Drei kurze Bühnenstücke der russischen Autoren Anton Tschechow und Nikolai Gogol hatte das Ensemble TheaterWeltenErschaffen schon 2020 eingeübt. Statt der Premiere kam die Pandemie, dann Russlands Krieg in der Ukraine. Was die Frage aufwarf: Dürfen Werke russischer Autoren noch gespielt werden? Das Ensemble fand rasch eine klare Haltung – nach drei Jahren lüftet sich in der nächsten Woche der Vorhang für die Produktion.

Das Ensemble TheaterWeltenErschaffen begibt sich auf eine kleine Tournee durch Bergisch Gladbach. Mit zwei Einaktern von Anton Tschechow und einem Zweiakter von Nikolai Gogol ist die Amateurtheatergruppe bald in der Kirche zum Frieden Gottes sowie im THEAS zu sehen.

Russische Seele

Die Auswahl der Werke folgt einem Vorschlag des Theaterautoren Robert Gillner, erklärt Heinz-D. Haun, Gründer der Theatergruppe. „Es ist eine schöne Zusammenstellung von Stücken die zeigen, was man landläufig die russische Seele nennt,“ sagt Haun.

Heinz-D. Haun, Gründer und Leiter des Ensembles, bei den Proben zu den “Geschichten aus dem alten Russland”, Foto: Holger Crump

Da geht es um einen geplagten Ehegatten auf dem Lande („Hölle auf Erden“, Anton Tschechow), der von seiner Frau mit allerlei Besorgungen überzogen wird und kaum zur Ruhe kommt.

Tschechos zweites Stück „Das Jubiläum“ bringt die grandiosen Wirren zum 15. Jahrestag einer kleinen Bank auf die Bühne. Gogols „Brautschau“ hingegen blickt tief in die geplagte Seele eines heirats(un)willigen Mannes und der Ränke, die man um seine Lebenspläne schmiedet.

TheaterWeltenErschaffen – Geschichten aus dem alten Russland

Samstag 25. März, 19.00 Uhr und Sonntag 26. März, 18.00 Uhr
Gemeindesaal der Kirche zum Frieden Gottes
Martin-Luther-Str. 13, 51469 Bergisch Gladbach
Eintritt frei, Spende erwünscht, Reservierung: 02202-250837 oder info@tweev.de

Freitag 31. März, 20.00 Uhr und Samstag 1. April, 20.00 Uhr
THEAS Theater
Jakobstr. 103, 51465 Bergisch Gladbach
Karten 15 Euro (erm. 10 Euro), Reservierung: 02202-9276500 oder kontakt@theas.de

„Geschichten aus dem alten Russland“ lautet der Titel der aktuellen Produktion. Die Kammerspiele berichten aus dem tragikomischen Alltag kleiner Leute, aus den Absurditäten des Menschseins. Sie regen zum Lachen und zugleich zum Nachdenken an, illustrieren pittoreske Milieus.

Tschechow und Gogol sind hierfür bekannt. Für die Illustration des – wen man den Begriff nutzen will – Volkscharakters. Für den liebevoll-ironischen Blick auf die Seele des russischen Volkes.

(Un)verfänglich?

Das führte zu Fragen an das Ensemble. Dürfe man Werke russischer Autoren angesichts des Ukraine-Krieges überhaupt noch spielen? Die Sicht auf ein Kulturgut geriet ins Wanken, macht Haun klar: „Unverfängliche, vergnügliche Stücke über menschliche Unzulänglichkeiten drohten durch den Überfall Russlands auf die Ukraine plötzlich zu verfänglichen Stücken zu werden.“

Indes: Die Werke hätten sich in den letzten 200 Jahren nicht verändert, nur der Kontext sei nun ein anderer.

Die Haltung innerhalb des Ensembles war schnell klar: Man spiele Autoren aus der Zeit des Zarentums, es seien nicht die ersten Werke russischer Autoren, die man aufführe. Inhaltlich handele sich um Menschen und ihre Charaktere, nicht um ein politisches System, erzählen sie während der Probearbeiten. „Manche problematisieren dies, andere freuen sich auf schönes Theater!“

„Die Werke gehören zum Kanon des europäischen Kulturguts. Wir haben uns letztlich dazu entschieden, die Stücke für unverfänglich zu halten. Wir hoffen, dass unsere Zuschauer und Zuschauerinnen das genauso sehen,“ unterstreicht Haun.

Dennoch: Vom Bezug auf die „russische Seele“ hat man im Titel Abstand genommen. Und sich für die – unverfängliche – Überschrift „Geschichten aus dem alten Russland“ entschieden.

Die Schauspieler:innen: Gudrun Bachmann – Christiane Bonn – Norbert Bonn – Silvia Braun – Lothar Ferling – Werner Hecker – Stefan Kuntz – Harald Mohr – Ingrid Mohr – Thomas Neubacher – Marie-Luise Stepina – Manfred Tesch

Das Orchester: Ines Geck – Günter Rodenbach

Soufflage: Sophie Blome/ Simone Justus

Leitung: Heinz-D. Haun, Wirkstatt für neuen Wind

Wahnsinn des Alltags

In der Tat: Die Werke sind famos, sie liefern einen vergnüglichen Blick auf vermeintlich gewöhnliche Begebenheiten der kleinen und großen Leute, wie ein Besuch der Proben zeigt.

Bei Tschechows „Jubiläum“ bricht sich der Wahnsinn des Alltags Bahn. Er wird nur mühsam durch gesellschaftliche Konventionen im Zaum gehalten. Hier prallen Befindlichkeiten aufeinander, werden Ehrbekundungen wie Chor und Ständchen in ihrer Penetranz entlarvt. Oder nüchtern als Opium für das Volk bloßgelegt. Wie beim Orden, der zum Schluss verliehen wird. Freude, Ehre, hohe Weihen – die Szenerie löst sich in Wohlgefallen auf.

Das TheaterWeltenErschaffen hat sich dem Volkstheater verschrieben. Da menschelt es einfach auf der Bühne, man blickt mit der Lupe vergnügt auf die köstlichen Dramen, die sich entfalten. Wie das Leben halt so ist. Einfach Theater genießen.

Übrigens: Gogol hat ukrainische Wurzeln, Tschechow russische.

war bis Anfang 2024 Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

3

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Drei Gänge Menü mit Sofa: Einen vergnüglichen Abend erlebte das Publikum bei der Premiere des Theaters „Welten erschaffen“ in der Inszenierung von Hein Haun.

    In drei Gängen präsentierte die 12köpfige Schauspieltruppe ( 5 Damen, 7 Herren) köstliche Leckerbissen gewürzt mit zeitgenössischen Zutaten, die den drei kurzweiligen russischen Dramen, noch eine zusätzliche humorvolle Note gaben.

    Wer hätte gedacht, dass man auch im Zarenreich schon an Laktoseintoleranz und den Folgen eines Burnouts litt wie der geplagte Ehegatte im Einakter „Hölle auf Erden“ von Tschechow, den die Ehefrau mit ihren ständigen Forderungen fast in den Selbstmord treibt. Harald Mohr verkörperte die Rolle so überzeugend, dass man fast auf die Bühne springen wollte, um ihn von seiner Last zu befreien.

    Bei der Hauptspeise, dem „Jubiläum“ ebenfalls von Tschechow prallen verschiedene Charaktere aufeinander, die in einer Bank zusammen treffen und für heiteres Durcheinander sorgen. Sind die Parallelen zu Josef Ackermann rein zufällig?

    Köstlich auch die Nachspeise „Brautschau“ von Gogol, bei der drei leicht neurotische Freier sich um eine heiratswillige Dame bemühen. Während der eingefleischte Junggeselle eigentlich nur in die Ehe einwilligt, um seinem Freund einen Gefallen zu tun, ist der zweite mehr an der Wohnung als an der Dame interessiert und hantiert mit seinem Zollstock herum, als der Marineoffizier a.D. auftritt, der endlich seiner Einsamkeit ein Ende setzen möchte.
    Wer wissen möchte, welcher Bewerber das Rennen macht und welcher Fernsehkoch für das Hochzeitsessen infrage kommt, sollte sich die Inszenierung am 31. März oder 1. April im Theas Theater anschauen.

    Es lohnt sich!

    Nicht nur weil die tragikomischen Stücke zum Schmunzeln, Lachen und Nachdenken anregen, sondern auch, weil die Darsteller und Darstellerinnen mit ihrer Spielfreude überzeugen und die musikalische Untermalung das Publikum wunderbar auf den russischen Alltag ein stimmt.

  2. Herz-haftes Lachen

    das fällt in dieser Zeit schwer. Sollte aber von allen Medizinern global verschrieben werden!

    Besonders, wenn es um Russland geht. Die Präsentation der „Geschichten aus dem alten Russland“, vom TheaterWeltenErschaffen auf die Bühne gebracht, hinterlässt nach zwei Stunden nur lachende, entspannte Gesichter. Man muss unweigerlich lachen, wenn sich in Anton Tschechows und Nikolai Gogols Stücken, die ganze Absurdität menschlicher Lebensbedingungen und Lebensbeziehungen, skurril um ein Sofa drapiert, entfaltet.

    Alle Ensemblemitglieder unter der Leitung von Heinz-D. Haun und begleitet von russischen Klängen von Ines Geck und Günter Rodenbach sorgen für einen zauberhaften Abend auf dem Hintergrund von Menschlichkeit mitten in den Zwängen und Absurditäten von Bürokratie und obrigkeitlichen Strukturen der damaligen Zarenzeit.

    Auch in den aktuellen Sachzwängen eines absurden, aber blutigen Krieges hält dieses Theater an der Überzeugung fest, dass letztlich kein friedvolles Zusammenleben möglich ist ohne Empathie mit dem Glück und dem Leiden der Menschen – und vor allem mit ihren persönlichen Begrenztheiten und Eitelkeiten.

    Entlassen Sie ihr Herz aus der Haft der kleinen und großen Sorgen mit herz-haftem Lachen in den Aufführungen, die noch zu besuchen sind.

    Axel Becker

  3. Finde Ich Super das es so etwas gibt. Im Herzen sind wir alle Mensch Weise Entscheidung.

    In dem Moment in dem wir wegen einigen Wenigen komplett das ganze Volk bestrafen finde ich Schwachsinn.
    Dann wäre man kein Ticken besser als Populisten und Hetzer.
    So nach dem Motto:
    Ein Muslim hat ein Terrorakt verübt also bestrafe ich jetzt alle Muslime.
    Ein Deutscher hat damals das gemacht also verbanne Ich alles Deutsche.
    Ein Priester hat ein Kind etwas angetan also verbannen wir jetzt alle Priester.
    Ein Flüchtling ist gewalttätig also müssen die Flüchtlinge weg.

    Das ist das dümmste und fatalste was man machen kann. Von einem Individuum auf das Kollektiv schließen. Oder andersrum

    Begegnung schafft Frieden und Verständniss.
    Deutschland muss vielfältig sein und bleiben.
    Hier kann jede Nationalität mit jeder Nationalität befreundet sein.
    Und ein Christ kann gemeinsam mit einem Muslim arbeiten

    Es ist vollkommen Ok wenn jemand sagt das er Deutscher ist. Oder aus Russland kommt und seine Kultur liebt.
    Oder aus Israel. Oder aus Palästina. Oder aus Schwul oder was auch immer.

    Tolleranz und Offenheit machen gerade erst Frieden möglich.
    Nur der Hass, die Gewalt und das Politische das muss draußen bleiben.

    Russland ist ein wunderschönes Land mit vielen Menschen die ein Herz haben und leben wollen wie wir auch.
    Genauso Ukrainer. Auch Kultur ist etwas sehr unpolitisches.

    In dem Moment in dem wir anfangen würden alles Russische verbannen würden und alle Russen ins Abseits zu schicken in dem moment sind wir der böse und spalten.
    Es ist wichtig das man das eine von dem Anderen Unterscheidet.

    Ich bin sehr dankbar für die Deutsch-Russen die die Kirchen hier in Bergisch Gladbach gebaut haben. Sie haben leckeres Essen und sind Gastfreundlich.

    Aber der Krieg und die Gewalt ist verabscheuenswürdig.

    Nur weiß ich das die Meisten Menschen aus Russland und Ukraine Menschen wie wir alle sind und Frieden wollen.