Arbeit, Haushalt, Kinder – Familienalltag ist häufig eine logistische Meisterleistung, die kaum Zeit für Gespräche lässt. Dabei sind gerade tiefe Gespräche für Paare wichtig, um sich selbst und einander zu verstehen. Nina Tackenberg, Co-Leiterin der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung, schreibt, warum – und wie man es schafft, sie in den Alltag zu intergrieren.

Eltern mit jungen Kindern leben heutzutage meist einen hektischen Alltag mit komplexer Logistik: In den meisten Familien sind beide Elternteile berufstätig und müssen Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung aufeinander abstimmen. Familiäre Unterstützung von Außen ist rar.

Hinzu kommen höhere Erwartungen an die Förderung und Bildung von Kindern. Das alles macht den Kommunikationsbedarf zwischen Eltern deutlich größer als früher – während sie gleichzeitig weniger Freiräume dafür haben.

Viele Elternpaare, die unsere Beratung aufsuchen, haben Schwierigkeiten, logistische Absprachen miteinander zu treffen, da schlichtweg die Zeit dafür fehlt. Und wo es kaum möglich ist zu klären, wer nächste Woche die Kinder betreut, wenn Schließtag in der Kita ist, da fällt ein tieferer Austausch erst recht hinten über.

Weniger Gespräche, weniger Verständnis

So öffnen sich viele Partner:innen in dieser Lebensphase einander seltener. Das führt meistens zu einem sinkenden Verständnis füreinander. Wenn die einzelnen Elternteile dann im Erziehungsalltag Situationen unterschiedlich handhaben, geraten sie häufig in Streit.

Mehr zum Thema

Familienrat: Besser streiten lernen

Häufige Streitigkeiten mit der Partnerin oder dem Partner können ganz schön zermürbend sein. Ein erster Schritt heraus aus der Spirale kann es sein, dass man sich bewusst macht, in welchem Zustand man überhaupt kontruktiv kommunizieren kann und in welchem nicht. Wie das geht, erklärt Nina Tackenberg von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung.

Um das zu vermeiden, ist es so wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich – insbesondere was grundsätzliche Familienthemen angeht – selbst zu reflektieren und miteinander auszutauschen.

Jede:r von uns wird in seinen Überzeugungen von seiner Herkunftsfamilie geprägt. Vieles hinterfragen wir nicht, bis wir eigene Kinder gekommen und damit selbst in die Lage geraten, die Grundlagen für das Familienleben zu gestalten.

Manches von dem, was wir selbst in der Herkunftsfamilie erlebt haben, erscheint uns als selbstverständlich. Anderes haben wir für uns bereits reflektiert und daraus abgeleitet, was wir wie gestalten möchten, was wir übernehmen möchten und was auf keinen Fall.

Häufig lohnt es sich, sich genauer damit zu beschäftigen, wenn der Eltern- und Familienalltag immer wieder Konfliktpotential birgt. Es geht um Werte und Lebenshaltungen, die sich oft in ganz praktischen Themen wie zum Beispiel der Schlafsituation oder den Mahlzeiten niederschlagen.


Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.


Was ist für mich normal – und warum?

Es kann sehr hilfreich sein, erstmal für sich selbst nachzudenken und sich dann miteinander auszutauschen. Bleiben wir beim Beispiel der Mahlzeiten, könnten das Fragen sein wie:

  • Wie gestalteten sich Mahlzeiten in Ihrer Herkunftsfamilie? Haben alle gemeinsam gegessen oder jede:r für sich?
  • Wie haben Sie die Atmosphäre beim Essen empfunden?
  • Wer war für die Zubereitung, das Decken des Tischs, den Abwasch zuständig?
  • Welche Lebensmittel wurden verwendet?

Und auf dieser Grundlage ließe sich auf das Hier und Jetzt schauen:

  • Was ist Ihnen heute wichtig in Bezug auf (gemeinsame) Mahlzeiten?
  • Welche Rolle spielt die Auseinandersetzung mit Lebensmitteln für Sie?
  • Was sollen Ihre Kinder erleben und für sich mitnehmen?

Schon die Auseinandersetzung mit sich selbst zeigt häufig auf, wie subjektiv das Empfinden von „Es ist doch normal, dass…“ ist. Während die Eine ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass mindestens eine Mahlzeit gemeinsam eingenommen wird und diese Zeit auch dem Austausch untereinander dient, kann es für den Anderen ganz normal sein, dass jedes Familienmitglied seinen Bedürfnissen entsprechend zu unterschiedlichen Uhrzeiten isst und der Austausch untereinander ganz losgelöst davon stattfindet.

Das für sich selbst genauer zu betrachten, zeigt Eltern oft auf, dass ihre Einordnungen zu einem großen Teil durch ihre eigene Geschichte beeinflusst sind – und dass es vielerlei andere Blickwinkel und Handhabungen geben kann, die nicht richtig oder falsch sind, sondern einfach anders.

„101 Fragen für starke Eltern“

Neben der individuellen Beschäftigung mit den Grundthemen der Familiengestaltung ist es wichtig für Elternpaare, neugierig und wohlwollend miteinander im Gespräch zu bleiben. Wir alle verändern uns beständig, und die intensive Zeit des Eltern-Werdens und -Seins verändert häufig besonders stark. Um hier im Kontakt miteinander zu bleiben, ist der beständige Austausch grundlegend.

Oskar Jenni und Patricia Lannen haben aus ihrem beruflichen Alltag als Kinderarzt und Entwicklungspsychologin heraus ein Büchlein für Eltern geschrieben, das Lust am gegenseitigen Erkunden (zurück)bringen soll: „Miteinander reden – 101 Fragen für starke Eltern und glückliche Kinder“

Verabredung zum „Deep Talk“

Mit den Fragen und Gesprächen verhält es sich möglicherweise ähnlich wie mit Verabredungen für sexuelle Begegnung: Für Paare mit Kindern kann es förderlich sein, sich für eine gewisse Zeit dazu zu verabreden, auch wenn das wenig romantisch erscheint. Mit einer spannenden Frage direkt zum Einstieg schafft man es auch in kürzeren Zeitfenstern etwas von dem, was wirklich bewegt, miteinander zu teilen.

Gut miteinander im Austausch und verbunden zu sein stärkt nicht nur Elternpaare. Gute Paarbeziehungen wirken auch als Schutzfaktor für die Entwicklung von Kindern.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

Nina Tackenberg leitet als Elternzeitvertretung die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle in Bergisch Gladbach. Sie hat einen M.A. in Arbeits- & Organisationspsychologie sowie ein Diplom in Sozialer Arbeit, ist Systemische Coachin (DGSF), Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.