Zwei Generationen von Eismachern: Sandro und Mery Pol, Sabrina Pol-Bigio und Fabio Bigio (der in Wirklichkeit noch größer ist – er steht eine Stufe unter den drei anderen).

Eigentlich wollte unsere Reporterin einen Eismacher porträtieren. Am Ende saß sie mit einer Kugel Kirscheis und vier Personen am Tisch. Herausgekommen ist ein Familienporträt – und eine kleine Geschichte der Bellunesischen Eismacher, die ihre Kunst in Deutschland lernen.

Es ist heiß in der Eisküche. Fabio Bigio, der mich um fast zwei Köpfe überragt, blickt unsicher zur mir herunter. Was soll er der Reporterin bloß zeigen? „Mach einfach, was du immer machst“, sagt seine Frau, Sabrina Pol-Bigio.

Pol-Bigio hat das Eiscafé von ihren Eltern übernommen und ihren Mann mit ins Boot geholt. Unter den älteren Schildgenern dürfte es niemanden geben, der die Eltern, Mery und Sandro Pol, nicht kennt. Eis Pol, die älteste Eisdiele des Ortes, das zweitälteste Geschäft, das sich noch in Familienbesitz befindet. Doch dazu später.

Fabio Bigio nimmt jetzt einen Eimer, stellt ihn auf die Waage und lässt Zucker aus einer kegelförmigen Schüssel hinein rieseln. Dann zieht er einen Stapel Bananen zu sich, greift eine nach der anderen auf, schneidet die Enden ab und streift die Schale von der Frucht, alles in einer schnellen, fließenden Bewegung. 14-mal.

Bigio spricht nicht viel. Er steht nicht gern im Mittelpunkt. Seine Frau erklärt, dass es für fünf Liter Eis immer ungefähr 14 Bananen braucht, je nach Größe und Reifegrad mal mehr und mal weniger. Und dass „Banane“ die einzige Fruchteis-Sorte ist, die mit Milch zubereitet wird. Der Cremigkeit wegen.

Noch ein Löffel Eiweiß, dann geht der Eimer unter den Stab des Turbomixers. Die fertige Flüssigkeit füllt Bigio in die Eismaschine – ein 40 Jahre altes Original. Sie hätten auch eine neue Eismaschine, sagt Pol-Bigio. Aber, schaltet sich ihr Mann ein, er benutze ausschließlich die alte. Das Eis werde damit einfach besser.

Die zweite Generation

Fabio Bigio und Sabrina Pol-Bigio. Beide sind 45 Jahre alt. Kennengelernt haben sie sich in der Grundschule. Pol-Bigio ist zwar in Deutschland zur Welt gekommen, aber in Italien auf die Schule gegangen. Die langen Sommerferien verbrachte sie in Deutschland, jeden Winter kamen die Eltern nach Italien. Die paar Monate dazwischen wohnte das Kind bei den Großeltern.

Als sie 16 waren, trafen sich Fabio und Sabrina wieder. Bigio kam zu Besuch nach Deutschland und war begeistert. Sabrina Pol-Bigio machte erst mal ihr Abitur, lernte Reiseverkehrskauffrau, wollte raus. „Ich wollte eine Insel für mich finden“, sagt sie. Und dann kam alles ganz anders.

Der junge Fabio wollte zu ihr ziehen. Er stieg mit in den Familienbetrieb ein, lernte das Eismachen von Sandro Pol. Sabrina Pol-Bigio übernahm nach und nach Verkauf, Organisation, Einkauf.

Vor sieben Jahren gingen die Eltern in Rente. Inzwischen steht die dritte Generation mit im Laden: Die 20-jährige Tochter hat gerade Abi gemacht und kann sich noch nicht für ein Studium entscheiden. Und auch der 16-jährige Sohn arbeitet stundenweise mit. So lerne er, mit Geld umzugehen, glaubt Pol-Bigio.

Sie ermutigt ihre Tochter, sich Zeit zu lassen, Dinge auszuprobieren und auch wieder aufzugeben, wenn sie nicht gut sind. „Ich bin davon überzeugt, dass man eine Arbeit machen sollte, die einem Spaß macht“, sagt Pol-Bigio. Aber: Solange die Tochter keine Ausbildung macht, arbeitet sie mit im Eiscafé. Auf dem Sofa rumliegen, das ginge nicht.

Schöner Job, harter Alltag

Die Hilfe können die Eltern gut gebrauchen. Fabio Bigios Tag beginnt im Sommer oft schon um 7 Uhr, wenn es in der Eisküche noch nicht so heiß ist. Er bleibt dann den Vormittag über im Laden, seine Frau übernimmt nachmittags. Erst um 22 Uhr schließt das Café. Sieben Tage die Woche, neun Monate im Jahr.

„Es sind viele Stunden“, sagt Bigio, „aber es ist ein schöner Job.“ Seine Frau nickt. Man könne viel selber kreieren. Neue Eissorten zum Beispiel. Dieses Jahr gehe der Trend zu mehr Gesundheit: Joghurt-Ingwer ist ein Renner, oder Schwarze Minze – ein Minzeis mit Aktivkohle.

Den Trend der letzten Jahre – je bunter, desto besser – hat die Eisdiele Pol übrigens nie mitgemacht. Farbstoffe kommen hier nämlich nicht ins Eis.

Das schönste aber sei der Kontakt zu den Kunden. 80 bis 90 Prozent Stammkunden, die zum Teil viele Kilometer führen, um hier ein Eis zu essen. Und manche von ihnen stünden nach der dreimonatigen Winterpause mit einem Blumenstrauß in der Tür und hießen die Pol-Bigios willkommen zurück.

Damit sie in der langen Eissaison bei Kräften bleiben, wechseln sie sich, wenn möglich, im Laden ab. Sabrina Pol-Bigio geht vormittags mit dem Hund im Wald spazieren, ihr Mann fährt nachmittags mit dem Motorrad ins Bergische. So finden beide ihre Ruhemomente. Und dann gibt es ja auch immer noch die Schlechtwetter-Tage, an denen nichts zu tun ist.

Eine Viertelstunde ist vergangen. Bigio muss das Eis aus der Maschine holen, sonst wird es zu hart. Er winkt mich schüchtern in die Küche, um ein Foto zu machen. Die Flüssigkeit ist zu einer cremigen Masse geworden, die sich elegant um den Arm der Eismaschine schmiegt.

Mit einem Spatel, der mehr an ein Paddel erinnert, holt Bigio das frische Bananeneis aus der Maschine und streift es mit geschickten Bewegungen in den Edelstahlbehälter, der später in der Theke stehen wird.

„Buon giorno!“, tönt es aus dem Hauptraum des Cafés. „Papa“, ruft Sabrina Pol-Bigio, „was für eine Überraschung!“. Sandro Pol begrüßt mich mit einem festen Händedruck, setzt sich zu uns an den Tisch und beginnt zu erzählen, wie alles angefangen hat.

Die erste Generation

Sandro Pol war 14 Jahre alt, als er mit seinem Vater nach Deutschland kam. In seiner Heimat, der Provinz Belluno in Venetien, gab es damals nichts. Es war 1962, der Massentourismus hatte in Italien gerade erst begonnen, beschränkte sich aber noch auf die Adria. Industrie gab es auch nicht. Nur Berge, Steine und Ziegen.

Aus der Not heraus wanderten viele Bellunesen aus. Viele von ihnen nach Deutschland. Und viele von ihnen arbeiteten mit Gelato, dem italienischen Speiseeis.

Freunde von Sandro Pols Vaters hatten eine Eisdiele in Bad Bevensen, Niedersachsen. Dort lernte der kleine Sandro Deutsch und die Kunst des Eismachens.

1967 kam er nach Köln und übernahm ein Eiscafé in Mülheim. Er heiratete und begann, sich in der Umgebung umzuschauen. Nicht nur freizeitmäßig, natürlich. Nein, Sandro Pol fuhr mit einem Eiswagen in das damalige Dorf Schildgen.

Wie die Kinder sich immer freuten, erzählt Pol mit leuchtenden Augen. „Wenn ich einmal fünf Minuten zu spät war, setzten sie sich auf ihre Fahrräder und suchten mich.“ Er lacht. Es gefiel ihm in Schildgen. Sabrina kam auf die Welt, die junge Familie wollte aus der Stadt raus.

Da kam die Möglichkeit, ein Geschäft in Schildgen zu übernehmen. Sandro und Mery Pol schlugen zu – und eröffneten die erste Eisdiele Schildgens.

Und wie geht es weiter?

„Wir dachten immer, wenn Sabrina in die Schule kommt, gehen wir zurück nach Italien“, sagt er. Doch als die Einschulung anstand, waren er und seine Frau nicht soweit. Die zweite Tochter kam in die Schule, und die Pols brachten es noch immer nicht übers Herz, ihre Zelte abzubrechen.

Jetzt sind die Kinder groß, haben selber Kinder, die Eisdiele Pol ist 43 Jahre alt und ihre Gründer sind – „gezwungenermaßen“ – in Rente gegangen.

Pol dreht sich zur Tür. Eine kleine Frau mit großer Brille im wieder modernen 60er-Jahre-Stil steht da, lächelt und kommt zu uns an den Tisch. Es ist Mery Pol.

Sandro Pol blickt zu seiner Frau rüber. „Seit wir nicht mehr arbeiten, spielen wir Oma und Opa.“ Und pendeln zwischen Belluno, Schildgen und Bayern, wo die zweite Tochter Sonja wohnt.

Wo ist für sie zu Hause? Sandro Pol überlegt. Zu Hause, das sei schon da, wo man geboren ist. Sie haben auch alle noch italienische Pässe, obwohl sie längst die deutsche Staatsbürgerschaft haben könnten. Dann schüttelt er den Kopf. „Ob man Italiener oder Deutscher ist, ist völlig unbedeutend. Wir sind Europäer.“

Seine Frau wiegt den Kopf. „Ich habe Schwierigkeiten, in Italien zu sein“, sagt sie. Mery Pol hat sich an Deutschland gewöhnt. Belluno ist ländlich. Zwar gibt es jetzt Tourismus, Skigebiete, Hotels. Aber sonst?

Deswegen will wohl auch ihre Tochter nicht mehr mit nach Italien, vermutet Sabrina Pol-Bigio. Sandro Pol schaut sie nachdenklich an. Er sei froh, dass Sabrina in seine Fußstapfen getreten sei. Aber wie gehe es danach weiter? Würden ihre Kinder der Familientradition folgen?

„Papa“, sagt sie, „das Leben geht immer weiter.“

Mehr Informationen über die Geschichte des Gelato (und vieles mehr) gibt es auf der Webseite der „Union der italienischen Speiseeishersteller“.

Weiter Beiträge in dieser Serie:

Menschen in GL: Die Geburts-Philosophin

Menschen in GL: Die ganz normal Besondere

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Menschen in GL: Der, der sich einfach traut

Menschen in GL: Die etwas andere Superheldin

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Menschen in GL: Der Empfindsame

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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3 Kommentare

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  1. Meine Lieblingseisdiele ist auch DE FANTI.
    Da habe ich mir als Kind schon gerne 1 Kugel Eis (für 10 Pfennige) gekauft.
    Herr de Fanti sagte dann immer: Jut jemessen!
    Auch heute gibt es große Kugeln , und es schmeckt köstlich!
    Mein Lieblingseis ist Joghurt-Lemon !
    Die Besitzer sind sehr nett, und nun sind sie sicher froh, dass die große Baustelle verschwunden ist. Renate Rüter-Nork

  2. Auch für mich ist die beste Eisdiele De Fanti ! Die Besitzer sind super nett und sie haben reines Fruchteis das auch Allergiker essen können. Wenn meine Tochter (mit extremer milcheiweiss Allergie) sich ein Eis dort holt , wird immer ganz selbstverständlich ein neuer Löffel verwendet und im Zweifelsfall das obere Eis weg genommen, damit auf keinen Fall etwas passieren kann, ohne das man jedes mal darauf hin weisen muss – das ist wirklich toll! Ellen Dhein

  3. Für mich ist die beste Eisdiele und das mit großem Abstand die Eisdiele „de Fanti“
    Warum: Weil das Eis dort ohne Zusatzstoffe auskommt und weil es nicht diesen Einheitsbreigeschmack hat, der gerade dann entsteht. Allerdings muß man noch einen Geschmack haben, der nicht von täglichem Fast-food verdorben ist.
    Die Eisdiele „Pol“ gehörte für mich einmal zu den allerbesten. Leider ist die Qualität nicht mehr die von früher. Ich weiß nicht, ob es mit dem Generationenwechsel zu tun hat.

    LG Annelie Wilden