Stephan Rust kennt sich aus in Sachen Vaterschaft: Er ist Väterberater in der Schwangerschaftsberatung esperanza der Caritas RheinBerg, leitet einen Vater-Kind-Kurs bei FiB Bensberg. Im Interview erklärt er, warum so wenige Männer länger Elternzeit nehmen, was das mit dem Mutterbild in unserer Gesellschaft zu tun – und warum Männer wie Frauen davon profitieren, wenn sie sich die Verantwortung teilen.

Herr Rust, nur zehn Prozent der Väter in Deutschland nehmen nach der Geburt eines Kindes länger als zwei Monate Elterngeld in Anspruch. Warum?
Zum einen ist nach wie vor der Mann in vielen Familien Mehrverdiener. Zum anderen sind alte Familienstrukturen immer noch sehr verbreitet. Wenn damit alle glücklich sind – gut. Ich glaube jedoch, dass viele Männer aus der Passivität des klassischen Versorgers rausgehen wollen.

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Man kann aber auch nur ein guter Vater sein, soweit die Frau das zulässt.

Was meinen Sie damit?
Wir haben in unserer Gesellschaft ein extrem starkes Mutterbild. Männer, die als Väter aktiv sein wollen, dringen damit in einen Bereich ein, der traditionell nicht ihrer ist. Genauso wie wenn eine Frau Elektrikerin wird. Da muss man sich erstmal vorkämpfen und schauen: Wie baue ich mir hier eine eigene Identität auf?

Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Ein Mann steht mit einem schreienden Baby, das deutlich riechbar volle Windeln hat, auf einer Familienfeier. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass irgendeine Tante oder Oma ihm das Kind abnehmen wird, um es zu wickeln und zu trösten.

Bei der Mutter würde das eher nicht passieren – auch wenn sie sich das in dem Moment vielleicht wünscht. Der Glaube, dass Frauen sich besser um Kinder kümmern können als Männer, sitzt tief.

Die Männer müssen nachholen, was die Frauen vor 50 Jahren angefangen haben: ihre Emanzipation

Das ist also nicht so?
Nun, Frauen tragen das Kind aus, und Frauen können stillen. So finden Frauen oftmals schneller in die Mutterrolle. Männer können sich dem Ganzen erstmal leichter entziehen.

Ansonsten sind die Unterschiede zwischen Vätern und Müttern, Männern und Frauen zum größten Teil gesellschaftliche Zuschreibungen. Sich davon zu befreien, ist eine ganz große Aufgabe. Für die Familien und für die einzelnen Akteure in den Familien.

Die Fakten: Wieviele Männer in Rhein-Berg wie lange Elternzeit nehmen

Im Rheinisch-Bergischen Kreis (RBK) haben im Jahr 2022 3825 Personen Elterngeld bezogen (die Zahlen beinhalten Basiselterngeld und Elterngeld Plus) – davon 32 Prozent Männer. Zum Vergleich: Bundesweit waren es im selben Jahr 26 Prozent, in NRW 24,5 Prozent Männer.

Im RBK haben 75 Prozent der Männer zwei Monate lang Elterngeld bezogen. Ein ganzes Jahr Elterngeld bekamen 4 Prozent der Männer. Demgegenüber erhielten 61 Prozent der Frauen zehn bis zwölf Monate Elterngeld.

Im Jahr 2012 waren 22 Prozent der Personen, die im RBK Elterngeld bezogen, Männer. 2016, nach der Einführung von Elterngeld Plus, waren es 25 Prozent Männer, davon 77 Prozent mit zwei Monaten Elterngeld.

Der Anteil der Männer im RBK, die Elternzeit nehmen, hat also in den letzten zehn Jahren um 10 Prozent zugenommen und liegt damit sogar 6 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Weiterhin beschränken sich aber die meisten von ihnen auf die zwei Monate, die gesetzlich notwendig sind, damit Eltern insgesamt 14 Monate Elterngeld bekommen.

Und wie schafft man das?
Die Männer müssen nachholen, was die Frauen vor 50 Jahren angefangen haben: ihre Emanzipation. Sie müssen sich freimachen von den ihnen zugeschriebenen Rollen und lernen: Ich bin dadurch nicht weniger Mann, dass ich zu Hause den Abwasch mache und meinem Kind die Windeln wechsele. Sie müssen ihre eigene Rolle als Vater finden.

Das gelingt tatsächlich am besten, wenn man einige Zeit alleine mit dem Kind verbringt. Ohne die Mutter dabei. Also etwa in einer Elternzeit, die über die zwei Monate hinausgeht, in denen Paare oft zusammen verreisen oder ähnliches.

Es geht darum, eine Zeit lang wirklich die volle Verantwortung im Alltag zu übernehmen. Denn in die Elternrolle kann man sich nur über das Erleben, über das Machen reinarbeiten.

Männer bekommen heute meistens eher positives Feedback, wenn sie sich um ihr Kind kümmern

Was bekommen Männer, die das tun, für Reaktionen von außen?
Wenn man etwas außerhalb der Norm macht, muss man natürlich erst einmal aushalten, dass einem, vorsichtig gesagt, Fragen gestellt werden.

Andererseits bekommen Männer heute meistens eher positives Feedback, wenn sie sich um ihr Kind kümmern. Als ich vor 13 Jahren fünf Monate Elternzeit genommen habe, war ich noch einer von sehr wenigen Vätern, die mit dem Kinderwagen durch Bergisch Gladbach liefen – und schon damals bekam ich vor allem freundliche Blicke. Das ist ja mittlerweile zum Glück viel normaler, fällt aber trotzdem immer noch eher positiv auf.

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Wie können, sollten Frauen ihre Männer unterstützen?
Indem sie Verantwortung abgeben. Es aushalten, dass der Mann Dinge anders macht als sie selbst. Ihn ermutigen: Mach das doch!

Es ist für Frauen bis heute deutlich schwieriger, sich den massiven Erwartungen an die Mutterrolle zu entziehen. Aber wenn sie es tun, haben sie davon genauso viel wie die Männer.

Die Erziehung eines Kindes ist bestenfalls das Gemeinschaftsprojekt von zwei Leuten

Inwiefern?
Es ist ja so: Fast alle Frauen arbeiten vor der Geburt ihres Kindes, genauso wie die Männer. Wenn die Männer nach der Geburt weiter arbeiten gehen und die Frauen in ihrer neuen Rolle als Mutter aufgehen, entwickeln sich die Lebenswirklichkeiten der beiden immer weiter auseinander. Das sorgt irgendwann für Frust und Konflikte in der Beziehung.

Deshalb ist es gerade im ersten Jahr so wichtig, sich die Verantwortung zu teilen. Die Erziehung eines Kindes ist bestenfalls das Gemeinschaftsprojekt von zwei Leuten, die sich gegenseitig unter die Arme greifen und ergänzen.

In Island erhalten Paare nur dann zwölf Monate Elterngeld, wenn sie sich die Zeit eins zu eins aufteilen. Was halten sie davon?
Davon halte ich nichts. Jede Familie ist anders. Nicht jede kann oder will die Elternzeit aufteilen. Ich finde es nicht gut, so massiv in die Lebensplanung der Menschen einzugreifen. Und ich finde ich es wichtig, auch konservative Eltern im Blick zu behalten.

Wie kann man sich denn als Vater aktiv einbringen, selbst wenn man Vollzeit arbeitet?
Zum Beispiel über gemeinsame Rituale. Ich habe meinem Sohn lange Zeit jeden Abend vorgelesen. Als er klein war, haben meine Frau und ich ihn vor dem Schlafen gemeinsam gewickelt und ihm dabei immer das gleiche Lied vorgesungen. Dann haben wir ihn zusammen ins Bett gebracht.

Auch, wenn der Tag in der Arbeit super anstrengend war, mein Tipp ist: Beschäftigt euch eine halbe Stunde am Tag voll und ganz mit dem Kind. Zum Beispiel mit Vorlesen oder Toben.

Männer sind Macher, die brauchen keine Beratung

Oder man geht zu Ihnen in den Vater-Kind-Kurs. Was passiert da?
Das kommt darauf an, was die Väter sich wünschen. Wenn sie wollen, dass ich ihnen Lieder beibringe und wir zusammen singen, machen wir das.

In erster Linie treffen wir uns, reden miteinander. Mein Hauptziel ist, dass die Väter sich untereinander vernetzen, gucken, wie die anderen Männer mit den Kindern umgehen. Dass sie eigenständig mit ihren Kindern unterwegs sind und sich mit anderen austauschen, die in der gleichen Position sind wie sie gerade.

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Wie wird das angenommen?
Leider zu wenig. Ich mache das seit zwei Jahren, einmal musste ein Kurs schon abgesagt werden, weil sich zu wenige angemeldet hatten. Es ist schwierig.

Warum?
Da sind wir wieder bei den Zuschreibungen: Männer sind Macher, die brauchen keine Beratung. Es ist schade, dass diese Einstellung noch immer in weiten Teilen der Gesellschaft gelebt wird.

Es ist so viel entspannender, nicht immer die Verantwortung alleine zu tragen

Was würden Sie sagen, wenn jemand Sie fragt, was ein guter Vater ist?
Nun, das Ideal von Elternsein, das ich hier beschreibe, ist unglaublich komplex. Da muss man sich mit sich selbst beschäftigen, mit den Bedürfnissen der Partnerin und denen des Kindes. Die Ergebnisse dieser Überlegungen sind natürlich sehr unterschiedlich und individuell.

Es gibt keine einfachen Anleitungen, wie man sein muss, um ein guter Vater zu sein, auch wenn das gerne mal aus den unterschiedlichen ideologischen Richtungen propagiert wird.

Warum lohnt es sich, den komplizierteren Weg zu gehen?
Weil es so viel entspannender ist, nicht immer die Verantwortung alleine zu tragen. Und weil es ein schönes Gefühl ist, an der Entwicklung des Kindes beteiligt zu sein, von Anfang an. Das schafft eine Vertrauensbasis für den Rest des Lebens. Es freut mich, wenn mein Sohn mir heute von Dingen erzählt, die ihn beschäftigen.

Deshalb versuche ich, den Menschen Mut zu geben, ihren eigenen Weg zu gehen. Väter in ihrer Rolle zu stärken, indem ich sage: Das Schlimmste, was du tun kann, ist nichts zu tun. Fehler zu machen ist ok – darüber kann man sprechen.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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