Das Kickehäuschen in den 1920er Jahren. Foto: Otto Wuschke

Das Kickehäuschen am Waldrand von Refrath hat mehr als hundert Jahre als Ausflugslokal, Restaurant und Heimstatt der örtlichen Vereine gedient. Damit war schon vor zwei Jahren Schluss, rund um das zentrale Gebäude entstehen Wohnhäuser. Heute wurde der Saal abgerissen. Ein trauriger Blick zurück – und auf die Konsequenzen.

Als es um die Jahrhundertwende 1900 immer mehr Großstädter ins „Grüne“ zog, entstanden auch in Refrath zahlreiche Gaststätten für Ausflügler, teils wurden alte Gutshöfe umgebaut wie die Steinbreche, teils wurde neu gebaut, so auch das „Kickehäuschen“. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den Bau der Vorortbahnen, in unserem Bereich die Linien „B“ und „T“, die 1906 bis Brück bzw. bis Thielenbruch fuhren

Beim Kickehäuschen hatte alles mit der Hochzeit von Gerhard Neu und Gertrud Müller 1908, deren Elternhaus am heutigen „Willweg“ hinter dem Hof von Schneppensiefens stand.

Bereits 1910 eröffnete Gerhard Neu uf der Ecke des Grundstückes „Kicke/Auf der Kaule“ mit seiner Frau eine „Trinkhalle“, um Anteil zu haben an dem wachsenden Wanderaufkommen an den Wochenendenld. Am 1. September 1913 legte er dann den Grundstein für das heutige „Kickehäuschen“.

Hintergrund: Bei dem Namen „Kicke“ handelt es sich um eine alte Flurbezeichnung, für die es verschiedene Deutungen gibt. In Frage kommt die Herleitung von „kicken“ für „gucken“. Was heute nicht mehr auffällt, ist die Tatsache, dass der Bereich „Kicke“ für Refrather Verhältnisse hoch liegt. Von dort war ein guter Ausblick nach Westen über die ehemalige Refrather Heide möglich. Im Zweiten Weltkrieg suchte vom Waldrand eine Scheinwerferbatterie den Himmel ab, um den Flakgeschützen der Umgebung die nächtlich anfliegenden Bomber zu zeigen. 

Es war zunächst eine Kaffeewirtschaft wie andere auch. Gerhard Neu erhielt 1920 die Konzession für den Ausschank auch alkoholischer Getränke, die 1948 erneuert wurde.

Das Haus wurde mehrfach umgestaltet, der Eingang mit der Treppe zur Straße hin geschaffen. Zum Wald hin entstand ein lauschiger „Biergarten“ und für die Kinder gab es ein kleines Karussell und eine große Schaukel.

Viele Ortsvereine nutzten die Räumlichkeiten des „Kickehäuschens“, vor allem nach dem Anbau des Saales in den Jahren 1927/1928.

Auch Maifeierlichkeiten fanden hier statt. Regelmäßig zog die Fronleichnamsprozession über die Kicke. Dann war die Straße festlich geschmückt und ein großer Altar aufgebaut. 

Im Gegensatz zu den Cafess auf der „Brandroster“ ist im „Kickehäuschen“ nichts von deutscher Einquartierung bekannt, wohl aber kurzfristig von amerikanischer im April 1945. Die Wehrmacht hatte 1943 neben dem Saal eine Baracke als Notunterkunft errichtet. Im Saal wurden Steppdecken produziert.

1949 übergab Gerhard Neu im Alter von siebzig Jahren die Gastwirtschaft an seinen Sohn Gerhard Neu. Der alte Herr war aber noch rüstig und half an der Theke. So feierte er sein Achtzigstes im Kreise seiner Familie und vieler Gäste. Er starb 1960, seine Frau war bereits 1948 verstorben.

Sohn Gerhard leitete den Betrieb bis 1983 selbst. Er verkaufte an Richard Arzt, den Inhaber des „Tannenhofes“ auf der „Lustheide“, der die Gastwirtschaft verpachtete. Als er 1988 starb, erbte Tochter Inge das „Kickehäuschen“.

Die damaligen Pächter blieben zunächst und richteten auch den Biergarten mit 150 Plätzen wieder her, hatten aber bereits im Juli 1995 Ärger mit einem Anwohner, der es erreichte, dass der Biergarten um 60 Plätze reduziert werden musste. Anstoß war die Lärmbelästigung nach 22 Uhr und die monatlichen Jazz-Konzerte, die eingestellt wurden.

Schließlich ließen die Pächter noch eine 2,20 Meter hohe Schallschutzmauer bauen. Anfang 2005 gaben sie auf. Es folgten zwei griechische Pächter. Als der erste aufgab, stand das Haus lange leer. Es war zu befürchten, dass Gasthaus und Saal einer Wohnbebauung weichen würde.

Aber 2011 pachtete Michail Evangelos das Gasthaus unter dem Namen „Zwölf Apostel im Kickehäuschen“. Er hat bis zum 8. März 2018 durchgehalten. Der Pachtvertrag musste verlängert, die Pacht sollte noch einmal erhöht werden. Außerdem standen, vor allem den Saal betreffend, Sanierungsmaßnahmen an.

Ein Investor für das große Grundstück war rasch gefunden. Er versprach, das Gasthaus zu erhalten, aber zu welchem Zweck?

Hinweis der Redaktion: Mit den Plänen für die Bebauung des Grundstücks rund um das Kickehäuschen hatte sich auch der Gestaltungsbeirat intensiv befasst. Mehr dazu – und auch Entwürfe – finden Sie in diesem Beitrag:

Ohne Saal und Biergarten hat eine Gaststätte keine Zukunft. Zurück blieb ein verfallendes Gebäude in einer trostlosen Umgebung, denn den Biergarten nutzte er fortan als Erddeponie.

Nun, nach zweieinhalb Jahren, begannen die Abrissarbeiten der Anbauten. Zuerst kam der Annex mit der Küche an die Reihe, heute auch der Saal. Damit verliert Refrath endgültig den vorletzten bewirtschafteten Saal für Vereinstreffen und Familienfeiern. Es bleibt nur noch der Saal der „Ewigen Lampe“ – wie lange noch?

Hans Peter Müller

ist Lehrer im Ruhestand und war lange Jahre Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins Refrath. Als Heimatforscher und Autor arbeitet er die Geschichte des Ortsteils auf.

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14 Kommentare

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  1. @D’r us dem ahlen Refrath: Das ist zu befürchten. In ganz Refrath werden schon seit Jahren von Baugesellschaften Einfamilienhäuser gekauft, wenn die Erbauer-Generation auszieht oder verstirbt. Dann kommen dort die ewig gleichen würfelförmigen Kästen hin, die sich meist so nah es geht bis zur Grundstücksgrenze erstrecken.

    Diese Häuser gleichen einander wie ein Ei dem anderen, als ob es den Plan dafür kostenlos im Netz zum Download gäbe. Refrath wird dadurch hässlich, die Nachbarn bekommen einen unkreativ hingezimmerten Klotz vor die Nase gesetzt, Grünfläche geht unwiderruflich verloren.

    Dabei wird noch nicht einmal viel gegen die Wohnungsnot einkommensschwacher Bevölkerungsteile getan, denn die so entstehenden Wohnungen sind teuer – das von ortsfremden Firmen investierte Geld soll ja vielfach wieder hereinkommen, ohne Rücksicht auf städtebauliche Aspekte oder ein Mindestmaß an Ästhetik. Beim Kickehäuschen wird es wohl genauso ablaufen.

    Da kann man nur heilfroh sein, wenn man in einem Gebiet wohnt, in dem ein restriktiver Bebauungsplan gilt. Die Beschränkungen, die man selbst beim Bauen hinnehmen musste, bewahren einen jetzt wenigstens davor, zwischen einfallslosen Quadratklötzen mit Flachdach und zurückgesetztem Obergeschoss eingeklemmt zu werden – hoffentlich noch lange.

  2. Dem Bauplakat – im Vordergrund des letzten Bildes – ist unzweifelhaft zu entnehmen, daß die Fraktion der 0/8-15 Klötzchenkotzer unter den selbsternannten “Architekten” zum Normalfalle geworden ist.

    Mögen sich die Nachbarn des ehemaligen Ausflugslokales, welche duch ständige Anfeindungen zum wirtschaftlichen Untergang des Standortes beigetragen haben, noch jahrelang am Spaß durch den kommenden Baulärm ergötzen – und beim Verlust des begrünten Umfeldes ihre selbst mitverursachte “Freude” am Anblick auf beliebig austauschbarer Phantasielos-Architektur haben.

  3. Ein lukratives Grundstück ist für einen Investor viel interessanter. Es bringt Geld, viel Geld und nach dem Absahnen ist man weg. Alles sehr leicht und sich mit einem Nachbarn an einen Tisch zu setzen ist nicht jedermanns Sache. Ich pochen auf meine Rechte und wundere mich später, wenn das ach so idyllische Umfeld lange so bleibt ohne mich zu stören. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Ein schöner Ort, ein anheimelnder Treffpunkt ist nicht mehr vorhanden. Im Nachhinein alles bedauern hilft auch nicht mehr. Die Zeit ist vergangen und vorüber, ist bleibt nur sich mit den neuen Zuständen zu arrangieren und die gemachten Fehler zu resümieren. So vergeht erneut ein Stück Heimat und jeder ist traurig?

  4. Frau Bohlscheid: Wenn ich mir ein Grundstück neben einer Gaststätte oder eine Wohnung kaufe bzw. miete, kann ich doch wohl erwarten, daß die Gastronomie schließt. Genauso, wie ich mich über den kurzen Anfahrtsweg zum Flughafen freue, kann ich doch wohl außerhalb meines
    Urlaubs erwarten, daß der Fluglärm mich nicht belästigt.

  5. Ein herber trauriger Verlust für Refrath.
    Was für schöne Vereinsfeste, Klassentreffen, Geburtstage, gesellige Thekenzusammenkünfte und einfach nette Abende im lauschigen Biergarten mit Freunden mit und ohne Fußball habe ich dort erlebt.
    Wieder ist ein für Refrath bedeutendes idyllisches Juwel nicht erhalten worden. Ein weiterer Identitätsverlust. So der alte Festsaal / Scheunensaal der Erholung (wich äußerst bescheidenen Mehrfamilienhäusern an der Taufkirche), Kamps Maria im Vürfels und vielleicht bald die Ewige Lampe.

    Wenn der Wilhelm-Klein-Park für rund 300.000 Euro für die Bürger neugestaltet und aufgewertet wird, sollte man schon jetzt von der Stadtverwaltung dagegen wirken, dass nicht das Äußerste an Baurecht mit Luxus-ETWs aus dem angrenzendem Grunstück herausgekitzelt wird. Die Baugrenze sollte den Abstand der jetzigen Bebauung haben, eine angemessene Geschosszahl nicht überschreiten, so dass der Park nicht verschattet wird und zur Freiraumfläche der Privatbebauung degradiert wird.

  6. @Willi Schumacher. Nun sind Sie schon 65 Jahre als aufrechter Deutscher auf dieser Welt und können immer noch kein vernünftiges Deutsch “zu Papier” bringen. Ihre unverhohlene Agitation ist beschämend und erschreckend. (…)

    Hinweis der Redaktion: Bitte unterlassen Sie persönliche Angriffe, wir haben diesen Kommentar bearbeitet. Und auch den kritisierten Kommentar etwas lesbarer gemacht.

  7. Es geht sehr vieles kaput schon seit Jahren, aus vielen Gründen. Leider muss man den bürgern auch eine mitschuld geben, immer mehr pizzerien, dönerimbiss und sonstiges aus vielen ländern, auch ich esse daß gerne aber unsere gastronomie ging mit den jahren daran kaput und die mieten steigen den eigentümern ist es egal wer die miete oder pacht zahlt und die stätte können nicht viel helfen aber das wenige tun die meisten noch nicht einmal.

    Die realität ist, ein pizzakettenbesitzer hat in meiner gegend ein teures und sehr schönes haus gebaut. Ich könnte die miete nicht zahlen. Der besitzer ist ein ehrbahrer mann und meine frau und ich bestellen viel bei einem seiner pizzaservices essen und das ist sehr lecker.

    Ein paar häuser weiter wohnt ein alter wirt einer kneipe die es nicht gibt und sclägt sich mehr schlecht als recht durchs leben und fährt früh morgens zeitungen aus.

    Es gibt viele solcher geschichten und die sind nicht immer so traurig, aber die sogenannte gute alte zeit gibt es nicht mehr, die ist endgültig vorbei. So und nicht anders ist es in deutschland unsre politiker wollen der ganzen welt helfen und noch immer soll deutschland vorbild sein. Ich bin 65 jahre alt geworden und kann das nicht mehr hören.

  8. Immer wieder das Selbe: die Gaststätte ist schon seit langen Jahren vor Ort und neue Anwohner beklagen sich über sie Lärmbelästigung und kommen damit auch noch durch. Wenn ich neben einer Gaststätte ein Grundstück kaufe, weiss ich doch das es lauter ist .Meine Eltern hatten das Grundstück neben ihrem Lokal selbst verkauft und hatten danach nur Ärger mit dem Käufer.

  9. In einer schnelllebigen Zeit wie der unseren ist der Blick für die Vergangenheit verloren gegangen. Erst wenn alle Ecken und Winkel mit kistenartiger Architektur zugeklatscht ist, ist auch die letzte Möglichkeit, der Jugend einen Blick in die Vergangenheit zu ermöglichen, vertan.
    Leider zählt nur noch Profit und Geldgier. Aber man kann ja, wie es der Heimatverein macht, Tafeln aufstellen, damit unsere Nachfahren zumindest lesen können, wie ihre Heimat einmal ausgesehen hat. Keine schöne Aussicht.

  10. Sehr, sehr traurig…..als Refrather, der die heimische Atmosphäre im Biergarten und in der Schänke liebte, ist diese Entwicklung unverständlich.
    Das der Denkmalschutz hier scheiterte, liegt wohl nur daran, dass solch ein Grundstück den Eigentümer noch reicher macht. Da spielt Heimatgeschichte keine Rolle mehr.

  11. Auch ich habe in dieser altwürdigen Gaststätte viele schöne Stunden erlebt. Es ist schade, aber das Leben geht weiter. Was auch immer geschieht, hoffentlich ersteht bezahlbarer Wohnraum denn die Lage ist hervorragend.

  12. Als Sohn von Gerhard und Josefine Neu bin ich im Kickehäuschen aufgewachsen. Es macht einen schon traurig wenn ich sehe, dass mein Elternhaus nicht mehr in der bekannten Form existiert.
    Ich habe viele Jahre in der Gaststätte meiner Eltern gearbeitet. Bekannt war der legendäre Käsekuchen.
    Es ist einfach nur traurig.