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Roman Salyutov hat ein besonderes Erbe angetreten: Der Pianist und Kulturmanager hat die Geige eines jüdischen Musikers erworben, der aus Russland floh und im Holocaust ermordet wurde. Nach Jahrzehnten der Stille soll das Instrument jetzt wieder in der Öffentlichkeit erklingen – unter anderem bei einer Ausstellung zum Holocaust-Gedenktag im Bergischen Löwen.

Diese besondere Geige gehörte einst dem Musiker Igor-Itzchak Orloff, geboren 1884 nahe St. Petersburg. Der Hamburger Künstler Edward Lukatch habe es ihm vergangenes Jahr angeboten, berichtet der Pianist Roman Salyutov.

Die Voraussetzungen: Die Geige solle in jüdische Hände gelangen. Und sie dürfe nicht im Museum verschwinden. Nach Jahrzehnten der Stille solle das Streichinstrument wieder bei Konzerten erklingen.

Alexander Lifland vom Beethoven-Orchester Bonn bringt die Geige zum klingen. Foto: Thomas Merkenich

Roman Salyutov ergriff die Gelegenheit und trat das Erbe an. Für einen niedrigen vierstelligen Betrag wechselte das Instrument den Besitzer, und Salyutov fing an zu forschen.

Das Instrument stammt aus der Region Mittenwald, sein Entstehungsdatum ist unbekannt, es soll aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts stammen. Der Marktwert liegt laut Salyutov bei rund 5.000 bis 6.000 Euro. „Der ideelle Wert ist weitaus höher!“, sagt der Kulturmanager, der auch zu dessen Vorbesitzer recherchierte und Stationen seines Lebens ausfindig machte.

Letzte Station Frankreich

Igor Orloff versuchte demnach in jungen Jahren der Einberufung durch die russische Armee zu entgehen, was ihn Ende des Ersten Weltkrieges erst nach Skandinavien und dann nach Deutschland treibt. Anfang der 1920er Jahre taucht er in Berlin auf, spielt im Ensemble mit drei Frauen und drei Männern.

Hier lernt er auch die Musikerin Lola Grün kennen. Die gebürtige Ukrainierin und deutsche Staatsbürgerin wird Mitglied seines Ensembles. Die beiden treffen sich auf der Flucht vor den Nazis in Frankreich, wo sie weiter gemeinsam musizieren. Aber nur kurz.

Lola Grün (3. von links sowie auf dem Einzelbild) und Igor Orloff (4. von links, mit der Geige). Das Gruppenfoto ist mutmaßlich Ende 1920 in Monaco entstanden. Foto überlassen durch Roman Salyutov

Grün wird nach der Besatzung Frankreichs durch das Nazi-Regime ausgewiesen. Orloff bleibt zurück – er hat seinen Pass verloren und gilt als staatenlos. Bevor die beiden getrennt werden, gibt Orloff seine Geige an Grün weiter. Sie möge sie bis zu einem Wiedersehen in Obhut nehmen.

Danach verliert sich seine Spur. „Er ist entweder auf dem Weg nach Auschwitz oder in diesem KZ selbst ums Leben gekommen“, vermutet Salyutov.

„Seine Stimme“

Lola Grün überlebt trotz kurzer Gefangenschaft im KZ Buchenwald den Krieg. Sie hütet die Geige im Gedenken an Orloff, gibt das Instrument schließlich an ihren Enkel weiter.

Aber niemand spielt darauf.

Über den Hamburger Künstler Lukatch wandert es schließlich zu Roman Salyutov, der nun das Erbe angetreten hat und Orloffs Geige wieder zum Erklingen bringt.

„Das Instrument wird wieder gespielt, es ist quasi seine Stimme“, sagt der Pianist, der ein Jahrhundert nach Orloff selbst in der Nähe von St. Petersburg geboren wurde. Die Geige spielen – für ihn ist es ein Mahnmal gegen das Vergessen.

Musik, Lesung, Ausstellung

So sind eine Reihe von Veranstaltungen geplant, in deren Fokus Orloffs Geige stehen soll. Den Auftakt macht u.a. eine Veranstaltung am 25. Januar im Bergischen Löwen. Salyutov plant einen literarisch-musikalischen Abend zum internationalen Holocaust-Gedenktag, mit Musik von Ernest Block, Maurice Ravel und dem in Ausschwitz ermordeten Komponisten Viktor Ullmann.

Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag

„Nur die Geigen sind geblieben“
Mittwoch 25. Januar, 19 Uhr, Bergischer Löwe
Literarisch-musikalischer Abend mit Alexander Lifland (Violine), Lev Gordin (Cello) und Roman Salyutov (Klavier, Lesung und Moderation), Schirmherr Hermann-Josef Tebroke. Veranstalter: Musik und Festival GL e.V.

Versteckt in Holland, ausgewandert nach Israel
Donnerstag 26. Januar, 19 Uhr, Rathaus Bergisch Gladbach
Herman Obstfeld, Holocaust-Überlebender, berichtet über seine Zeit während und nach der Greueltaten der Nazis. Veranstalter: Städtepartnerschaft Ganey Tikva – Bergisch Gladbach e.V.

Alexander Lifland. Foto: Thomas Merkenich

Alexander Lifland vom Beethoven-Orchester Bonn wird die Geige spielen, Salyutov über das Leben Orloffs berichten. Er wird zudem aus Texten von Isaak Babel und Wassily Grossmann lesen und so eine Perspektive auf den Holocaust in der Sowjetunion liefern.

Den Rahmen bildet die Ausstellung „Nur die Geigen sind geblieben“ aus dem Haus der Geschichte Österreich. Sie erzählt in losen Blättern, verteilt auf über 60 Notenständer, von der jüdischen Geigerin Alma Rosé. Sie war Leiterin des Frauenorchesters in Ausschwitz und Nichte Gustav Mahlers.

Weitere Konzerte

Am 26. Januar reist Salyutov mit seinen Musikern zur Holocaust-Gedenkstätte nach Auschwitz, wo Lesung und Musikprogramm vor Überlebenden des Holocaust aufgeführt werden.

Weitere Konzerte mit der Geige des ermordeten Musikers Igor-Itzchak Orloff seien geplant, sagt Salyutov. Ausgewählte Stücke würden künftig darauf erklingen, denn sie sei nicht für jede Literatur geeignet.

Und auch die Solisten, welche das Instrument spielen dürften, würden selbstverständlich sorgfältig ausgewählt.

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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