Repro: H.P. Müller

In der 2025er Ausgabe seines jährlichen Refrath-Kalender befasst sich Hans Peter Müller mit den Zeiten, in denen der Bergisch Gladbacher Stadtteil ein beliebtes Ausflugsziel war – und die Kölner mit der Vorortbahn in die Stadt kamen. Manchmal mussten sogar Sonderzüge eingesetzt werden.

Die Fliegerei war noch in den Kinderschuhen, Mallorca weit weg. Die Stadt Köln baute Strecken für erste Vorortbahnen aus, u.a. für die „B“ nach Brück bis 1906 , bis Bensberg ab 1913 und für die „G“ nach Thielenbruch, später bis vor die Gnadenkirche.

In den Bahnen waren Plakate zu lesen mit Sprüchen wie: „Wäje dä paar Jrosche mach nit vill Gedöns, fahr mit Frau un Puute, sonndags in et Jröns“.

Vor dem Ersten Weltkrieg war der Andrang sonntags so groß, dass Sonderzüge eingesetzt werden mussten. Von diesem Boom profitierte auch Refrath – vor allem schnell errichtete Cafe’s und Gaststätten. Anwesen wie der „Hummelsbroich“ und die „Steinbreche“ wurden zu Ausflugslokalen ausgebaut, das „Kickehäuschen“ eigens 1913 zu diesem Zweck gebaut.

Die meisten existieren nicht mehr oder sind nur noch „Restposten“ ohne Betrieb inmitten einer umgebenden hohen Bebauung, wie das alte Gasthaus des „Kickehäuschens“.

Mehr zum Thema

Das traurige Ende des Kickehäuschens

Das „Kickehäuschen“ am Waldrand von Refrath hat mehr als hundert Jahre als Ausflugslokal, Restaurant und Heimstatt der örtlichen Vereine gedient. Damit war schon vor zwei Jahren Schluss, rund um das zentrale Gebäude entstehen Wohnhäuser. Heute wurde der Saal abgerissen. Ein trauriger Blick zurück – und auf die Konsequenzen.

Der neue Kalender macht die Ausflugszeit mit Bildern und kurzen Informationen anschaulich. Er ist wieder in der St. Johannis Apotheke im  Siebenmorgen oder im Blumengeschäft „ Pusteblume“ in der Wingertsheide erhältlich und kostet 14 Euro.

Hintergrund: Die Kölner Vorortbahnen

Die Elektrisierung der Kölner Straßenbahnen legte eine entscheidende Grundlage für eine neue Erfolgsgeschichte der Kölner Bahnen. Dank des weiteren Ausbaus des Straßenbahnnetzes erreichte man mit der Elektrischen 1912 fast alle Kölner Stadtteile und die Stadt Mülheim.

Die Straßenbahnen hatten sich in kurzer Zeit vom Luxus- zum unverzichtbaren Massenverkehrsmittel entwickelt, die z.B. im Jahr 1913/14 schon fast 125 Millionen Fahrgäste (2004: rd. 240 Mio. Fahrgäste) bedienten.

Parallel zum Aufbau eines zeitgemäßen Straßenbahnnetzes erschlossen die Bahnen der Stadt Cöln mit dem Aufbau separater Vorortbahnlinien auch die Region. Innerhalb eines Jahrzehnts – die erste Kölner Vorortbahn, die Linie A von Köln nach Rath-Heumar, ging 1904 in Betrieb – wurde ein bis heute wichtiges Bahnnetz aufgebaut. Es schuf Verbindungen von Köln zum Königsforst, nach Bensberg, Bergisch Gladbach, Porz, Lövenich und Frechen.

Die Vorortbahnen unterschieden sich von den Straßenbahnen durch ihre größere Streckenlänge, sie übernahmen den Verkehr zwischen der Stadt Köln und den ihr benachbarten kleinstädtischen und ländlichen Siedlungen. Rasch erlangten sie hohe wirtschaftliche, siedlungs- und sozialpolitischen Bedeutung, da sie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Zentrum Köln und den Außenorten förderten und neue Wohnbereiche sowie Naherholungsgebiete erschlossen.

Sie nutzten im Stadtbereich die Gleise der Straßenbahnen, in den Außenbezirken verkehrten sie auf eigenen Bahnkörpern und hatten einen eigenen Wagenpark. Auch ihre Linienbezeichnungen unterschieden sich von denen der Straßenbahnen, anstelle von Nummern- trugen sie Buchstabenbezeichnungen, beginnend mit A in der Reihenfolge der Eröffnung: So fuhr die Linie C ab 1906 beispielsweise über Thielenbruch nach Bergisch Gladbach und der Buchstabe F stand ab 1914 für die Bahn nach Frechen.

1914 konnten die Bahnen der Stadt Cöln voller Stolz auf die zurückliegenden Jahre zurückblicken. Innerhalb weniger Jahre hatten sie einen technisch überholten Bahnbetrieb auf den modernsten Stand gebracht und parallel die Vorortbahnen völlig neu aufgebaut. 1914 bestand das Kölner Netz aus 19 Straßen- und sieben Vorortbahnlinien, das von fast 1.000 Fahrzeugen befahren wurde. 

ist Lehrer im Ruhestand und war lange Jahre Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins Refrath. Als Heimatforscher und Autor arbeitet er die Geschichte des Ortsteils auf.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.