verunglückt der erfolgreiche junge Musiker Jonas tödlich mit seinem Motorrad. Er hinterlässt fünf Frauen, die auf unterschiedliche Weise mit ihm verbunden waren.

Berlin, 20 Jahre später: Marianne, die Mutter von Jonas, hat gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert. Sie lebt viel in der Vergangenheit und versucht mehr oder weniger erfolgreich, eine beginnende Demenz zu verdrängen bzw. vor ihrem Umfeld geheim zu halten.

Ellen, einst die Frontfrau in Jonas’ Band, ist inzwischen eine erfolgreiche Psychologin geworden. Jetzt, in der Mitte des Lebens, will sie es nochmal wissen und arbeitet intensiv an einem musikalischen Comeback. Sie hat außerdem eine Affäre mit einem Studenten und wird ihrem Beruf und ihrer Familie immer weniger gerecht. 

Luise, die schillerndste von allen fünf Frauen, geht voll in ihrer Familie auf. Die Privilegien, die sie immer hatte, fallen ihr nach und nach vor die Füße. Ihr Mann hat nach einer steilen Karriere als Anwalt immer weniger Zeit für die Familie. Ihre Kinder sind in der Pubertät und gehen eigene Wege. Ihre einstige Bilderbuchfamilie löst sich langsam auf.

Frederike lebt immer mehr nur für andere. Um ihrem alten Vater ein schönes Leben in einer angesagten Seniorenresidenz zu ermöglichen, verschuldet sie sich immer mehr. Aus dem einst sportlichen jungen Mädchen ist eine stark übergewichtige Frau mittleren Alters geworden, von den anderen belächelt und nicht wirklich wahrgenommen.

Von Johanna erfahren wir erst nach und nach etwas. Nur soviel, sie liegt nach einem Sturz im Koma. Bei ihr laufen am Ende des Buches alle Fäden zusammen. 

Es geht nicht nur um das Älterwerden in diesem Roman, vielmehr auch um verpasste Gelegenheiten und Chancen, das Ruder nochmal komplett herumzureißen bzw. das Beste aus den Möglichkeiten zu machen. Jedes Kapitel wird von einer anderen Protagonistin erzählt und so werden die einzelnen Charaktere immer vertrauter. Die sensible und feine Figurenzeichnung sowie eine fließende bildhafte Sprache machen dieses Buch aus.

Kurzweilige, gehobene Unterhaltung, humorvoll, aber auch mit der nötigen Tiefe sowie frei von Klischees, kurzum sehr empfehlenswert!

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen,

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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