Foto: Thomas Merkenich

Die Heimat verlassen zu müssen, weil dort ein Krieg ausbricht, ist für alle Menschen entsetzlich. Ganz besonders schwierig ist es für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen. Gerade die Unterbringung in Sammelunterkünften bedeutet für sie enormen Stress. Das gilt auch für David.

David, der eigentlich anders heißt, ist ein besonderes Kind. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein normaler Zehnjähriger. Erst, wenn man ein bisschen Zeit mit ihm verbringt, fällt auf, dass er sich manchmal nicht so verhält, wie man es von einem Kind seines Alters erwartet. David hat eine leichte Form von Autismus.

Kinder wie David brauchen sichere Orte, feste Strukturen, einen verlässlichen Tagesablauf. Sie brauchen Therapien. Für Kinder wie David ist es unvorstellbar schwierig, all das verlassen und in ein fremdes Land flüchten zu müssen.

Davids Mutter war die erste Ukrainerin, die sich beim Autismus-Therapie-Zentrum (ATZ) Köln/Bonn meldete und nach Therapiemöglichkeiten für ihr Kind fragte. Tatjana Zemko ist in den Zweigstellen in Köln und Refrath die einzige Therapeutin, die Russisch spricht.

Als sie mit der Mutter telefonierte, war ihr das Ausmaß des Problems schnell bewusst: Die Familie war in einer Sammelunterkunft in Köln untergekommen. Die Zimmer dort sind nur durch Stellwände voneinander getrennt, Decken gibt es nicht. Der Geräuschpegel ist konstant hoch, die Privatsphäre gering. Die Räume lassen sich nicht abschließen, und weil alles gleich aussieht, verirrten sich immer wieder fremde Menschen in das Zimmer von Davids Familie.

„Für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) ist das ein unglaublicher Stress“, sagt Tatjana Zemko. Sie bräuchten die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, Orte, an denen sie so sein könnten, wie sie sind.

David verstand nicht, warum er nicht laut sein durfte. Die Nachbarn beschwerten sich, aber David kann sich nicht kontrollieren wie andere Kinder. Er fragte immer wieder, warum sie überhaupt dort seien und wann sie wieder nach Hause gehen würden.

Eine eigene Wohnung in Refrath

Tatjana Zemko. Foto: privat

Tatjana Zemko wollte die Familie so schnell wie möglich aus der Situation herausholen. Über Facebook fand sie innerhalb weniger Tage eine Einliegerwohnung in Bergisch Gladbach: drei Zimmer, Bad und Küche im Haus eines älteren Ehepaars.

Der große Garten darf mitbenutzt werden, nebenan wohnen Kinder in Davids Alter. Ein absoluter Glücksgriff, sagt Zemko.

Die erneute Veränderung war zunächst schwierig für David. In der Notunterkunft gab es Kinder, mit denen er in seiner Muttersprache reden konnte. Er hatte Angst, in der neuen Umgebung keine Freunde zu finden – auch, weil er mit den deutschen Nachbarskindern nicht sprechen kann. Außerdem sorgte er sich, dass der Vater sie nicht mehr finden würde, wenn sie schon wieder woanders hinziehen würden.

Tatjana Zemko sagt: „Es ist gut, dass David jetzt erst einmal nicht mehr den Ort wechseln muss und richtig ankommen kann.“ Die Familie kann auf unbestimmte Zeit in der Wohnung bleiben. David besucht inzwischen die Grundschule. Langsam kommt wieder Ordnung in sein Leben.

So können Sie helfen:
Familien mit Kindern im Autismus-Spektrum brauchen noch dringender eine sichere und stabile Wohnumgebung als andere. Wer eine Wohnung hat und sich vorstellen kann, Menschen wie David und seine Mutter unterzubringen, kann sich bei Tatjana Zemko melden: zemko@autismus-koelnbonn.de.

Doch viele Sorgen bleiben. David hat in der Ukraine verschiedene Therapien gemacht. Bis er fünf Jahre alt war, hatte er nicht gesprochen. Mithilfe der Therapien lernte er sprechen, später auch lesen und schreiben. Er ging auf eine normale Schule, entwickelte sich zu einem kontaktfreudigen und aktiven Kind, das viel redet.

Kinder mit ASS können sich häufig nur auf sich selbst oder eine bestimmte Sache fokussieren. Mithilfe von Therapien ist es möglich, kommunikative und soziale Kompetenzen zu fördern, die Wahrnehmung zu verbessern, Interessen auszuweiten.

Davids Mutter hat Angst, dass ihr Sohn sich ohne Therapie zurückentwickelt und wieder in sich zurückzieht. Leider ist es nicht einfach so möglich, hier eine Therapie zu beginnen. In der Eile des Aufbruchs hat die Mutter Davids Diagnose in der Ukraine gelassen.

Ohne Diagnose keine Therapie. Also muss erst eine neue Diagnose gestellt werden. Das ist aufwendig und kann bis zu einem Jahr dauern. Die Übernahme der Kosten muss geklärt werden. Dann erst kommt die Familie auf die Warteliste des ATZ Refrath. Doch die Warteliste dort ist sehr lang.

David ist kein Einzelfall. Immer mehr Familien kontaktieren Tatjana Zemko. Sie würde gerne so vielen wie möglich helfen. Sie sagt: „Ich habe nichts mit dem Krieg zu tun, aber als Halbrussin fühle ich mich trotzdem schuldig. Mit meiner Hilfe möchte ich auch ein Zeichen setzen gegen diesen Krieg.“

Laura Geyer

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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