Nina Tackenberg leitet in Elternzeitvertretung die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach. Foto: Daniel Schubert

Häufige Streitigkeiten mit der Partnerin oder dem Partner können ganz schön zermürbend sein. Ein erster Schritt heraus aus der Spirale kann es sein, dass man sich bewusst macht, in welchem Zustand man überhaupt kontruktiv kommunizieren kann und in welchem nicht. Wie das geht, erklärt Nina Tackenberg von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung.

„Frau Tackenberg, wenn ich Ihnen jetzt erzähle, worüber wir gestritten haben, dann kommt mir das richtig lächerlich vor: Es ging um ein Rücksende-Etikett für falsch bestellte Kinderkleidung…“

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So oder ähnlich beginnen viele Schilderungen von Streitigkeiten, die Paare in ihrem Alltag erlebt haben. Nicht selten höre ich von einer der beiden Seiten: „Darüber möchte ich hier gar nicht sprechen, das ist so banal… Besser schauen wir auf die großen Themen.“

So banal und lächerlich diese Kleinigkeiten in der Rückschau wirken – oft lohnt sich eine genauere Auseinandersetzung mit ihnen. Denn vielleicht liegt eigentlich ein größeres Thema dahinter, das immer wieder zum Vorschein kommt. Vielleicht führt auch Überlastung auf einer oder beiden Seiten zu erhöhter Reizbarkeit.

In jedem Fall sind häufige Streitigkeiten ein Anlass, über die eigene Verfassung und die der Beziehung nachzudenken.

Das „Window of Tolerance“

Ein erster hilfreicher Schritt kann es sein, sich bewusst zu machen, in welchem Zustand wir uns überhaupt konstruktiv mit unserem Gegenüber auseinandersetzen können. Zum Beispiel mithilfe des Modells des „Window of Tolerance“, das der Professor für klinische Psychiatrie Dr. Dan Siegel 1999 entworfen hat.

Unser Organismus muss unablässig auf Reize und Informationen reagieren. Wenn die Menge  und / oder die Intensität an Reizen uns überfordern, läuft eine Stressreaktion im Körper ab, deren Folge Über- oder Untererregung sein kann.

Im Bereich der Übererregung stellt der Körper Energie für die entwicklungsgeschichtlich wichtigen Reaktionen Kampf oder Flucht bereit. Wir stehen unter starker Anspannung, Gefühle wie Angst, Wut, Ärger oder Panik treten in den Vordergrund.

Im Bereich der Untererregung befindet sich unser Körper in einer Art Abschaltmodus. Dieser Abschaltmodus ist – ebenso wie die Übererregung – eine Reaktion auf Stressreize. In der Untererregung mangelt es an Energie. Wir sind müde, antriebslos, ein Empfinden von (emotionaler) Leere, Hilflosigkeit und Ohnmacht tritt in den Vordergrund.

In beiden Zuständen fällt das Denken schwerer, wir sind mit uns selbst beschäftigt und wenig fähig zu Empathie.

Dazwischen liegt der Bereich der optimalen Erregung – das „window of tolerance“. Hier können wir am besten auf jede Form von Reizen und Informationen reagieren und physiologisch funktionieren. Es überwiegt ein Gefühl emotionaler Sicherheit, aus dem heraus wir zu Selbstregulation und Empathie fähig sind. Außerdem sind wir in der Lage zu lernen und konstruktiv zu kommunizieren.


Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.


Bei aufkommendem Streit auf sich selbst achten

Um eine Meinungsverschiedenheit fruchtbar miteinander lösen zu können, ist also die Grundvoraussetzung, dass alle Beteiligten sich in diesem Bereich befinden.

Es ist also gut, bei aufkommendem Streit auf sich selbst zu achten und sich ein „STOPP!“ zu gönnen: Was ist gerade bei mir los? Was fühle ich? Auf welchem Erregungsniveau befinde ich mich? Und was könnte ich tun, um für mich zu sorgen und wieder in einen optimaleren Erregungsbereich zu kommen?

Auch im Nachhinein kann man solche Überlegungen anstellen, vielleicht direkt mit der Partnerin oder dem Partner zusammen: Was bringt uns jeweils aus dem „window of tolerance“ hinaus und was hinein?

Führen möglicherweise Dauerbelastungen von Kinderbetreuung und -erziehung, Arbeit und den vielen alltäglichen Aufgaben und Sorgen dazu, dass das Erregungsniveau dauerhaft erhöht ist und auf diesem Boden mehr Streit stattfindet?

Oder sind es bestimmte Themen oder eine bestimmte Art des anderen, Kritik zu üben, die rasch in den oberen oder unteren Erregungsbereich führen?

Muster und Empfindlichkeiten erkennen

Wenn es gelingt, sich gemeinsam in diesem Toleranzfenster aufzuhalten, wird es möglich, Streitigkeiten mit etwas Abstand anzuschauen, vielleicht bestimmte Muster und Empfindlichkeiten zu erkennen und eine andere Art des Umgangs miteinander zu entwickeln.

Um sich selber und sich als Paar im Zusammenspiel besser zu verstehen und als schwierig empfundene Kommunikationsmuster zu verändern, bietet unsere Beratungsstelle neben der Paarberatung auch immer wieder Gesprächstrainings für Paare an. Diese können Paare dabei unterstützen, sehr konkrete Ideen für ihren Alltag zu entwickeln.

Unser nächster KEK-Kurs (Konstruktive Ehe Kommunikation) findet von 15. bis 17. November 2024 statt. Nähere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

Nina Tackenberg leitet als Elternzeitvertretung die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle in Bergisch Gladbach. Sie hat einen M.A. in Arbeits- & Organisationspsychologie sowie ein Diplom in Sozialer Arbeit, ist Systemische Coachin (DGSF), Gesundheits- und Krankenpflegerin.

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