Mit der Geburt beginnt das Leben. Das war schon immer so, und doch hat sich viel an der Art und Weise verändert, wie Geburten ablaufen. Wenn man sich mit Lilly Braun darüber unterhält, stellt man fest: Das Thema Geburtshilfe verrät eine Menge über unsere Gesellschaft. Und das wiederum verrät viel über Lilly Braun. Ein Porträt.

Lilly Braun ist Hebamme. Das ist alles, was ich über sie weiß, als wir uns im Garten der „Genussecke“ treffen. Sie begrüßt mich mit einem offenen Lächeln und festem Händedruck. Braun ist ein natürlicher Typ. Dreiviertel-Jeans, rotes T-Shirt, kein Make-up unter der schwarzen Brille. Neben ihrem Stuhl liegt ein Fahrradhelm.

Braun liebt die Natur, sagt sie. Darum lebt sie nicht mehr in Gladbach, sondern in Kürten. Und darum ist sie auch bei den Grünen. Lange als Fraktionsvorsitzende, inzwischen nur noch als Stellvertreterin. 2014 kandidierte sie sogar für das Bürgermeisteramt ihrer Gemeinde.

„Ich bin aber keine dogmatische Grüne“, sagt Braun und lacht. Sie diskutiere sehr gerne und lerne von anderen Menschen dazu. „Für mich ist es wichtig, immer offen und neugierig zu sein.“

Übers erste Kind zur Hebamme

Die Politik trat aber erst später in ihr Leben. In der Schule hatte Lilly Braun viele Berufswünsche: Medizin, was mit Kindern, was mit Menschen… Dann bekam sie ein Jahr nach dem Abitur ihr erstes Kind, begleitet von einer tollen Hebamme. „Sie war ganz nah bei mir, das war einfach schön“, erzählt Braun und richtet sich in ihrem Stuhl auf.

Ihr wurde klar: Das ist es, der passende Beruf. Medizinisch, nah am Menschen und mit Kindern. 1997 legte sie ihr Examen an der Hebammenschule Bensberg ab, 2002 machte sie sich selbstständig.

Was sie bis heute antreibt, ist die Frage: Was brauchen Frauen, um gut gebären zu können?

Dazu hat Braun nicht nur eine Menge praktischer Erfahrung gesammelt, sondern auch viel gelesen, Fortbildungen besucht und sogar noch ein Studium absolviert. Sie hat einen Bachelor in Hebammenkunde und einen Master in Pflegepädagogik, lehrt inzwischen selbst an der Hebammenschule.

Zusätzlich hat sie eine Hebammensprechstunde in einer gynäkologischen Praxis und eine „Elternschule“ mit Geburtsvorbereitungs-Kursen, Schwangerschafts-Gymnastik, Rückbildungs-Kursen und mehr.

Wie begleitet eine Hebamme durch die Schwangerschaft? (bitte + anklicken)

Wie begleitet eine Hebamme durch die Schwangerschaft? (bitte anklicken)
Der richtige Zeitpunkt, um eine Hebamme zu suchen, ist gleich zu Beginn der Schwangerschaft, sagt Lilly Braun. Viele warteten die ersten 12 Wochen ab, weil sie Angst vor einer Fehlgeburt hätten. Was sie nicht wissen: Auch in diesem Fall zahlen die Krankenkassen die Betreuung durch eine Hebamme

Braun ist es wichtig, sich zunächst einmal kennenzulernen und zu sehen, ob es passt – von beiden Seiten.

Ab der 17. Schwangerschafts-Woche übernimmt die Hebamme die Vorsorgeuntersuchungen. Braun hat dafür mobile Geräte, etwa, um die Herztöne des Babys zu überprüfen, und kommt damit zu den Frauen nach Hause. Der Rhythmus von vier bis sechs Wochen verdichtet sich, je näher die Geburt rückt, auf zwei bis drei Wochen.

Lilly Braun bietet auch Zusatzleistungen wie Akupunktur an, schon in der Frühschwangerschaft, zum Beispiel gegen die Übelkeit.

Braun ist als Hebamme im ganzen Kreis unterwegs und arbeitet mit zwei Krankenhäusern zusammen. Allerdings – Geburten macht Braun gar nicht mehr so viele. Das liegt zum einen an den hohen Beiträgen, die sie als freiberufliche Hebamme für die Haftpflichtversicherung zahlen muss. Fast 8000 Euro pro Jahr. Früher waren es 700 Euro, sagt Braun. Deswegen meldet sie sich heute nur noch monateweise bei der Versicherung an.

Der Hauptgrund ist aber ihre Familie. Braun hat nicht nur etlichen Frauen geholfen, Kinder auf die Welt zu bringen, sie ist selber fünffache Mutter. Das älteste Kind ist inzwischen 25, das jüngste sechs Jahre alt. „Das hat sich einfach so ergeben“, sagt sie und lacht.

Braun ist froh, dass die hohen Versicherungsprämien medial so hohe Wogen geschlagen haben – es sei gut zu thematisieren, wie wichtig der Hebammen-Beruf sei. Sie selber könne allerdings trotzdem relativ gut verdienen.

Betreuung wird zum Luxus

Letzten Endes landeten die Mehrkosten nämlich auch bei den Frauen. Die Rufbereitschaft etwa, fünf Wochen rund um die Geburt, habe früher 200 Euro Eigenanteil gekostet, heute seien es 600 Euro, erzählt Braun. „Die Betreuung während der Geburt wird zum Luxus.“

Stattdessen würden, etwa beim Gynäkologen, immer mehr Bedürfnisse geweckt: sogenannte IGeL-Leistungen (Individuelle Gesundheitsleistungen), zusätzliche Ultraschalluntersuchungen – „das Kind wird durch mehr Beschallung nicht gesünder“, sagt Braun mit hochgezogenen Augenbrauen.

Eine Schwangerschaft sei keine Krankheit, sondern ein Ist-Zustand; den Frauen werde aber suggeriert, dass sie ein Risiko eingingen, wenn sie nicht alle Untersuchungen mitmachten.

Früher sei die gesamte Vorsorge Hebammenleistung gewesen, erzählt Braun. Der Bruch kam nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Geburt wurde vom Haus in den Kreißsaal verlegt, technisiert, steril und medizinisch.

Und: „Die Frauen wurden einfach aufs Kreuz gelegt, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Natürlich seien es Männer gewesen, die das entschieden hätten. Braun schmunzelt. „Ich möchte mal einen Mann sehen, der im Liegen sein Geschäft verrichtet.“ Das mache genauso wenig Sinn, wie im Liegen zu gebären.

Viel besser sei die Geburt aufrecht, im Vierfüßlerstand, im Sitzen oder Hocken. So könne die Frau das Becken bewegen und den Schmerz ausbalancieren.

„Für mich ist der Eintritt in die Klinik ein Risiko“

Möglich ist das alles bei einer Hausgeburt. Doch nur ein bis zwei Prozent der Kinder kommen in Deutschland zu Hause auf die Welt. Zum einen, weil viele Hebammen wegen der Versicherungsbeiträge keine Hausgeburten mehr machen, zum anderen, weil viele Frauen Angst haben, glaubt Braun.

Sie hat eine klare Meinung dazu: „Für mich ist der Eintritt in die Klinik ein Risiko.“ Auf hormoneller Ebene löse ein Umgebungswechsel bei der gebärenden Frau ganz viel aus. Das wichtigste Wehenhormon, Oxytocin, brauche Vertrauen.

Im Krankenhaus erfahre die Schwangere oft eher Stress: Es gebe ein klares Raster, was passieren solle, den Versuch, die Geburt zu „zivilisieren“ und in eine Struktur zu pressen. Das funktioniere aber nicht. „Es gibt keine lineare Geburt“, sagt Braun.

Zusätzlich erhielten viele Frauen Dinge, die sie nicht brauchten, wie eine frühe PDA (Periduralanästhesie, eine Spritze in die Wirbelsäule) oder einen Wehentropf. Das bringe den natürlichen Rhythmus durcheinander.

Wehen sind dynamisch, sie kommen und gehen, und sie machen auch schon mal eine Pause. Zu Hause könne man das tolerieren, sich hinlegen und entspannen, etwas essen. In der Klinik ist für so etwas selten Zeit.

Braun ist nicht grundsätzlich gegen Krankenhaus-Geburten. Kreißsäle seien heute schöner als früher, in Bensberg gebe es mit dem „Geburtsraum“ ein Zwischending. Und in einigen Fällen sei es auch besser, in der Klinik zu gebären, bei Zwillingsgeburten etwa, bei gesundheitlichen Risiken, oder wenn die Frau sehr große Angst habe. Dann sei sie im Krankenhaus vielleicht entspannter.

Was Braun wichtig ist: dass die Geburt im Sinne der Frau abläuft. „Ich glaube daran, dass Frauen aus eigener Kraft entbinden können“, sagt Braun. Der Körper hilft mit Hormonen und Botenstoffen dabei, die Gebärenden in einen Zustand zu versetzten, in dem sie die Schmerzen aushalten können.

Anästhesisten würden gerne sagen, dass kein Mensch Schmerzen aushalten müsse – aber Schmerzen seien eine wichtige Botschaft, betont Braun.

Wie in vielen anderen Ländern ist auch in Deutschland die Kaiserschnitt-Rate deutlich gestiegen, von 15 Prozent im Jahr 1991 auf über 30 Prozent (Daten des Statistischen Bundesamts von 2016), und zwar überwiegend geplant. „Warum?“, fragt Braun und schüttelt den Kopf.

„Ich finde das interessant“, sagt sie. „Wir glauben, wir können und machen alles selbst. Aber eigentlich geben wir so viel ab.“ Unsere Gesellschaft habe verlernt, Geduld zu haben, Dinge auszuhalten. Wir verweigern uns allem Anstrengendem, glaubt Braun. Und: Wir sind so verkopft, dass wir nicht mehr in uns spüren können.

Genau hier sieht Lilly Braun ihre Aufgabe als Hebamme. „Ich kann der Frau nichts abnehmen, aber ich kann ihr helfen, zu sich zu finden.“ Sie begleitet die Gebärende auf Augenhöhe, nimmt sie an die Hand, signalisiert: Ich bin hier, ich gehe mit dir.

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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