Georg Becker, der Besucher aus Jena, Daniela Ali

Wer in Bergisch Gladbach Besuch empfängt, kommt rasch ins Nachdenken. Welche Sehenswürdigkeiten soll man den Gästen zeigen? Besonders herausfordernd wird diese Aufgabe, wenn der Besucher blind ist. Unsere Autorin berichtet, wie sie das Problem mit Hilfe eines Zufalls und Georg Becker gelöst hat.

Ich erwartete einen Besucher aus Jena und wollte ihm meine Heimatstadt Bergisch Gladbach etwas näher bringen. Ich machte mir Gedanken, wie ein Sightseeingprogramm für uns aussehen könnte. Da mein Besucher genauso blind ist wie ich, ist da so einiges zu bedenken.

Zunächst muss es mir selbst möglich sein, dass zu Zeigende zu finden. Und dann muss sich das Objekt eignen: Wenn man als blinder Betrachter nur Erklärungen erhält, stellt man sich vieles vor, ob das aber viel mit der Realität zu tun hat, steht auf einem anderen Blatt. Im wahrsten Sinne des Wortes entsteht ein „Begreifen“ tatsächlich am Besten durch anfassen. Hören und Riechen vervollkommnen das im Kopf entstandene Bild.

Den Papierschöpfer am Marktplatz, Hexe Köbes in der Fußgängerzone und die Skulpturen-Gruppe gleich neben der Motte Kippekausen wollte ich mit meinem Besucher aufsuchen. Ein Highlight fehlte mir noch.

Und ganz unverhofft fand ich dieses Highlight.

Bei der Eröffnung des neuen JazzGLub im Bürgerportal stand ich mit mir unbekannten Menschen in der Pause am gleichen Tisch. Ein Mann sprach von seinen Skulpturen. Sogleich fragte ich, wer er sei und um was für Skulpturen es sich handelt. Es war unser Bergisch Gladbacher Künstler Georg Becker.

Aus alten Baumstämmen fertig er Skulpturen ohne Namen. Das Holz selbst, seine Beschaffenheit, führt dem Künstler die Hand und nicht eine Vorlage, die er ausführen will. Und jeder Betrachter sieht etwas anderes in der Skulptur.

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Berens & Becker: Pas de Deux von Lyrik und Skulptur

Das Künstlerpaar Gisela Becker-Berens und Georg Becker zeigt seine Werke in der Thomas-Morus-Akademie. Gedichte der Lyrikerin stehen den Holzarbeiten des Bildhauers gegenüber. Eine sehenswerte Ausstellung, die ihren Reiz aus dem Kontrast von lyrischer Imagination und physischer Präsenz der Skulpturen schöpft. Und daher viel über die Parallelen im kreativen Prozess dieses Paars offenbart.

Meine Neugierde war sofort geweckt und das äußerte ich auch. Die prompte Antwort war: „Sie sind eingeladen vorbeizukommen und sich meine Skulpturen anzuschauen. Anfassen ist dabei ausdrücklich erlaubt und auch gewollt.“

Noch auf meinem Heimweg entwickelte sich ein Gedanke: wäre es nicht wunderbar, meinem Gast ein solches Kunsterlebnis bieten zu können? Auf meine Frage, ob ich die Einladung schon bald umsetzen und gleich noch einen weiteren Besucher mit Sehbeeinträchtigung mitbringen dürfe, kam die Antwort genauso schnell: „Schön, dass Sie sich gemeldet haben“. Und der Termin war gemacht.

Am letzten Tag des Kurzbesuches wanderten wir zu Georg Becker. Meine Highlight-Überraschung für meinen Gast war voll gelungen. Mir selbst war es eine genauso große Freude, so herzlich empfangen zu werden.

Die Gespräche mit Georg Becker finden auf Augenhöhe statt. Hier bin ich in erster Linie Mensch, Kunstliebhaber und erst viel später blind. Dabei ist er im Umgang mit blinden Menschen wertschätzend. Da, wo es nötig ist, dirigiert er mit Worten, ohne an einem rumzuzerren und in die gewünscht Richtung zu schieben.

Ihm war es auch eine Freude, zu sehen, wie wir „begreifend“ seine Skulpturen betasteten. Die unterschiedlichen Holzarten wie Walnuss und Linde riechen unterschiedlich und fühlen sich verschieden an.

Dass wir am 5. Mai zusammenkamen, war ein Zufall, aber einer, der diesen besonderen Tag tatsächlich zu etwas ganz Besonderes machte.

Dieses Datum gilt alljährlich als der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Der Aktionstag wurde 1992 von den Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland (ISL) ins Leben gerufen und wird jährlich begangen.

Daniela Ali

Ich bin in Bergisch Gladbach geboren und lebe bis heute in der Stadt. In der Grundschulzeit bekam ich eine chronische Augenentzündung. Sie verläuft progressiv und so verhielt es sich auch mit meinem Sehvermögen. Seit über 20 Jahren bin ich juristisch blind. Der Blindenlangstock ist nach einer weiteren...

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