Foto: Thomas Merkenich

Wie sieht der Betreuungsbedarf für Kita- und Grundschulkinder aus? Mit einer Online-Umfrage will die Stadt den aktuellen und den zukünftigen Bedarf erfassen. Die Daten sollen als Planungsgrundlage für den Ausbau der Kita- und OGS-Plätze dienen. Die letzte Erhebung fand 2009 statt – die Daten sind mithin vor allem für Kinder unter drei Jahren längst als überholt.

Wenn alles gut läuft sitzen derzeit ziemlich viele Familien in der Stadt vor einem Laptop oder Handy und füllen online einen Fragebogen der Stadt aus. In zehn Fragekomplexen will die Stadt wissen, wie sie „in den kommenden Jahren die Bedarfe besser an die Lebenswirklichkeit der Eltern bzw. Familien” anpassen kann, heißt es dazu in einer Mitteilung.

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Konkret: Wie groß ist der Bedarf an Kita- und OGS-Plätzen in der Stadt? Jetzt und in der Zukunft? Die Frage ist keineswegs banal: Gerechnet wird im Rathaus noch mit veralteten Werten, sogenannten Zielquoten. Sie geben an, wie viel Kinder einer Altergruppe theoretisch einen Kita-Platz beanspruchen. Diese Quoten sind bereits seit fünf Jahren nicht mehr angepasst worden. Die letzte Befragung von Eltern zu den Bedarfen fand 2009 statt. (red. Update 6.9.2023).

Bisher ging die Stadt zum Beispiel bei ein bis zwei Jahre alten Kinder davon aus, dass 25 Prozent der Eltern eine Betreuung wünschen. Ab drei Jahren liegt die Quote bei 100 Prozent. Diese angenommenen Werte bilden die Grundlage für die Planung der Kapazitäten, bei Kitas aber auch dem Offenen Ganztag (OGS).

Anpassung noch 2023

Die aktuelle Elternbefragung soll nun den tatsächlichen Bedarf der Familien erfassen. Denn der Betreuungsbedarf nimmt zu: So gehen zum Beispiel immer häufiger beide Eltern arbeiten, die Kinder entsprechend früher in die Kita.

Das hat Einfluss auf die Zielquoten: „Sie müssen und sollen in diesem Jahr daher angepasst werden”, hieß es entsprechend in der Beschlussvorlage 0057/2023 für den Jugendhilfeausschuss vom 9. März 2023.

Die Umfrage sollte schon 2022 stattfinden. Das wurde jedoch aufgrund von personellen Engpässen immer wieder verschoben, heißt es in der Verwaltung.

Kindertagespflege Gronauer Waldzwerge

Je mehr, desto besser

Jetzt wurden die Eltern aller Kinder im Alter von null bis sieben Jahren angeschrieben. Die Umfrage erfolgt nach Angaben der Stadt anonymisiert, sie soll für jedes Kind ausgefüllt werden, bei Grundschulkindern gilt nur der Fragenkomplex zur OGS.

Dezernent Ragnar Migenda bittet um eine rege Beteiligung, auch wenn diese freiwillig ist:„Je mehr Familien teilnehmen, desto genauer kann der Bedarf eingeschätzt werden.“ Die Elternbefragung sei ein wesentlicher Bestandteil der Planung neuer Betreuungsplätze für die kommenden Jahre.

Soll und Ist

Zehn Fragenkomplexe umfasst der Online-Fragebogen, der dem Bürgerportal vorliegt. Neben Angaben zu den Erziehungsberechtigten werden Daten zu den Kindern erhoben: Geburtsmonat und -jahr, etwaige Behinderungen, Wohnort nach Stadtteil und aktuell genutztes Betreuungsangebot wie Kita, Tagesmutter o.ä.

Weiter geht es mit Fragen zum bestehenden Betreuungsangebot und etwaigen Änderungswünschen: Sowohl was Art als auch Umfang der Betreuung betrifft, sowie Wünsche für längere Öffnungszeiten oder Übernachtbetreuung.

Die Umfrage schließt mit Angaben zum Betreuungsbedarf im offenen Ganztag.

Auszug aus der Online-Befragung der Familien in der Stadt

Was fehlt?

Nicht gefragt wird indes nach der Entfernung zwischen Wohnort und aktuell genutztem Betreuungsangebot. Daten, die zur Planung der Bedarfe nach Bezirken hilfreich wären. Die Distanz ist auch bei der Durchsetzung eines Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz in punkto „Zumutbarkeit” relevant, wie die Klage einer Mutter vor kurzem gezeigt hatte.

Art und Umfang von Betreuungsausfällen im zurückliegenden Kita-Jahr werden ebenfalls nicht im Fragebogen erfasst. Hier wäre zumindest ein ergänzendes Lagebild aus Elternsicht sinnvoll – nicht zuletzt mit Blick auf den Fachkräftemangel.

Warum diese Punkte nicht abgefragt werden, und wie aktuell der Stand der Rückmeldungen der Umfrage ist – hierzu hat das Bürgerportal bei der Stadt nachgefragt. (Anmerkung: Die Antworten, die nach Redaktionsschluss eingingen, finden Sie am Ende des Beitrags.)

Höheres Defizit wahrscheinlich

Die Online-Umfrage läuft noch bis zum 22. September. Anschließend erfolgt die Auswertung über die Statistikstelle der Stadt. Noch in diesem Jahr sollen die Zielquoten angepasst werden.

Es ist davon auszugehen, dass die Versorgungslücke von derzeit rund 500 Kita-Plätzen dann noch größer ausfallen wird.

Update 6. September

Zu offenen Fragen erreichte uns mittlerweile eine Stellungnahme der Stadt, die wir aus Gründen der Lesbarkeit nachfolgend aufführen:

Warum werden Entfernungen zwischen Betreuungsplatz und Wohnort nicht erhoben?

Die erhobenen Daten werden nach Angaben der Stadt in eine grundsätzliche Bedarfsplanung einfließen, bei der künftig grundsätzliche Plätze bedarfsgerecht vorgehalten werden sollen. “Werden ausreichend Plätze über die gesamte Stadt verteilt vorgehalten, ist die Frage nach einem wohnortnahen Betreuungsplatz nicht mehr relevant”, heißt es. Zudem könnten die Daten bezogen auf die Stadtteile ausgewertet werden. Eltern könnten sich überdies im Portal Little Bird über wohnortnahe Betreuungsangebote informieren.

In der letzten Umfrage zu den Bedarfen der Eltern aus 2009 floß die Fragestellung gleichwohl mit ein (Drucksachen-Nr. 0080/2010).

Warum werden Betreuungsausfälle nicht abgefragt?

Zu dieser Frage seien eher die Träger zu befragen, sagt die Stadt. Zudem sei dieser Punkt nicht Inhalt der Online-Befragung.

Umfang der Umfrage, Rückläufe

Nach Angaben der Stadt wurden aktuell 6.999 Kinder angeschrieben, die zum Stichtag 25. August 2023 das 7. Lebensjahr noch nicht erreicht haben.

Angaben zu Rückläufen und erste Antworttendenzen könnten noch nicht gemacht werden. “Wir sind jedoch mit dem aktuellen Stand des Rücklaufes nach fünf Tagen sehr zufrieden und hoffen auf weitere Teilnehmer:innen”, so die Stadt.

Wann fand die letzte Befragung von Eltern statt?

Die letzte Elternbefragung zum Thema „Betreuungsbedarf der Kinder bis sechs Jahren“ fand im April/Mai 2009 statt (vgl. Vorlage im Jugendhilfeausschuss vom 9. März 2010 Drucksachen-Nr. 0080/2010).

Dabei seien nach Angaben der Stadt nur die Eltern jeden zweiten Kindes unter sechs Jahren angeschrieben und somit nur 2.590 Fragebögen auf postalischem Wege versandt worden. Die Rücklaufquote lag bei 35,3 Prozent.

war bis Anfang 2024 Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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  1. Zwischen dem Bedarf der Betreuung und der tatsächlich leistbaren Betreuung sind meilenweite Unterschiede (konstante Notbetreuung, aufgrund Personalmangel mit dadurch ständig verkürzten Schließungszeiten und kein Ende in Sicht) und trotzdem wird fleißig der volle beispielsweise 45Std-Satz seitens der Stadt eingezogen. Erst wenn die tatsächlich erbrachte Dienstleistung (die es ja nunmal ist) finanziell verrechnet wird, spürt die Stadt vielleicht mal wie wenig die Umfrage die Betreuungssituation wirklich spiegelt. Vorallem da viele Eltern ihre Kinder in Elterninitiativen unterbringen und diese somit unentgeltlich und ehrenamtlich leiten…
    Tja finanziellen Ausgleich für Notbetreuung bzw. verkürzte Schließungszeit oder Selbstorganisation bekommt keine Familie erstattet.
    Das heißt: Sie können gerne den gewünschten Bedarf von Betreuung der Kinder abfragen dieser spiegelt leider nicht die Realität.