Als Trio in Marijampole. Foto: Danguole Micutiene

Das Sinfonieorchester Bergisch Gladbach tritt nicht nur als gesamtes Ensemble auf, sondern ist immer wieder mit Gruppen von Solistinnen und Solisten aktiv – auch in den Partnerstädten in Litauen, Polen und Israel. Orchester-Leiter Roman Salyutov berichtet von den aktuellen Reisen. Und von neuen Plänen, die bis in die Ukraine reichen.

Nachdem die Jahre 2020 bis 2021 coronabedingt an internationalen Kulturkontakten recht mager waren, starteten unsere Musiker – Mitglieder und Solisten des Sinfonieorchesters Bergisch Gladbach wie auch des deutsch-israelischen Yachad Chamber Orchestra – sofort durch. Bereits Ende 2021 waren wir mit Konzertprojekten im litauischen Marijampole und im polnischen Pszczyna. Zur großen Freude unserer Freunde vor Ort, die darin ein wichtiges Zeichen sahen, dass die internationale Zusammenarbeit wieder Fahrt aufnimmt. Und dann, neben den bewahrten europäischen Strecken, wurde auch das außeneuropäische Ausland wieder aktiviert – angefangen 2022 mit Israel (Ganey Tikva). 

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Nun hat das Jahr 2023 weitere Schritte in unseren Kulturaustausch mit einigen unserer Partnerstädte – und darüber hinaus – gebracht: In Mai und August waren wir mit neuen Projekten wieder in Litauen und Israel. 

Zum Stadtfest in Marijampole

Seit ca. acht Jahren zählt Marijampole zu unseren konstanten Konzertorten: Angefangen mit einem Konzert zu Beethovens Geburtstag im Dezember 2016, gastieren unsere Musiker fast jedes Jahr dort. Es gab schon Konzerte als Kammerorchester, Auftritte mit einheimischen Ensembles und Solisten, Kammerkonzerte verschiedener Besetzung.

Und diesmal waren wir als Trio mit Michael Kibardin (Violine) und Lev Gordin (Cello) nicht nur Teil des dortigen traditionellen Stadtfestes, sondern mit dem Auftrag, die Stadt Bergisch Gladbach offiziell zu vertreten.

Es war ein buntes, sehr gut besuchtes Festival: Neben vielen abwechslungsreichen Programmpunkten, einer von denen speziell der Kreativität der Jugendlichen gewidmet wurde, stand der Besuch der städtepartnerschaftlichen Delegationen aus Österreich, Polen, Norwegen, Deutschland (wir also) und der Ukraine auf dem Plan. Traditionelle Bilder – als Gruppe sowie einzeln neben den symbolischen Bäumen im Park, die zu Beginn der jeweiligen Städtepartnerschaften gepflanzt wurden – gehörten dazu.

Unser Konzert wurde von den Organisatoren als klassisches Highlight präsentiert und trotz des sehr guten Wetters und vieler Unterhaltungsmöglichkeiten draußen mit mehreren hunderten Zuhörern sehr gut beachtet. Im Programm waren Werke von Johann Sebastian Bach, Bergisch Gladbachs Ehrenbürger Max Bruch, sowie Ernest Bloch und Johannes Brahms. Wir präsentierten dabei diverse Besetzungen – von solo über verschiede Duo-Kombinationen bis zum Trio. 

Künstler-Austausch auf russisch

Nach dem Konzert wurde ein feierliches Abendessen für alle Delegationen organisiert, bei dem etwas Besonderes, was unter der jetzigen Situation um Russland und die Ukraine nicht selbstverständlich ist, zum Ausdruck kam: Unser Trio (alle gebürtig aus Russland bzw. der Sowjetunion) saß in einer Ecke zwischen der ukrainischen Delegation und unseren litauischen Kollegen. Und unsere Unterhaltungssprache war die ganze Zeit Russisch!

Keine Hemmungen, Vorurteile oder plakative Ablehnung – wir sprachen nicht nur mit unseren alten Freunden aus Marijampole Russisch, was schon immer der Fall war, sondern auch mit unseren neuen Kollegen aus der Ukraine, und dabei aus der Westukraine, wo man eher die ukrainische Sprache favorisiert. Aber das alles machte nichts – wir hatten stundenlang tolle Gespräche, mit sehr viel Humor, Witzen und Gelächter, bis in die Nacht hinein.

Und natürlich kam auch das Geschäftliche zum Tragen – über eine Konzertreise in die Ukraine wurde auch gesprochen. Am Folgetag traten wir dann die Heimreise an – mit dem Auto, und waren abends wieder in Deutschland. 

Mit einer besonderen Geige in Israel

Im August stand dann Israel auf dem Plan – und dabei nicht nur unser traditionelles Ziel Ganey Tikva, sondern auch Ramat Gan, was auf die Vermittlung von Petra Hemming aus dem Ganey-Tikva-Verein e. V., in Kooperation mit dem wir unsere Debüt-Reise nach Ganey Tikva 2018 organisierten,  zustande kam. 

Für Konzerte in Israel konnten wir unseren alten gutem Freund, Geiger Ori Wissner-Levy aus Tel Aviv gewinnen, der Mitglied im weltberühmten Israel Philharmonic Orchestra ist. Das Besondere war dabei, dass Israel die nächste Station meines Dauerprojekts mit der Violine des im Holocaust ermordeten russisch-jüdischen Musikers Itzchak Orloff wurde.

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„Es ist seine Stimme“: Geige eines Holocaust-Opfers erklingt nach 80 Jahren

Roman Salyutov hat ein besonderes Erbe angetreten: Der Pianist und Kulturmanager hat die Geige eines jüdischen Musikers erworben, der aus Russland floh und im Holocaust ermordet wurde. Nach Jahrzehnten der Stille soll das Instrument jetzt wieder in der Öffentlichkeit erklingen – unter anderem bei einer Ausstellung zum Holocaust-Gedenktag im Bergischen Löwen.

Nach der Präsentation dieses Instruments, das ich seit über einem Jahr besitze und aktiv betreue, im Rahmen von verschiedenen Veranstaltungen an mehreren Orten im Bundesgebiet wie auch in Auschwitz zum Internationalen Holocaust-Gedenktag im Januar 2023, kam es zum ersten symbolträchtigen Besuch nach Israel. 

Vor dem so gut wie vollbesetzten Saal des Mediterranean Towers wurde das Leben von Itzchak Orloff und die Geschichte seiner Violine mithilfe des Bildmaterials vorgestellt – auf Ivrit und Englisch. Das Programm, das aus Werken für Violine und Klavier von den Komponisten Tschaikowsky, Sibelius, Kreisler, Monti, Massenet, Ravel und Ullmann bestand, repräsentierte quasi den Lebensweg Orloffs – aus Russland über Skandinavien nach Deutschland und Frankreich – sowie eine der Spezifika seines Repertoires, und zwar leichtere, populäre Klassik.

Es war erstaunlich, wie gut sich Ori Wissner-Levy nur nach einer Probe mit diesem ca. 250 Jahre alten Instrument anfreunden konnte, sodass die Aufführung eines solchen stilistisch bunten Programms sehr überzeugend klang. 

Das Publikum im Mediterranean Towers in Ganey Tikva war nicht nur üblicherweise über unser weiteres Projekt erfreut, sondern vom Thema des Abends sehr angetan. Anschließend gab es noch verschiedene Fragen, aus denen spannende Gespräche resultierten. 

Das zweite Konzert im Anschluss an Ganey Tikva gab es in Ramat Gan, in einer Seniorenresidenz mit einer spezielle Verbindung zu Deutschland: Es wohnen dort vor allem jüdische Emigranten aus Deutschland, die Einrichtung ist nach Pinchas Rosen – dem 1877 in Berlin geborenen Vorsitzenden der deutschen Zionisten sowie späteren israelischen Politiker und mehrmaligen Justizminister – genannt, und der Konzertsaal wurde durch eine Spende der NRW-Landesregierung in Kooperation mit dem gemeinnützigen Verein „Studien- und Ausbildungsförderung in Israel e. V.“ mitfinanziert. 

Hier wurde das Projekt mit Itzchak Orloffs Violine fortgesetzt, und aufgrund dessen, dass die Bewohner aus Deutschland kamen, wurde der Abend auf Deutsch moderiert. Das gleiche Programm wie in Ganey Tikva – mit der Zugabe von John Williams aus „Schindlers Liste“ zum Schluss – sorgte für eine breite Anerkennung, und interessante, recht emotionale Gespräche hörten nach dem Konzert noch lange nicht auf.

Das Netzwerk wird größer – bis Kiew

Es ist sehr erfreulich, dass solche Verbindungen zu einigen unserer Partnerstädte, die noch vor mehreren Jahren hergestellt wurden, weiterhin fruchten und Möglichkeiten bieten, immer wieder neue Kulturprojekte aus Bergisch Gladbach zu präsentieren.

Diese Projekte werden entweder in Kooperation mit den entsprechenden Arbeitskreisen (Arbeitskreis Marijampole von Rolf-Dieter Schacht, Arbeitskreis Deutsch-Französische Freundschaft von Klaus Wohlt), Vereinen (Ganey-Tikva-Verein e. V. von Petra Hemming) oder über gute persönliche Kontakte vor Ort (Kollegen, Freunde und Verwandte) umgesetzt – alle ziehen hier an einem Strang mit.

Auch die Netzwerke vor Ort wachsen dadurch, wie beispielsweise in Israel, wo für 2024 bereits fünf Auftrittssorte auf dem Plan stehen. Und auch neue Länder kommen dazu: Nachdem unsere Musiker in verschiedenen Konstellationen in unseren Partnerstädten in Frankreich, Polen, Litauen und Israel waren, werden gerade Pilot-Projekte mit Großbritannien und der Ukraine geschmiedet, darunter auch für Auftritte in Kiew.

Das Netzwerk – und somit das Potential des Kulturaustausches – wird größer und vielversprechender.   

Fotos: Danguole Micutiene, Petra Hemming

ist Konzertpianist und Dirigent. Er leitet das Sinfonieorchester Bergisch Gladbach und ist Vorsitzender des Festival GL e.V.

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