Quartiersmanager, Jugendcoach, Musikproduzent, Sänger, Model, Vater – Johannes J-JD da Costa ist ein Mensch mit 1000 Facetten. Im Gespräch erzählt er von seiner Kindheit als Teil der einzigen Schwarzen Familie in einem 4000-Einwohner-Dorf, wie er schon als 14-Jähriger ein Musikalbum produzierte und warum er Wert darauf legt, stets gepflegt aufzutreten.
Johannes J-JD da Costa erwartet mich in seinem Büro im Wohnpark Bensberg. Er trägt Jeans und ein weißes T-Shirt mit tiefem Ausschnitt, an seinen Ohren hängen zwei Miniversionen des afrikanischen Kontinents in Gold. Sein Auftreten ist makellos, sein Lächeln sofort einnehmend. Bevor er mich zur Begrüßung umarmt – wir sehen uns zum ersten Mal –, geht er in die Knie, um meinem Fünfjährigen Hallo zu sagen, den ich kurzfristig zum Interview mitnehmen musste. Dann fragt er ihn ganz selbstverständlich, ob er mit ihm etwas zu Malen holen wolle.
„Mein Leben ist sehr vielfältig“, sagt J-J, als wir uns mit Papier und Stiften, Spielzeugautos, Kaffee und Keksen an den Tisch gesetzt haben. Nach unserem Gespräch wird er das Nachbarschaftscafé des Quartiersprojekts LOKI in Bensberg leiten. Nachmittags steht ein Workshop im Krea Jugendclub in Refrath an, abends eine Musik-Session in seinem Studio in Köln-Ehrenfeld.
J-J hat offensichtlich eine ganze Reihe von Rollen inne. Er ist Quartiersmanager, Jugendcoach, Musikproduzent, Sänger, Model, und, ach ja, zwei kleine Kinder hat er auch noch, die er jede zweite Woche alleine betreut. Entsprechend variantenreich ist auch sein Name: Johannes J-JD da Costa steht im Pass, J-JD ist sein Künstlername und in den Jugendzentren wird er J-J („Jay-Jay“) gerufen.
Ob er sich als Kind vorgestellt hat, dass sein Leben einmal so aussehen würde? Wahrscheinlich nicht.

Kindheit mit kongolesischer Kultur
Johannes J-JD da Costa wird 1986 in Willebadessen geboren. Seine Familie sind die einzigen Schwarzen Menschen in dem 4000-Einwohner-Dorf am Rand des Eggegebirges. Der Vater war 1983 aus dem Kongo nach Deutschland gekommen, zwei Jahre später hatte er seine Frau und J-Js ältere Geschwister nachgeholt. J-J ist das vierte Kind der Familie, er hat drei Brüder und zwei Schwestern.
Die Mutter ist ursprünglich portugiesisch-angolanisch, ging aber schon als Kind in den Kongo. Die kongolesische Kultur ist in J-Js Kindheit sehr präsent. Die Familie spricht Lingala, J-J lernt erst im Kindergarten Deutsch.
„Zu Hause lief eigentlich durchgehend kongolesische Musik“, erzählt J-J. Sein Vater hatte im Kongo ein paar Musikgruppen gemanagt. Die Eltern veranstalten regelmäßig Partys, bei denen die Kinder selbstverständlich dabei sind.
J-Js Vater ist ein sogenannter „Sapeur“. „La Sape“ ist eine Stil- und Kulturbewegung im Kongo, bei der ein gepflegtes, elegantes Auftreten, Mode als Ausdruck von Würde, Stil und Selbstbehauptung im Mittelpunkt stehen. „Mein Vater war immer gut gekleidet, gut frisiert und roch gut, und darauf legte er auch bei uns Kindern sehr viel wert. Auch als wir wenig Geld hatten.“

Rassismus in der Schule
Ein älteres Paar aus der Nachbarschaft nimmt die Familie an die Hand, für die Kinder sind sie wie Großeltern. „Meine Kindheit auf dem Dorf war top“, sagt J-J und lächelt.
Erst später wird ihm bewusst, dass sein Aufwachsen auch stark von Rassismus geprägt war. Sein älterer Bruder erhält am Ende der Grundschulzeit trotz guter Noten eine Hauptschulempfehlung.
Die Mutter kämpft und schickt ihn schließlich auf ein privates Gymnasium. Eine Klosterschule, die bald darauf auch J-J besucht. Die Lehrkräfte, unter anderem Priester, reproduzieren unreflektiert rassistische Stereotype.
Als Freunde von ihm eine frisch verputzte Wand beschädigen, klingelt die Polizei als erstes bei seiner Familie, obwohl er an der Aktion gar nicht beteiligt war.
„Ihr müsst besser sein als die anderen“
Denn, gleichzeitig prägt seine Mutter ihm und den Geschwistern schon früh ein: Ihr fallt auf, also müsst ihr besonders gut sein, besser als die anderen. „Ich wollte als Kind einfach nur sein“, sagt J-J. Der Druck, das Gefühl, von den anderen immer als anders betrachtet zu werden, nicht richtig dazuzugehören – all das versteht er erst im Rückblick.

Am Gymnasium zieht er sich zunehmend zurück. Beginnt Songtexte zu schreiben und zu rappen, „darin habe ich meine Wut entladen“.
Als er vom Rappen zum Singen übergeht, wird auch seine Musik „softer“. Er tritt in der Schule auf, erst alleine, später mit einer Band – „The City Boys“.
2002 nimmt J-J an der RTL-2-Sendung „Teen Stars“ teil, schafft es bis ins Achtelfinale. Er erlebt einen Höhenflug: „Die Presse wollte Homestories machen, meine Mama konnte nicht mehr mit mir durch Paderborn laufen, weil an jeder Ecke jemand Fotos machen wollte.“
Nach seinem Ausscheiden aus dem Wettbewerb wird der Absturz umso tiefer. J-J landet in einer depressiven Verstimmung. Entscheidet schließlich, von nun an selbst Musik zu machen.
Musikproduzent mit 14 Jahren
Schon mit 14 hatte er angefangen, Musik-Equipment zu sammeln: ein Keyboard von seiner Mutter, ein PC von seinem Vater, ein Mischpult von seinem Bruder. Hatte erste Beats produziert. Sein älterer Bruder war begeistert, machte Werbung für ihn. Plötzlich kam eine angolanisch-portugiesische Band auf ihn zu. „Da habe ich mit 14, 15 das erste Album produziert“, erzählt er ganz unprätentiös.
Nach dem „Teen Stars“- Ende stürzt er sich in die Musikproduktion, fährt am Wochenende für Auftritte nach Berlin. Unter der Woche ist er normaler Schüler, macht Abitur, Zivildienst.
Dann zieht er nach Leverkusen, mischt sich in Kölner Künstlerkreise und fängt an, mit dem Produzieren Geld zu verdienen. Er baut bis dato unbekannte Künstler auf. „Den Song, mit dem der Rapper Mo-Trip einen Millionen-Deal bekommen hat, haben wir in meinem Kleiderschrank aufgenommen“, sagt J-J und lacht.
Er produziert für Die Firma, Eko Fresh, Curse. Um seine eigene Karriere als Sänger kümmert er sich wenig.

Jugendarbeit in GL
Parallel kommt er 2006 über das Projekt „Roots & Routes“ zum „Peer Coaching“. Er fängt an, rund um Köln Workshops für Kinder und Jugendliche zu geben – unter anderem in Bergisch Gladbach, im Krea Jugendclub.
Bis heute coacht er dort Kids, schreibt und produziert mit ihnen Lieder, performt mit ihnen, teilweise sogar im Ausland. „Drei Kids haben Plattendeals mit den Songs bekommen, eine davon von der Krea.“
Nach Corona wird er vom Jugendzentrum Cross für das Projekt „Digitale Jugendarbeit“ angefragt. Er soll die Bergisch Gladbacher Jugendzentren dazu befähigen, mehr in Social Media stattzufinden. „Das Berufsfeld gab es nicht, das war ein Blueprint“, sagt J-J. Zweieinhalb Jahre dauert das Projekt, inzwischen sind alle Jugendzentren digital präsent. Ein Erfolg, findet J-J.

Das nächste Level: Quartiersmanager
Und dann kommt die Stadt auf ihn zu: Ob er sich vorstellen könnte, ein Quartiersprojekt zu koordinieren? Das LOKI soll den Bensberger Wohnpark „auf die Karte bringen“, die Nachbarschaft – Menschen aus 47 Nationen, die wenig miteinander interagieren – zusammenführen.

„Das war definitiv das nächste Level“, sagt J-J und lacht. Eine ganz neue Verantwortung. Eine Arbeit im öffentlichen Bereich, mit der Stadtverwaltung, mit Sichtbarkeit.

Zusammen mit Sylvia Zanders schafft er Angebote für die Menschen vor Ort, alles kostenlos. Er geht raus, spricht Leute an, drückt ihnen Flyer in die Hand. Veranstaltet Feste an Angsträumen im Viertel.
Bei den ersten Terminen des Begegnungscafés sitzen die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten getrennt voneinander. Inzwischen reden sie miteinander, helfen sich gegenseitig, Freundschaften sind entstanden.
Anwohner bieten selbst Kurse an, Klavierunterricht, Zumba-Training, Beat-Workshops. „Genau so war es gedacht“, sagt J-J: „Für die Menschen vor Ort, von den Menschen vor Ort – dazu wollten wir sie befähigen.“
Die drei Jahre, auf die das Projekt befristet ist, verstreichen Ende 2026. Wie es mit dem LOKI weitergeht, wird derzeit diskutiert.
Die erste Reise in den Kongo
Wie es mit J-J weitergehen würde, wenn das Projekt endet? Nun: J-J gibt nicht nur weiterhin Workshops im Krea Jugendclub und produziert Musik für andere. Er hat auch wieder angefangen, selbst Songs zu schreiben und zu singen.
Der Impuls dazu kommt nach einer Reise in den Kongo. Es ist 2021. Es ist das erste Mal, dass er in die Heimat seiner Eltern fährt, seine Oma kennenlernt und ungefähr 100 weitere Familienmitglieder.
J-J strahlt, als er davon erzählt. „Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, frei zu sein. Teil von einem Ganzen zu sein. Ich hatte das Gefühl, meine Seele war schon immer da gewesen.“
Er kehrt voller Energie nach Deutschland zurück. Veröffentlicht Songs und Videos, tritt beim Cosmo-Festival und beim Summerjam in Köln auf. Letztes Jahr performt er dort einen Song zusammen mit Curse, dessen jüngstes Album er produziert hat.

Foto-Shootings in Portugal und New York
Als wenn das nicht schon genug wäre, arbeitet er nebenbei auch noch als Model. Diese Rolle wurde ihm von außen zugetragen: „Brands haben mich über Instagram angeschrieben.“ Inzwischen ist er bei einer Agentur, macht ab und zu Foto- und Videoshootings, auch mal in Portugal oder New York. „Ich habe sonst viel Verantwortung“, sagt J-J. „Bei diesen Jobs kann ich die Verantwortung abgeben.“
Kurz bevor der die Verantwortung für das Nachbarschafts-Café übernehmen muss verabschieden wir uns. Das Gespräch hat deutlich länger gedauert als gedacht. Kein Wunder, so viel wie J-J zu erzählen hat.
Mein Fünfjähriger hat sich dabei übrigens so wohl gefühlt, dass er danach fragte, ob er öfter mit mir zu Arbeit gehen dürfe.
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Toll geschriebenes Porträt über einen vielseitigen und offensichtlich spannenden, interessanten Menschen! Hoffen wir, dass das LOKI bestehen bleiben kann, auch damit J-J über seine Tätigkeit in der Kreativität hinaus aktiver Teil der Stadtgesellschaft in BG bleibt.
Solche Persönlichkeiten unter uns zu wissen, macht Mut.
Solche die es vermögen, mit Ideen, ihrer Art und Vielseitigkeit Jugendliche/Erwachsene zusammenzubringen und zu motivieren.
Ich drücke die Daumen, dass das Projekt “LOKI” weitergeführt werden kann.