Jannis Depiereux. Foto: Laura Geyer

Jannis Depiereux arbeitet seit vielen Jahren als Heilerziehungspfleger in der Kita. Als er selbst Vater wurde, war er skeptisch gegenüber der Betreuung in einer Tagespflege, wollte seine Tochter lieber direkt in der Kita anmelden. Doch dann klappte es nicht mit dem Kita-Platz – und sein Kind geht nun in eine Großtagespflege. Wie das seine Meinung verändert hat, was er als Vor- und Nachteile der Betreuungsformen sieht und warum seine Tochter im Sommer dennoch in die Kita wechselt.

Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag ist bereits im Mai veröffentlicht worden. Für alle, die ihn verpasst hatten, bieten wir ihn in der Sommerpause noch einmal als Lesestoff an.

Als Jannis Depiereuxs Tochter wenige Monate alt war, war klar: Im August 2023 würde sie, mit knapp eineinhalb Jahren,  in die Betreuung gehen. In welche, daran hatte der Vater keine Zweifel: Eine Kita sollte es sein.

Depiereux arbeitete selbst seit vielen Jahren in der Kita, als Heilerziehungspfleger, also als Erzieher für Kinder mit Behinderungen. (In der ersten Ausgabe des Familiennewsletters haben wir ihn schon einmal in einem Porträt vorgestellt: „Der mit dem großen Gerechtigkeitssinn“.)

Er fand gut, dass Kitas regelmäßigen Qualitätskontrollen unterliegen, misstraute den Standards in der Kindertagespflege. Heute, am Esstisch in seinem Wohnzimmer, sagt er grinsend: „Ich gebe gerne zu, dass ich da vorurteilsbehaftet war.“

Denn es kam anders als geplant: Die Eltern bekamen keinen Kita-Platz, bewarben sich relativ kurzfristig bei einer Großtagespflege und erhielten die Zusage. Nun wird ihr Kind seit knapp acht Monaten zusammen mit acht anderen Kindern von zwei Tagesmüttern betreut. Und Jannis Depiereux sagt: „Wir haben bisher nur positive Erfahrungen gemacht.“

Seine Sorge in Bezug auf die pädagogische Qualität hat sich nicht bewahrheitet: Beide Tagesmütter sind gelernte Erzieherinnen, habe lange in Kitas gearbeitet, bevor sie die Zusatzausbildung absolvierten. Die Tagespflege hat eine eigene Konzeption, die beiden Frauen besuchen regelmäßig Fortbildungen.

Hintergrund: Eine pädagogische Ausbildung ist keine Voraussetzung, um Tagesmutter oder -vater zu werden. Jeder Mensch kann die Grundqualifizierung zur Tagespflegeperson absolvieren, sie umfasst 300 Unterrichtsstunden (vor 2022 waren es 160). Zusätzlich ist eine Pflegeerlaubnis des Jugendamts erforderlich. Dabei werden die Eignung der Person und Räumlichkeiten geprüft. Bei einzelnen Tageseltern also die eigene Wohnung oder auch, wie bei Großtagespflegen, externe Räume.

Nicht die Tagespflege von Depiereuxs Tochter, aber auch bei den Gronauer Waldzwergen ist alles auf die Kleinsten ausgerichtet. Foto: Thomas Merkenich

„Eine Mini-Kita“

Von den Räumlichkeiten in der Tagespflege seiner Tochter ist Jannis Depiereux begeistert: „Das ist wie eine Mini-Kita, mit Schlafraum, Bewegungsraum, Gruppenraum.“ Das Spielmaterial sei haargenau auf kleine Kinder ausgerichtet.

Das sei zwar in den U3-Gruppen der Kitas auch so – allerdings seien die Kinder dort trotzdem im größeren Komplex der Gesamt-Kita, die in der Regel deutlich „wuseliger“ sei als eine Tagespflege mit maximal neun Kindern. „Für viele Einjährige, was ja heutzutage das Standard-Eintrittsalter ist, ist die Kita mit ihren vielen Reizen und Eindrücken Überforderung,“ sagt Depiereux.

Die Tagespflege bezeichnet er als „reizärmere Umgebung“, familiärer und behüteter als die Kita. Tageseltern hätten mehr Zeit für die Kinder und ihre Bedürfnisse, weil sie deutlich weniger Kinder betreuen und  nicht zusätzlich noch unter konstantem Personalmangel leiden, der in den meisten Kitas herrscht.

Deshalb sagt der Erzieher mittlerweile: „Das System Tagespflege ist für Einjährige ein sanfterer Einstieg in die Welt der Betreuung.“

Nachteil Fehltage

Ein entscheidender Nachteil gegenüber den Kitas seien die Fehltage: Auch in der Großtagespflege sind die Kinder einer festen Tagespflegeperson zugeordnet; wenn diese erkrankt, darf das Kind nicht in die Betreuung gehen (für diese Fälle bietet immerhin der Treffpunkt Kindertagespflege Unterstützung). Hinzu kommen Urlaubstage, die in der Kita eher durch Kolleg:innen aufgefangen werden können.

„Der Winter war eine Zitterpartie“, erzählt Jannis Depiereux. Morgens bangten er und seine Frau, ob das Telefon klingeln und die Tagesmutter absagen würde. Andererseits könne man sich durch den Personalmangel auch in den Kitas nicht mehr auf die Betreuung verlassen.

Nichtsdestotrotz fühlen sich Eltern und Kind in der Tagespflege so gut aufgehoben, dass sie am liebsten ein weiteres Jahr dort bleiben würden. Dennoch haben sie sich frühzeitig um einen Kita-Platz beworben und eine Zusage bekommen.

Kita: ein deutlich größerer Komplex als die Tagespflege. Archivfoto: Thomas Merkenich

Das größte Problem: der Kita-Wechsel

Jannis Depiereuxs Tochter wird ab dem Sommer die Kita besuchen. Aus einem einfachen Grund, den der Erzieher zugleich als größten Nachteil der Tagespflege bezeichnet: Weil es so schwierig ist, in einer Kita einen Ü3-Platz zu bekommen.

Kitas nähmen zwar grundsätzlich gerne Kinder aus der Tagespflege, da diese schon Betreuungserfahrung hätten. Aber: Alle Kitas haben mittlerweile Gruppen für Unter-Dreijährige, und wenn diese drei werden, haben sie im Ü3-Bereich Vorrang vor externen Kindern. Und weil es sowieso zu wenige Plätze für die Über-Dreijährigen gibt, ist das Dilemma noch größer.


Mehr zum Thema

„Kinder aus der Tagespflege werden von Kitas gerne genommen!“

Mit Aktionstagen macht die Interessengemeinschaft Kindertagespflege auf diese Form der Kinderbetreuung aufmerksam. Für die Vorsitzenden Jenni Löllgen und Sarah Heller kommt Tagespflege vor allem dem Bindungsbedürfnis der Unter-Dreijährigen entgegen. Die beiden Tagesmütter machen zudem einen konkreten Vorschlag, wie Bergisch Gladbach das Defizit an Kinderbetreuungsplätzen in den Griff bekommen könnte.

Keine Entwarnung bei den Kita-Plätzen – im Gegenteil

Die Zahl der Kita-Plätze in Bergisch Gladbach wächst, das Defizit schließt sich perspektivisch. Allerdings nur auf dem Papier – denn die geplanten neuen Kitas sind noch nicht fertig. Zudem wirkt sich der Fachkräftemangel noch stärker als bisher. Daher rechnet die Stadtverwaltung mit weiteren Klagen von Eltern und sieht dringenden Handlungsbedarf.


Deshalb versuchten viele Eltern, ihre Kinder von Anfang an in der Kita unterzubringen. Theoretisch ist es zwar möglich, bis zum Schuleintritt in der Tagespflege zu bleiben. Allerdings würden Tageseltern das kaum umsetzen, da ältere Kinder ganz andere Spielmaterialien und auch eine andere Ansprache benötigten.

Bessere Bezahlung, mehr Anerkennung

Darauf, dass die Stadt eine Aufgabenteilung anstreben sollte, bei der Kinder unter drei Jahre nur noch von Tageseltern betreut werden, während Kitas sich auf Ü3-Plätze beschränken, möchte Depiereux sich aber nicht festlegen. Die Stadt könne im Grunde nicht viel machen außer Kitas bauen, was sie in Bergisch Gladbach ja auch schon tue.


Mehr zum Thema

Stadt sieht Fortschritte beim Kita-Ausbau

In Sachen Kita befindet sich Bergisch Gladbach „auf einem guten Weg“ betonen Bürgermeister Frank Stein und der Beigeordnete Ragnar Migenda. Das geplante Defizit an Kita-Plätzen geht zurück, auch die Zahl der suchenden Familien sinkt. Die Kita Mondsröttchen wird bald fertig, vier weitere Kitas sollen bis Mitte 2025 folgen. Aber Defizite bleiben – und auf die großen strukturellen Probleme hat die Stadt kaum Einfluss.

Vielmehr sei der Gesetzgeber am Zug, die Rahmenbedingungen und die Finanzierung zu ändern. Denn: „Im Endeffekt ist alles eine Sache des Personalmangels“, sagt er. Erzieherinnen und Erzieher sollten genauso bezahlt werden wie die Lehrkräfte an den Grundschulen, schließlich legten sie ebenso wichtige Grundsteine für die weitere Entwicklung der Kinder.

Dann würde auch das gesellschaftliche Ansehen des Berufs wachsen, mehr junge Männer und Frauen würden einen Job in der Kinderbetreuung anstreben, und Eltern könnten sich aussuchen, in welchem System und vielleicht sogar in welcher spezifischen Betreuungsstätte sie ihr Kind anmelden.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

3

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Wir haben zwei Kinder, wovon eines aktuell im letzten Kitajahr ist, das Zweite wechselt im Sommer mit Ü3 in die Kita. Für uns war es nach der Geburt unseres ersten Kindes absolut klar: wir möchte unser Kind, wenn irgendwie möglich, bei einer Tagespflegeperson anbinden. Die Vorstellung unser Kind müsste mit gut einem Jahr in einen Großgruppenkontext, war für uns schwer vorstellbar.

    Als wir uns folglich auf die Suche einer Tagespflege machten, war für uns Folgendes
    entscheidend: die Information vom Jugendamt, dass die Tagespflege-Einrichtungen vom JA geprüft sind und wie mein Kind beim ersten Kennenlernen auf die Tagespflegeperson reagiert hat und umgekehrt: wie die Tagepflegeperson mit meinem Kind interagiert.

    Wir haben uns zwei Tagespflegeeinrichtungen angesehen, an denen wir fachlich
    nichts auszusetzen hatten. Bei der Dritten war ab dem ersten Wort, dass die Tagespflegperson an unser Kind gerichtet hatte, die Entscheidung gefallen. Die Chemie stimmte 100tig. Unser Kind fühlte sich wohl und das färbte sofort auf uns ab. Es entstand ein Grundvertrauen.

    Alle Fragen, Sorgen und Herausforderungen, die in den ersten drei Lebensjahren aufkamen (Eingewöhnung, das erste Mal Eltern sein, Wiedereinstieg in den Beruf, persönliche Herausforderungen, Trockenwerden, Ernährung, Schlafrhythmus zweites Kind/Eifersucht unter Geschwistern, Kinderkrankheiten, etc.) konnten wir jeder Zeit sehr offen und ausführlich mit der Tagespflegeperson besprechen, so dass wir uns stets sehr eng begleitet gefühlt haben. So eng, wie wir es als Eltern brauchten. Dieses enge Band haben wir zu der Kita nicht aufbauen können, da das System einfach anders funktioniert.

    Unsere Kinder haben ein sehr enges Vertrauensverhältnis zu ihrer Tagespflegeperson aufgebaut, was für uns als Eltern besonders wichtig ist, da es sich schließlich viele Stunden in Fremdbetreuung befindet. Schon nach kurzer Zeit fühlte es sich für uns nicht mehr als Betreuung an, sonders als eine uns lang bekannte und vertraute Pflegeperson bei der unsere Kinder in sehr guten Händen sind. Dass speziell für diese Altersgruppe angepasste Umfeld (kleine Gruppe, eine feste Bezugsperson etc.) hat uns einfach überzeugt, das bessere System für unsere Kinder in den ersten drei Lebensjahren zu sein.

    Dafür haben wir gerne in Kauf genommen, dass die Tagespflege höhere Schließzeiten hat. Die Kitaplatz-Suche für unsere Ü3-Kinder stellte sich als unproblematisch heraus.

    Bei unserem Zweitgeborenen war aufgrund der durchweg positiven Erfahrungen die Entscheidung daher von vornherein klar. Auch ihn haben wir bei der gleichen Tagespflege angemeldet. Der Zweitgeborene wird nun auch im Sommer in eine Ü3 Gruppe in die Kita wechseln und wir blicken, wie bei dem Erstgeborenen, auf eine sehr erfüllte Tagespflegezeit zurück, in der unser Kind in einem geschützten, geborgenen und liebevollen Umfeld die Welt kennen lernen durfte.

  2. Sehr schön das sich die Meinung über die Kindertagespflege gebessert hat.
    Zum Thema Urlaub. Ich gebe meinen Jahresurlaub im Oktober – November für das nächste Jahr aus. Eltern und auch die Tagespflegepersonen können sich dabei auch absprechen. Wegen etwaiger älteren Geschwistern habe ich nur Urlaub, wenn Schulferien sind.
    Ein ganz wichtiger Punkt der mir sehr am Herzen liegt ist , das man bei den U3 Kindern auch bedenken sollte, das sie genau so das Recht auf Urlaub mit den Eltern haben sollten.
    Auch wenn ich an dieser Stelle abschweife. Das Recht auf Urlaub wurde bewusst bei der Erstellung der Kinderrechte nicht mit aufgenommen.

  3. Liebes IGL Team, liebe Leser, ich freue mich über den Artikel zur Kindertagespflege, da er viele meiner (unserer) Eindrücke und Erfahrungen wiederspiegelt. Ich möchte mich hier nunmehr weniger politisch, sondern einfach als Mutter melden, die beides – Kita und Großtagespflege – erlebt hat (bzw. Noch erlebt).

    Unsere Tochter ist damals mit einem Jahr und drei Monate in die Kita gekommen. Wir hatten ein gutes Gefühl: recht kleine Kita, ausreichend Personal, Räume “OK” usw. Im Verlauf der Kitajahre unsere Tochter haben wir dann allerdings alles miterlebt, was es zu erleben gibt: häufige Personalwechsel und -ausfälle große konzeptionelle Änderungen, Notgruppen etc. am Ende waren wir froh, dass die Zeit vorbei war, weil wir nicht mehr das Gefühl hatten, dass unsere Tochter wirklich einfühlsam und gut betreut wurde.

    Als unser kleiner Sohn dazu kam, sagte unsere Tochter, dass sie nicht möchte, dass ihr Bruder in die selbe Kita kommt – ein hartes aber sehr ehrliches Urteil von ihr. Nun kann man selbstverständlich sagen “naja, wenn ihr Bedenken hattet, oder die Betreuung nicht eurer Vorstellung entsprach, hättet ihr sie ja aus der Kita nehmen können… Ja klar, hätten wir.

    Ehrlicherweise konnten wir uns das nicht “leisten” und es waren auch eigentlich keine richtigen Eskalationen in der Kita, es war vielmehr die ganze Zeit über so ein Grundgefühl da, dass da z.B. der Umgang und die Kommunikation mit den Kindern einfach von oben herab und überhaupt nicht wertschätzend sind.. nichts so richtig greifbares, nichts, was sich aber einfach übersehen lässt…

    Bei unserem Sohn war und klar: da geht er nicht hin. Auf der eigentlich vorrangigen Suche nach einer neuen, traumhaften Kita, bin ich dann auf eine Großtagespflege aufmerksam geworden, die alles zu bieten schien, was wir uns gewünscht haben: weniger Kinder, sehr schöne, kindgerechte Räumlichkeiten, toller Außenbereich, top ausgebildete Tagesmütter,…

    Es schien total unrealistisch da anzufragen, trotzdem habe ich es gemacht. Wir haben einen Platz bekommen und sowohl wir, als auch unser Sohn sind einfach nur glücklich, dankbar, total überzeugt, gut aufgehoben, gesehen, … Ganz ehrlich?- ich bin schon morgens nach Hause gefahren und hatte Tränen in den Augen, weil ich mich so sehr gefreut habe, wie sich unser kleiner Sohn von meinem Arm auf den seiner Tagesmutter kuschelt (du weißt, wen ich meine.. ;-) und weil ich weiß, es geht ihm so gut dort.

    Das hat sicher damit zu tun, dass die “Chemie” passt aber auch einfach damit, dass es einfach nicht vergleichbar ist, ob so ein kleiner Mensch in einem sehr großen sozialen Gefüge zurecht kommen muss, in dem die Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter denkbar schlecht sind…, oder ob da insgesamt nur noch acht andere Kinder sind, die zudem alle max. drei Jahre alt sind.

    Die Betreuung ist aus unserer Sicht um so vieles individueller, ruhiger, zugewandter, kreativer,…, dass wir tatsächlich wünschten, wir müssten nicht in eine Kita zurück, wenn unser Sohn drei ist. Unsere Tagesmutter kennt unseren Sohn, sie hat ihn immer im Blick und ist immer auch für uns ansprechbar. Wir würden keine Sekunde zögern ihn dort bis zur Schule in der Tagespflege zu lassen…

    Neben den sozialen und emotionalen Aspekten kann ich tatsächlich auch nur sagen, dass ich überhaupt nicht bestätigen kann, dass Kinder in der Kita weniger Ausfallzeiten haben, weil es dort mehr Erzieher (m,w,d) gibt. Im Gegenteil, bei uns sind in der Kita deutlich mehr Betreuungstage durch Notgruppen etc weggefallen, als jetzt – und da gab es nicht noch eine “Back Up” Betreuung.. kurzum: wir danken euch sehr, liebe Tagesmütter!!