Für jeden Lesegeschmack ist etwas dabei: Eine farbenprächtige Lebensgeschichte aus der Neuen Welt im 19. Jahrhundert, ein abgründiger Krimi über zwei Schwestern und ein großer russischer Debütroman.

Alex Capus: Susanna. 
Hanser 2022, € 25,00. 

Angelehnt an eine wahre Geschichte, zeichnet Capus in seinem farbenprächtigen Roman das Leben der Susanna Faesch nach, die im 19. Jahrhundert unter dem Pseudonym Caroline Weldon in Nordamerika und weltweit durch ihr Porträt von Sitting Bull zu Ruhm gelangte.

Basel, Mitte des 19. Jahrhunderts: Susanna wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf und brennt schon als Schülerin für die Porträtmalerei. Sie versucht neben der Wiedergabe des Äußeren ihren Objekten auch Leben einzuhauchen und ihre Persönlichkeit darzustellen. Als sich ihre resolute Mutter in den Freund ihres Mannes, einem deutschen Revolutionär, verliebt, folgt sie diesem und wandert zusammen mit ihrer jungen Tochter nach Amerika aus. 

New York, Brooklyn: Susanna reift in der Neuen Welt zu einer jungen Frau heran und perfektioniert ihr künstlerisches Geschick soweit, dass sie gut davon leben kann. Nach einer gescheiterten Ehe zieht sie ihren Sohn Christie mit Unterstützung der Mutter allein groß. Nach deren Tod erbt sie ein passables Vermögen und kann so dem größten Wunsch ihres Sohnes stattgeben. Beide machen sich im Planwagen auf Spurensuche der amerikanischen Ureinwohner und treffen am Ende ihrer Reise auf den großen Sioux-Häuptling Sitting Bull. Hier schließt sich der Kreis.

Grandios schlägt Capus einen großen Bogen von der Schweiz nach Nordamerika im ausgehenden 19. Jahrhundert. Ganz nebenbei erfährt der Leser viel über das Leben in der damaligen Zeit. Der Autor skizziert den Beginn einer modernen Zeitrechnung mit all ihren Errungenschaften, über Edison und die erste Glühlampe und weiter über den Bau der Brooklyn Bridge, die stolz das Cover des Buches ziert. Demgegenüber stellt er eine fast versunkene Welt, nämlich die der indigenen Urbevölkerung. 

Mit diesem bildhaften und mit prallem Leben gefüllten Roman erweist sich der Autor einmal mehr als ganz großer Geschichtenerzähler. Neben dem gründlich recherchierten Leben der realen Hauptfigur, das er fiktiv unterfüttert, macht er auf viele Probleme der damaligen Zeit aufmerksam, die große Spuren in der Geschichte hinterlassen haben und zum Teil bis heute nachwirken.

Durch dieses vielfarbige Kaleidoskop gelebter Historie wird eine enorme Spannung aufgebaut, die durch den eher lakonischen Erzählstil des Autors noch zusätzlich verstärkt wird. Dieser Roman ist wie eine Wundertüte, spannend, bunt und tiefgründig!  

(Sylvia Jongebloed)

Das Buch in unserem Onlineshop 

Gytha Lodge: Was ich Euch verschweige.
Hoffmann und Campe 2022, € 18,00.

Zwei Schwestern, die sich näher nicht stehen könnten, zusammengeschweißt durch eine problematische Vergangenheit. Was passiert, wenn sie auseinander gerissen werden? Schlimmer noch, was geschieht, wenn die Ältere die Jüngere nicht mehr beschützen kann und Blut an ihren Händen klebt?   

Southampton, England: Es ist Sonntag und DCI Jonah Sheens genießt den milden Septemberabend im Garten eines Pubs bei einem kühlen Bier, neben sich seine kleine Tochter im Kinderwagen. Doch die Idylle wird jäh gestört, als plötzlich ein Teenager mit blutüberströmten Armen auf ihn zustürzt. Sheens ist sofort hoch alarmiert. Es handelt sich um die seit Tagen als vermisst gemeldete sechzehnjährige Keely. Sie und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Nina sind aus einem Kinderheim verschwunden.

Doch wo ist Nina und wessen Blut klebt an der unverletzten Keely? Diese ist verschlossen wie eine Auster und will sich dazu erst äußern, nachdem sie ihre komplette Geschichte erzählt hat. Sheens ist ratlos und muss sich mit ihren ab und zu fallengelassenen mageren Hinweisen scheinbar begnügen. Doch im Hintergrund läuft die Polizeimaschinerie auf Hochtouren. 

Immer mehr Puzzlesteine aus der Vergangenheit der beiden Schwestern kommen ans Licht. Nach dem frühen Tod der alleinerziehenden Mutter wurden die Mädchen von einem Heim zum anderen und von einer Pflegefamilie zur nächsten abgeschoben. Während dieser Zeit müssen den beiden grauenhafte Dinge widerfahren sein, wenn man Keelys Aussagen Glauben schenken kann. Dabei stellt sich die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit des Mädchens. Ist sie schwer traumatisiert oder spielt sie ein perfides Spiel mit den Ermittlern und manipuliert sie vielleicht sogar? Warum gibt sie den Aufenthaltsort ihrer Schwester nicht preis? Ein Katz- und Maus-Spiel beginnt.

Versiert baut die Autorin eine Geschichte auf, die zwischen Psychothriller und Detektivroman wechselt. Akribisch beschreibt sie die Arbeit der Polizei und man merkt ihr die profunde Recherche an. Auf der anderen Seite punktet sie mit sozialkritischen Aspekten, was den Umgang mit Heimkindern angeht und der Bewältigung von deren Traumata.

Eingebettet in einen spannenden Kriminalroman, entwickelt sie eine abgründige Geschichte, die so sehr überzeugt, dass das Grauen mit Händen zu greifen ist. Lassen Sie sich mitreißen und folgen Sie den Spuren der beiden Schwestern bis zum furiosen Finale!

(Sylvia Jongebloed)

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Kristina Gorcheva-Newberry: Das Leben vor uns. 
C.H. Beck 2022, € 25,00.

Die Geschichte zweier Freundinnen, die in Russland während der 70er und 80er Jahre aufwachsen, nimmt uns mit in eine fremde Welt. Bildgewaltig erzählt von einer Autorin, die hier ihre eigenen Erlebnisse verarbeitet hat. 

In einem Vorort von Moskau wachsen Anja, die Ich-Erzählerin, und Milka auf. Seit der ersten Klasse sind sie unzertrennlich und könnten doch nicht unterschiedlicher sein. Die kleine und zerbrechlich wirkende Milka kommt aus schwierigen Familienverhältnissen. Sie scheint ein Geheimnis zu umgeben. Die wohlbehütete Anja, schon von Statur robuster, hat durch ihre Akademiker-Eltern ein stabileres Rüstzeug fürs Leben mitbekommen.

Furchtlos und aufmüpfig, saugen sie und ihre Freunde die westliche Popkultur auf. „We are the Champions“ wird zu ihrem Lebensmotto. Sie tragen Jeans und die Metropolen Rom und Paris werden ihre ernannten Sehnsuchtsorte. Die Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit und Wohlstand bestimmt ihr Leben. 

Doch die ständigen politischen Umbrüche ersticken jede Art von Hoffnung und Rebellion im Keim. Eine Art von Traurigkeit hängt über dem Land. Nur im Sommer kommt ein Hauch von Lebensfreude auf, wenn sie sich mit ihren Familien auf ihren Datschas erholen, Kraft tanken und mit Nachbarn und Freunden feiern. Doch unaufhaltsam bricht ihre Welt immer weiter auseinander. Wie wird ihr Erwachsenenleben aussehen? Werden sie sich von ihren Zwängen befreien können?

Mitreißend beschreibt die Autorin die Coming-of-Age-Geschichte zweier Mädchen in der zerfallenden Sowjetunion. Anders als bei etwa Elena Ferrante spielt in diesem Roman das politische Umfeld eine große Rolle. Wir blicken auf eine Gesellschaft im permanenten Ausnahmezustand, die sich in einer stetigen Abwärtsspirale befindet. Wohin das geführt hat, sehen wir an der aktuellen Lage in Europa. Das ist einer der vielen interessanten Aspekte dieses Romans.

Ein anderer ist, dass wir es hier mit einem wichtigen Debütroman und einer echten literarischen Entdeckung zu tun haben. Voller Poesie und Dramatik, sachlich nüchtern und schonungslos brutal, aber auch sehr sensibel erzählt die Autorin von einer versunkenen Welt, deren Tentakel bis in die Gegenwart greifen. Ein wichtiges Zeitzeugnis sowie ein großer Roman ganz in der Tradition der russischen Klassiker. Sehr empfehlenswert!

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen,

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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